Charlene Li hat es gut auf den Punkt gebracht: “Social Networks will be like air”. Und Luft zum Atmen braucht schließlich jeder. Das erklärt uns, warum Twitter einfach unentbehrlich ist. Die Kritiker haben sich derweil offenbar zur New York Times zurückgezogen und warnen von dort aus, dass es mit Twitter ähnlich gehen könnte wie dem Surfer oben im Bild.
Zur rechten Einschätzung von Twitter helfen aber weder die unkritische Euphorie, noch die Schwarzmalerei. Ich denke deshalb, dass man mit einer Typologie der User klarer sehen kann. Denn es ist ganz offensichtlich, dass sich auf Twitter unterschiedliche Muster des Gebrauchs herausgebildet haben, die für dessen weitere Entwicklung eine Prognose zulassen:
- Privat twittern im kleinen Kreis: Einige Mitglieder nutzen den Dienst, um mit einem relativ eng gefassten Personenkreis in Kontakt zu bleiben (meist deutlich unter 100 Personen). Die Öffentlichkeit des Mediums nehmen sie dabei in Kauf. Hier besteht die Gefahr, dass Twitter diese privaten Kreise langfristig an andere Social Networks verliert, sofern diese eine ähnliche Funktionalität bieten und dabei die Privatsphäre besser wahren können. Facebook könnte mit seinem neuen Newsfeed ein Kandidat sein, andere mögen folgen.
- Ambient Intimacy Twittering: Diese Mitglieder nutzen Twitter ganz im Sinne der ersten Stunde, als man weitläufige Kontakte über Twitter pflegte und der Umgangston relativ privat war. Hierfür prägte Leisa Reichelt den Begriff der Ambient Intimacy. Twitterer dieser Kategorie haben keine Berührungsängste vor großen Zahlen und folgen auch schon mal über 1000 Personen. Allerdings ist hier zu beobachten, dass stellenweise ein Umdenken einsetzt und man wieder deutlich weniger Personen folgt (Qualität vor Quantität). Dennoch twittert diese Gruppe ausgeprochen intensiv und bildet damit eine wesentliche Stütze für Twitter. Allerdings ist ihr Kommunikationsverhalten nicht jedermanns Sache. Wer glaubt, dass das rasch zum Mainstream-Phänomen wird, dürfte sich gründlich täuschen.
- News Agency Twittering: Unter diesen Begriff fasse ich eine derzeit rasch wachsene Personengruppe auf Twitter zusammen, die von der Begeisterung darüber getragen wird, dass Twitter hervorragend als ein sehr schneller und effizienter Kanal für verlinkte Nachrichten genutzt werden kann. Twitter ist hier eine (kostenlose) Nachrichtenagentur, die erstaunlich gute Ergebnisse liefert. So faszinierend dieser Aspekt von Twitter auch ist und so stark sich manche Personen hier engagieren, als Massenphänomen taugt es (ebenfalls) nicht. Die meisten Menschen haben weder die Zeit noch das Interesse, permanent online zu sein um neue Meldungen zu sichten und auf ihre persönliche Relevanz zu überprüfen.
- Marketinggetwitter (aka Twitterspam): Ein weiteres, sehr junges Phänomen auf Twitter ist dessen Gebrauch als Marketingkanal. Hier dürfte tatsächlich ein großes Potenzial liegen. Allerdings muss Twitter aufpassen, das es mit seinem eigenen Geschäftsmodell hier noch irgendwo Platz findet, anstatt auf Dauer nur als kostenloser Infrastrukturanbieter zu fungieren. Der Marketingeuphorie muss zudem entgegengesetzt werden, dass jeder Anbieter genau prüfen sollte, ob seine Zielgruppe Twitter überhaupt nutzt. Aktuell düften in Deutschland gerade die Medien mit ihren neuen Twitteraccounts tendenziell einer Fatamorgana hinterher laufen. Denn noch fehlen die nötigen Mengen an Usern, um all die Eilmeldungen von Spiegel, das Gewitter der Wirtschaftswoche oder die Einzelaccounts von Redakteuren und Journalisten auf Dauer zu rechtfertigen.
- Statustuningwerkstatt: Diesen Begriff habe ich kurzerhand bei Michael Seemann (mspro) entlehnt, der damit eine derzeit auf Twitter durchaus häufiger anzutreffende Personengruppe beschreibt, die das Medium im Prinzip nur zur Selbstvermarktung nutzt und der ihr Mitläufertum gar nicht weiter auffällt. Man twittert, weil es gerade in Mode ist. Anders als mspro denke ich aber, dass Twitter daran keineswegs zugrunde gehen, sondern unbeeindruckt weiter existieren wird. Spätestens mit dem Abflauen des Medienhypes um Twitter wird von den “Statustunern” nur noch wenig zu sehen sein.
- Twittern ohne Fortune: Schließlich gibt es auf Twitter auch einige Mitglieder, die nicht in den Flow des Mediums finden und entweder nur sehr sporadisch mitwirken oder das Twittern nach einer Weile wieder aufgeben. Das ist nicht weiter schlimm, zeigt aber, dass Twitter nicht alle Menschen gleichermaßen anspricht.
- Collaboration Twittering: Der Vollständigkeit halber sei hier auch das Microblogging innerhalb von Firmen bzw. Projektgruppen genannt, auch wenn es meist nicht auf Twitter stattfindet (weil zu öffentlich). Für die Einschätzung von Twitter ist das Collaboration Twittering aber nicht unerheblich, denn wenn es sich innerhalb von Unternehmen als Tool durchsetzt, kann man daraus auch schließen, dass Twitter selbst kein vorübergehendes Phänomen sein wird. In ersten Ansätzen ist dies erkennbar, wenn auch noch nicht als wirklich zuverlässiger Trend.
Im Ergebnis zeigt diese Betrachtung, dass Twitter auf längere Sicht nicht das Medium der Massen sein wird, sondern eher das Instrument einer hoch vernetzten Informationselite bleiben dürfte. Gut möglich, dass viele User auf Dauer sogar bereit sein werden, für die Nutzung von Twitter zu bezahlen.
Denn Twitter ist unter den Social Networks absolut einzigartig mit seinem Konzept des Following. Anstatt wie auf den herkömmlichen Netzwerken reziproke “Freundschaften” zu schließen, folgt auf Twitter jeder wem er will. Reziprozität ist natürlich auch möglich, aber keine zwingende Erfordernis. Das schafft ein ungleich dynamischeres Beziehungsgefüge als auf allen anderen Netzwerken.
Twitter ist eine herausragende Innovation und seiner Zeit weit voraus. Man sollte es sich auf die nächsten Jahre aber nicht zu groß denken, zumal die Wettbewerber wie Pilze aus dem Boden schießen werden, sobald ein tragfähiges (und auch imitierbares) Geschäftsmodell sichtbar wird…














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