Internet

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Das mobile Internet ist in aller Munde, nicht zuletzt nachdem MorganStanley im Dezember 2009 eine Studie dazu veröffentlicht hat, die allerdings jedes normale Maß sprengt. Wer es gern etwas kompakter mag, kann hier meine Sicht auf die Dinge durchblättern.

Ganz entscheidend scheint mir, dass mit dem mobilen Internet die Dominanz der “normalen Webseiten” zu Ende gehen wird: Bislang sind die Inhalte des Web darauf ausgelegt, mit den Bildschirmen von PC’s bzw. Notebooks betrachtet zu werden. Smartphones, aber auch Tablets und E-Reader werden das ändern, nicht nur wegen anderer Bildschirmgrößen, sondern auch wegen ihrer zusätzlichen Features (Lagesensor, Kamera, Akzelerometer, Kompass…), die sehr viel weiter gehende Anwendungen möglich machen, als der klassische PC.

Auf Carta, wo ich diese Präsentation ebenfalls veröffentlicht habe, wurde mir in den Kommentaren vorgehalten, meine Darstellung sei zu Gadget- bzw. Apple-lastig. Klar ist aber, dass die Hardware eine ganz entscheidende Rolle spielt: Ohne attraktive und praktikable Geräte bleibt das mobile Internet nur Theorie. Genau an diesem Punkt hat Nokia gegenüber Apple eine wichtige Schlacht verloren, als 2007 sowohl das Nokia N95 als auch das iPhone auf den Markt kamen.

Aus europäischer Sicht ist es ohne Zweifel bedauerlich, wenn das mobile Internet derzeit überwiegend in den USA und Asien gestaltet wird. Spannend ist das Thema trotzdem…

Ohne Zweifel bilden die Vereinbarungen von Twitter und Facebook einerseits und Suchmaschinen wie Bing und Google andererseits einen Meilenstein für das Echtzeitinternet (Real Time Web). In diesen Kontext passt der Vortrag des Finnen Jyri Engeström wie gerufen.

Er sprach in Schweden auf der “Really Realtime Disruptive Media Conference” über die Perspektiven des Internets und unsere Wahlmöglichkeiten angesichts der Tatsache, dass mit dem Real Time Web immer mehr Content auf relativ geschlossenen Plattformen (wie Facebook oder Twitter) landet, den wir als User samt dem Beziehungsgefüge, das wir dort aufbauen, kaum exportieren können, sollte einmal ein solcher Dienst seinen Betrieb einstellen.

In diesem Sinne ist dieser Vortrag des Jaiku-Mitgründers Jyri Engeström hochpolitisch. Sehenswert ist er aber auch für seine technische Vision eines Internets, in dem nicht nur Mitteilungen über mehrere Plattformen verteilt publiziert werden können, sondern auch Antworten und Kommentare dazu nicht beim jeweiligen Dienst “festgehalten” werden, sondern ebenfalls überall dort erscheinen können, wohin auch die Ausgangsbotschaft ihren Weg fand.

flickr Tang Shan Bookstore Solertopazio

Nun hat auch der buchreport, eines der wichtigsten Fachmagazine für den deutschsprachigen Buchmarkt, ein eigenes Blog. Wozu das gut sein soll, ist aber nicht ersichtlich. Denn der Buchreport ist bereits mit einem umfangreichen Aufritt im Internet vertreten, der jetzt kurz vor der Buchmesse lediglich um die Kategorie “buchreport.blog” erweitert wurde. Layout und Kommentarfunktion entsprechen exakt den normalen Artikeln.

Das lässt darauf schließen, dass es keine Track- bzw. Pingback-Funktionalität gibt und auch das Blog selbst “blind” für eingehende Links sein dürfte. Wer kommentiert, kann zudem keinen Link auf ein eigenes Medium setzen und sich auch nicht via Twitter oder Facebook-Connect dazu einloggen. Kommentare werden erst nach Moderation freigeschalten, ein RSS-Feed fehlt.

Das ist schade, denn der buchreport hätte online eigentlich mehr verdient, zumal für das Blog eine ganze Reihe vielversprechender Autoren gewonnen werden konnten.

Technisch betrachtet wäre es besser gewesen, der buchreport hätte seinen gesamten Onlineauftritt neu konzipiert und sich dabei stärker in Richtung einer Experten-Community entwickelt. Damit wäre eine (stärkere) Differenzierung zwischen Print und Online sehr gut möglich geworden,  mit deren Hilfe man den Printkanal als Umsatzbringer erhalten und parallel dazu den Onlineauftritt als qualitative Ergänzung anderer Art hätte positionieren können.

In seiner jetztigen Form steht der buchreport vor dem gleichen Dilemma wie die meisten anderen (gedruckten) Medien auch: Was sie auf Papier teuer verkaufen, wird im Internet teilweise oder ganz verschenkt. Warum also kann man neben ein qualitativ sehr gutes Printmedium nicht im Internet ein gänzlich anderes Format setzen? Die Antwort darauf finden wir hier im vorhergehenden Artikel bzw. in den Ausführungen von Scott Karp: Viele Verlage verstehen zu wenig von der “Verpackung mittels Software”, als dass sie im Internet wirklich neue und attraktive Formate entwickeln könnten.

flickr Text MichaelRiedel

Wir haben wieder mal ein neues Grundsatzpapier bekommen, das Internet-Manifest. Nach dem Heidelberger Appell und der Hamburger Erklärung nun also 17 Thesen aus dem Munde von 15 Internetexperten, Bloggern bzw. Netz-Aktivisten. Keine schlechte Idee im Prinzip, nur die Umsetzung kann nicht überzeugen.

Unglücklich gewählt ist bereits der Titel des Manifests, da er sein Thema viel weiter fasst, als es die Thesen dann ausführen. Denn im Kern geht es um den Journalismus in alten und neuen Medien. Dieser Fokus hätte bereits im Titel ausgedrückt werden müssen und nicht erst in dessen Unterzeile.

Dann fällt auf, dass das Manifest die Übertreibung als Stilmittel nutzt. In These 3 etwa wird unterstellt, die Mehrheit der Menschen in der westlichen Welt nutze Social Media in ihrem Alltag. Das ist eine recht steile Behauptung, die der Glaubwürdigkeit des Manifests nicht wirklich förderlich ist. In die gleiche Kerbe schlägt These 9, wonach das Internet der neue Ort für den politischen Diskurs sei. Auch das ist nicht gerade geschickt formuliert und kann von den Gegnern des Internets spielend widerlegt bzw. instrumentalisiert werden.

Ein dritter Kritikpunkt trifft die Machart des Manifests: Der exklusiven und illustren Autorenrunde fiel nämlich erst nach der Veröffentlichung ein, dass man die Thesen auch in ein Wiki stellen und mit der “Generation Wikipedia” (These 17) diskutieren und “kollaborativ weiterentwickeln” könnte. Prompt haben Scherzbolde den Text aus dem Wiki entfernt und durch banale Einlassungen ersetzt, was dann wiederum rückgängig gemacht werden musste.

Schließlich wäre da noch der Tonfall des Manifests. Reinhard Karger nennt ihn “verquast hochnäsig” und hat damit recht. Müssen wir mit unseren Einsichten und Erkenntnissen immer so rechthaberisch daher kommen? Den Thesen hätte ein Tonfall gut getan, der einladend, neutral und stellenweise bewusst offen formuliert worden wäre. Denn das Internet ist noch keine abgeschlossene Sache: Im Grunde wissen wir nicht, was es uns für Entwicklungen im nächsten Jahrzehnt bringen und wie sich die Medienlandschaft damit dann darstellen wird. Mehr Demut im Manifest hätte deshalb vielleicht auch mehr Sympathie bringen können und damit helfen, Brücken zu schlagen.

Meine These vor diesem Hintergrund (”Behauptung Nr. 18″):

Das Internet wird ständig weiterentwickelt. Dabei entstehen nicht nur laufend neue Inhalte, sondern auch neue Formen ihrer Darstellung und der Interaktion. Parallel dazu verändert und entwickelt sich die Nutzung des Internets durch die Menschen mit individuell unterschiedlicher Geschwindigkeit und Intensität. In diesem Sinne darf niemand daran gehindert werden, das Internet zu nutzen oder an seiner Weiterentwicklung mitzuwirken, ebenso wie niemand daran gehindert werden darf, auf dessen Gebrauch zu verzichten.

Interessant und lesenswert finde ich auch den Beitrag von Martin Recke (Fischmarkt), weil er einen Bezug zum Cluetrain-Manifesto herstellt. Sehr ausgewogen ist der Text von Kai Biermann auf Zeit Online, während das (schon vor gut sechs Wochen publizierte) Nichepaper Manifesto von Umair Haque einen reizvollen Kontrast darstellt.

flickr-phare-de-lile-verte-michelphoto53-en-renovation

Die Zeichen sind nicht mehr zu übersehen: Eine ganze Reihe von Bloggern sind mit ihren Blogs nicht mehr so recht zufrieden. Allen voran der umtriebige Steve Rubel. Nun könnte man bei ihm noch unterstellen, dass er als PR-Guru (für Edelman) schon aus Marketinggründen immer auf dem Sprung sein muss. Aber der Virus hat auch unverdächtigere Naturen erwischt, etwa Frank Hamm. Oder auch Stowe Boyd, der schon mal ein Unwohlsein äußert, aber vorläufig noch nichts ändern will.

Die Ursache des Unbehagens und Suchens nach neuen Formen liegt in der Natur des Internets, das sich allmählich von einem statischen zu einem dynamischen Medium ändert. Steve Rubel drückt es so aus:

“The web is slowly moving from an architecture of pages, to one that looks like a stream.”

Ablesen kann man das auch an Diensten wie FriendFeed oder Twitter. Nicht zuletzt Facebook, das ursprünglich als statisch orientiertes Social Network gestartet ist, versucht immer wieder, seinem News-Feed eine zeitgemässe Dynamik zu geben. Auch FriendFeed geht immer wieder ein paar Schritte vorwärts und zusammen kann man das alles im Einzelnen gar nicht mehr nachvollziehen. Aber die Bewegung an sich hat Signalcharakter.

Ein weiteres Signal ist natürlich Google Wave und das im doppelten Sinn: Einmal die Ankündigung des neuen Produktes und dann auch die erstaunliche Resonanz (weltweit) darauf. Menschen organisieren spontan Treffen, um über Google Wave zu sprechen, während andere schulterzuckend daneben stehen und daran nichts Besonderes erkennen können. Siggi Becker erklärt dazu den größeren Zusammenhang so:

“Wer kein evolutionäres Weltbild hat, der kann diese Werkzeuge einfach nicht einordnen.”

Klar ist also, dass wir vor einem größeren Transformationsschritt stehen. Unbedingt erforderlich auf dieser nächsten Evolutionsstufe werden aber intelligente Filtertechniken sein. Denn so schön das Lifestreaming auch ist, wir müllen uns da nur gegenseitig zu. Schon heute ist Twitter tagsüber fast nicht mehr zu gebrauchen, weil viel zu viele Leute nur vermeintlich Wichtiges in die Runde werfen und selber gar nicht zuhören.

Das Web der nächsten Stufe wird also mehr sein, als nur ein “alles-hier-jetzt-sofort” in bunten Bewegtbildern. Es wird uns Dienste und Organisationsformen bringen, die ähnlich unserem Gehirn arbeiten, das neueren Erkenntnissen zufolge permanent am Rande des Chaos operiert. Vernetzung, sehr große Datenmengen, Filtertechniken und Intelligenz sind also die Stichworte für das, was in der Luft liegt…

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