Journalismus

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Das Bloggen hat auch schon bessere Zeiten gesehen. TechCrunch etwa war vor noch nicht allzu langer Zeit so etwas wie der Mittelpunkt des Web 2.0, seine Artikel wurden mit Andacht und Respekt gelesen, kommentiert oder verlinkt. 

Inzwischen aber scheint sich das Blatt zu wenden, mag Michael Arrington noch so cool auf einem Segway durch die (neuen) Büroräume des Blogs fahren und gleichzeitig sein iPhone bedienen (einen Moment, den Robert Scoble nicht besser hätte fotografisch einfangen können).

Wer etwa diesen Gastartikel von Keith Rabois (Slide) liest und sich dann die Kommentare dazu anschaut, bekommt deutlich vor Augen geführt, dass die Leser unzufrieden sind. Nicht wenige Kommentare äußern offenen Unmut über die Qualität des Artikels und fordern bessere journalistische Standards ein!

“Seriously please hire some guy that went to journalism school, someone that can do some basic research, instead of some celebrity due who is blogging about his latest brain fart…”

So etwas wäre noch vor ein oder zwei Jahren undenkbar gewesen: Blogs waren etwas Besonderes und anders als die klassischen Medien, die das Internet ohnehin nicht verstanden. An Blogartikeln, zumal an denen von TechCrunch, gab es nichts zu kritisieren, allenfalls wurden die Thesen der Artikel kontrovers (in den Kommentaren) diskutiert.

Inzwischen ist das offenbar anders. Das Publikum ist heute anspruchsvoller und stellt insbesondere an die Flagschiff-Blogs hohe Ansprüche. Interessant ist dabei, dass die Kritiker explizit auf den Journalismus Bezug nehmen und dessen Basics, nämlich eine solide Recherche der Fakten, einfordern.

In der Tat hat der Gastautor in seinem Artikel in klassischer Blogmanier überhaupt nicht recherchiert, sondern einfach eine bemerkenswerte, aber auch recht gewagte These aufgestellt, die ihm die Leser so nicht mehr ohne Weiteres abkaufen. Sie wollen eine derart steile These belegt sehen!

Der Artikel mag ein Ausreißer sein. Ich stelle aber schon länger fest, dass sich in den Kommentaren von TechCrunch der Tonfall geändert hat. Er ist deutlich respektloser geworden. Ganz offenbar haben die Leser im Lauf der Zeit dazu gelernt und lassen sich nicht mehr jedes X für ein U vormachen.

Dazu gelernt haben aber auch andere Medien, wie etwa die New York Times oder auch Onlinemedien, die immer schon näher am klassischen Printstandard geschrieben haben (ZDNet, cnet…). Sie brauchten eine ganze Weile, bis sie die Tech-Blogs eingeholt hatten, punkten heute aber mit ihrer Verlässlichkeit und Faktentreue. 

Abseits der (auch in den USA) immer wieder aufflammenden Kontroverse zwischen alten und neuen Medien müssen also auch Blogs sehen, dass die Luft für sie dünner wird. Einfach drauflos schreiben ist kein Geschäftsmodell (mehr).

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Subventionen im Mediensektor sind nichts Neues: Das Modell der GEZ ist ja nichts anderes als eine Form der Subvention, auch wenn hier meist ein ganz anderes Vokabular verwendet wird. Für sehr lange Zeit war das auch ein recht gutes Modell, das dann aber mit dem Aufkommen der privaten Fernsehsender und erst recht mit dem Internet ein Glaubwürdigkeitsproblem bekommen hat.

Das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man über die Perspektiven des Onlinejournalismus spricht. Denn so gemütlich es sich die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten eingerichtet haben, so schwierig hat es derzeit die Presse – und das in ihrer gedruckten Form ebenso wie im Onlinebereich.

Wolfgang Michal (Carta) fasst den aktuellen Stand zum Onlinejournalismus gut zusammen und listet die diskutierten Modelle auf. Ein paar Seitenhiebe kommen dazu, etwa dieser hier, der u. a. auf mich gemünzt ist:

“Die Verfechter der marktwirtschaftlichen Modelle denunzieren jeden öffentlich-rechtlichen Gedanken als staats-sozialistischen Schwachsinn und wollen die Diskussion im Keim ersticken.”

Das kann ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen und denke deshalb explizit einen Schritt weiter. Wie können wir einerseits dem Medienwandel und der Medienkonvergenz im Internet gerecht werden, andererseits aber auch den Journalismus weiter bringen?

Pragmatisch gedacht ist klar, dass derzeit wenig Hoffnung auf eine Abschaffung der GEZ besteht. Eher schon werden in naher Zukunft weitere Teile des Medienbetriebs in der einen oder anderen Form subventioniert werden (siehe auch das “Vorbild” Frankreich). Wie aber könnte man den Onlinejournalismus fördern, ohne ihm gleich eine “soziale Hängematte” ohne Anreizstrukturen für Qualität (wie das heute bei der GEZ der Fall ist) zu bieten?

Das müsste mit einer Medienflatrate (oder -steuer) möglich sein. Nämlich dann, wenn die so eingenommenen Gelder strikt nach den Seitenaufrufen verteilt werden. Jeder Anbieter, der also von dieser Steuer profitieren wollte, müsste einen Zähler auf seiner Website akzeptieren, der die Seitenaufrufe exakt misst. Somit wäre gewährleistet, dass ich mit meinem Onlinekonsum Medien fördern könnte, deren Seiten ich auch tatsächlich nutze.

Anbieter dagegen, deren Inhalte kaum oder gar nicht zur Kenntnis genommen würden, bekämen so auch kein Geld! Damit würde verhindert, dass nutzloses Zeug dauerhaft subventioniert würde. Zudem wäre das Modell über alle Arten von Medien anwendbar, also nicht nur für den textbasierten Journalismus. Die GEZ könnte (endlich) abgeschafft werden, da ARD und ZDF dann ja ihr Geld über die neue Medienflatrate bekämen.

Im Einzelnen müsste man über dieses Modell noch genauer nachdenken und es stellenweise justieren. Denn so wie hier skizziert, bekämen vor allem große Portalseiten relativ viel Geld während kleine Anbieter eher leer ausgingen. Das liesse sich aber mit einem Algorithmus zugunsten der Kleinen korrigieren.

Zudem müsste man Zugriffe aus dem Ausland herausrechnen, da diese ja von der Medienflatrate nicht betroffen wären. Und schließlich müsste der Zähler auch eine Art Zeitkomponente enthalten, denn längeres Verweilen auf einer Seite (etwa beim Betrachten eines Videos), muss natürlich berücksichtigt werden.

Insgesamt könnte so durchaus ein Stück Mediengerechtigkeit erreicht werden, denn die Förderung träfe genau das, was auch wirklich konsumiert wird. Dem Onlinejournalismus wäre damit geholfen, wenn auch nicht jede heilige Kuh überleben würde…

Brauchen wir eine Art “Flatrategebühr für Internetprogramme”? Wolfgang Michal (Carta) hat unlängst eine solche Lösung vorgeschlagen, weil sich guter Journalismus anders nicht finanzieren ließe. Dabei sollten die Netzbetreiber einen Teil ihrer Einnahmen (stolze 25 %) an eine Internetanstalt öffentlichen Rechts abführen, die damit Blogger, Netzzeitungen und auch Musikgruppen finanzieren könnte.

In den Kommentaren auf Carta habe ich dem heftig widersprochen, worauf Wolfgang mich aufforderte, doch Alternativen zu nennen. Das versuche ich hiermit.

Horizontales Downsizing als Notwendigkeit

Ein wesentliches Problem speziell der Zeitungsverlage ist, dass es davon jetzt zu viele gibt. Die horizontale Vielfalt macht im Internet (leider) keinen Sinn mehr und dürfte eine der Ursachen dafür sein, dass sich Paid Content schwer bis gar nicht durchsetzen lässt: Wenn sehr viele das Gleiche anbieten, hat das Produkt am Ende eben keinen Preis mehr. Man bedenke: Nur weil es heute das Internet gibt, hat sich dadurch noch nicht automatisch die Nachfrage nach Nachrichten erhöht.

In dieser Situation ist es meiner Meinung nach falsch, nach Subventionen oder einer Finanzierung durch Gebühren (Flatrate-Abgabe) zu rufen: Denn sollten damit etwa mehrere Dutzend Zeitungsredaktionen alimentiert werden, nur weil die Redakteure und Journalisten alle gerne über die Politik in Berlin berichten und das als Qualitätsjournalismus und nützlich für die Demokratie ansehen?

Für die “Weiterentwicklung der Gesellschaft” wäre es deutlich besser, die Medienfachleute würden aus dem horizontalen Einerlei ausbrechen und statt dessen Chancen auf der vertikalen Ebene suchen: Regionalportale gibt es noch relativ wenig und auf diesem Feld könnte man noch wesentlich weiter gehen, wenn man etwa Elemente von Social Networks einbeziehen würde. Das Produkt wäre im Ergebnis halt etwas ganz anderes als eine “Zeitung”, aber wenn es sich wirtschaftlich rechnete?

Strukturen für den Paid Content

Klar ist: Praktisch jeder Anbieter von Nachrichten im Internet wird auch künftig ein Basisangebot kostenlos anbieten müssen. Warum aber nicht darauf aufbauend bestimmte Teile nur gegen Bezahlung zeigen? Das Wall Street Journal demonstriert, dass der vertikale Ansatz (also mehr Tiefe als Breite), dazu führen kann, dass ein Anbieter in einem Segment als maßgebliche Autorität wahrgenommen wird und er so auch weiterhin einen positiven Preis verlangen kann.

Diesen Ansatz hält übrigens Steve Rubel (Micro Persuasion) auch auf Blogs für anwendbar: Seiner Auffassung nach könnte etwa TechCrunch versuchen, bestimmte Nachrichten an Venture Capitalists exklusiv (bzw. vorab) zu verkaufen.

Ich bin mir sicher, dass wir in den nächsten Jahren in diese Richtung einige sehr interessante Entwicklungen sehen werden. Allerdings denke ich auch, dass die wenigsten davon aus den etablierten (und klammen) Verlagshäusern kommen werden, solange die Zeitungsleute sich nur als Meinungsmacher für ein breites Publikum sehen und nicht in spezielleren Zielgruppen denken wollen.

Personalisierung und Aggregation als Erlösmodell

Ein Ansatz, an den bislang noch niemand gedacht hat: Der einzelne Anbieter überschüttet seine Leser mit so vielen (kostenlosen) Meldungen, Videos und (langen) Artikeln, so dass diese den Überblick verlieren. Dann bietet man gegen Entgelt einen Personalisierungsdienst, bei dem aus der Überfülle sich jeder das für ihn Wichtige zusammenstellen lassen kann. Dass dieser Gedanke nicht ganz absurd sein kann, beweist die Übernahme von Socialmedian durch Xing.

Zudem sind Feed-Reader und RSS noch lange kein Mainstream, wenn sie es je werden: Neben den wenigen Lesern, die sich aus der Vielzahl der Medien ihr individuelles Menü zusammenstellen, dürfte deshalb eine Mehrheit auch künftig sich an einzelnen “Ankermedien” orientieren, die somit schon Chancen für personalisierte Angebote haben sollten.

Parallel dazu zeigen Dienste wie TechMeme oder Rivva, dass im Bereich der Aggregation Einiges zu machen ist. Aber auch hier stehen sich Journalisten eher wieder selbst im Weg, weil sie meist nur daran denken, Nachrichten selbst zu fabrizieren und niemand das Sichten, Zusammenfassen und Verknüpfen als mögliche Dienstleistung sieht.

Decision Enabling

Diesen Punkt hatte ich neulich schon hier im Blog ausführlich behandelt. Auch hier geht es nicht so sehr um Nachrichten an sich, als eher darum, was man damit noch machen kann. Etwa Entscheidungsträger darin unterstützen, bessere Entscheidungen zu fällen. Ein erster Punkt dazu wäre, Kommentare (ohne vorherige Anmeldung) zu allen Artikeln zu ermöglichen. Erstaunlich eigentlich, dass noch längst nicht alle Medien das anbieten.

Fazit

Wege gibt es etliche, wenn auch alle noch mit Unsicherheiten behaftet. Der Kern des Problems liegt eher darin, dass Journalisten, Redakteure und Verlagsunternehmer die neue Welt digitaler Möglichkeiten viel zu sehr durch ihre alten Brillen betrachten – oder um es mit den Worten von Marc Andreessen zu sagen (gefunden bei Dirk von Gehlen), “The people who made horse carriages were not the ones who started car companies.” Muss sich die Geschichte wiederholen?

Abschließend noch eine Empfehlung: Elias Bizannes (Liako.Biz) hat einen sehr guten Artikel darüber geschrieben, wie Michael Arrington zum Blogger wurde. So entstehen Medien und Meinungsmacher heute!

Logo Aktion 3 unbekannte BlogsJan Tißler hat ein Herz für das lange Ende (Long Tail) der Blogosphäre und ruft dazu auf, drei Blogs vorzustellen, die kaum jemand kennt. Nun ist das ja so eine Sache mit dem “kaum kennen”, denn so richtig einschätzen lässt sich das natürlich nicht.

Zudem sollten sich gute Inhalte dank Web 2.0 ja von selbst verbreiten und damit ein tolles Blog auch ganz automatisch bekannt werden können. Tatsächlich funktioniert dieser Effekt nicht immer. Das hängt meist an fehlenden Links. Nicht wenige Blogs und insbesondere Corporate Blogs sparen am Setzen von Links und werden deshalb auf anderen Blogs auch nicht wahrgenommen. Doch genug davon, hier meine Empfehlungen:

Sounds + Food ‘n’ Retail

Vincent van Wylick schreibt seit einigen Monaten ein sehr interessantes Blog: Sounds + Food ‘n’ Retail. Ein paar deutsche Leser mehr kann er sicher noch verkraften. Und wer als Leser nicht immer nur über Apple, Google und all die Wunder des Web 2.0 informiert werden möchte, kann bei Vincent etwas über Gastronomie, Musik, Einzelhandel und Geschäftsmodelle in diesen eher klassischen Bereichen (”Old Economy”) lesen. Vincent lebt in Rotterdam und plant ein Projekt im Bereich Erlebnis-Gastronomie.

wandelweb.de

Paul Bayer hat ein Blog begonnen, von dem ich sehr angetan bin: wandelweb.de. Ihm geht es um Prozessoptimierung, mit einem sehr deutlichen Hang zu den japanischen Methoden der kontinuierlichen Verbesserung. Und dahinter steht die Philosophie des Zen-Buddhismus, die auch das Blog mitprägt. Dass hier ein echter Bayer bloggt (nicht nur dem Namen nach!), würde man kaum vermuten. So weit sind wir schon mit der Globalisierung…

Grenzpfosten

Florian Ranner schreibt “im Grenzgebiet” von Online, Journalismus und PR und sein Blog nennt sich deshalb Grenzpfosten. Nun gibt es ja in diesem Bereich schon jede Menge andere (und sehr prominente) Blogs. Wozu also den Grenzpfosten lesen? Ganz einfach: Hier ist nicht alles tierisch ernst gemeint, Humorvolles und Ernsthaftes halten sich schön die Waage. Außerdem widersteht Florian (besser als ich) der Versuchung, den üblichen Themen-Trends anderer Blogs zu folgen und kommt stattdessen mit viel originären Beiträgen. Wenn das kein Grund ist!