Social Communities

Sie durchstöbern gerade die Artikel mit dem Schlagwort Social Communities.

The worlds networkIch verstehe das nicht. Noch im Sommer letzten Jahres herrschte allenthalben Jubel über die Social Networks. MySpace beeindruckte mit immensen Mitgliederzahlen, Facebook mit seinem rasanten Wachstum. Später mischten sich kritische Töne unter, weil es an der Monetarisierung hapert. Social Networks finanzieren sich bislang über Werbung und das scheint nicht so recht zu funktionieren.

Aktuelle Zahlen von ComScore scheinen nun zu belegen, dass in jüngster Zeit die User auf diversen Social Networks weniger Zeit verbringen. Zwar steigt die Zahl der Mitglieder weiter an, aber die User “verweilen” eben nicht mehr so lange. Die Kritiker fühlen sich bestätigt und zweifeln schon am Funktionsprinzip von Social Networks.

Geht es noch dümmer? Wie kann man nur so kurzsichtig sein?

Nehmen wir Facebook als Beispiel (ich bin dort selbst Mitglied). Ganz klar hat die Öffnung der Plattform im Mai 2007 für externe Entwickler von Applikationen dazu geführt, dass Facebook mit einer Fülle an unsinnigen Spielereien überschwemmt wurde. Aber warum sich darüber aufregen? Keiner muss so etwas in seinem Profil installieren.

Schwerer wiegt schon die Tatsache, dass die Kommunikationsmöglichkeiten auf Facebook allenfalls Mittelmaß sind. So kann man zwar untereinander Nachrichten austauschen und Gruppen einrichten, aber schon der Verlauf der Kommunikation in den Gruppen teilt sich nicht mehr nach außen mit. Das ist in etwa so, als gäbe es keine RSS-Reader zum Lesen von Blogs. Für mich zeigt sich an dieser Stelle, dass das “Genie” Mark Zuckerberg noch nicht so recht realisiert hat, worum es in Social Networks wirklich geht.

Und noch ein Punkt. Vergleichen wir dazu Lotus Notes mit Facebook. Während Lotus Notes eine perfektionierte Software für alle nur denkbaren Arten der Kommunikation darstellt, kommt Facebook im direkten Vergleich ziemlich dünn daher. Aber: Lotus Notes funktioniert nur in den Netzwerken von Unternehmen. Die Software bildet also einzelne Inseln. Und während man auf einer solchen Insel perfekt kommunizieren kann, wird es schon schwieriger, sobald der Gesprächspartner auf einer anderen Insel sitzt, auf der vielleicht Lotus Notes nicht installiert ist. Facebook dagegen ist wie das Meer, das alles und jeden verbindet. Jeder kann kostenlos Mitglied werden, Kontakte knüpfen und kommunizieren.

Ist das so schwer zu sehen? Hat Kommunikation etwa keine Zukunft?

Falls doch, wäre die kritische Frage zu stellen, warum es auf Facebook keine Chats und keine Foren gibt. Und es fehlt an einer Funktion für die Benachrichtigung, wo gerade was los ist. So schön es ist, dass es auf Facebook viele Gruppen gibt, so sehr fehlt eine Hinweisfunktion, die mir zeigt, in welcher meiner Gruppen gerade aktiv diskutiert wird. Kein Student wird Abends eine Kneipe nach der anderen abklappern, nur weil er weiß, dass seine Kumpels irgendwo beim Bier sitzen. So viel Verstand würde ich im Prinzip auch Mark Zuckerberg zutrauen.

Und schließlich zum Geld. Mit der Werbung klappt das nicht so recht, siehe auch Xing. Aber muss es das? Wo steht denn geschrieben, dass Social Networks nur mit Werbung zu finanzieren sind? Das ist ein Märchen, dass die Marketingbranche lauthals verkündet, weil sie hier für sich eine neue lukrative Spielwiese sieht.

Dem muss aber nicht so sein. Social Networks haben noch andere Möglichkeiten der Monetarisierung. Beispielsweise die Marktforschung. Social Networks sammeln Berge von Daten, die derzeit noch völlig ungenutzt herumliegen. Wäre da nicht mehr daraus zu machen? Zweitens Mietmodelle. Dazu “mietet” sich ein Unternehmen Platz auf einem Social Network und diskutiert direkt mit den Usern. Was in (Produkt-) Foren schon lange gut funktioniert, müsste sich auch auf Social Networks etablieren lassen.

Fazit: Social Networks sind ein noch junges Genre mit sehr viel Potenzial. Als die ersten Automobile gebaut wurden, gab es noch keine geteerten Straßen und keine Tankstellen. Und doch setzte sich das neue Transportmittel durch. Genau so wird es mit den Social Networks sein.

Foto: The worlds network by saschaaa auf Flickr

shelfari logoWie war das doch mit MP3? Erfunden wurde die segensreiche Technik in Deutschland, richtig vermarktet aber in den USA. Dies kam mir in den Sinn, nachdem ich zuerst readme.cc und danach das amerikanische Pendant Shelfari sah. Beide Dienste sind Communities für Bücherfreunde, die über Bücher diskutieren wollen. Zentrales Element bei beiden ist das digitale Bücherregal: Jeder, der ein Profil hat, kann sich ein virtuelles Regal mit seinen Büchern erstellen. Natürlich kann man dann im nächsten Schritt schauen, was Andere so auf ihrem Regal “stehen” haben und mit ihnen in Dialog treten.

Auch wer sich nicht sonderlich für Literatur interessiert, sollte dennoch unbedingt einen kurzen Blick in beide Plattformen werfen! Denn das europäische readme.cc ist ein schönes Beispiel dafür, wie man es besser nicht macht: Nur halbherzig im Web 2.0 angekommen, wirkt schon die Optik altbacken und schwerfällig. Shelfari dagegen wirkt leicht, übersichtlich und intuitiv verständlich.

Geradezu lachhaft finde ich den Versuch bei readme.cc, keine Werbung für Verlage zu machen (warum eigentlich nicht?) und die Buchcover explizit nicht zu zeigen. Shelfari dagegen gibt sich zwanglos und zeigt die Bücher wie sie eben sind. Klar auch dass die Entstehung von readme.cc auf einer gewöhnlichen Seite dargestellt wird, während die Amerikaner ein Blog verwenden.

Entscheidend ist aber natürlich die Frequenz der User (jenseits aller optischen Mäkelei meinerseits). Leider geht auch diese Runde klar an die Amerikaner: readme.cc zeigt mir populäre Leser und deren Buchtipps an, wobei die Anzahl der Tipps zwischen einer Handvoll und knapp 100 schwankt. Shelfari bietet als vergleichbare Kategorie “Opinions” an, die Zahlen reichen hier bis in den vierstelligen Bereich.

Bei den populärsten, also meistbesprochenen Büchern immerhin kann Europa einen Trostpreis einfahren, steht hier doch Vladimir Nabokovs Lolita an erster Stelle (mit 8 Kommentaren), während die Amerikaner mit einem Band von Harry Potter da natürlich nicht mithalten können (obschon er 20.867 Kommentare auf sich vereinigen konnte). Schon der oberflächliche Zahlenvergleich spricht also Bände.

Und schließlich: Wie steht es um das Marketing beider Plattformen? Nun ja, readme.cc dürfte so eine Art “Geheimtipp” in der Literaturszene sein (oder täusche ich mich da?). Shelfari dagegen hat es verstanden, sich immer wieder geschickt in Szene zu setzen. Seine Widgets sind ein Gesprächsthema und natürlich hat man auch eine Applikation für Facebook.

Fazit: Eine Social Community in Sachen Literatur kann gut funktionieren und sogar zum Selbstläufer werden. Entscheidend für den Start dürfte aber ein geschicktes Marketing sein, während die Akzeptanz auf Dauer wesentlich von der Usability der Plattform abhängt. Löblich immerhin, wenn readme.cc ausdrücklich als europäische Plattform ausgelegt ist, die unserer Sprachvielfalt Rechnung trägt. Das allein ist aber zu wenig, Amerika, du hast es besser!

Ein Interview mit einem der Hauptakteure von readme.cc hat Thomas Vehmeier im März diesen Jahres geführt. Den Impuls zu diesem Artikel gab mir Christian Henner-Fehr.