Second Life

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Nahezu überall liest man derzeit nur Gutes über Twitter, vor allem weil die Nutzerzahlen rasant zunehmen. Aber ist das wirklich schon der Durchbruch auf breiter Ebene? Könnte es Twitter nicht ähnlich gehen wie Second Life, das von 2006 bis 2007 einen fulminanten Hype erlebte, danach aber wieder deutlich zurückstecken musste?

Immerhin: Second Life ist nicht tot und hat (im Gegensatz zu Twitter) sogar ein funktionierendes Geschäftsmodell. Twitter aber, das in die Kategorie des “Microblogging” fällt, steht im Gartner Hype Cycle im Bereich des absoluten Peaks und damit kurz vor dem Absturz.

Ich sehe folgendes Szenario für Twitter in Deutschland: Derzeit springen vor allem Medien bzw. Verlage auf den fahrenden Zug, dazu kommt das Marketing einiger Markenartikel. Die Betreiber der jeweiligen Accounts werden aber schon bald die Erfahrung machen, dass ihr eigentliches Zielpublikum noch kaum oder gar nicht auf Twitter vertreten ist.

Die schätzungsweise 50.000 aktiven deutschen Twitterer sind überwiegend Early Adopters, technisch Interessierte sowie die (jüngere) Informationselite. Das ist sicher ein reizvoller Mix, aber noch nicht genug für so manches Projekt im Marketing. Wer aber genau diese Informationselite ansprechen möchte, hat mit Twitter jetzt schon eine sehr interessante Spielwiese. Für die Promotion von Büchern, Schokolade oder Turnschuhen dürfte es jedoch noch zu früh sein.

Twitter hält aber noch eine andere Hürde parat: Das Medium ist bidirektional ausgelegt und zeigt heute schon sehr deutlich, dass wer nur sendet und nicht in Dialog tritt, auf Twitter wenig zu melden hat. Das bedeutet, dass man für Twitter Zeit einplanen muss, denn die @Replies lassen sich nicht abstellen (höchstens ignorieren).

Wer Barack Obama als Seismograph in Sachen Twitter sehen möchte, schaut übrigens in die Röhre: Der Präsident nutzt seit seiner Amtseinführung Twitter praktisch nicht mehr. Dafür ist jüngst Google dem Twitterversum beigetreten, wie Tony Gigov treffend festgestellt hat (fast täglich neue Comics von ihm gibt es hier, entdeckt habe ich ihn über Luca)…

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Als ich dieser Tage einen Kommentar zu einem schon älteren Beitrag bekam, entstand die Idee, davon eine Neuauflage zu machen. Christian Henner-Fehr könnte heute nämlich berichten, dass sich im Kulturbereich in Sachen Web 2.0 seit letztem Jahr doch Einiges getan hat.

Aber in welcher Form sollte diese Neuauflage erfolgen? Die Textform schien mir nicht mehr zeitgemäß und so dachte ich an ein Treffen in einer virtuellen Welt. Bei dieser Gelegenheit warf ich einen schnellen Blick auf Lively von Google, verwarf die Idee dann aber wieder.

Lively fehlt nicht nur der Voice Chat, sondern in meinen Augen noch etwas anderes, das mich auch an Second Life stört und das vielleicht eine Erklärung dafür bietet, warum diese virtuellen Welten außer im Bereich der Spiele noch nicht so recht in Fahrt gekommen sind: Der Avatar, das bin nicht ich! Weder sieht er so aus, noch bewegt er sich so. Will ich also Dritten gegenüber etwas von mir vermitteln, scheidet so ein Avatar weitgehend aus, weil er kaum Rückschlüsse auf meine “wirkliche” Person zulässt.

Bei Spielen ist das kein Hindernis, im Gegenteil: Dort schlüpft man ja absichtlich in eine andere Rolle. In Second Life hingegen ist ein Avatar bestenfalls eine schöne Selbstinszenierung die zeigt, wie man gesehen werden möchte.

Deshalb soll aber der Stab über die 3D-Welten nicht gebrochen werden. Hier ein Ansatz der IBM, den ich für vielversprechend halte: Ein Problem wird gelöst, in dem sich zwei Mitarbeiter im virtuellen Raum treffen und dabei anhand eines 3D-Modells festlegen, was wo zu machen ist (via eightbar).

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Das Beispiel zeigt, dass eine virtuelle Umgebung für die Erörterung von Sachproblemen sehr nützlich sein kann. Steht aber der Mensch im Mittelpunkt, schwächelt das Konzept der 3D-Welt (noch). Das dürfte auch der Grund sein, warum Geeks wie Robert Scoble immer noch mit der Kamera durch die Gegend laufen. Ob ich deswegen jetzt auch eine Kamera kaufen und für ein Interview zu Christian nach Wien fahren soll? Der würde Augen machen…

Um Second Life ist es recht still geworden in letzter Zeit. Das ist vielleicht ganz gut, da sich so dort in aller Ruhe sinnvolle Anwendungen entwickeln lassen. So erstellt gerade die Universität von Arkansas ein virtuelles Krankenhaus, in dem Prozesse simuliert werden sollen. Dabei wird berücksichtigt, dass künftig alle Objekte mittels RFID registriert sein werden.

Das virtuelle Krankenhaus ermöglicht also die Simulation künftiger Prozesse, bevor neue (und teure) Technik real angeschafft wird. Besonders im Fokus stehen hier die Logistik sowie Systeme zur Zugangsregelung (wer darf welche Räume betreten) und der Medikation.

Im Video angekündigt, aber noch nicht sichtbar: Eine Menge von Avatar-Bots soll den realen Betrieb mit vielen Menschen (Patienten, Pflegepersonal, Ärzte…) simulieren und das virtuelle Krankenhaus damit wirklichkeitsnah aussehen lassen. Weitere Infos und Links im SLTalk (Michael Wald).

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Im Blog von Michael Wald (Filtertraum) bin ich auf dieses Video gestoßen, in dem gezeigt wird, wie Objekte oder Avatare aus Second Life in unsere reale Umgebung transferiert werden können. Der Sinn von auf dem Wohnzimmertisch fahrenden Autos erschließt sich mir nicht so ganz, aber den Besuch von Avataren in meiner Wohnung oder im Büro (in Lebensgröße!), das hat schon was.

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Praktischer gibt man sich in diesem Zusammenhang bei BMW. Deren Video zeigt, wie mittels der Einblendung virtueller Objekte ein Monteur eine Fahrzeugreparatur leichter durchführen kann. Diese Technik ist schon relativ nah an der Praxis. Sie zeigt zudem, wie Bedienungsanleitungen aller Art in Zukunft funktionieren werden: In einer immer komplexer werdenden Welt eine absolut logisch erscheinende Entwicklung.

Der Durchbruch auf breiter Ebene dürfte mit der nächsten Mobilfunkgeneration kommen (4G): Dann steht genug Bandbreite zur Verfügung, um jedem von uns in die Sonnenbrille (oder wohin auch immer) so perfekte dreidimensionale Bilder einzublenden, dass wir Realität und Fiktion (fast) nicht mehr unterscheiden können.

Das könnte dann das “Web 4.0″ sein, eine Welt, die mit dem heutigen Internet kaum mehr etwas gemein haben wird. Denn Informationen wird es dann nicht mehr primär “im Computer”, sondern überwiegend objekt- bzw. ortsgebunden geben, also da, wo wir uns gerade aufhalten. In etwa 10 Jahren könnte es so weit sein und die Anwendungen auf breiter Ebene vermarktet werden, vorausgesetzt wir bekommen bis dahin auch 4G im Mobilfunk. Um Asien mache ich mir da keine Sorgen, aber bei uns in Europa?

Eines der führenden Unternehmen im Bereich Augmented Reality stammt übrigens aus Frankreich: Total Immersion arbeitet schon mehrere Jahre an der Technologie und hat ein erstes Produkt schon am Markt. Wie heißt da nochmals der schöne Spruch? Die Zukunft ist immer schon da, sie ist nur ungleichmäßig verteilt.

virtual worldKönnte man die Berichterstattung in den Printmedien als Seismographen nehmen, wäre Second Life derzeit auf dem absteigenden Ast und Linden Lab (die Betreiberfirma) dürfte sich reichlich Sorgen machen. Da aber eher die Printmedien auf jenem “absteigenden Ast” sitzen, brauchen wir deren launische Berichterstattung zu diesem Thema nicht ernst zu nehmen.

Das Gegenteil ist nämlich der Fall. Den Virtuellen Welten steht in den nächsten 5 bis 10 Jahren eine erstaunliche Entwicklung bevor. Hier ein paar aktuelle Indizien:

  1. Linden Lab und IBM haben bekannt gegeben, dass sie gemeinsam daran arbeiten, die Interoperabilität zwischen verschiedenen virtuellen Welten zu ermöglichen. Auch wenn damit zunächst mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet werden, weist die Initiative in die richtige Richtung.
  2. Multiverse Network und Google werden ebenfalls kooperieren, und zwar dahingehend, dass die Erstellung virtueller Welten wie aus einem Baukasten heraus spielend einfach wird. Was heute noch wenigen Spezialisten vorbehalten ist, soll in (naher?) Zukunft vielen möglich sein.
  3. Da passt es ganz gut, dass es japanischen Forschern gelungen ist, Avatare in Second Life mittels “Gedankenübertragung” direkt aus dem Gehirn zu steuern. Wer es nicht glauben kann, muss sich das Video ansehen (so wie ich).
  4. Der Analyst Adam Sarner von Gartner sieht so rosige Zeiten für virtuelle Welten voraus, dass diese sogar im Blog des Singularity Institute besprochen werden. Dass sich aber Gartner überhaupt mit dem Thema beschäftigt, ist schon sehr bemerkenswert.
  5. Und die Kollegen vom MindSharing Blog berichten ausführlich darüber, dass den Computerspielen “goldene Zeiten” bevor stehen. Das werden auch die Betreiber virtueller Welten wohlwollend zu Kenntnis nehmen, sind doch in den letzten Jahren die Grenzen beider Bereiche zunehmend verschwommen.

Das Thema dürfte also bald schon aus der Nische heraustreten. Deshalb hier auch der (leider etwas kurzfristige) Hinweis auf das Social Web Breakfast, das Klaus Eck am 17.10. in München veranstaltet. Thema ist – wie könnte es anders sein – Second Life.

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