Edelman

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Da haben wir wieder mal so ein Thema! Die Public Relations Leute machen alles falsch, verstehen das Web nicht und überhaupt wird künftig alles anders…

Wer das sagt? Allen voran natürlich Robert Scoble, der dazu Schützenhilfe von Steve Rubel bekommt. Und der muss es schließlich wissen (”Edelman”). Auf deutscher Seite hat Bjoern Negelmann dazu eine kleine Debatte auf FriendFeed angestoßen, mit der die Kampflinien sauber abgesteckt sind.

Auf die Gefahr hin, mich unbeliebt zu machen, bürste ich das mal alles gegen den Strich. Nicht zuletzt weil mich der Artikel von Michael Arrington (Techcrunch) zum Thema ärgert: Seine Sichtweise empfinde ich als oberflächlich und klischeehaft. Statt dessen orientiere ich mich für diesen Artikel an Martin Oetting, der im Februar diesen Jahres einen wegweisenden Artikel über Meinungsführer geschrieben hat und der gut in diesen Kontext passt. Dazu später mehr.

Die klassischen Public Relations sind tot!

Das eben behaupten Rubel und Konsorten und malen damit ein ziemlich einseitiges Bild. Sie übersehen nämlich, dass es längst noch nicht für alle Branchen eine funktionierende Bloglandschaft gibt, mit der man die traditionellen Medien einfach so übergehen könnte. Ganz zu schweigen von Errungenschaften wie Twitter oder FriendFeed, die sich gerade mal im Techsektor zu etablieren beginnen.

Klar ist: Sehr viele Zielgruppen (um nicht zu sagen: die überwiegende Mehrheit) lassen sich heute noch nicht zuverlässig über Social Media ansprechen. Und solange das nicht der Fall ist, hat die klassische PR durchaus noch ihre Daseinsberechtigung.

Natürlich verschieben sich die Verhältnisse. Und klar ist auch, dass das Web nach und nach überall den Ton angeben wird. Nur sollte man nicht so tun, als ließen sich die Verhältnisse im Techsektor heute schon einfach so auf alles andere übertragen…

Mit Social Media (und dem Web 2.0) wird alles anders!

Das nun will ich gar nicht bestreiten. Nur sollte man auch hier die Dinge klar sehen und beim Namen nennen. Michael Arrington etwa macht es sich viel zu einfach, wenn er empfiehlt, dass Startups die PR vergessen und statt dessen Blogs lesen und natürlich auch selbst ein Blog führen sollten. In der Freizeit (”leisure time”) könne man ja noch Twittern und den Diskussionen auf FriendFeed folgen. Geht es noch dümmer?

Im Prinzip ist dieser Weg schon richtig, nur gehört auch dazu gesagt, dass es dazu eines erheblichen Masses an Zeit und Talent bedarf. Nicht jeder Existenzgründer ist der geborene Blogger und der nette Hinweis, dass wenn der CEO eben nicht so gut schreiben könne, man halt einen “Evangelist” oder “Social Media Manager” einstellen solle, deckt sich nicht ganz mit meinen Einblicken in die Praxis: Wie viele Startups haben das Budget dafür?

Und schließlich setzt dieses Modell (wie oben schon angerissen) voraus, dass die jeweilige Branche über eine ausreichend große Blogosphäre verfügt, in der man sich vernetzen kann. Für den Maschinenbau etwa oder die Medizintechnik sieht es da noch ziemlich düster aus.

Und auch der Vorstellung von Robert Scoble, der nicht mehr gebrieft werden möchte und auch keine Anrufe von CEO’s mehr haben will, kann ich nicht so recht folgen. Er will über Empfehlungen von Bekannten oder Freunden auf interessante, neue Produkte hingewiesen werden. Und damit wären wir wieder bei Martin Oetting, bei dem man sehr gut nachlesen kann, was es mit den Meinungsführern und der Mundpropaganda wirklich auf sich hat. Scoble lügt sich da in die eigene Tasche. Denn an Blogs wie Techcrunch oder ReadWriteWeb kann er ja selber sehen, dass hier Schnelligkeit (wer landet den Scoop?) ein noch härterer Faktor als bei den Printmedien ist. Der Blogger, der mit seiner Story erst Monate später kommt, ist weder für die A-, noch für die B-Liste interessant und landet nur noch irgendwo im Long Tail.

Machen wir uns also nichts vor: Der Social Media Sektor funktioniert tatsächlich ohne PR-Agenturen, ist dafür aber ein beinhartes Geschäft, das vollen Einsatz und viel mediales Talent erfordert. Wer hier nicht mithalten kann und auch nicht das Budget für einen (internen) Spezialisten hat, landet schnell wieder bei den Agenturen…

Es leben die Public Relations!

Alles in Butter also für die schillernde PR-Branche? Natürlich nicht. Denn die Kritiker haben nicht unrecht, wenn sie etwa bemerken, dass viele Agenturen das Web noch gar nicht recht verstehen und Blogger teilweise pauschal mit E-Mails (und überzogenen Erwartungen) überschütten.

So geht es also nicht. Aber das lernen die Agenturen ja gerade und einige werden sicher Wege finden, wie sich auch zu Bloggern gute Beziehungen aufbauen und bei Gelegenheit interessante Stories vermitteln lassen. Und alle anderen, die auf Agenturen verzichten und auf die direkte Kommunikation im Web setzen wollen, können sich im eBook von Timo Lommatzsch auf den Stand der Dinge bringen lassen.

WarningUnter der netten Überschrift “The Lazysphere and the Decline of Deep Blogging” kritisiert Steve Rubel, dass die amerikanischen Techblogger nachlässig (”lazy”) geworden seien und anstelle origineller, eigener Gedanken nur noch Artikel veröffentlichten, in denen die aktuellen Schlagzeilen oberflächlich nachgebetet würden. Seiner Meinung nach schielen sie mit damit vorrangig darauf, auf den Seiten der Aggregatoren wie Techmeme oder Digg zu landen.

Da ist es doch ein schöner Zufall, dass es bei uns fast zeitgleich Malte Landwehr bei Rivva in die Schlagzeilen schafft. Sein Thema: Wie hole ich mir mit Social Media Optimization und Linkbaiting viel Traffic auf mein Blog. Über 40 Kommentare hat er dafür im Blog bekommen, auf Rivva sind immerhin 7 Links angegeben (worauf man leider nicht mehr direkt verlinken kann).

Malte will ich an dieser Stelle nicht kritisieren. Im Gegenteil: Er wollte ja nur die Probe aufs Exempel machen und demonstrieren, wie so etwas geht (bzw. wie effektiv es sein kann). Das ist ihm gelungen. Und die Reaktionen auf sein Posting zeigen, dass die Denke, die Steve Rubel in Amerika kritisiert, auch bei uns anzutreffen ist.

Einen Ausweg sieht Bob Warfield (SmoothSpan Blog). Er empfiehlt den Bloglesern, die Top 100 Blogs konsequent zu meiden und stattdessen die aus der zweiten Reihe (also die Plätze 101 bis 200) zu wählen. Diese aufstiegsorientierten Blogs bemühten sich noch mehr um Qualität und originelle Beiträge als die Blogs an der Spitze.

Schade nur, dass sowohl Technorati in den USA als auch die Deutschen Blogcharts nur die ersten 100 Plätze auflisten. Die guten Blogs aus der zweiten Reihe darf man sich also selbst irgendwie zusammen suchen…

Foto: Warning by emmma peel auf Flickr