Enterprise 2.0

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Best Buy ist eigentlich nicht gerade das Unternehmen, das einen vom Stuhl reißen würde. Der “Media Markt” der Vereinigten Staaten hat es aber dennoch in sich, da dieser Einzelhandelsriese keine Berührungsängste gegenüber dem Web 2.0 kennt und sogar mit Prediction Markets experimentiert. Das folgende Video ist fast 30 Minuten lang und (nur) für Enthusiasten in Sachen Enterprise 2.0 in voller Länge sehenswert:


Gefunden habe ich das Video im Blog von Consensus Point, einem Hersteller von Software für Prediction Markets. Darin macht der CEO von Best Buy, Brad Anderson, sehr deutlich, wie die Einführung eines Wikis im Unternehmen das mittlere und höhere Management regelrecht aus der Fassung bringt, weil Entscheidungen plötzlich an der Basis fallen und die Manager auch nicht nicht mehr so stark im Rampenlicht stehen.

In den ersten fünf Minuten des Videos wird gezeigt, welche Tools bei Best Buy derzeit im Einsatz sind: Es gibt ein Social Network (Blueshirtnation.com), ein Diskussionsforum (WaterCooler), das Wiki (What I know is…), ein modernes Vorschlagswesen (Loop Marketplace) und eben den Prediction Market (Tag Trade).

Für die Kunden von Best Buy gibt es ein Forum, über dessen Startseite man auch zu den Blogs und Twitterfeeds einzelner Mitarbeiter gelangt. Mehr kann ein Unternehmen in Sachen Web 2.0 eigentlich kaum tun, oder?

Helfen die Tools des Web 2.0 (respektive Enterprise 2.0) in der aktuellen Krise? Andrew McAfee hat neulich skizziert, wie er damit der amerikanischen Automobilindustrie beispringen würde. Der Artikel ist lesenswert, lässt aber etliche Fragen offen.

Eine interessante Antwort auf McAfee habe ich nun im Collaboration und Content Blog der Burton Group gefunden: Larry Cannell schlägt deutlich vorsichtigere Töne an, auch wenn er den Einsatz von Wikis, Blogs und anderen Tools natürlich befürwortet.

Mein Beitrag in dieser Sache ist der Blick auf die mittelständisch geprägte Industrie, die vielfach in der Rolle von Zulieferern (etwa von Maschinen) mit der Automobilindustrie zusammenarbeitet. Dort hat man in den letzten Jahren gut verdient und war viel zu beschäftigt, um sich mit neueren Entwicklungen aus dem Internet zu befassen. Der Schock über die plötzlich hereingebrochene Krise sitzt hier tief und die akute Sorge gilt derzeit überwiegend noch den Kreditlinien bei der Bank.

Was danach kommt, wird man sehen müssen. Stellenweise dürfte die Akzeptanz des Web 2.0 schon zunehmen, aber eben nur “stellenweise”. Anderen wird erst die eigene Insolvenz bzw. die Übernahme durch einen Konzern oder eine Private Equity Gesellschaft auf die Sprünge helfen. Ich schreibe das hier ohne Häme oder Ironie. Denn zumindest der schwäbischen Seele liegt dieses Web 2.0 nicht, so viel habe ich inzwischen lernen müssen: Das offene Diskutieren in Blogs, der schnelle Gedankenaustausch über Twitter, die hierarchiefreie Zusammenarbeit in Wikis (wo der Chef kaum mehr gilt als der Lehrling!), das alles ist den Menschen hier eine rechte Zumutung…

So gesehen stimmt der berühmte Spruch, die Schwaben könnten alles außer Hochdeutsch, nicht ganz: Sie können auch kein Web 2.0 und brauchen deshalb nicht so sehr eine Wirtschaftskrise, als vielmehr einen Generationenwechsel, um wieder auf der Höhe der Zeit zu sein. Dann aber sind wir wieder ganz vorne dabei, darauf mache ich jede Wette!

Gary Vaynerchuk ist in den USA ziemlich bekannt geworden mit seinem Wein-Videoblog. Aktuell äußert er sich zu den Perspektiven der Werbung in schwierigen Zeiten auf seine ganz eigene Art. Wirklich sehenswert:

Ein interessantes Detail dabei: Das Video wird live aufgenommen und die Zuschauer (früher hätte man gesagt: Blogleser!) können via Chat direkt reagieren. Der Kameraschwenk während der Aufnahme zeigt es ganz offen.

Wer das Ganze etwas gesetzter und sauber ausformuliert haben möchte, kann es hier nachlesen (Pete Caputa auf dem HubSpot Blog). Beide Quellen übrigens via Robert Scoble auf FriendFeed.

Die Situation bei uns im Land bringt Christian Fachat in einem Tweet auf den Nenner: Realitätsfremd. Dem habe ich nichts hinzuzufügen.

Oder doch: Warum betone ich in zwei aufeinander folgenden Artikeln den Bereich Video?

Ganz einfach, weil ich hier einen klaren Trend sehe. In Ländern wie Frankreich oder den USA, wo es bereits sehr viele Blogs gibt und diese auch von einer breiten Leserschicht getragen werden, zündet jetzt die nächste Stufe. Die Vorreiter bzw. kommerziell orientierte Blogs begnügen sich nicht mehr nur mit Text, sondern werden multimedialer und spontaner.

Klar ist auch, dass dieser Trend auf längere Sicht in die Unternehmen hinein wirken und den Bereich “Enterprise 2.0″ erfassen wird: Werksfernsehen ist dann nicht mehr nur eine Sache für große Konzerne wie Daimler, sondern für jeden Mittelständler interessant. Entscheidend wird aber sein, dass man dafür die erforderliche Infrastruktur hat: Nur wer intern Blogs zulässt, mit Wikis arbeitet und ein von den Mitarbeitern aktiv mitgestaltetes Intranet vorweisen kann, verfügt über die nötige Basis, über die Videos gezeigt, verlinkt und kommentiert werden können.

Dass sich Social Software nicht ganz so schnell durchsetzt wie viele von uns das gerne hätten, ist nichts Neues. Interessant ist aber, dass es auch in anderen Bereichen bisweilen länger dauert, bis sich eine bahnbrechende Neuerung so richtig durchsetzt, etwa im Sport.

So hat Rob Paterson (Fast Forward Blog) ein gutes Beispiel im Hochsprung gefunden. Bei den olympischen Spielen 1968 in Mexico (Stadt) gewann auf spektakuläre Art der Amerikaner Dick Fosbury mit einer ganz neuen Sprungtechnik: Bei dem nach ihm benannten Fosbury-Flop springt der Sportler rücklings über die Latte, was offenbar erst seit 1980 von praktisch allen Hochspringern praktiziert wird.


In Sachen Social Software will ich hier keine Prognose abgeben, bis wann diese in mehr oder weniger allen Unternehmen zum Alltag gehören wird. Immerhin zeigt sich, dass das Thema allmählich die Nische hinter sich lässt: Das Themenblog zitiert ausführlich eine amerikanische Studie zu den 500 am schnellsten wachsenden Unternehmen des Landes (Inc. 500).

Danach hat dort sowohl die Vertrautheit als auch der Einsatz von Social Software zwischen 2007 und 2008 sehr deutlich zugenommen. Damit ist auch klar, dass es längst nicht mehr nur der IT-Sektor ist, der Wikis, Blogs & Co. einzusetzen weiß.

Und noch ein bemerkenswertes Zeichen: ReadWriteWeb, das erfolgreiche und kommerzielle Blog will künftig mehr über den Bereich “Enterprise 2.0″ berichten und dafür sogar einen eigenen “Channel” eröffnen. Wenn das mal keine guten Aussichten sind!

Facebook LogoDa kommt also Facebook mit seiner deutschen Sprachfassung hier an und in der Blogosphäre hat sich der Wind ganz schön gedreht: War man sich vor einigen Monaten noch ziemlich einig, dass dieses Social Network seine lokalen Konkurrenten, allen voran studiVZ, nur so wegpusten würde, bläst nun Facebook selbst ein strenger Wind ins Gesicht.

Robert Basic analysiert die Nutzerzahlen und kommt zum Ergebnis, dass der deutsche Markt stark zersplittert sei. Somit hätten die Networks deutscher Machart eine realistische Chance, im Wettbewerb mit den “dominierenden US-Plattformen” bestehen zu können. Kurz- bis mittelfristig gesehen ist das sicher richtig. Langfristig sieht er etwas völlig Neues kommen, das die Social Networks ablösen könnte: Das Revival der Homepage sowie Networking als Commodity. Das wäre dann vielleicht so etwas wie eine “frei schwimmende Profilseite”, mit der Traffic teilweise zu mir selbst kommt oder ich damit aber auch irgendwohin gehen und zeitweilig andocken kann.

Vor dem Hintergrund eines solchen Szenarios sieht selbst der junge Mark Zuckerberg recht alt aus. Aber muss er sich deswegen Sorgen machen?

Sorgen sollte er sich um sein aktuelles Geschäft machen. Denn die fallenden bzw. stagnierenden Nutzerzahlen zeigen, dass die User der unnötig vielen Spielereien auf Facebook überdrüssig werden. Und das ist kein gutes Zeichen. Meines Erachtens hat man versäumt, ernsthafte (nützliche) Anwendungen zu entwickeln und etwa Facebook an die Spitze von Enterprise 2.0 zu setzen. Die Plattform ist ja da, es fehlen aber taugliche Applikationen für das Projektmanagement oder intelligente Wiki-Module für das Wissensmanagement. Facebook hätte die Intranet-Anwendung kleinerer Unternehmen werden können. Aber diese Möglichkeiten hatte man offensichtlich nicht im Blick.

Peter Thiel dachte wohl nur ans (schnelle) Geld und Mark Zuckerberg fehlt eben doch so etwas wie Berufserfahrung. Als schweren Fehler könnte sich auch noch herausstellen, dass man etwa den deutschen Markt ganz aus dem sonnigen Kalifornien steuern möchte. Ohne eigene Niederlassung aber, so denke ich, wird Facebook hier nicht richtig ankommen.

Facebook bräuchte wenigstens ein kleines Team hier vor Ort, das die einschlägigen Web 2.0 Veranstaltungen besucht, Kontakte zu Hochschulen und Unternehmen knüpft und nebenbei vielleicht noch den Politikern in Berlin erklärt, was Social Networks eigentlich sind. Und so könnte Andreas Göldi, der notorische Facebook-Pessimist, am Ende doch noch mit seiner Skepsis Recht behalten. Ich gebe aber die Hoffnung noch nicht ganz auf. Denn Mark Zuckerberg und seine Mannschaft mögen noch sehr jung sein. Dafür sind sie aber auch lernfähig, flexibel und durchaus noch für eine Überraschung gut.

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