Jaiku

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Ohne Zweifel bilden die Vereinbarungen von Twitter und Facebook einerseits und Suchmaschinen wie Bing und Google andererseits einen Meilenstein für das Echtzeitinternet (Real Time Web). In diesen Kontext passt der Vortrag des Finnen Jyri Engeström wie gerufen.

Er sprach in Schweden auf der “Really Realtime Disruptive Media Conference” über die Perspektiven des Internets und unsere Wahlmöglichkeiten angesichts der Tatsache, dass mit dem Real Time Web immer mehr Content auf relativ geschlossenen Plattformen (wie Facebook oder Twitter) landet, den wir als User samt dem Beziehungsgefüge, das wir dort aufbauen, kaum exportieren können, sollte einmal ein solcher Dienst seinen Betrieb einstellen.

In diesem Sinne ist dieser Vortrag des Jaiku-Mitgründers Jyri Engeström hochpolitisch. Sehenswert ist er aber auch für seine technische Vision eines Internets, in dem nicht nur Mitteilungen über mehrere Plattformen verteilt publiziert werden können, sondern auch Antworten und Kommentare dazu nicht beim jeweiligen Dienst “festgehalten” werden, sondern ebenfalls überall dort erscheinen können, wohin auch die Ausgangsbotschaft ihren Weg fand.

twitter logoWer mich kennt, weiß dass ich kein großer Freund von Twitter bin. Noch nicht. Denn das Medium scheint zu wachsen, Nico Luchsinger nennt aktuell die Zahl von 800.000 Usern. Der Zuspruch ist also nicht zu bremsen und das Einzige was fehlt, ist ein funktionierendes Geschäftsmodell.

Der Ruf nach Werbung ist allerdings wenig originell: Das Bonsai-Format von Twitter lässt da nicht viel Raum und ich meine, dass Werbeunterbrechungen den freien Fluss der Kommunikation empfindlich stören könnten. Da muss schon ein anderes Kaliber her. Warum kauft nicht ein Unternehmen wie die IBM den Dienst und führt ihn einfach weiter wie bisher?

Finanziell würde sich das nicht rechnen. Aber das sollte gar nicht das Ziel sein: Twitter ist heute eine angesehene Marke, die bei den Anhängern des Web 2.0 einen sehr guten Ruf hat. Wer Twitter kauft, kauft also Image.

Aber nicht nur das. Marcel Weiß hat mich wieder darauf gebracht, dass Twitter auch zu den offenen Plattformen gehört, die eine Schnittstelle für Entwickler bieten. Und genau da wird es interessant: Twitter als unbestrittener Marktführer in seinem Segment bietet also ein Fundament (und die Norm) für vielfältige Dienste, bei denen nicht alle kostenlos sein müssen.

Ein Beispiel: Denkbar wäre es, die “Twittersphäre” von einer semantischen Software scannen zu lassen um daraus Stichworte, Themen und Tendenzen herauszulesen, die eine globale Technik- und Informationselite bewegt. Das wäre Marktforschung 2.0, bei der die so gewonnenen Daten aufbereitet, aggregiert und erweitert dann teils in Trendreports verkauft, teils auf einer werbefinanzierten Plattform veröffentlicht werden könnten.

Meine Vermutung, dass Dienste wie Twitter nie zu einem Phänomen der breiten Massen werden, wäre so gesehen gar nicht schlimm: Der wirtschaftliche Wert läge dann gerade in der Fokussierung auf eine kleine, aber homogene Usergruppe. Das genaue Gegenteil von MySpace und Facebook also.

Bleibt die Frage nach dem Preis für einen Kauf von Twitter. Würde man das Niveau von Facebook auf Twitter anwenden, käme man in den Bereich von 300 Mio $, wenn man die Nutzerzahl als grobe Relation zu Grunde legt. Das ist immer noch eine Menge Holz, aber für einen großen Investor leicht zu stemmen.