Google

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Der Mann im Kapuzen-Sweatshirt ist eine schillernde Persönlichkeit: Musiker und (Ex-)Hippie einerseits, Venture-Capitalist und Buchautor andererseits. Im Silicon Valley ist Roger McNamee, Mitgründer von Elevation Partners, als einer der frühen Investoren in Facebook gut bekannt. Seine Aussagen über die Zukunft des Internets sind sehenswert, denn er lehnt sich weit aus dem Fenster und spart nicht mit provokativen Aussagen:

Eine längere Fassung des gleichen Vortrags, dieses Mal mit Sakko statt Kapuzen-Sweatshirt, gibt es hier (Fora.TV). Ein paar Anmerkungen aus meiner Sicht:

Seine Beobachtungen zu Microsoft und Google sind zweifellos bemerkenswert. Sie bedeuten aber nicht, dass die beiden Unternehmen in naher Zukunft einfach verschwinden werden: Sie verlieren nur ihre dominante Stellung, weil jetzt zunehmend andere Plattformen neben sie treten und damit die bislang monolithischen Strukturen einebnen werden (bei Betriebssystemen im Fall von Microsoft und bei alternativen Suchmöglichkeiten gegenüber Googles Suchindex).

Die starke Betonung von Apple und den Tablet-Computern enthält meines Erachtens einen Denkfehler. Tablets werden nicht so dominant werden, wie Roger McNamee vermutet, weil sie nur ein Element eines immer breiter und vielfältiger werdenden Hardware-Spektrums sind. Spielkonsolen erwähnt er gar nicht, vermutlich weil er keine Erfahrung damit hat. Auch das “Internet der Dinge” wird nicht thematisiert. Der Wesenskern der gerade ablaufenden Veränderung besteht also nicht darin, dass es jetzt Tablets gibt, sondern dass wir von immer mehr Gegenständen umgeben sind, die mit dem Internet Verbindung aufnehmen können.

Seine Betonung der Bedeutung von HTML5 ist sicher richtig. Im Vortrag auf Fora.TV gibt er dazu noch eine sehr interessante Antwort auf eine Frage aus dem Publikum, das Urheberrecht betreffend. Sinngemäß führt er aus, dass Raubkopien ein großes Problem waren und noch immer sind, tendenziell aber an Bedeutung verlieren werden, weil künftige Inhalte nicht mehr als einfach zu kopierende Dateien in Erscheinung treten werden, sondern als komplexe und vernetzte Strukturen, die sich schlicht nicht mehr kopieren lassen. Das ist in meinen Augen eine visionäre Aussage, die plausibel und spannend zugleich klingt!

Schließlich noch das Social Web. Hier sei alles gelaufen und Facebook als dominierender Akteur etabliert. Das darf man gerne hoffen, wenn man ein größeres Paket an Facebook-Aktien besitzt. Leider hat Roger McNamee hier nicht in die Zukunft, sondern nur in seinen Geldbeutel geschaut. Facebook ist bei weitem nicht die sichere Bank, um die sich alle anderen herum gruppieren müssen, auch wenn Mark Zuckerberg das sicher gerne so hätte (mehr dazu in Kürze hier im Blog).

Insgesamt ein sehr interessantes Video, das mich zu der Überlegung gebracht hat, ob die heute gängige Trennung in “Web 1.0″ und “Web 2.0″ nicht bald schon überholt sein wird. Aus der Zukunft rückblickend wird vielleicht neu eingeteilt: In die Phase, in der man praktisch nur mit einem PC bzw. Notebook in Verbindung mit einem Browser im Web unterwegs war (also von 1994 bis ca. 2007), und in die neuere Phase, in der das Web über eine Vielzahl von Geräten und über unterschiedliche Software-Modalitäten genutzt wird, bis hin zum Internet der Dinge, zu dem Smartphones und Tablets nur den Einstieg markieren.

Apple iPhone 4S

Als Apple das iPhone auf den Markt brachte, war dessen Touchscreen ein Triumph im leider viel zu kurzen Leben des Steve Jobs. Vier Jahre später kommt mit Siri ein Programm zur Sprachsteuerung auf das aktuelle iPhone (4S), mit dem der Touchscreen beinahe arbeitslos zu werden scheint: Man spricht jetzt mit dem Smartphone, wenn man telefonieren, Musik hören oder Informationen abrufen möchte. Ist das die Zukunft und Apple der Konkurrenz wieder mal um Längen voraus? Oder wird hier nur eine in den Geräten der Konkurrenz relativ ähnlich anzutreffende Technik sehr geschickt vermarktet?

Ob der Sprachsteuerung die Zukunft gehört, kann aus heutiger Sicht noch nicht zwingend mit “ja” beantwortet werden. Dagegen spricht der eigentlich erstaunliche Trend zur weniger Sprachtelefonie und mehr Kommunikation via Text auf mobilen Geräten. Die Menschen telefonieren nicht mehr so viel, sie schreiben sich lieber Kurznachrichten, Tweets oder E-Mails. Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass zumindest in der Öffentlichkeit diskrete (stille) Kommunikationsmittel lieber verwendet werden. Das aber ist nur eine Vermutung von mir. Würde sie zutreffen, hätte Siri wenig Chancen. Denn wer spricht schon gern mit seinem Mobiltelefon, wenn andere Anwesende alles mithören können, einschließlich vielleicht der laut gesprochenen Antwort von Siri?

Der Mensch von heute findet sich oft genug in Situationen wieder, in denen er zwar sein Mobiltelefon diskret und leise nutzen kann, wo eine laute (sprachbasierte) Kommunikation damit aber verpönt ist: In Besprechungen und auf Konferenzen, in Restaurants und Wartezimmern, in Wellness-Oasen und Museen. Dazu kommen Orte, wo lautes Sprechen zwar möglich, aber vielleicht unangenehm ist, weil fremde Menschen in nächster Nähe sind und alles mithören würden. Im Lift und in der Bahn, im Taxi und in der Warteschlange am Flughafen.

In unserer Kommunikation und den ihr zugrunde liegenden gesellschaftlichen Konventionen gibt es wohl einen Trend zum Gebrauch diskreter Instrumente. Dennoch schreibe ich Siri nicht vorschnell ab.

Denn da ist noch eine andere Komponente. Siri möchte auf ganz unterschiedliche Fragen mit einer präzisen und einfachen Antwort dienen. Damit steht der Traum von der kinderleicht zu nutzenden Wissensmaschine im Raum. Eigentlich würde man so etwas ja eher von Google erwarten. Aber der Suchmaschinenriese optimiert offenbar lieber seine lukrativen Werbeprogramme, anstatt die Ausgabe der Suchanfragen neu zu erfinden. Mit Android, der Software für mobile Geräte, hätte Google eigentlich die Chance dazu gehabt. Nun hat Apple die Gelegenheit ergriffen, auf diesem Gebiet die Vorreiterrolle zu übernehmen, vermutlich aus genau der Überlegung heraus, die Google hat zögern lassen: In einer präzisen Antwort auf eine konkrete Frage ist wenig bis kein Platz für (zusätzliche) Werbeeinblendungen.

Was für Google ein Problem darstellt, weil der Konzern seinen Umsatz fast nur mit Werbung macht, kann Apple getrost in Angriff nehmen, denn Werbeeinnahmen rangieren bei Apple unter “ferner liefen”. Erweist sich Siri in den kommenden Monaten als die “bessere Suchmaschine”, bekommt Google ein ernsthaftes Problem – erst recht, wenn Siri nicht mehr nur dem iPhone vorbehalten bleibt, sondern auch auf dem iPad und den Mac-Rechnern verfügbar gemacht wird. Daran dürfte auch das jetzt in Verbindung mit dem Samsung Galaxy Nexus vorgestellte Google Android 4.0 (Ice Cream Sandwich) nichts ändern.

Kritiker könnten jetzt einwenden, dass die interessante Technik auch Geld kostet und fragen, wie Apple Siri refinanzieren möchte. Eine erste Antwort darauf liefern uns die Verkaufszahlen zum iPhone 4S. Obwohl das Gerät dem Vorgängermodell äußerlich weitestgehend gleicht, wurden davon in den ersten Tagen seit Verkaufsbeginn bereits mehr als 4 Mio. Stück abgesetzt. Selbst für die Maßstäbe von Apple ist das ein neuer Rekord.

Siri dürfte also zumindest in den kommenden ein bis zwei Jahren leicht über den Umsatz mit Hardware (kalkulatorisch) finanziert werden können. Darüber hinaus ist denkbar, dass Siri für Applikationsentwickler kostenpflichtig gemacht wird: Wer möchte, dass seine App oder Mac-Software über Siri gesteuert werden soll, muss dann vielleicht Lizenzgebühren bezahlen. Entwickelt sich Siri zum perfekten digitalen Assistenten, könnten auch die Endverbraucher zur Kasse gebeten werden: Apple ist an dieser Stelle bekanntlich nicht zimperlich. Ein Indiz dafür könnte sein, dass Siri derzeit unter dem für Apple ungewöhnlichen “Beta-Label” geführt wird.

Aber noch ist das alles Zukunftsmusik. Apple muss mit Siri jetzt erst einmal unter Beweis stellen, dass die neue Technik wirklich gut funktioniert und auf Seiten der Anwender bleibt abzuwarten, ob aus dem anfänglich eher spielerischen Interesse ein ernsthafter Dauergebrauch wird. In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass auch Apple nicht vor Fehleinschätzungen gefeit ist. FaceTime etwa, Apples Variante der Video-Telefonie, die vor gut einem Jahr eingeführt wurde, stand auch eine Zeit lang im Ruf, den Durchbruch für diese Form der Kommunikation zu bringen.

Insgesamt aber deutet sich an, dass mit Siri ein neues, großes Kapitel in unserem Umgang mit Computern aufgeschlagen werden könnte. Schafft es die Software tatsächlich, gesprochene Sprache richtig zu interpretieren und parallel dazu verschiedenste Datenbanken im Hintergrund zu nutzen um sinnvolle Antworten auf die gestellten Fragen auszugeben, wird das unseren Umgang mit Computern bzw. Informationen massiv verändern. Steve Jobs Aussage vom Juni 2010, wir befänden uns im Post-PC-Zeitalter, erscheint damit plausibler denn je.

Puzzle

Thilo Weichert, oberster Datenschutzbeauftragter in Schleswig-Holstein meint es sicher gut mit den Menschen. Er fordert von Website-Betreibern seines Bundeslandes die Entfernung des Facebook-Like-Buttons sowie den Verzicht auf Facebook-Seiten, weil damit personenbezogene Daten an Facebook weiter gegeben würden, von denen nicht klar sei, wie diese genutzt werden. Zudem sei vielen Menschen nicht hinreichend bewusst, dass und welche Daten auf diesem Weg über sie erhoben und übermittelt würden.

Was es dazu zu sagen gibt, haben Martin Weigert und Christoph Kappes bereits ausgeführt. Mir greift die Debatte allerdings zu kurz, denn die immer wieder aufflammenden Diskussionen um Facebook und auch Google stellen im Grunde nur die Spitze einer sehr viel weiter reichenden Entwicklung dar.

In schätzungsweise 5 bis 10 Jahren werden viele der Gegenstände unseres täglichen Lebens mit dem Internet verbunden sein und dabei ihre Nutzung genau protokollieren und irgendwohin übermitteln. Unsere Autos werden registrieren, dass wir einsteigen und wohin wir fahren, unsere Fernseher werden regelrecht “sehen”, wann wir vor ihnen sitzen und welche Programme wir anschauen. Eintrittskarten bzw. Tickets aller Art werden überflüssig, weil unsere Präsenz an einem Ort mittels NFC (Near Field Communication), WLAN-Triangualation oder dem manuellen Check-In via Smartphone-App registriert werden wird und dabei auch noch jede Menge weiterer Daten anfallen, wie etwa Laufwege im Gebäude, Aufenthaltsdauer sowie Einkäufe in Shops oder der Gastronomie.

Und wo es keine Check-Ins geben wird, erledigen Überwachungskameras (vor allem im öffentlichen Raum!) und vielleicht auch nahezu unsichtbare Drohnen den Rest. Die digitale Gesellschaft des 21. Jahrhunderts wird nahezu alles protokollieren, speichern und auswerten. Was macht es vor diesem Hintergrund aus, wenn Facebook heute ein paar personenbezogene Daten beim Besuch einer Website erhebt und sich einverleibt?

Datenschützer wie Thilo Weichert sollten daher lieber eine Debatte darüber anstossen, wohin uns die immer weiter zunehmende Digitalisierung bringen wird. Unsere Gesellschaft braucht eine klare Vorstellung von der Zukunft. Zudem brauchen wie eine ehrliche Debatte darüber, was wir auf der Ebene der Länder und des Bundes überhaupt noch regeln wollen oder können, angesichts einer global vernetzten Wirtschaft, in der Daten, Firmensitze und Waren fast schon beliebig hin und her geschoben werden und damit lokale, regionale und nationalstaatliche Regelungen im Grunde ziemlich gut umgangen werden können.

Ich halte es für töricht und unehrlich, auf der Ebene von Schlewsig-Holstein etwas regeln zu wollen, das zumindest die gesamte Europäische Union betrifft. Wenn schon Datenschutz, dann bitte konsequent für alle Bürger Europas!

Motorolo PHOTON 4G for Sprint

Google greift tief in seine Taschen um für ca. 12,5 Mrd. US-$ die Mobilfunksparte von Motorola zu übernehmen. Der Schachzug kommt überraschend und die Meinungen darüber sind geteilt. Während manche den Kauf positiv sehen, weil Android  mit künftig rund 17.000 Mobilfunk-Patenten im Rücken besser dastehen sollte, fürchten andere, dass Google seine Android-Partner (HTC, LG, Samsung und Sony Ericsson) vor den Kopf stossen und sich zudem im margenschwachen Hardware-Geschäft verzetteln könnte.

Ein Analyst von S&P hat die Google Aktie deshalb von “Buy” auf “Sell” gestellt. Aber ist das nicht ein bisschen voreilig?

Im Grunde genommen ist Google bis heute eine Suchmaschine mit angehängter Werbeabteilung, die sich um die Vermarktung der Anzeigenplätze kümmert. Dieses Geschäft läuft gut, sehr gut sogar. Nur hat es sich im Lauf der Jahre eben verändert: Reichte es in den Anfangsjahren aus, überhaupt nur eine sehr gute Suchmaschine zu sein, stellten sich bald Wettbewerbskonflikte auf der Ebene der Browser ein.

Nicht alle Anbieter von Browsern, allen voran Microsoft, waren Googles Suchmaschine wohlgesonnen. Google musste erkennen, dass sein schönes Geschäft bedroht war, weil auf manchen Browsern andere Suchmaschinen vorinstalliert waren und sich sehr viele User damit zufrieden gaben. Also fing Google an, die Mozilla Foundation zu unterstützen und entwickelte parallel dazu seinen eigenen Browser, Google Chrome.

Etliche Jahre reichte das aus, doch dann kann die Post-PC-Ära, wie Steve Jobs das nennt: Smartphones und Tablets als neue Gerätegattung lösten die Vormachtstellung des PC ab und Google hatte wieder ein Problem: Wie bringt man nur die Suchmaschine zuverlässig auf alle diese Geräte und das möglichst noch an prominenter Stelle?

Die Antwort hiess: Android, oder auf deutsch: Ein eigenes Betriebssystem für Smartphones und Tablets. Android war eine tolle Sache, abgesehen davon dass Steve Jobs darüber ziemlich böse wurde. Denn die Smartphones mit Googles Software wuchsen seinem Geschäft mit dem iPhone über den Kopf. Es begannen die Patentkriege, die aber im Grunde gar keine wirklichen Patent-Streitigkeiten sind, sondern nur eine neue Form des Marketing. Ich schlage dafür den Begriff “Patent-Marketing” vor!

Wenn etwa Apple Samsung verklagt, weil der koreanische Hersteller seine Smartphones und Tablets dem iPhone bzw. iPad zu ähnlich gestaltet haben soll, ist das auf der juristischen Ebene eine ziemlich dünne Angelegenheit. Marketingtechnisch aber macht es Sinn. Die Botschaft an die Käufer lautet: Ihr werdet doch nicht so ein abgekupfertes Produkt kaufen, sondern lieber das Original haben wollen?

In diesem Sinne wäre der Kauf von Motorola Mobility durch Google ein reines Patent-Marketing-Geschäft. Das ist es aber nicht. Denn Larry Page, der neue CEO im Hause Google, hat etwas ganz anderes im Auge. Er weiß, dass ihm gerade seine schöne Android-Plattform unter der Hand zerbröselt – und das nicht wegen irgendwelcher Patente.

Das Problem liegt in der Fragmentierung der Plattform, die aktuell mit der Vielzahl an Endgeräten und mehreren Varianten des Betriebssystems den Käufern keine einheitliche Produkterfahrung mehr bietet, sondern eher Konfusion auslöst und für Enttäuschungen sorgt. Etwa wenn junge Käufer sich ein neues Android-Smartphone kaufen und dann feststellen müssen, dass auf ihrem Gerät bestimmte Apps oder Spiele nur schlecht oder gar nicht laufen. Noch ist das in der Öffentlichkeit kein großes Thema, es könnte aber bald eines werden.

Dazu kommt, dass die meisten Android-Geräte einfach nicht an die Qualität des iPhone herankommen. In der Folge stösst Google mit seinem Ansatz, nur ein gutes Betriebssystem für mobile Geräte anzubieten, an seine Grenzen. Das durfte Larry Page auch an anderer Stelle lernen: Der von Google entwickelte Ansatz, den Chrome Browser zu einem vollwertigen Betriebssystem für Notebooks auszubauen und mit dem Chromebook den drögen Windows-Rechnern etwas Attraktives entgegen zu stellen, ist gescheitert. Nicht an Microsoft, sondern an Apple.

Steve Jobs hat mit der überraschenden Neuauflage des MacBook Air im Jahr 2010 gezeigt, wo der Hammer für mobile Rechner hängt. Diese sind schnell, klein und unglaublich leicht – und kommen zu einem Preis, der praktisch allen Wettbewerbern die Luft ausgehen lässt. Möglich ist das nur, weil Apple beides kontrolliert, Hard- und Software, und damit hoch performante Systeme schaffen kann, bei denen alle Komponenten bestmöglich zusammen spielen. Das zeigt sich nicht nur am MacBook Air, sondern auch am iPad, dessen Preis und Leistungsfähigkeit von den Wettbewerbern im Android-Lager immer noch nicht erreicht ist. Hier kommt Google mit seinem bisherigen Ansatz nicht weiter.

Google muss also tiefer bohren und bei der strategischen Integration einen Schritt weiter gehen, auf die Ebene der Herstellung von Endgeräten. Die vielfach zu lesende Kritik, Google verstünde nichts von der Produktion und könne auch kein Marketing, kann man getrost vergessen: Wenn jeder immer nur das macht, wovon er schon immer etwas verstanden hat – wo soll dann der Fortschritt herkommen?

Google ist ohne Zweifel reif für diesen Schritt und Larry Page kann jetzt zeigen, was er drauf hat. Dass die Medien noch lange die skeptische Karte spielen und mit Horror-Szenarien auftrumpfen werden, wird ihn nicht irritieren. Schließlich hat er das im Fall von YouTube alles schon mal erlebt: Google wurde 2006 für verrückt erklärt, einen Kaufpreis von 1,65 Mrd. US-$ für ein Video-Portal ohne klar erkennbares Geschäftsmodell auf den Tisch zu blättern. Die Kritik an diesem Deal ist inzwischen verstummt – gut dass die Analysten und Medien jetzt neuen Stoff für ihre Untergangs-Analysen bekommen…

Sind wir eigentlich schon im Sommerloch 2011 oder bilde ich mir das nur ein? Zumindest entsteht bei mir dieser Eindruck, wenn ich auf die Nachrichtenlage zu Google+ schaue. Da wird erklärt und kommentiert, spekuliert und interpretiert, als gäbe es nichts Wichtigeres. Dabei läuft der sog. Field Test seit gerade mal gut einer Woche, offiziell ist das Produkt noch gar nicht auf dem Markt.

Aber was macht das schon? Bei t3n weiß man bereits, dass Facebook jetzt auf verlorenem Posten steht (”10 Gründe, warum Google+ gegen Facebook gewinnt“), meine Berater-Kollegen können schon mit wertvollen Praxistipps aufwarten (”7 Google Plus Tricks die Sie kennen sollten“) und Sascha Lobo erklärt auf Spiegel Online die ganz großen Zusammenhänge (”Wem Google+ wirklich Konkurrenz macht“).

Wie es um Google+ wirklich steht, verdeutlicht eher eine Grafik die neulich Oliver Gassner weiter verbreitet hat:

Screenshot aus Google+

Und ganz aktuell muss Google selbst den Hype bremsen, wenn etwa der Product Manager von Google+ in einer schnell gedrehten Videobotschaft Unternehmen dazu auffordert, noch keine Firmenprofile anzulegen, weil die dafür angedachten Features erst zu einem späteren Zeitpunkt eingeführt werden.

Was ist das für ein Phänomen? Liegt es an Google(+) oder am Sommerloch? Ich denke, es ist etwas anderes: Social Mania.

In Zeiten des fortgeschrittenen Social Web geht es nicht mehr einfach um Partizipation, User Generated Content oder den Medienwandel. Wir sind längst weiter. Jetzt geht es um die vorderen Plätze in dieser neuen Medienlandschaft, um den nächsten Scoop und den Wettlauf in einem System, in dem jede Nachricht nicht einfach nur eine Botschaft ist, sondern das Vehikel für virale Effekte und damit auch für die Online-Reputation aller daran Beteiligten.

Die ersten Rankings zu Google+ sind ein bezeichnendes Symptom dafür: Man muss möglichst schon in der ersten Woche ganz vorne dabei sein. Deshalb auch sind viele Artikel zu Google+, zumindest in ihren Überschriften, so zugespitzt und wichtigtuerisch. Es geht um die Maximierung von Klickzahlen, Retweets, Facebook-Likes und natürlich auch schon um das “+1″ bei Google, von dem man nur eines sicher weiß: Viel hilft viel.

Leander Wattig bringt es da auf den Punkt, wenn er auf Facebook lakonisch vor den “Gefahren” des Sommerurlaubs warnt:

Screenshot aus der Facebook-Timeline von Leander Wattig

Seine Aussage stimmt. Wer etwa urlaubsbedingt weniger twittert, bloggt, kommentiert und überhaupt partizipiert, fällt unweigerlich zurück in einem System, in dem mangels besserer Kriterien in der Summe immer Quantität vor Qualität kommt.

Das Social Web ist heute ein Hamsterrad, in dem weniger das wirklich Wichtige nach vorne dringt, sondern bestenfalls das Originelle. Schnelligkeit geht vor Tiefe. Zuspitzung vor Ausgewogenheit.

Auf der Mikroebene fängt es an: Dadurch, dass praktisch jede Botschaft im Social Web virales Potenzial besitzt, wird vielfach nicht mehr unbefangen publiziert, sondern von vornherein der virale Effekt einkalkuliert: Wie muss die Botschaft “geformt” sein, damit sie möglichst viel Beachtung bekommt? Das beginnt schon bei den Fotos, die auf Instagram gepostet werden, und zieht sich über Status Updates auf Twitter bis hin zu journalistischen Texten und den Medien, in denen diese erscheinen.

Für immer weniger Teile dieses “Content” gibt es Stammleser, weil die User im Social Web ständig wandern und mäandern. Die Aufmerksamkeit richtet sich mal hierhin, mal dorthin und häufig genug auf die teilweise spontan entstehenden Schwarmeffekte, weil beim Sharing ein Element das Gefallen eines Heavy-Users erlangen und damit die kritische Reichweiten-Hürde nehmen konnte.

Die Verführung beginnt also schon an der Basis, nicht zuletzt auch deshalb, weil hier – unausgesprochen – Bündniseffekte auftreten: Folgst Du mir, so folg ich dir, verlinkst du mich, so verlink ich dich.

Auf der Makroebene geht es schließlich nur noch um Mengeneffekte. Die Medienprofis im Social Web wissen, dass man die Wirkung von viralen Effekten oder Scoops zwar schlecht einplanen kann, dass aber jeder einzelne Beitrag, jedes Element, wie ein neues Los in der Lotterie wirkt: Wer viele Lose zieht, dessen Chancen auf einen Gewinn steigen. Im Social Web heisst das: Viel und regelmässig publizieren. Sich ständig im Gespräch halten. Permanent Präsenz demonstrieren. Möglichst breit partizipieren, dabei aber subtil gewichten und den eigenen Content bevorzugen.

Am besten ist es natürlich, wenn man sich dabei als Experte ausweisen kann. Mitmachen allein genügt nicht, denn nur die Experten sind meinungsbildend und profitieren (überproportional) von den Mengeneffekten.

Damit sind wir wieder bei den Artikeln und Rankings zu Google+. Auf mich wirkt vieles davon wie eine Karikatur, weil die Akteure im Grunde noch sehr wenig über das Social Network wissen, dafür aber die Mechanismen unserer neuen Medienlandschaft um so besser kennen und spüren, dass sie unter Zugzwang stehen. Das Hamsterrad ruft, der Klout-Score mahnt! Schöne neue Medienwelt, oder besser: Social Mania.

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