Daimler hat es nicht leicht mit seinem Blog: Einerseits wird der Konzern dafür gelobt, dass er bloggt, andererseits wird an den Inhalten bisweilen heftig Kritik geübt. Was tun? Hier eine Bestandsaufnahme und dazu Lösungsansätze aus meiner Sicht.
- Die Situation: Bei Daimler sind explizit alle (deutsch sprechenden) Mitarbeiter eingeladen, Artikel für das Blog zu schreiben. Das ist ein interessanter Ansatz, der tatsächlich “Einblicke in einen Konzern” liefert, die man so kaum irgendwo anders in dieser Form und Offenheit bekommen kann. Allerdings führt dies auch dazu, dass die Themen sehr stark variieren und damit ein wichtiges Element von Blogs erschweren, nämlich Gespräche zu führen. Den Lesern des Blogs wird in diesem Sinn viel abverlangt, springen die Themen doch von den Silberpfeilen im Museum zur Nachtschicht in der Produktion und von der großflächigen Plakatwerbung zur Bildungsmaßnahme in Afrika.
- Die Situation im Erklärungsmodell: In dem von mir entwickelten Modell zur Erfolgsmessung von Blogs kam ich zunächst zum Schluss, die Nachrichten bzw. Themen im Daimler-Blog seien “peripherer” Natur (was schlecht wäre, denn ein Blog solle “zentrale” Themen behandeln). Diese Ansicht wird von Nils König aktuell im Daimler-Blog geteilt. Aber vielleicht machen wir da einen Denkfehler. Denn bezogen auf den Konzern mögen die Silberpfeile im neuen Museum tatsächlich eher ein peripheres Thema sein. Grenzt man es aber auf das Museum allein ein, haben wir es mit einer keineswegs banalen, sondern sehr zentralen Nachricht zu tun. Und dieses Prinzip gilt für praktisch alle Postings im Blog von Daimler! Das Problem ist also die Aggregation: Im Blog wird versucht, möglichst den ganzen Konzern auf einen Nenner zu bringen. Das aber sprengt das Medium Blog.
- Blogs und ihre Bezugsgröße: Die schöne Idee, jedes Unternehmen solle doch ein Corporate Blog führen, berücksichtigt für sich genommen noch nicht, ob hier der selbständige Einzelkämpfer oder ein global tätiger Konzern mit mehreren Hunderttausend Mitarbeitern aktiv wird. Das Beispiel Daimler zeigt nun, dass die Leser des Blogs vom Reichtum an Themen, den dieser große Konzern aufbieten kann, teils überfordert, teil gelangweilt sind. So ist es nicht verwunderlich, wenn der Ruf aufkommt, man möge endlich zur Sache (zu den “zentralen” Themen) kommen. Bezieht man das wieder auf mein Erklärungsmodell, so heißt das, dass ein Blog sich jedes beliebige Thema zum Gegenstand machen kann. Es wird dafür aber genau das Publikum bekommen, das dieses Thema als “zentral” einstuft. Blogs von großen Unternehmen laufen damit Gefahr, dass sie mit einer großen Breite an Themen von vielen potentiellen Lesern als nicht ausreichend zentral eingestuft und in der Folge nicht gelesen werden.
- Das Daimler Blog: An diesem Punkt wird (zumindest mir) klar, dass Daimler mit nur einem Corporate Blog nicht umhin kommen wird, relativ bald von der großen Themenbreite Abschied zu nehmen und tatsächlich fokussierter zu bloggen. Anders wird, zumindest in der Öffentlichkeit, kein Erfolg daraus werden können. Daran wird auch Nils König nichts ändern können, wenn er in meinem Modell zusätzliche Regler einführt. Denn wir rühren hier möglicherweise an eine ganz grundsätzchliche Funktionslogik bei Blogs.
- Das Daimler Mitarbeiter Forum: Was aber soll man mit der doch großartigen Idee machen, die Mitarbeiter aus den unterschiedlichsten Unternehmensbereichen öffentlich zu Wort kommen zu lassen? Einfach einstellen? Nein. Dafür sollte eine Art Forum entwickelt werden, das wie eine Vielzahl parallel geschalteter Blogs funktionieren muss. Dann kann der am Museum interessierte Leser sich leichter auf diese Beiträge konzentrieren und dort auch in den Kommentaren mitmachen. Und auch Themen wie die Nachtschicht, die Weiterbildung oder das Marketing könnten dort ihr jeweils eigenes Publikum finden, das genau diese Inhalte als “zentral” für sich einstuft, unberührt davon, dass andere das eine oder andere Thema als “peripher” bewerten und links liegen lassen. Und auf den Stand der heutigen Möglichkeiten gebracht, könnte hier auch eine Unterscheidung in interne und externe Öffentlichkeit gemacht werden. Einen solchen Ansatz verfolgt in Deutschland die CoreMedia in Hamburg, deren Blogsystem so ausgelegt ist, dass manche Inhalte nur der internen Öffentlichkeit zugänglich sind, anderes aber intern und extern gelesen werden darf.
- Blogs sind kein Massenmedium: Als Fazit sehe ich, dass ein (einzelnes) Blog nicht wie eine Zeitung ein breites Themenspektrum abdecken und zugleich ein großes Publikum erreichen kann. Das funktioniert nicht. Auf den Daimler bezogen heißt das, dass wenn man mit einem Corporate Blog ein möglichst großes Publikum ansprechen will, die Inhalte an den ganz zentralen Fragestellungen des Konzern ausgerichtet sein müssen. Mit einem breiten Spektrum an Themen dagegen spielt man mit dem Blogformat vor leeren Rängen.













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