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Hemingway hatte es noch besser: Er musste einfach nur gute Texte schreiben, sei es als Reporter oder Schriftsteller (im Bild seine Schreibmaschine). Daneben hatte er reichlich Zeit für andere Dinge, etwas das Angeln oder die Jagd. 

Der “junge Autor in der digitalen Medienwelt” hingegen muss sich den Realitäten des Internets stellen und mehr tun, als nur gute Texte schreiben, wenn es nach Leander Wattig geht. Marcel Weiss (netzwertig.com) pflichtet ihm bei und sieht starke Parallelen zwischen der Welt der E-Books und der Musikindustrie.

Demnach kann der Arbeitsprozess in drei Komponenten gegliedert werden:

  1. Das Kerngeschäft bleibt die Kunst. Die muss natürlich gut sein, weil die Konkurrenz sehr groß ist und durch die hohe Transparenz des Internets schonungslos verglichen werden kann.
  2. An zweiter Stelle steht die Aufmerksamkeit (Attention). Der Künstler muss sich im Internet eine möglichst große Fangemeinde aufbauen und über diverse Kanäle (Social Networks, Blog, Twitter…) bedienen. Dabei schadet es auch nicht, neben den Fans auch Multiplikatoren (mit großer Reichweite) in das eigene Netzwerk einzubinden.
  3. Drittens folgt die Vermarktung. Da im Bereich digitalisierbarer Werke vieles ohnehin frei zirkuliert (”Pirate Bay“) und die Künstler viele ihrer Werke verschenken sollten, müssen sie alternative (und möglichst kreative) Einnahmequellen entwickeln.

Was wohl Hemingway dazu gesagt hätte? Ich zweifle nicht daran, dass dies die Realität in den Zeiten des Internets als “gigantische Kopiermaschine” widerspiegelt. Die meisten Schriftsteller und Musiker dürften damit aber hoffnungslos überfordert sein.

Das fängt schon bei Schritt zwei, der Generierung von Aufmerksamkeit, an. Was logisch und einfach klingt, ist in der Praxis gar nicht so leicht und sollte eher als Kunst für sich betrachtet werden. Gewiss: Es gibt sehr erfolgreiche Schriftsteller, die auf Twitter eine gute Figur machen, so etwa Paulo Coelho

Sensible und eher introvertierte Künstlernaturen wird das nicht überzeugen. Der souveräne Dialog via Social Media mit einer größeren Anhängerschaft ist ja selbst für gestandene Unternehmen noch alles andere als selbstverständlich, obwohl diese dafür Spezialisten beschäftigen können.

Noch schwieriger wird es dann beim dritten Punkt, der Vermarktung. Wer einen großen Teil seiner Werke verschenken soll (weil diese ohnehin frei zirkulieren werden), braucht schon eine sehr ausgeklügelte Strategie, um über andere Wege an genügend Einnahmen zu kommen. Unmöglich ist das nicht und es werden sich immer wieder kreative Beispiele und Vorbilder finden lassen. Für sehr viele Künstler wird es aber nicht praktikabel sein, weil ihnen dafür die Zeit und das nötige Geschick fehlen.

Ich sehe deshalb einen anderen Weg: Wer als Künstler noch keinen Namen hat und nicht über die Kaltschnäuzigkeit und Extrovertiertheit eines Gary Vaynerchuk verfügt, sollte als Standbein im Web zunächst ein Portal wählen. Für Musiker könnte dies Jamendo sein, für Schriftsteller die readbox.

Sowohl Jamendo als auch die readbox offerieren inzwischen auch kommerzielle Programme, so dass kein Künstler hier gleich alle seine Werke “verschenken” muss. Selbst in Sachen Marketing bekommt man hier Unterstützung, sollte aber vielleicht nicht seine ganze Hoffnung darauf setzen.

Immerhin dürften gute Werke auf solchen Portalen meistens schneller nach vorne kommen, als wenn ihre Urheber im Alleingang sich auf einem Blog, auf MySpace, Facebook und Twitter verzetteln…

Die readbox, ein “Marktplatz im Web für Bücher kleinerer und unabhängiger Verlage” geht heute (also am 01.10.2008) von der geschlossenen Betaphase in den Normalbetrieb über. Ab jetzt kann jeder auf der readbox Literatur (im Volltext) lesen, bewerten und empfehlen.

Darüber hinaus können die Texte natürlich auch gekauft und heruntergeladen werden. Es stehen Versionen für unterschiedliche Geräte zur Verfügung, z. B. das iPhone, den Kindle, Mobipocket und andere. Auf Wunsch kann man sich jeden Text auch anhören. Dazu steht eine Text-to-Speech Software bereit.

Der Content für die readbox kommt überwiegend von kleinen Verlagen (Independents) und Autoren, die noch keinen Verlag haben. Warum aber sollten diese mit der readbox kooperieren und nicht etwa mit Amazon? Der konzeptionelle Unterschied ist ziemlich eindeutig: Amazon ist im Prinzip ein Händler gedruckter Bücher sowie elektronischer Texte, soweit diese dem Kindle-Standard entsprechen. Lesen kann man auf den Webseiten von Amazon bestenfalls die Rezensionen, nicht aber die Bücher selbst.

Die readbox dagegen präsentiert sich als Community auf der Höhe des Web 2.0, bei der man kostenlos so viel Bücher lesen kann, bis einem die Augen aus dem Kopf fallen. Das Geschäftsmodell baut auf die Idee auf, dass man das, was einem gut gefällt, auch besitzen möchte und man dafür auch bereit ist, einen positiven Preis zu bezahlen. Der zu kaufende Gegenstand kann dann wahlweise das gedruckte Buch sein (etwa über Print on demand) oder eben die persönlich passende digitale Fassung.

Kann das funktionieren? Es kann. Die readbox sitzt in einer Nische, in der ihr weder Amazon noch die großen Verlage wirklich gefährlich werden können. Entscheidend wird nur sein, dass sie es schafft, eine lebendige Community aufzubauen und genügend kleine Verlage zum Mitmachen bewegt.

readbox logoWer die Zukunft des gedruckten Buches (voraus-) sehen möchte, muss sich nur aktuell die Musikindustrie anschauen: Da sinkt der Umsatz mit den Tonträgern von Jahr zu Jahr und gleichzeitig wird mit harten Bandagen gegen tatsächliche und vermeintliche Raubkopien und Verletzungen des Urheberrechts vorgegangen. Unbeeindruckt von diesen Kämpfen nehmen junge Musiker und Bands ihr Geschäft zunehmend selbst in die Hand und probieren im Internet neue Zugangswege zu ihren Fans und Möglichkeiten der Vermarktung aus.

Was den Lesestoff betrifft, weist aktuell Andreas Göldi den Weg in die “schleichende Papierlosigkeit”. Dabei mag der Kindle von Amazon aber noch nicht das letzte Wort sein. Denn ausgerechnet im Ruhrgebiet, das so lange als rückständig und unfähig zum Strukturwandel galt, macht man sich auf, mit der readbox den Literaturbetrieb (endlich) auf den Stand zu bringen, den uns der User Generated Content auf vielen anderen Feldern längst ermöglicht.

Ist es nicht komisch, dass uns bei all dem Hochladen, Kommentieren und Bewerten von Fotos und Videos auf diverse Plattformen nicht aufgefallen ist, dass genau das bei der Literatur (noch) nicht geht?

Rund um die Literatur ist ja schon Einiges entstanden, etwa das Tagging literarischer Orte, wie uns gerade Mario Sixtus sehr schön ins Gedächtnis ruft. Daneben stehen Diskussionsplattformen, auch wenn diese sich, genau wie Handlungsreisen.de, noch auf das gedruckte Buch beziehen.

Die readbox ist somit ein ziemlich radikaler Schritt. Und bemerkenswert ist, dass die Gründer nicht aus der Verlagswelt stammen. Zudem ist ihr Konzept meines Wissens nach noch ohne Vorbild und somit keine Kopie einer amerikanischen Idee! Und das sollte uns im Land der Dichter und Denker doch optimistisch stimmen, oder?

Print is deadIst Ihnen auch schon aufgefallen, dass sehr viele der Internet- und Web 2.0-Vordenker in den USA zwar eifrig bloggen, twittern und facebooken, daneben aber auch noch ganz normale Bücher schreiben? So gesehen hat das gedruckte Buch wohl doch noch eine Zukunft!

Allerdings lassen sich bei Werbung und Vermarktung von Büchern über das Internet erhebliche Unterschiede feststellen: Von der klassischen Titelpräsentation bis hin zu viralen Kampagnen ist sehr vieles möglich. Deshalb hier der Versuch einer Kategorisierung:

  1. Verlage 1.0: In diese Kategorie fallen Verlage wie das Traditionshaus Suhrkamp, die ihr Verlagsprogramm noch ganz im Stil des “Web 1.0″ darstellen. Jegliche Elemente des Web 2.0 fehlen, seien es eine Kommentarfunktion oder auch Podcasts.
  2. Verlage 2.0: Hier ist man schon weiter und setzt die neuen Funktionen des Web 2.0 (allerdings ganz unterschiedlich dosiert) ein. Bei Klett-Cotta gibt es das Verlagsblog, Rowohlt setzt auf multidimensionale Werbung und auch Diogenes hat mit Paulho Coelho einen bloggenden Autor im Programm, der gleich alle Register (selbst) zieht.
  3. Autoren 2.5: Paulo Coelho stellt eine geschickte Überleitung in eine weitere Kategorie dar, die bewusst nicht mehr das Wort “Verlag” in der Bezeichnung führt. Hier sind Autoren gemeint, die die Vermarktung ihrer Bücher nicht dem Verlag (oder dem Zufall) überlassen, sondern selbst gezielt das Web 2.0 für ihre Zwecke nutzen. Aktuelles Beispiel ist Joseph Jaffe, der sein neues Buch u. a. über Facebook lanciert hat. Autoren mit Kultstatus (im Web) haben es (noch) leichter: David Weinberger brauchte für sein aktuelles Buch nicht viel zu machen: Technorati listet über 1.000 Blogs auf, die das Buch in der einen oder anderen Form besprochen haben.

Werden Verlage deshalb überflüssig? Wohl kaum. Denn nicht jeder Autor erreicht den Status eines Jaffe oder Weinberger (die zudem beide Universitäts-Professoren sind). Dennoch sollten Verlage aufpassen: Vom anderen Ende des Marktes her (also dem Long Tail) kommen Plattformen wie die readbox, die für Autoren ein wichtiges Instrument des Marketings sein können. Und wer dort Erfolg hat, aber keinen Verlag, wählt eben einen Print-on-demand-Anbieter als Partner.

Der “Flaschenhals” wird künftig ganz eindeutig die Kompetenz der Vermarktung sein. Ein weiteres aktuelles Beispiel dazu liefert uns Jeff Gomez, der sein bald erscheinendes Buch mit dem bezeichnenden Titel “Print is dead” mit Textauszügen und Podcasts auf seinem Blog bewirbt.