Datenschutz

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Thilo Weichert, oberster Datenschutzbeauftragter in Schleswig-Holstein meint es sicher gut mit den Menschen. Er fordert von Website-Betreibern seines Bundeslandes die Entfernung des Facebook-Like-Buttons sowie den Verzicht auf Facebook-Seiten, weil damit personenbezogene Daten an Facebook weiter gegeben würden, von denen nicht klar sei, wie diese genutzt werden. Zudem sei vielen Menschen nicht hinreichend bewusst, dass und welche Daten auf diesem Weg über sie erhoben und übermittelt würden.

Was es dazu zu sagen gibt, haben Martin Weigert und Christoph Kappes bereits ausgeführt. Mir greift die Debatte allerdings zu kurz, denn die immer wieder aufflammenden Diskussionen um Facebook und auch Google stellen im Grunde nur die Spitze einer sehr viel weiter reichenden Entwicklung dar.

In schätzungsweise 5 bis 10 Jahren werden viele der Gegenstände unseres täglichen Lebens mit dem Internet verbunden sein und dabei ihre Nutzung genau protokollieren und irgendwohin übermitteln. Unsere Autos werden registrieren, dass wir einsteigen und wohin wir fahren, unsere Fernseher werden regelrecht “sehen”, wann wir vor ihnen sitzen und welche Programme wir anschauen. Eintrittskarten bzw. Tickets aller Art werden überflüssig, weil unsere Präsenz an einem Ort mittels NFC (Near Field Communication), WLAN-Triangualation oder dem manuellen Check-In via Smartphone-App registriert werden wird und dabei auch noch jede Menge weiterer Daten anfallen, wie etwa Laufwege im Gebäude, Aufenthaltsdauer sowie Einkäufe in Shops oder der Gastronomie.

Und wo es keine Check-Ins geben wird, erledigen Überwachungskameras (vor allem im öffentlichen Raum!) und vielleicht auch nahezu unsichtbare Drohnen den Rest. Die digitale Gesellschaft des 21. Jahrhunderts wird nahezu alles protokollieren, speichern und auswerten. Was macht es vor diesem Hintergrund aus, wenn Facebook heute ein paar personenbezogene Daten beim Besuch einer Website erhebt und sich einverleibt?

Datenschützer wie Thilo Weichert sollten daher lieber eine Debatte darüber anstossen, wohin uns die immer weiter zunehmende Digitalisierung bringen wird. Unsere Gesellschaft braucht eine klare Vorstellung von der Zukunft. Zudem brauchen wie eine ehrliche Debatte darüber, was wir auf der Ebene der Länder und des Bundes überhaupt noch regeln wollen oder können, angesichts einer global vernetzten Wirtschaft, in der Daten, Firmensitze und Waren fast schon beliebig hin und her geschoben werden und damit lokale, regionale und nationalstaatliche Regelungen im Grunde ziemlich gut umgangen werden können.

Ich halte es für töricht und unehrlich, auf der Ebene von Schlewsig-Holstein etwas regeln zu wollen, das zumindest die gesamte Europäische Union betrifft. Wenn schon Datenschutz, dann bitte konsequent für alle Bürger Europas!

flickr Facebook t-buck

Auf Carta habe ich einen Artikel über Facebook veröffentlicht, der sich mit der Aktion von Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) in Sachen Datenschutz befasst. Was vordergründig vielleicht trocken und langweilig klingt, ist tatsächlich ein hochspannendes Thema.

Facebook möchte künftig Daten aus den Profilen seiner User an Dritte weitergeben, so dass diese auf ihren Webseiten die Besucher persönlich ansprechen und ihnen tendenziell “maßgeschneiderte” Inhalte präsentieren können. Damit stehen wir vor dem personalisierten Internet, das in dieser Form eine ganz erhebliche Veränderung gegenüber der bisherigen Situation im Netz darstellt.

Dabei geht es natürlich um das große Geschäft: Facebook möchte mit dem Verkauf von Profildaten (viel) Geld verdienen und zugleich die mitwirkenden Seitenbetreiber enger an sich binden. Diese wiederum sollen über eine gezieltere Ansprache mehr Umsatz im Wege des E-Commerce machen können. Mitwirken können aber auch Medienhäuser und Verlage, die auf Paid Content setzen.

Unternehmen aus dem B2B-Bereich sollten die Entwicklung mitverfolgen. Denn längerfristig könnten auch für sie solche Strategien erfolgversprechend sein. Nur würden sie vielleicht nicht Daten von Facebook kaufen, sondern von spezielleren Netzwerken wie LinkedIn.

Zunächst aber muss das Thema vermittelt und diskutiert werden. Facebook versucht derzeit, auf die stille Art das Thema an seinen Usern vorbei zu mogeln und hofft wohl auf einen Gewöhnungseffekt. Dagegen läuft Ilse Aigner Sturm und droht, ihren Account auf Facebook zu löschen, wenn nicht in Sachen Datenschutz nachgebessert wird (”Privates muss privat bleiben”). Leider hat sie dabei ein sehr konservatives Bild von einem Social Network vor Augen, das den künftigen Entwicklungen im Netz kaum Rechnung trägt.

Robert Basic macht sich Gedanken über den Datenschutz und empfiehlt eine Art Creative Commons Lizenz für “Menschendaten”. Damit soll es einen rechtlichen Schutz für Daten zur Person und ihren Äußerungen geben, der grundsätzlich restriktiv (antikommerziell) voreingestellt wäre, vom Einzelnen jedoch auch (individuell) freier gehandhabt werden könnte.

Brauchen wir so etwas?

Unbedingt! Denn einerseits sind viel zu viele Personen unbedarft im Internet unterwegs und andererseits gibt es auf der Ebene der Unternehmen noch viel zu wenig Respekt vor ethischen Standards. Ein Beispiel: Letztes Jahr hätte ich einem Startup dabei helfen können eine Technologie zu vermarkten, bei der u. a. mit Bots Foren und Social Networks gezielt (und teilweise under cover) nach bestimmten Daten durchsucht werden können. Unternehmen sollten damit in Erfahrung bringen, was über sie und ihre Produkte so gesprochen wird. Ich habe damals moralische Bedenken angemeldet und mich aus der Sache zurückgezogen.

Wenig vertrauenserweckend sind auch die Fälle, wo renommierten (!) Unternehmen Registrierungsdaten samt Passwörtern abhanden kommen. Kurios in diesem Kontext: Dem wohlmeinenden ZDF, das von der Sache erfahren hatte und die Betroffenen per E-Mail warnen wollte, begegnen etliche zuerst mit ungläubigem Staunen und Mißtrauen…

Insgesamt macht das Internet in diesem Licht besehen auf mich einen Eindruck wie Amerika zur Zeit der Goldgräber: Von der Hoffnung auf schnellen Reichtum geblendet, machen sich viele auf den Weg und setzen mitunter auch ganz rücksichtslos ihre Ellbogen ein. Am Ende lag Amerikas Reichtum ganz woanders und die Goldgräber, von denen die wenigsten reich wurden, haben immerhin zum Ausbau der Infrastruktur zwischen Ost- und Westküste beigetragen.

In diesem Sinne unterstütze ich den Ansatz von Robert Basic nachdrücklich, was die Verbraucherebene (Privatpersonen) betrifft. Den Unternehmen, die mit Social Software oder auch Semantischer Software im Goldrausch der neuen technischen Möglichkeiten unterwegs sind, empfehle ich mehr moralische Integrität. Denn nur integre Geschäftsmodelle werden auf Dauer Bestand haben und wirklich funktionieren.

Logo zu Google OpenSocialNur noch ein Thema scheint die Blogosphäre zu beherrschen: Google’s OpenSocial. Obwohl erst wenig Fakten bekannt sind, überschlagen sich die Blogger mit Meldungen und Meinungen. Eine sehr gute Erklärung und die Zusammenstellung wichtiger Fakten liefert Martin Weigert (zweinull.cc). Hier meine Fragen und Anmerkungen:

  1. Die Entwickler scheinen ziemlich begeistert zu sein. In der Tat hat das Konzept der offenen Schnittstellen etwas für sich, können sie doch Grenzen überwinden und die bisweilen auch als “Datenfriedhöfe” kritisierten Social Networks öffnen und durchlässiger machen.
  2. Erste hellsichtige Analysen machen aber auch klar, dass es für Google wieder einmal (fast) nur um Werbung zu gehen scheint. Über die Schnittstellen sollen gezielt Daten in den Social Networks eingesehen und für Werbezwecke nutzbar gemacht werden. Vermutlich hat Google die Zustimmung der diversen Partner mit der Aussicht auf hohe Werbeeinnahmen bekommen.
  3. Das wirft bei mir aber die Frage auf, ob man hier nicht die Rechnung ohne den Wirt gemacht hat: Denn was hat eigentlich der User von der Innovation? Wo liegen Sinn und Nutzen? Mich beschleicht hier das Gefühl, dass die Bedeutung von Applikationen für Social Networks von Google etwas überschätzt wird.
  4. Die wichtigste Frage aber kann heute noch keiner beantworten: Ich würde nämlich gerne wissen, ob ich künftig von einem Profil auf MySpace mit jemanden auf Xing problemlos in Kontakt treten kann. Denn das wäre ja eigentlich der Sinn der Sache. Cem Basman nennt das “Seamless Social Networking“.
  5. Und funktioniert Werbung auf Social Networks eigentlich? Don Alphonso hat sich gerade diese Frage gestellt und dazu die Antwort in der BusinessWeek gefunden. Demnach wird etwa auf Facebook die Werbung weitestgehend ignoriert.
  6. Und schließlich: Wie ist das eigentlich mit dem Datenschutz? Kann es sein, dass Social Networks unter anderem auch deshalb populär sind, weil die User bislang davon ausgehen konnten, dass ihre persönlichen Daten dort sicher in einem geschlossenen und geschützten Raum lagen? In dieser Hinsicht haben sowohl Google als auch Facebook böse Absichten, denn Google will die Profildaten über seine Schnittstellen auslesen und Facebook gar Cookies auf den Rechnern seiner User installieren, die deren gesamten Internetverkehr mitlesen können.

Fazit: Jede Menge offene Fragen. Klar ist nur, dass hier ein heftiger Kampf um Märkte der Zukunft tobt.

Meine Prognose: Es wird sich nicht viel ändern. Denn eine “Killer-Applikation”, die überall verfügbar ist, macht keines der beteiligten Social Networks besser oder schlechter. Deren Position im Wettbewerb wird davon also nicht bestimmt. Eher nimmt die Vergleichbarkeit untereinander zu, was den attraktiveren Social Networks zu gute kommen wird.

Facebook wäre gut beraten, der Allianz vorläufig nicht beizutreten und einfach die weitere Entwicklung der Nutzerzahlen abzuwarten. Bei den Applikationen hat man ohnehin einen Vorsprung. Und wollte man wirklich Offenheit (aus der Sicht der User) demonstrieren, könnte schon morgen ein E-Mail-Client integriert werden. Mit Microsoft als Partner dürfte das ja wohl ein Leichtes sein.