Decision Enabling

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Brauchen wir eine Art “Flatrategebühr für Internetprogramme”? Wolfgang Michal (Carta) hat unlängst eine solche Lösung vorgeschlagen, weil sich guter Journalismus anders nicht finanzieren ließe. Dabei sollten die Netzbetreiber einen Teil ihrer Einnahmen (stolze 25 %) an eine Internetanstalt öffentlichen Rechts abführen, die damit Blogger, Netzzeitungen und auch Musikgruppen finanzieren könnte.

In den Kommentaren auf Carta habe ich dem heftig widersprochen, worauf Wolfgang mich aufforderte, doch Alternativen zu nennen. Das versuche ich hiermit.

Horizontales Downsizing als Notwendigkeit

Ein wesentliches Problem speziell der Zeitungsverlage ist, dass es davon jetzt zu viele gibt. Die horizontale Vielfalt macht im Internet (leider) keinen Sinn mehr und dürfte eine der Ursachen dafür sein, dass sich Paid Content schwer bis gar nicht durchsetzen lässt: Wenn sehr viele das Gleiche anbieten, hat das Produkt am Ende eben keinen Preis mehr. Man bedenke: Nur weil es heute das Internet gibt, hat sich dadurch noch nicht automatisch die Nachfrage nach Nachrichten erhöht.

In dieser Situation ist es meiner Meinung nach falsch, nach Subventionen oder einer Finanzierung durch Gebühren (Flatrate-Abgabe) zu rufen: Denn sollten damit etwa mehrere Dutzend Zeitungsredaktionen alimentiert werden, nur weil die Redakteure und Journalisten alle gerne über die Politik in Berlin berichten und das als Qualitätsjournalismus und nützlich für die Demokratie ansehen?

Für die “Weiterentwicklung der Gesellschaft” wäre es deutlich besser, die Medienfachleute würden aus dem horizontalen Einerlei ausbrechen und statt dessen Chancen auf der vertikalen Ebene suchen: Regionalportale gibt es noch relativ wenig und auf diesem Feld könnte man noch wesentlich weiter gehen, wenn man etwa Elemente von Social Networks einbeziehen würde. Das Produkt wäre im Ergebnis halt etwas ganz anderes als eine “Zeitung”, aber wenn es sich wirtschaftlich rechnete?

Strukturen für den Paid Content

Klar ist: Praktisch jeder Anbieter von Nachrichten im Internet wird auch künftig ein Basisangebot kostenlos anbieten müssen. Warum aber nicht darauf aufbauend bestimmte Teile nur gegen Bezahlung zeigen? Das Wall Street Journal demonstriert, dass der vertikale Ansatz (also mehr Tiefe als Breite), dazu führen kann, dass ein Anbieter in einem Segment als maßgebliche Autorität wahrgenommen wird und er so auch weiterhin einen positiven Preis verlangen kann.

Diesen Ansatz hält übrigens Steve Rubel (Micro Persuasion) auch auf Blogs für anwendbar: Seiner Auffassung nach könnte etwa TechCrunch versuchen, bestimmte Nachrichten an Venture Capitalists exklusiv (bzw. vorab) zu verkaufen.

Ich bin mir sicher, dass wir in den nächsten Jahren in diese Richtung einige sehr interessante Entwicklungen sehen werden. Allerdings denke ich auch, dass die wenigsten davon aus den etablierten (und klammen) Verlagshäusern kommen werden, solange die Zeitungsleute sich nur als Meinungsmacher für ein breites Publikum sehen und nicht in spezielleren Zielgruppen denken wollen.

Personalisierung und Aggregation als Erlösmodell

Ein Ansatz, an den bislang noch niemand gedacht hat: Der einzelne Anbieter überschüttet seine Leser mit so vielen (kostenlosen) Meldungen, Videos und (langen) Artikeln, so dass diese den Überblick verlieren. Dann bietet man gegen Entgelt einen Personalisierungsdienst, bei dem aus der Überfülle sich jeder das für ihn Wichtige zusammenstellen lassen kann. Dass dieser Gedanke nicht ganz absurd sein kann, beweist die Übernahme von Socialmedian durch Xing.

Zudem sind Feed-Reader und RSS noch lange kein Mainstream, wenn sie es je werden: Neben den wenigen Lesern, die sich aus der Vielzahl der Medien ihr individuelles Menü zusammenstellen, dürfte deshalb eine Mehrheit auch künftig sich an einzelnen “Ankermedien” orientieren, die somit schon Chancen für personalisierte Angebote haben sollten.

Parallel dazu zeigen Dienste wie TechMeme oder Rivva, dass im Bereich der Aggregation Einiges zu machen ist. Aber auch hier stehen sich Journalisten eher wieder selbst im Weg, weil sie meist nur daran denken, Nachrichten selbst zu fabrizieren und niemand das Sichten, Zusammenfassen und Verknüpfen als mögliche Dienstleistung sieht.

Decision Enabling

Diesen Punkt hatte ich neulich schon hier im Blog ausführlich behandelt. Auch hier geht es nicht so sehr um Nachrichten an sich, als eher darum, was man damit noch machen kann. Etwa Entscheidungsträger darin unterstützen, bessere Entscheidungen zu fällen. Ein erster Punkt dazu wäre, Kommentare (ohne vorherige Anmeldung) zu allen Artikeln zu ermöglichen. Erstaunlich eigentlich, dass noch längst nicht alle Medien das anbieten.

Fazit

Wege gibt es etliche, wenn auch alle noch mit Unsicherheiten behaftet. Der Kern des Problems liegt eher darin, dass Journalisten, Redakteure und Verlagsunternehmer die neue Welt digitaler Möglichkeiten viel zu sehr durch ihre alten Brillen betrachten – oder um es mit den Worten von Marc Andreessen zu sagen (gefunden bei Dirk von Gehlen), “The people who made horse carriages were not the ones who started car companies.” Muss sich die Geschichte wiederholen?

Abschließend noch eine Empfehlung: Elias Bizannes (Liako.Biz) hat einen sehr guten Artikel darüber geschrieben, wie Michael Arrington zum Blogger wurde. So entstehen Medien und Meinungsmacher heute!

Der Medienwandel ist derzeit in aller Munde, wie Christiane Schulzki-Haddouti (KoopTech) aktuell trefflich zusammenfasst (und ihre Artikel zum Thema jetzt schon durchnummeriert). Häufig genug wird in den einzelnen Wortmeldungen aber zu wenig auf das größere Bild geschaut. Man könnte auch sagen: Vor lauter Bäumen sieht man den Wald nicht mehr.

Als sich neulich die re:publica’09 ankündigte und als Motto der Tagung “Shift happens” bekannt gab, fiel mir wieder ein, dass ein Überraschungsmoment im Video von Karl Fisch und Scott McLeod der Umstand war, dass Großbritannien als führende Nation dargestellt wurde – aber eben nicht von heute, sondern aus der Zeit um 1900 (und davor).

Vielleicht konnte Großbritannien ja unter anderem deshalb zur Weltmacht aufsteigen, weil das Land schon sehr früh eine Zeitungskultur mit freier Presse entwickelt hatte. Die Medien lieferten dort mit hoher Verlässlichkeit und Regelmäßigkeit Nachrichten aus aller Welt, so dass die Briten (oder zumindest bestimmte Schichten im Land) einfach besser informiert waren als ähnliche Gruppen von Personen in Kontinentaleuropa. Dieses “besser informiert sein” war aber kein Selbstzweck, sondern förderte die Entscheidungsfindung auf den verschiedensten Gebieten, seien es Handel, Verwaltung oder Industrie. Wer besser informiert ist, trifft bessere Entscheidungen. Und wo bessere Entscheidungen getroffen werden können, steigt der (allgemeine) Wohlstand.

Natürlich ist diese Darstellung reichlich simplifiziert und sie blendet gewiss viele andere wichtige Aspekte aus. Sie zeigt aber, dass einer freien Presse, ihren Nachrichten und Medien eine hohe Bedeutung beikommt. Und sie zeigt noch mehr: Das Geschäft der Zeitungen kann auch ganz anders interpretiert werden. Demnach nämlich sind diese gar nicht im “Nachrichtengeschäft” tätig, sondern unterstützen Prozesse der Entscheidungsfindung, hier “Decision Enabling” genannt.

Entscheidungsprozesse werden im 21. Jahrhundert ein großes Thema sein. Heute schon erschweren der rasche technologische Wandel sowie die Komplexität einer globalisierten Welt Entscheidungen auf vielen Gebieten.

Wo soll da aber das Geschäft für Zeitungen liegen?

Meine Vorstellung geht dahin, dass digitale Zeitungen in Zukunft auf ihre normale Berichterstattung aufbauend zusätzliche Dienstleistungen anbieten werden, die es heute noch gar nicht gibt. So halte ich es für denkbar, dass man wichtige Themen aus der normalen Berichterstattung aufgreift und dazu relativ spontan Onlinekonferenzen organisiert.

Im einfachsten Fall wäre dies eine Telefonkonferenz, eleganter natürlich die Videokonferenz. Es könnten sich auch auf Initiative der Zeitung ein paar Experten an einem bestimmten Ort (real) treffen, so dass diese Runde dann gefilmt und live ins Internet gestreamt werden kann. Wichtiger noch aber als diese Experten wäre das Publikum, das sich live über das Internet einklinkt. Dieser Personenkreis sollte nicht passiv wie der traditionelle Fernsehzuschauer einfach nur zusehen (oder zuhören), sondern über Chatmodule mitdiskutieren und vor allem über eingeblendete Befragungstools zu Stellungnahmen initiiert werden.

Auf diese Weise ließen sich Meinungsumfragen durchführen, die je nach Art des Publikums einen hohen Vorhersagewert haben könnten, ganz so wie dies bei Decision Markets bzw. Prediction Markets der Fall ist. Spricht sich erst einmal herum, dass hier nicht nur ein gewisser Unterhaltungswert erreicht wird, sondern auch Tendenzaussagen oder Eintrittswahrscheinlichkeiten von relativ hoher Güte ermittelt werden, hätte der Veranstalter damit möglicherweise eine sehr lukrative Umsatzquelle für sich erschlossen: Solche Dienste müssten nämlich nicht frei zugänglich bzw. kostenlos sein. Und sie ließen sich wiederum trefflich für den redaktionellen Teil einer digitalen Zeitung ausschlachten, in dem im Nachgang ausführlich darüber berichtet bzw. das Videomaterial frei gestellt wird.

Warum aber sollten gerade Zeitungen so etwas machen?

Die Antwort ist einfach: Einerseits fehlt es den Zeitungen an Erlösquellen im Internet (sie müssen also etwas tun!) und andererseits sind sie aufgrund des hohen Traffics, den ihre Seiten generieren, geradezu prädestiniert für solche neuen Services. Natürlich ist auch denkbar, dass Demoskopen, Trendforscher, Institute der Meinungsforschung und wissenschaftliche Einrichtungen liebend gern solche Konferenzen organisieren würden. Diese haben zwar leicht die nötigen Experten an der Hand, vermutlich aber nicht genug zahlendes Publikum (zu wenig Traffic auf ihrer Website). Wir werden ja sehen, wo und wie sich dieser Markt entwickelt.

Lese ich vor diesem Hintergrund allerdings den Artikel auf KoopTech, scheint es noch ein relativ weiter Weg für Journalisten und Verleger ins Internet des 21. Jahrhunderts zu sein…