Kreditkrise

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Wird es in Frankfurt im Jahr 2020 so aussehen wie heute in Detroit? Mit vielen aufgegebenen und verfallenden Hochhäusern? Ich wünsche es der Metropole am Main nicht, aber eine Wette würde ich darauf nicht abschließen wollen. Denn der Finanz- und Bankensektor steckt in einer beispiellosen Krise.

Nach dem Platzen der amerikanischen Immobilienblase und dem Zwischenspiel um Bernie Madoff zeigt sich, dass die Banken nicht nur faule Immobilienkredite, sondern auch sonst noch reichlich “Giftmüll” in ihren Bilanzen stehen haben.

Bereits im November war auf Querschüsse zu lesen:

Das Ende des Kreditzyklus, eingebettet von der abzubauenden Entkopplung des Derivate-Marktes von der Realwirtschaft, wird die Derivate-Pyramiden auf den Boden der Realität zurückholen, da viele, der ihnen unterlegten “Werte” worauf diese Finanzwetten basieren, kollabiert sind! Der Markt, getrieben vom Deleverage Effekt, wird das Ende des Schneeballsystems erzwingen!

Das Ende von Schnellballsystemen ist grundsätzlich gut, wenngleich im Fall der Kredit- und Bankenkrise damit ein Schaden von extremen Ausmaß einhergeht. Dieser Schaden ist so groß, dass die derzeit laufenden Maßnahmen diverser (aller?) Regierungen zu Rettung und Stabilisierung der Banken nur eine aufschiebende Wirkung haben, wie Thorsten Polleit (Wirtschaftliche Freiheit) feststellt.

Aktuell werden denn auch schon deutlich radikalere Mittel diskutiert: Willem Buiter (ft.com/maverecon) empfiehlt jetzt die vollständige Verstaatlichung aller Banken. Ähnlich argumentiert Felix Salmon (Portfolio.com) aus amerikanischer Perspektive.

Meine Einschätzung ist, dass wir wohl auf ein solches Szenario zusteuern. Denn eines ist klar: Alle Banken zusammen haben mehr an faulen Risiken aufgehäuft, als von den Regierungen mittels Subventionen, Krediten oder Beteiligungen aufgefangen werden könnte. Zudem ist festzustellen, dass kritische Beobachter der Staatsverschuldung argwöhnisch darüber werden, ob denn die vielen Bailouts und Konjunkturprogramme auf Pump nicht im Staatsbankrott enden müssen. Die deutsche Situation hat Günter Hannich (MMnews) gut aufbereitet, lesenswert aus amerikanischer Perspektive ist die Darstellung von Risk Affine.

Die Auswirkungen der amerikanischen Subprime-Krise allein hätten also die Regierungen mit konventionellen Methoden auffangen können. Nicht aber zusätzlich noch das “Derivate Casino” sowie die abstürzende Konjunktur: Das bringt selbst robuste Staaten (und ihre Währungen) an den Rand des Bankrotts.

Einen Staatsbankrott werden aber weder Barack Obama noch Angela Merkel wollen. Es bleibt also spannend. Denn spätestens im Frühjahr wird sich nicht mehr verbergen lassen, dass die meisten großen Banken völlig in den Seilen hängen und Finanzspritzen allein nicht weiterhelfen. Dann wird aber auch klar sein, dass die Regierungen nicht laufend neue Rettungspakete in beliebiger Höhe schnüren können!

Als Trost zum Schluss: Umair Haque (Edge Economy) hat schon mal eine “Gebrauchsanweisung für das 21. Jahrhundert” geschrieben. Wer daraus ablesen kann, wie man in Frankfurt Ruinen à la Detroit verhindern kann, darf dies gerne hier in den Kommentaren diskutieren…

Was unterscheidet Wissen von Unternehmertum (Entrepreneurship)? George Gilder (auf Forbes.com) bringt es auf den Punkt: Wissen bezieht sich auf die Vergangenheit, Unternehmertum richtet sich an der Zukunft aus.

Bezogen auf die aktuelle Finanzkrise bedeutet dies nach Gilder, dass die etablierten Institutionen (in Politik, Wirtschaft und Finanzwesen) mit ihrem (überholten) Wissen die Weltwirtschaft nur immer weiter in die Vergangenheit zurücktreiben und das alles im Namen des Fortschritts.

Im Kern kämpfen nämlich in jeder Wirtschaft die bisher erfolgreichen Einrichtungen gegen die innovativen, neuen Kräfte, die nicht nur neue Unternehmen schaffen, sondern ganze Branchen und Märkte auf den Kopf stellen. Innovation ist demnach kein harmonischer, allmählicher Prozess. Innovation bringt vielmehr strukturelle Brüche mit sich, anstelle sanfter Übergänge.

Das Internet und die mit ihm aufs Engste verbundene Computertechnologie ist so eine innovative Kraft, die vieles (wenn nicht alles) verändert und in ihrer Ursache und Wirkung eben nicht mit dem Wissen der Vergangenheit erklärt (und gebändigt) werden kann.

So gesehen haben wir im Anlagen- und Maschinenbau, einer Branche in der die Relevanz des Internets bis heute weitgehend verkannt und ignoriert wird, gar keine Unternehmer am Werk, sondern nur noch Verwalter einer im Untergehen begriffenen Prosperität.

Aber etwa auch das Bildungswesen als überwiegend nicht marktwirtschaftlich organisierte “Branche”, sieht nicht gut aus: Schulen und Hochschulen stehen dem Internet und den neuen Ideen des eLearning immer noch recht skeptisch gegenüber und verteidigen lieber die alten Bastionen klassischen Wissens und der herkömmlichen Wissensvermittlung. Und wo die Argumente ausgehen, kommt man dann gerne mit den “Werten”…

Mir jedenfalls hilft das Konzept der Dualität von Wissen und Unternehmertum nach George Gilder, das ich im Blog von Sean Park (The Park Paradigm) gefunden habe. Denn es zeigt mir einmal mehr, wo ich selbst stehe und es hilft, Entwicklungen und Situationen besser zu deuten.

Hurra, die Börse brennt!” tituliert Thorsten Gieseler (Der Blogbeutel) einen Artikel mit Bezug auf den Wertpapierhändler Dirk Müller, weil die Kommentare auf YouTube zum Video keine Trauer oder Betroffenheit zeigen, sondern den Zusammenbruch der Finanzmärkte eher feiern.

Mir scheint, hier bricht nach dem ersten Schock über die Krise allmählich eine gesunde Erleichterung darüber durch, dass ein völlig aus den Fugen geratenes Finanz- und Wirtschaftssystem in Scherben fällt, nach dem Motto: Besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende…

Um es klar zu sagen: Hier soll kein vordergründiger Humor gefeiert werden. Zudem teile ich die Sorge von Thorsten, dass es am Ende die Kleinen und Schwachen treffen wird. Aber mir zeigen die Kommentare auf YouTube eben auch, dass den ganz normalen Leuten längst bewusst ist, dass hier viel mehr schief liegt und nun zutage tritt, als etwa nur eine (amerikanische) Subprime-Krise.

Im Kern betrifft es das gesamte Wirtschaftssystem, den “Kapitalismus”. Denn er hat ein Wesenselement in sich, das schon Karl Marx kritisiert hat: Die Konzentration von Macht und Geld in den Händen (weniger) Unternehmer. Dass zuviel Macht (und Gier) in den Händen relativ weniger Banker die aktuelle Krise ausgelöst hat, wird wohl niemand bestreiten.

Und historisch betrachtet, legte Karl Marx seinen Finger in die richtige Wunde, wenn auch die Verhältnisse lange gegen ihn sprachen. Denn seit der Industrialisierung bis hin zur Bildung eines breiten Mittelstandes nach dem zweiten Weltkrieg hatten fast alle Betriebe etwas Gemeinsam: An ihrer Spitze stand meist eine kluge Unternehmerpersönlichkeit mit sehr viel Wissen. Ihr gegenüber stand das Personal, das oft nur angelernt war und keine höhere Bildung besaß.

Dieser Typ von Unternehmen wies also nicht nur die von Marx kritisierte, einseitige Kumulation von Kapital auf (d. h. das Unternehmen im Besitz einer Familie oder von Aktionären), sondern zeigte auch eine sehr steile “Wissenspyramide”: Der Chef wusste extrem viel, die Arbeiter relativ wenig.

Während sich nun im Laufe des 20. Jahrhunderts an den Besitzverhältnissen der Unternehmen praktisch nichts änderte, wuchsen die Anforderungen an das Personal enorm an. So haben ungelernte Kräfte heute bekanntlich kaum noch eine Chance am Arbeitsmarkt, während Akademiker (insbesondere Ingenieure) Mangelware sind.

Fast alle Unternehmen funktionieren heute nur noch dank eines fachlich sehr hohen Wissenspools seitens der Mitarbeiter. Die Wissenspyramide ist also in den letzten Jahrzehnten immer breiter geworden, die “Eigentumspyramide” dagegen nach wie vor steil geblieben.

Mit dem Bild der beiden ungleichen Pyramiden lässt sich nicht nur die aktuelle Krise erklären, sondern vielleicht auch, warum in unserer Wirtschaft so viel von Unzufriedenheit am Arbeitsplatz bis hin zur inneren Kündigung die Rede ist: Den Mitarbeitern wird immer mehr abverlangt, an den Gewinnen jedoch sind immer nur wenige Spitzenmanager, Unternehmer oder Oligarchen beteiligt.

Vor diesem Hintergrund wundert mich übrigens auch nicht, dass Themen wie “Enterprise 2.0″ gerade in den mittelständisch geprägten Unternehmen nur schlecht vorankommen. Denn die latente Demokratisierung, die in den neuen Tools aus dem Web steckt, läuft im Grunde ja den (einseitigen) Macht- und Besitzverhältnissen zuwider. Hier kommen also Dinge zusammen, die nicht wirklich zusammen passen.

Das alles ist vielleicht schon etwas harter Tobak aus dem Mund eines Unternehmensberaters. Aber keine Sorge, ich predige hier keinen neuen Sozialismus oder Kommunismus. Die Lösungen sehen anders aus und es gibt sie! Mehr dazu im Laufe der Woche…

Eine der besten und verständlichsten Erklärungen zur aktuellen Finanz- und Bankenkrise habe ich eben bei Willi Schroll (future facts blog) gefunden. Weitere Infos dazu gibt es auf dem Marketplace, der Quelle des Videos:

eingebunden mit Embedded Video

Dabei zeigt sich ein ganz einfacher, aber verhängnisvoller Fehler: Die Ratings! Wieder einmal haben offenbar die Rating-Agenturen auf ganzer Linie versagt.

Don Alphonso (auf Rebellen ohne Markt) wagt einen sehr mutigen Blick nach vorn und wird von den Realitäten fast schon eingeholt: An seinem Szenario kann man sich relativ gut ausrichten. Nur die Sache mit dem Schweizer Franken nehme ich ihm nicht ab – oder war das als Witz gedacht? Die Schweiz ist ein kleines Land und hängt mit der UBS und der Credit Suisse tief im Sumpf mit drin. So hoch können die Berge dort gar nicht sein, wie diese Banken ebenfalls faule Papiere im Bestand haben dürften…

Mein Tipp: Dubai und andere Emirate. Wer jetzt noch Geld (flüssig) hat, könnte es dort parken und sehen, was passiert…

Die Krise ist da, wer wollte das noch bestreiten? In den USA kürzen die ersten kommerziellen Blogs schon ihre Belegschaft: Gawker Media streicht 19 Stellen, darunter 3 (von insgesamt 5) bei Valleywag. Die Begründung ist einfach, man rechnet für das kommende Jahr mit einem deutlichen Einbruch bei den Werbeeinnahmen (via Turi2).

Das ist ein ausgesprochen schlechtes Zeichen, da so die Krise leicht zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung wird: Wenn nur genug Unternehmen glauben, dass schlechte Zeiten kommen und deshalb anfangen, ihre Ausgaben zu kürzen sowie Investitionen aufzuschieben, ist die Krise schon da, egal wie die sonstigen Umstände aussehen!

Nur gut dass bei uns in Deutschland alles anders ist: Von kommerziellen Blogs ist ja weit und breit so gut wie nichts zu sehen, wer wollte da etwas kürzen? Statt dessen schreiben hier jetzt Blogger über Finanzfragen, von denen man das  früher so gar nicht gedacht hätte: Fefe macht jetzt auf Banken, der Werbeblogger analysiert die Finanzkrise und Don Alphonso reibt sich am Handelsblatt, das einen beunruhigenden Blogartikel über mögliche Ausfälle bei deutschen Banken schnell wieder hat verschwinden lassen.

Schöne Aussichten sind das. Und möge sich jeder seinen Humor bewahren, wir werden ihn noch brauchen

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