Kulturwandel

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Oliver Belikan kritisiert hier in den Kommentaren völlig zu Recht, dass sich das “Web 2.0 Umfeld” zu sehr mit sich selbst beschäftige und etwa dem Mittelstand keine wirkliche Nutzenperspektive vermittle. Klar ist auch: Die “Stimme” des Web 2.0 ist in Deutschland noch sehr marketinglastig und mit einem Corporate Blog in deutscher Sprache ist einem weltweit exportierendem Mittelständler nicht geholfen.

Warum also dennoch (endlich) ins Web 2.0 aufbrechen?

  1. Wegen der Zeitersparnis und Effektivität: Blogs, Wikis und RSS können in einem Unternehmen helfen, sehr viel Zeit zu sparen. Dabei sind diese Instrumente kein Selbstzweck, sondern helfen, etwa Daten rund um die Nachfolgeregelung besser zu strukturieren, Ideen zur Kostensenkung zu sammeln und weiter zu entwickeln, internationale Vertriebsprojekte besser zu steuern oder auch Informationen zur Produktpiraterie zu bündeln und besser zugänglich zu machen. Christiane Schulzki-Haddouti formuliert es so: “Auffallend ist, dass ein Wiki grundsätzlich alle Aktivitäten von Wissenarbeitern unterstützt“.
  2. Wegen der Medienkompetenz: Das Internet ist keine abgeschlossene Sache, ganz im Gegenteil: Es hat gerade erst so richtig begonnen! Wenn Unternehmen aber auf dem Kenntnisstand des Web 1.0 verharren, machen sie einen strategischen Fehler. Sie verlieren dann nämlich langsam aber sicher den Anschluss. Wer das Web 2.0 nicht kennt, dem fehlt ein ganzes Set von Tools, mit denen man seine Produktivität steigern kann – sowie das Grundlagenwissen für all die Dinge, die im nächsten Jahrzehnt kommen werden.
  3. Wegen der Konnektivität: Noch hängen ja weite Teile des Mittelstandes dem alten Ideal nach, alles selbst machen zu können. Dabei wird unsere Welt immer dynamischer und komplexer. Erfolgreiche Unternehmen brauchen deshalb ein Netzwerk an vielfältigen Beziehungen, Zugang zu interessanten Informationen und ein Ohr am Puls der Zeit. Und wer wollte bestreiten, dass sich vieles davon sehr effizient über Social Software (und Networks) organisieren lässt?
  4. Wegen des Kulturwandels: Das Web verändert nicht nur Geschäftsmodelle, es stellt auch die alten Unternehmenskulturen auf den Kopf. Der Trend geht klar weg von den hierarchischen Strukturen und hin zu flachen Netzwerken. Wäre es da nicht an der Zeit, sich schon mal behutsam einzuüben und mit einem Wiki oder ein paar (internen) Blogs den unvermeidlichen Wandel der Zeit einzuläuten?

Der Mittelstand muss also sehen, dass das Web 2.0 Teil eines größeren Ganzen ist, das unsere Art zu Leben und zu Arbeiten im 21. Jahrhundert grundlegend verändern wird. Sich damit zu befassen ist keine Nebensächlichkeit.

Letzte Woche hat es wieder mal einen Blogger erwischt und keinen Unbedeutenden: Stefan Niggemeier sah sich mit einer Abmahnung konfrontiert, weil jemand auf seinem Blog einen Kommentar abgegeben hatte, der offensichtlich eine Rechtsverletzung eines Unternehmens enthielt. Zwar hat Stefan Niggemeier den zweifelhaften Kommentar schnellstmöglich von seinem Blog entfernt, dem betroffenen Unternehmen reichte das aber nicht und so nahm die Sache ihren Lauf.

Die rechtliche Seite dieses Vorgangs beleuchtet Carsten Ulbricht in seinem Blog, das Blogosphärische behandelt Robert Basic auf seine unnachahmliche Art. Gibt es da noch etwas, das nicht schon gesagt gebloggt wäre? Ich denke schon.

Hier geht es ganz wesentlich um Marketingpolitik und das Unternehmensimage. Mit dem Aufkommen des Web 2.0 rutschen Unternehmen in ein Dilemma, da sie nun gewissermaßen die Kontrolle über ihre Darstellung in der Öffentlichkeit mehr und mehr verlieren. Wo gebloggt und kommentiert wird, wo selbstgedrehte Videos auf Plattformen hochgeladen werden und alles zusammen untereinander fröhlich verlinkt und getaggt wird, da fällt es immer schwerer den Überblick zu behalten und ggf. Falschmeldungen, Verunglimpfungen oder sonstige Manipulationen aufzuspüren und ihnen entgegen zu treten.

Vor allem: Wie tritt man solchen Rechtsverletzungen am besten entgegen? Und genau da scheint mir so eine Art “Kampf der Kulturen” im Gange zu sein. Die eine Kultur hält es für das Beste mit den klassischen Methoden zu arbeiten, also Anwälte zu beauftragen und Abmahnungen zu verschicken. Die andere Seite hält mit dem Web 2.0 dagegen und vertraut auf eigene Kommentare (im Sinne von Gegendarstellungen) oder besser noch Blogartikel (so man über ein eigenes Blog verfügt und dessen Stimme ausreichend stark wahrgenommen wird).

Grundsätzlich ist das kein rein deutsches Phänomen, sondern eine globale Frage. Ross Dawson aus Australien schreibt ganz aktuell dazu in seinem Blog, gerade als ob er den aktuellen Fall hier bei uns live mitverfolgt hätte. Natürlich schlägt er sich auf die Seite der “Web 2.0 Kultur” und hält rechtliche Schritte für eher unwirksam.

Möglicherweise liegt er mit dieser Ansicht richtig. Und gut möglich ist auch, dass eine Abmahnung für einen längst entfernten Blog-Kommentar (der also nur wenige Stunden online war) eine Überreaktion darstellt, die mit der darauf erst einsetzenden, öffentlichen Debatte eher zum Eigentor für das eigene Image wird – ungeachtet der rechtlichen Lage. Hätte man im vorliegenden Fall die Sache auf sich beruhen lassen (weil der Kommentar ja sehr schnell wieder gelöscht worden war), wäre das vermutlich für alle Beteiligten besser gewesen (ausgenommen vielleicht für den Anwalt).

Fazit: Recht haben (im juristischen Sinn) ist eine Sache, das Unternehmensimage eine andere. Und ein “Kampf der Kulturen” gerät schnell zum sinnlosen Grabenkampf, bei dem es keine wirklichen Gewinner gibt.