Das Buch “Business Model Generation” gibt es jetzt auch in deutscher Sprache und ich habe es spontan gekauft, als ich es neulich in Frankfurt in einer Buchhandlung liegen sah. Der Campus Verlag hat es herausgebracht und sich dabei weitgehend am englischen Original orientiert.
Zum Konzept des Buches muss man wohl nicht mehr viel sagen. Alexander Osterwalder und Yves Pigneur liefern einen soliden Rahmen für die Definition bzw. Analyse von Geschäftsmodellen. Dabei ist das Buch weniger als einfache Lektüre, sondern bewusst als ein Werkzeug gedacht, das geradezu nach der praktischen Anwendung verlangt.
Zum Buch gibt es eine App für das iPad, eine Pdf-Datei als Einstiegslektüre (in englischer Sprache) und eine diskussionsfreudige Community auf der Website. Eine Facebook-Seite und der Twitter-Account von Alexander Osterwalder runden das Bild ab, so dass die Bezeichnung “Handbuch” eigentlich stark untertrieben ist: Business Model Generation ist eher eine Plattform mit Community-Orientierung und eigenem Geschäftsmodell. Die weltweit stattfindenden Seminare scheinen gut besucht zu sein, für die Veranstaltung in München im November sind noch Plätze frei…
Geht das Zeitalter des gedruckten Buches, das immerhin auf eine enorme Tradition zurückblicken kann, allmählich zu Ende? Jeff Bezos, der Gründer von Amazon, sieht uns schon auf dem besten Weg in die papierlose Gesellschaft (”paperless society”), wie die New York Times leicht pikiert feststellen muss.
Er könnte aber recht haben, denn nicht nur sein Unternehmen arbeitet intensiv an Techniken, Medien und Geschäftsmodellen, die uns vom “Ballast” des bedruckten Papieres befreien sollen. Allerdings zeigt der konkrete Blick auf den Alltag der Menschen, dass wir damit doch noch nicht so weit gekommen sind.
Thomas Hawk hat in der U-Bahn von San Francisco (BART) Pendler (nicht repräsentativ) beobachtet und wurde überrascht: Zeitungen und ganz normale Bücher haben immer noch einen hohen Stellenwert, selbst im Herzen des Silicon Valley. Immerhin 31 % der Pendler lasen auf Papier, gegenüber nur 15 %, die elektronische Medien nutzten.
Bemerkenswert ist da schon eher, dass der Medienwandel Übergangsformen herausbildet, bei dem Altes in neuer Form erscheint oder das Neue in die alten Gewänder schlüpft (wenn etwa die Wikipedia ausgedruckt als Buch verkauft wird).
Amazon Kindle DX
Von Amazon gibt es jetzt einen Kindle mit größerem Bildschirm, genannt Kindle DX (= Deluxe). Er ist vor allem für das Lesen von universitären Lehrbüchern (”Textbooks”) gedacht, kann aber auch für die schon bekannten Abos von Zeitungen genutzt werden.
Was beim Betrachten des Videos sofort auffällt, ist, dass der Kindle praktisch nur das Papier ersetzt, ansonsten aber sehr nahe am Medium Buch bleibt. Als Übergangslösung ist das sicher nicht schlecht. Auf längere Sicht aber werden “Lehrbücher” sicher anders aussehen und die multimedialen Möglichkeiten des Internets stärker nutzen.
So dürfte das Fachbuch der Zukunft Grafiken enthalten, die dreidimensional und / oder interaktiv ausgelegt sind. Statt Fußnoten werden Links integriert und neben langen Texten werden Videos oder Podcasts für Auflockerung sorgen bzw. die Didaktik verbessern.
So gesehen ist dieser Kindle nur ein interessanter Zwischenschritt bzw. eine Übergangslösung. Immerhin scheint er von seinen Fans intensiv genutzt zu werden: Bis zu 35 % von Buchverkäufen sollen schon auf die digitale Version entfallen, so diese für einen Titel verfügbar ist, gab Jeff Bezos bekannt.
BookGlutton
Ebenfalls in die Rubrik Übergangsformen stufe ich BookGlutton ein (via Leander Wattig). Hier handelt es sich um ein Widget, das sich leicht in Blogs einbinden lässt (vergleichbar dem Videoplayer von YouTube). Die Inhalte sind hier aber Bücher.
Das Konzept ist schön gedacht und umgesetzt. Nur stellt sich die Frage, wer auf einem Blog oder einer Website anfangen soll, ein ganzes Buch zu lesen. Ein (kurzes) Video schaut man sich sicher gerne an, das Lesen eines Buches aber kann Stunden bzw. Tage beanspruchen. Eine Website bzw. ein Blog ist daher sicher nicht der passende Ort für die Lektüre längerer Texte.
Fazit
Noch bilden gedruckte Bücher einen Markt, der in seiner Größe weder vom Amazon Kindle noch von einem Widget wie BookGlutton ernsthaft in Frage gestellt wird. Es ist aber auch unübersehbar, dass wir jetzt in ein Zeitalter des Übergangs eintreten, in dem die Strahlkraft des Alten nachlässt, das Neue ganz allmählich im Alltag sichtbar wird und Formen bzw. Rituale des Übergangs sich herausbilden.
Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass sehr viele der Internet- und Web 2.0-Vordenker in den USA zwar eifrig bloggen, twittern und facebooken, daneben aber auch noch ganz normale Bücher schreiben? So gesehen hat das gedruckte Buch wohl doch noch eine Zukunft!
Allerdings lassen sich bei Werbung und Vermarktung von Büchern über das Internet erhebliche Unterschiede feststellen: Von der klassischen Titelpräsentation bis hin zu viralen Kampagnen ist sehr vieles möglich. Deshalb hier der Versuch einer Kategorisierung:
Verlage 1.0: In diese Kategorie fallen Verlage wie das Traditionshaus Suhrkamp, die ihr Verlagsprogramm noch ganz im Stil des “Web 1.0″ darstellen. Jegliche Elemente des Web 2.0 fehlen, seien es eine Kommentarfunktion oder auch Podcasts.
Verlage 2.0: Hier ist man schon weiter und setzt die neuen Funktionen des Web 2.0 (allerdings ganz unterschiedlich dosiert) ein. Bei Klett-Cotta gibt es das Verlagsblog, Rowohlt setzt auf multidimensionale Werbung und auch Diogenes hat mit Paulho Coelho einen bloggenden Autor im Programm, der gleich alle Register (selbst) zieht.
Autoren 2.5: Paulo Coelho stellt eine geschickte Überleitung in eine weitere Kategorie dar, die bewusst nicht mehr das Wort “Verlag” in der Bezeichnung führt. Hier sind Autoren gemeint, die die Vermarktung ihrer Bücher nicht dem Verlag (oder dem Zufall) überlassen, sondern selbst gezielt das Web 2.0 für ihre Zwecke nutzen. Aktuelles Beispiel ist Joseph Jaffe, der sein neues Buch u. a. über Facebook lanciert hat. Autoren mit Kultstatus (im Web) haben es (noch) leichter: David Weinberger brauchte für sein aktuelles Buch nicht viel zu machen: Technorati listet über 1.000 Blogs auf, die das Buch in der einen oder anderen Form besprochen haben.
Werden Verlage deshalb überflüssig? Wohl kaum. Denn nicht jeder Autor erreicht den Status eines Jaffe oder Weinberger (die zudem beide Universitäts-Professoren sind). Dennoch sollten Verlage aufpassen: Vom anderen Ende des Marktes her (also dem Long Tail) kommen Plattformen wie die readbox, die für Autoren ein wichtiges Instrument des Marketings sein können. Und wer dort Erfolg hat, aber keinen Verlag, wählt eben einen Print-on-demand-Anbieter als Partner.
Der “Flaschenhals” wird künftig ganz eindeutig die Kompetenz der Vermarktung sein. Ein weiteres aktuelles Beispiel dazu liefert uns Jeff Gomez, der sein bald erscheinendes Buch mit dem bezeichnenden Titel “Print is dead” mit Textauszügen und Podcasts auf seinem Blog bewirbt.
Eine bessere Einführung in deutscher Sprache dürfte es derzeit kaum geben: Die beiden Autoren schreiben unterhaltsam und leicht verständlich über alle wesentlichen Aspekte rund um SL. Die durchgehend farbige Bebilderung (mit Screenshots) trägt zudem erheblich zum Verständnis bei.
Mehr zum Buch und Second Life selbst folgt noch diese Woche, Oliver Gassner wird mir hier im Blog ein Interview geben. Eine ausführliche Buchbesprechung hat Jan Tißler (Upload) verfasst.
Wer sich mit Blogs und längeren Blogpostings auseinandersetzt, weiß, dass man zwar aus einem Blogartikel heraus sehr gezielt verlinken kann, aber umgekehrt nicht direkt kommentieren: Kommentare auf Blogs stehen grundsätzlich am Ende jedes Artikels, egal wie lang dieser ist und worauf sich der Kommentar speziell bezieht.
Mit CommentPress gibt es jetzt eine Alternative, bei der versucht wurde, eine Synthese aus Blog und Buch zu schaffen. Die Software leitet sich von WordPress ab, richtet sich aber an Autoren längerer Texte. Wer kommentieren will, kann dies abschnittsweise tun, also sehr gezielt.
Hinter dieser Neuentwicklung steht das Institute for the Future of the Book (Brooklyn, New York). Auf deren Blog wird aktuell eine Publikation besprochen, die mit CommentPress erstellt wurde (weitere Beispiele sind auf der Website des Insituts verlinkt).
Mein erster Eindruck anhand dieses und jenes Beispiels: Sehr gut gemacht und gut durchdacht. Einzig die Fußnoten erscheinen nur als eigene, lange Liste am Textende. Aber das ist eher eine persönliche Geschmacksfrage. Robert Basic, der sich Ende Juli unter dem Titel “Tiefe und Bloggen” Gedanken zur Publikation längerer Texte gemacht und sich dann offenbar für Serendipityentschieden hat, könnte dies vielleicht nochmals überdenken…
Wer sich (wie ich) erst einmal in Texte eingelesen hat, die mit CommentPress erstellt wurden, mag auch nicht mehr wirklich zurück zu den zahllosen, eindimensionalen Pdf-Dateien. Pdf’s sind ja eine schöne Sache, aber irgendwie gehören sie doch zum Web 1.0 (sorry an Adobe), allen Weiterentwicklungen der Software zum Trotz.
Dipl.-Kfm. Matthias Schwenk
ist Unternehmensberater, Autor, Vortragsreferent und Dozent zum Thema Social Web. Sein Schwer-
punkt liegt auf Collaboration Software (Enterprise 2.0), Wissensmanagement und der Konvergenz digitaler Medien (Medienwandel). Mehr...
Ein Sammelband, der auch Texte von mir enthält und im Januar 2011 erschienen ist:
Jan Krone (Hrsg.), Medienwandel kompakt
2008-2010, Nomos Verlagsgesellschaft
(Baden-Baden). Mehr…
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