Twitter

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Ein Regal mit Zeitschriften in einem Zeitungskiosk

Steve Jobs scheint ein Faible für schlichte Holzregale zu haben. Anders ist es nicht zu erklären, dass Besitzer eines iPhone oder iPad nach der optisch wenig ansprechenden iBooks-App nun bald ein zweites Holzregal-Imitat auf ihre Geräte bekommen werden, den Newsstand.

Die auf der WWDC vorgestellte App soll im Rahmen des Software-Updates auf iOS 5 im Herbst 2011 verfügbar werden. Der Inhalt dieses digitalen Kiosks werden Zeitungen und Zeitschriften sein, die man im Wege eines Abonnements beziehen kann. Als Besonderheit sollen jeweils neue Ausgaben automatisch im Hintergrund geladen werden, so dass der Leser sich immer sofort mit der jeweils neuesten Ausgabe befassen kann, ohne erst noch lange auf einen Download warten bzw. diesen selbst anstossen zu müssen.

Tiefer gehende Details, die insbesondere für die partizipierenden Verlage interessant wären, sind noch nicht öffentlich bekannt. Darum soll es hier auch gar nicht gehen. Interessant ist vielmehr das Konzept des Newsstand an sich, insbesondere vor dem Hintergrund der stärkeren Integration von Twitter, die ebenfalls ab Herbst auf dem iPhone bzw. iPad verfügbar sein wird.

Einerseits bekommen die Besitzer dieser Geräte damit einen sehr konventionell ausgerichteten digitalen Kiosk, über den sie Zeitungen und Zeitschriften werden lesen können, wie man es es aus der guten alten Papierwelt hinlänglich kennt, andererseits wird ihnen der Gebrauch von Twitter leichter gemacht, weil mit der besseren Integration das moderne Media-Sharing noch einfacher wird.

Was sagt das darüber aus, wie man sich bei Apple die Zukunft der Medien vorstellt?

Meine These ist, dass Apple hier keine klare Vision besitzt und sich deshalb strategisch absichern möchte: Die Medien der Zukunft werden auf der Hardware mit dem Apfel-Logo konsumiert, so viel scheint für Steve Jobs gewiss, alles andere bleibt offen. Denn mit dem Newsstand wird ein sehr traditioneller Medienkonsum vorgeschlagen, der sich voll und ganz in den alten Bahnen der Printmedien bewegt und im Grunde genommen nur das Papier sowie die damit verbundenen Distributionswege überflüssig macht.

Die gleichzeitig stattfindende stärkere Anlehnung an Twitter zeigt, dass man bei Apple erkannt hat, wie eine neue Generation von Medienkonsumenten weit darüber hinaus geht, indem sie nicht nur das gedruckte Papier aufgibt, sondern auch die starre Orientierung an einzelnen Leitmedien zugunsten eines Peer-to-Peer-Modells, in dem Empfehlungen von Freunden sowie damit verbundene Netzwerkeffekte die wesentlichen Komponenten bilden.

Mit iOS 5 positioniert sich Apple offen für verschiedene Entwicklungspfade und signalisiert damit unterschiedlichen Zielgruppen am Markt, dass sie mit Apples Hardware nichts falsch machen können. In der Zwischenzeit wartet man einfach ab, wie sich die mit den Geräten möglichen Formen der Nutzung entwickeln werden.

Für Apple ist diese Strategie keine schlechte Wahl, da das Unternehmen aus einer Position der (Marken-) Stärke heraus handelt. Für Verlage, die mitten im Medienwandel stehen und nach tragfähigen Geschäftsmodellen für die Zukunft suchen, ist die Situation weniger erfreulich: Mit dem Newsstand lockt eine Art “goldener Käfig”, der zu einem wahren Paradies werden könnte, wenn nur die Konsumenten sowohl der Hardware von Apple als auch dem alten Bundling-Modell von “Zeitung” bzw. “Zeitschrift” auf ewig treu blieben.

Aber schon bei einem möglichen Wechsel der Hardware wird es kompliziert: Was ist, wenn ein Konsument sein altes iPad nicht gegen ein neues, sondern in ein Gerät mit Android- oder Windows-Software eintauschen möchte?

In diesem Fall ginge ihm nicht nur die Bibliothek an gesammelten (Alt-) Ausgaben verloren, sondern auch ein Teil des Abos, weil sich dieses kaum friktionslos von einer Apple App auf eine App eines anderen Anbieters wird übertragen lassen.

Sehr viel leichter hat es da der Twitter-User, der gar keine herkömmlichen Abos mehr bezieht, sondern voll und ganz in der Welt der Tweets und ihrer Links lebt. Er installiert auf jeder neuen Hardware einfach die Twitter-App seiner Wahl, loggt sich ein und hat sofort sein gewohntes Umfeld vollständig an der Hand. Alternativ steht ihm Twitter auch im Browser zur Verfügung, so dass ihm der Zugang praktisch überall möglich ist (es funktioniert sogar auf dem Kindle von Amazon, wenn auch mehr schlecht als recht).

An diesem Modell sollten sich Verlage orientieren und nicht so sehr an den Sirenengesängen von Apple: Universelle Zugänglichkeit unabhängig von einer bestimmten Hardware und kombiniert mit dem Vorhalten aller relevanten Daten in der Cloud – das dürfte der Königsweg in die Zukunft werden.

Screenshot mit der FT Web App auf einem iPhoneEinen Schritt in die richtige Richtung stellt die neue Browser-App der Financial Times dar: Unter app.ft.com gelangt man zu einer Version der Zeitung, die speziell für iPhone und iPad optimiert ist und die man sich als Lesezeichen auf den Homescreen legen kann. Schade ist nur, dass die Financial Times damit immer noch dem guten alten Zeitungs-Abo-Modell die Treue halten will: Der Leser bekommt entweder alles oder nichts, je nachdem ob er sich dazu entschließen kann, die Zeitung vollumfänglich zu abonnieren, oder eben nicht. Aber wer will schon die gesamte FT jeden Tag auf einem iPhone lesen?

Besser wäre es, man würde in neuen Preismodellen denken und dabei einzelne Sektionen als Abo anbieten oder laufende Aktualisierungen untertags als Premium-Feature vermarkten. Die preisliche Einstiegsschwelle muss künftig deutlich niedriger liegen, dazu könnten Discounts für Blogger bzw. Twitter- oder Facebook-User mit Einfluss und Reichweite (”Meinungsmacher”) helfen, die Inhalte der Zeitung weiter zu verbreiten.

Den Medienmachern muss endlich klar werden, dass es künftig nicht mehr nur eine mehr oder weniger homogene Leserschaft gibt. Das Feld teilt sich auf in eine Mehrheit von eher passiven Lesern, die noch stark den klassischen Nutzungsgewohnheiten anhängen, und einer neuen Minderheit von hoch aktiven Usern, die Social Media nicht nur nutzen, um sich auf diesem Weg über tagesaktuelle Nachrichten zu informieren, sondern aktiv eingreifen und Themen, die ihnen individuell wichtig sind, unterstützend weiterverbreiten oder diese im Einzelfall sogar selbst erst auf die Tagesordnung setzen (Agenda-Setting).

In einem solchen Umfeld müssen Medien an zwei unterschiedliche Zielgruppen denken lernen: Neben der eher weitläufigen, klassischen Leserschaft braucht jedes Medium künftig auch eine kleinere medienversierte Kernzielgruppe, die mit ihren Kommentaren zu Artikeln, Leseempfehlungen auf Twitter oder Facebook bzw. eigenen Blogposts mithelfen, Inhalte zu verbreiten, Meinungen zu bilden und die Medienmarke im Gespräch zu halten.

Dieses Prinzip dürfte übrigens nicht nur für Medienmarken gelten, sondern für die meisten Unternehmen (auch aus anderen Branchen). Man muss sich dazu nur die Funktionsweise des EdgeRank auf Facebook anschauen: Der Algorithmus selektiert u. a. nach dem Maß an Interaktion. Eine Marke mit vielen Fans, die nicht mit ihr auf Facebook interagieren, erzielt damit wenig bis keine Werbewirkung. Erst die Interaktion führt zu mehr Sichtbarkeit in der Timeline der Fans und darüber dann bei deren Freunden. Damit haben wir hier genau die Form von Zweistufigkeit, die ich (in allgemeinerer Form) für den Mediensektor sehe.

Das beste Beispiel für diese zweistufige Kommunikation ist Apple. Die Marke verfügt heute über eine ganze Phalanx an medienaffinen Anhängern, die mit ihren Tweets oder Blogposts die Gerüchteküche um Produktneuheiten befeuern können und in Einzelfällen, wie etwa John Gruber, selbst schon so etwas wie den Status eines Prominenten besitzen. Apple ist auf diese Weise permanent im Gespräch ohne selbst viel dazu leisten zu müssen.

Gleichwohl ist man dazu bereit, dem alten Medienmodell in Form des Newsstand als App eine Chance zu geben. Zu groß ist offenbar die Versuchung, neben iBooks und iTunes noch eine dritte, mediale Säule aufzubauen, auf dass die Kunden gar nicht mehr anders können, als immer nur weitere Apple-Hardware zu kaufen, weil die Trennung zwischen medialen Inhalten einerseits und Hard- bzw. Software andererseits immer schwieriger wird und am Ende nur noch von IT-Spezialisten zu bewerkstelligen wäre. Das aber kann es nicht sein. Es ist deshalb an der Zeit, dass Verlage und Medienhäuser ihre Zukunft stärker selbst in die Hand nehmen und sich nicht zu stark auf Apps in der Anmutung eines schlichten Holzregals einlassen.

Gekaufte Fans werden für gewöhnlich Claqueure genannt, der französische Ausdruck entstammt dem Theatermilieu. Derzeit entsteht mit dem Social Networking ganz offenkundig eine neue Art von “Bühne”, mit der sich die alte Frage nach den Claqueuren wieder neu zu stellen scheint: Braucht man sie? Oder lässt man davon besser die Finger?

Sucht man auf Google nach “Facebook Fans kaufen”, werden rund 12 Mio. Ergebnisse angezeigt. Diese erstaunlich hohe Zahl kann als erster Indikator für die Beantwortung der Frage herangezogen werden.

Ganz oben in diesen Suchtreffern findet man den interessanten Blogartikel Christian Henner-Fehrs zu eben diesem Thema, den er als Reaktion auf mein Interview mit Annette Schwindt geschrieben hat. Weil die Frage auch auf der Facebook-Seite von Annette selbst ordentlich Wellen geschlagen hat, beziehe ich ebenfalls gerne Stellung.

Meine Empfehlung an alle Betreiber von Facebook-Seiten lautet: Finger weg von gekauften Fans. Sie tun sich damit keinen Gefallen. Im Theater können die Claqueure eine schlechte Vorstellung (oder gar eine schlechte Inszenierung) nicht retten. Das Gleiche gilt auf Social Networks: Die Jubelperser helfen allenfalls unter sehr oberflächlichen und kurzfristigen Gesichtspunkten.

Klar ist: Es gibt einen gewissen Erfolgsdruck, auch im Netz. Ein Unternehmen, das twittert oder eine Seite auf Facebook betreibt, sollte eigentlich mit einer respektablen Zahl von Followern bzw. Fans aufwarten können. Angeheizt wird der Zahlen-Fetischismus durch die simple Tatsache, dass genau diese Zahlen sowohl auf Twitter, als auch auf Facebook, prominent angezeigt werden. Wer sich davon beeindrucken und beeinflussen lässt, ist schon in die Falle dieser beiden Social Networks getappt.

Denn im Social Web geht es mitnichten um eine möglichst hohe direkte Zahl von Followern oder Fans, selbst wenn Anbieter solcher Dienste uns das gerne glauben lassen wollen. Entscheidend sind viel mehr die Netzwerkeffekte, oder wie Peter Kruse es ausdrücken würde, die Resonanz im System: Eine einzelne Botschaft muss nicht schon mit ihrem ersten Versenden eine sehr hohe Zahl von Empfängern erreichen, sondern sollte vielmehr von den ersten Empfängern in ihren eigenen Freundesnetzen weiter empfohlen werden. Virale Effekte sind im Kern das Geheimnis guten Marketings im Social Web.

Dass uns dennoch ständig in den Medien hohe Fan-Zahlen vor Augen geführt werden, hängt stark mit dem immer noch weit verbreiteten Denken in massenmedialen Kategorien zusammen. In der Welt der Massenmedien kam es entscheidend darauf an, wie viele Empfänger man mit einer Botschaft direkt erreichen konnte: Einschaltquoten und Druckauflagen waren hier das Maß der Dinge. Im Internet gilt diese Logik nicht mehr uneingeschränkt, neben sie treten die sehr viel wirkungsvolleren Netzwerkeffekte.

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Eine zweite Ebene, auf die Annette Schwindt verweist, ist die Kommunikation bzw. der Grad an Interaktion. Eine große Menge an Fans auf einer Facebook-Seite kann auch eine große Menge an Karteileichen bedeuten und nichts anderes wird man erhalten, wenn man sich seine Fans bei einer Agentur kauft. Denn die Agentur wird mit den Fans nicht auch noch eine rege Partizipation liefern, nicht zuletzt weil es sich bei diesen Fans vermutlich um Fake-Accounts handeln dürfte. Sie werden in großer Zahl angelegt und anschließend untereinander vernetzt, so dass es so aussieht, als hätten diese Personen “echte” Freunde. Danach nutzt man diese Accounts, um ihr Handlungspotenzial zu verkaufen: Sie liken andere Seiten oder stellen Freundschafts-Anfragen immer dann, wenn bei ihrem “Betreiber” die Kasse klingelt.

Der Wesenskern von Social Networks liegt in der (echten) Kommunikation und schafft für Unternehmen die Möglichkeit, mit der Öffentlichkeit und ihren Kunden direkt in Dialog zu treten. Offenbar ist dieser Gedanke aber immer noch so neu und ungewohnt, dass auch auf dieser Ebene noch oft und gerne auf die Muster aus dem Zeitalter der Massenkommunikation zurückgegriffen wird: Lieber den Monolog pflegen und dazu Werbesprüche bzw. PR-Plattitüden heranziehen. Das ist auch viel einfacher, als sich die Mühe zu machen, sich seine Fan-Gemeinde nach und nach aufzubauen und über intensiv zu pflegende Dialoge Vertrauen zu schaffen.

Klar ist: Wer den Dialog nicht pflegt, wird im Social Web nur im Ausnahmefall eine hohe Zahl von Fans bekommen. Prominenz oder eine enorme thematische Aktualität mögen helfen können, in allen anderen Fällen ist Aufbauarbeit erforderlich.

Diese Aufbauarbeit kollidiert jedoch oft genug mit einem hohen Zeit- und Erwartungsdruck: Facebook-Seiten oder Twitter-Accounts sollen sich schon in kürzester Zeit von ihrer besten Seite zeigen. Erreicht man nicht in wenigen Wochen oder Monaten das selbstgesteckte Ziel, liegt die Versuchung natürlich nahe, mit ein paar gekauften Accounts nachzuhelfen.

Screenshot, besser ohne Link...

In diesem Zusammenhang muss im Fall von Facebook noch auf den EdgeRank verwiesen werden. Dieser stützt sich wesentlich auf den Grad an Interaktion, den eine Person mit anderen Personen bzw. Seiten pflegt. Einmalige Likes helfen da nicht viel, was künstliche bzw. tote Accounts in diesem Zusammenhang schnell nutzlos macht: Eine hohe Sichtbarkeit auf Facebook gibt es für möglichst viel authentische Interaktion, was wiederum virale Effekte fördert.

Wer aber immer noch aus Gründen der Optik oder des Vergleichs mit seiner Konkurrenz zu einer kosmetischen Aufbesserung tendiert, dem sei in Erinnerung gebracht, dass auch das klassische Marketing ein gewichtiges Argument zu einem eher kleinen Publikum bereit hält: Die Meinungsführer sind es, die es zu erreichen gilt, denn diese üben bekanntlich entscheidend Einfluss auf Arbeitskollegen, Freunde und Verwandte aus. Warum also nicht den Dialog mit genau dieser Zielgruppe auf Facebook und Twitter suchen und damit dem Zahlenfetischismus eine klare Absage erteilen?

Tweetings Screenshot iPad

Wer es immer schon im Gefühl hatte, aber nie auszusprechen wagte, kann sich jetzt bestätigt sehen: Twitter ist kein Marketingkanal, es taugt nicht für die Markenkommunikation. Bei Peter Turi wurde es kurz gemeldet, AdAge hat einen ausführlichen Artikel dazu und die Beratungsfirma 360i die Studie (Pdf-Download).

Für diese Studie hat man bei 360i über einen Zeitraum von sechs Monaten 1.800 Tweets ausgewertet. Spam wurde dabei eliminiert. Die Stichprobe soll repräsentativ sein und den Anforderungen statistischer Signifikanz genügen. Mir kommt dabei nur die Menge der ausgewerteten Tweets etwas gering vor, aber vielleicht hätte eine größere Stichprobe keine anderen Ergebnisse ergeben.

Die Auswertung  brachte zwei wesentliche Erkenntnisse:

  1. Twitter ist ein Medium privater Nachrichten: 90 % der ausgewerteten Tweets stammen von Privatpersonen und diese sprechen überwiegend von sich bzw. mit ihresgleichen und nicht mit oder über Marken. Nur 12 % aller privaten Tweets enthalten einen Markennamen, wobei unter den Meistgenannten Twitter vor Apple und Google steht.
  2. Marken führen auf Twitter kaum Dialoge, sie monologisieren: Die 10 % der ausgewerteten Tweets, die Marken bzw. Unternehmen zugeordnet wurden, dienen überwiegend der Verbreitung von Informationen. Während die Tweets von Privatpersonen zu 43 % aus @Replies bestehen (und damit Dialogcharakter zeigen), sind es bei den Marken nur 12 %.

Daraus sollte man jetzt aber nicht den Schluss ziehen, dass sich Unternehmen bzw. Marken auf Twitter einfach mehr Mühe mit dem Dialog geben sollten. In Einzelfällen mag dies zutreffen, generell aber muss kritisch hinterfragt werden, ob Twitter überhaupt das richtige Instrument ist, wenn es darum geht, Markenbotschaften zu verbreiten.

Ich tendiere aus meiner eigenen Erfahrung und den Ergebnissen der Studie eher dazu, von Twitter im Sinne eines offiziellen Kanals, der von einer Marketing-Abteilung (intern) oder einer PR-Agentur (extern) gepflegt wird, Abstand zu nehmen.

Besser dürfte es sein, wenn einzelne Mitarbeiter mit Affinität zu Social Media im Allgemeinen und zu Twitter im Speziellen einen Account führen, bei dem sie “halboffiziell” für ihr Unternehmen tätig werden. Ein solcher Ansatz fällt zwar zwischen alle Stühle der Marketingzuständigkeiten sowie der klassischen Lehrbuchmeinungen, dürfte aber dem Medium Twitter am ehesten angemessen sein. Denn dort kommunizieren Menschen miteinander, nicht Postkörbe oder Pressestellen.

Wer das nicht glauben mag, werfe einen Blick auf die Twitter-Accounts von Ashton Kutcher und CNN. Vor einiger Zeit gab es einen kleinen Wettlauf zwischen dem jungen Schauspieler und dem großen Nachrichtensender, wer mehr Follower erreichen würde. Beide Accounts strebten damals die Millionengrenze an, Ashton Kutcher konnte sich jedoch vor dem Sender halten.

Gemessen daran, dass Ashton Kutcher eigentlich nur Belangloses twittern und CNN die Schlagzeilen seiner nicht gerade kleinen Nachrichtenredaktion in die Waagschale werfen kann, ist es bemerkenswert, dass der Schauspieler heute 5,3 Millionen Follower hat, während CNN bei 1,2 Millionen steht.

Den Unterschied macht die Tatsache, dass Ashton eben ein Gesicht hat (und es auch zeigt), während die Marke CNN nicht annähernd die gleiche Anziehungskraft auf Twitter entfalten kann. Damit soll hier nichts gegen CNN gesagt sein. Auf Twitter funktionieren “Menschen” einfach deutlich besser als “Marken”, was vielleicht als Teil einer größeren Entwicklung im Kontext des Entstehens der digitalen Gesellschaft gesehen werden muss.

In diesem Sinne sollten Unternehmen den Mut finden, ihre Mitarbeiter unter ihrem eigenen Namen twittern zu lassen und deren Gesichter als Profil für Produkte bzw. Marken zulassen. Auf anderen Kanälen mögen andere Regeln gelten (insbesondere auf Facebook mit seinen Seiten, die wie geschaffen sind für die klassische Marke). Für die derzeit zu beobachtende Flut an Marken- und Unternehmens-Twitteraccounts mit ihren stereotypen Inhalten und unpersönlichen Strukturen jedenfalls sehe ich keine große Zukunft: Da wird gerade viel Geld zum Fenster hinaus geworfen…

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Kennen Sie einen Manager der Twitter nutzt? Ich nicht. Dabei liegt es nicht daran, dass das Medium in Managerkreisen nicht bekannt wäre. Vielmehr liegt es am Arbeitsalltag dieser vielbeschäftigten Menschen, die nur relativ wenig Zeit allein hinter einem Bildschirm sitzen, dafür aber umso mehr Zeit in Meetings und Veranstaltungen verbringen.

Ihnen fehlt die Zeit, um bei Twitter am Ball zu bleiben. Einem Medium aber, das sie nur sporadisch und eher zufällig nutzen können, trauen sie keine Relevanz zu. Manager überlassen es nicht dem Zufall, wichtige Informationen gerade dann über ein (beliebiges) Medium zu erhalten, wenn sie mal ein paar Minuten Zeit dafür haben. Wichtiges darf ihnen gerade nicht zufällig über den Weg laufen, sondern muss ihnen systematisch übermittelt werden. Dabei können einzelne Nachrichten in einem Postkorb landen, der regelmäßig durchgesehen wird.

So ein Post”korb” fehlt bei Twitter. Das Medium ist wie ein Fass ohne Boden, ein permanenter Fluss an Mitteilungen. Ein endloser Strom, der zudem viel Banales und Nebensächliches enthält. Sehr fokussierte Menschen (mit wenig Zeit) tun sich damit schwer.

Umgekehrt tun sich die Gründer von Twitter offenbar schwer damit, ihr Social Network so weiterzuentwickeln, dass auch Manager Gefallen daran finden können. Das gilt übrigens auch für die vielen Clients und sonstigen Tools, die rund um die Schnittstellen von Twitter entstanden sind. Die meisten von ihnen baden lieber in der Datenfülle des Mediums anstatt sie zu bändigen.

Vielleicht wird das jetzt anders: Mit KnowMore entsteht gerade ein Dienst, der verspricht, Wichtiges von Unwichtigem trennen zu können. Das in New York ansässige Startup könnte damit einer neue Generation von Tools den Weg bahnen, die uns nicht immer noch mehr News und Statusmeldungen liefern, sondern diese filtern und uns je nach situativer Relevanz benachrichtigen oder uns in Ruhe lassen.

Mit Blick auf die nächsten fünf bis zehn Jahre ist völlig klar, dass wir mit immer mehr Daten konfrontiert sein werden. Das mobile Web oder auch das “Internet der Dinge” (hier ein sehenswertes Video der IBM dazu) werden ihren Teil dazu beitragen. Individuelle Relevanzfilter werden also immer wichtiger werden. Zugleich werden gut funktioniere Filter dazu führen, dass mehr Menschen als heute Social Networks wie Twitter, Facebook oder Google Buzz akzeptieren und nutzen werden. Auch Manager!

Google Buzz Logo Robert Sanzalone

In den letzten Tagen habe ich kurz entschlossen meinen Ausflug auf Google Buzz beendet und meinen Account vollständig gelöscht. Zuletzt hatte ich dort gut 40 Follower, ich selbst folgte rund 50 Personen. Der Grund dafür ist einfach: Ich sehe darin weder für Unternehmen noch für mich persönlich auf mittlere Sicht einen konkreten Nutzen.

Unternehmen und Google (Buzz)

Wer Unternehmen bzw. den Mittelstand in Deutschland näher kennt, weiß, dass der Name “Google” hier nicht unbedingt ein Türöffner ist. Niemand im Mittelstand käme auf die Idee, das auf eigenen Servern betriebene Microsoft Office gegen die cloudbasierten Google Apps zu tauschen, ja viele wissen noch nicht einmal, dass es von Google ein vollständiges Officepaket gibt, das zu preislich vorteilhaften Konditionen genutzt werden kann.

In diesem Kontext Google Buzz als (internes) Tool bzw. Kommunikationskanal (nach außen) vorzustellen, wäre in etwa so erfolgversprechend wie der Verkauf von Bier an die Mitarbeiter in einer Brauerei.

Für den eher intern orientierten Gebrauch bietet Google Buzz nicht viel, das es nicht auch woanders gäbe. Denn in den Unternehmen, in denen der Nutzen von Collaboration Software bereits erkannt wurde, ist diese in der einen oder anderen Form auch schon im Einsatz (was freilich noch selten genug der Fall ist).

Was die Kommunikation mit der Öffentlichkeit betrifft, dürfte Google Buzz in Deutschland noch auf längere Sicht einer der reichweitenärmsten Kanäle sein. Das liegt an der Koppelung von Buzz mit Gmail. Der E-Mail-Client von Google ist nämlich hierzulande bei weitem nicht so populär wie in den USA. Das bremst natürlich die Verbreitung von Google Buzz und macht es damit auch für das Marketing von Unternehmen wenig(er) attraktiv.

Die persönliche Ebene: Freud und Leid mit Google

Auf der persönlichen Ebene ist es zunächst eine reine Zeitfrage. Denn selbst als Social Media “Freak” kann man nicht auf beliebig vielen Hochzeiten tanzen, sondern muss Prioritäten setzen. In diesem Sinne gebe ich Twitter den Vorzug. Denn dort habe ich im Lauf der Zeit ein Netzwerk an interessanten Kontakten aufgebaut und beziehe darüber eine Vielzahl wichtiger Impulse. Warum also nicht dieses Netzwerk pflegen, anstatt daneben wieder ganz von vorn zu beginnen?

Dabei spielt es keine Rolle, ob auf Google Buzz die besseren Diskussionen geführt werden können. Zweifellos ist dies der Fall, weil Buzz sehr viel Ähnlichkeiten mit FriendFeed hat und Twitter mit seiner Begrenzung auf 140 Zeichen pro Tweet dagegen abfällt. Allerdings gleicht Twitter diesen Umstand leicht wieder aus, weil das Netzwerk schon sehr groß ist und thematisch fast keine Lücken mehr lässt. Twitter ist längst etabliert und keiner kann den Dienst leichtfertig links liegen lassen (ausgenommen vielleicht Personen wie Don Alphonso).

Dazu kommt für mich eine sehr ärgerliche und eigentlich unverständliche Komponente: Während ich Twitter in mobiler Form über Twidroid auf meinem Google Handy (HTC Magic) unkompliziert und mit dem vollen Funktionsumfang nutzen kann, macht mir Buzz einen Strich durch die Rechnung: Man glaubt es kaum, aber Google Buzz for Mobile läuft nur auf Mobiltelefonen mit Android 2.0 (und höher), während mein 10 Monate altes Gerät “nur” Android 1.6 kann und damit ausgeschlossen bleibt. So macht man sich keine Freunde.

Ausblick in die Social Network Landschaft

In der Summe schätze ich die Aussichten von Google, sich mit Buzz in der ersten Liga der Social Networks etablieren zu können, als sehr gering ein. Denn Google hat den Fehler gemacht, sein Social Network zu intellektuell zu gestalten: Buzz ist ein sehr gutes Tool für ausführliche Debatten und mag damit den hochintelligenten Mitarbeitern bei Google sehr viel Freude bereiten.

Die breite Masse hingegen ist nicht so schriftorientiert oder wortgewaltig veranlagt und fühlt sich damit auf Facebook vermutlich sehr viel wohler. Selbst Twitter, mit seinen 140 Zeichen, setzt die Hürden niedriger an. Dazu kommt das Problem, dass Social Networks kein reines Neuland mehr sind und viele Menschen bereits ihren Social Graph in privater oder geschäftlicher Hinsicht woanders aufgebaut haben. Wozu also bei Google nochmals neu beginnen?

Ein Indiz für die Zukunft von Google Buzz könnte auch der Kurvenverlauf bei Google Trends sein: Nach einem steilen Anstieg im Januar verflacht die Kurve stark und zeigt kein Anzeichen mehr für einen erneuten Anstieg.

Weinen muss man deshalb nicht und Google selbst wäre gut beraten, mehr Energie in die Weiterentwicklung von Google Wave zu legen. Das ist die viel interessantere Baustelle mit Potenzial für die Zukunft und zudem auch etwas, das mittelfristig dem Mittelstand hierzulande vorgestellt werden kann.

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