Zukunft

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Unter dem Titel “Eigentumpopeigentum” hat Michael Seemann einen Blogartikel zur Rolle des Eigentums in unserer digitalen Gesellschaft geschrieben. Seine Kernaussage lautet: Eigentum verliert an Bedeutung, weil sich mittels moderner Kommunikationstechnologie die Nutzung von Gütern verschiedenster Art so steuern lässt, dass nicht mehr jeder jeden Gegenstand permanent besitzen und damit dessen Eigentümer werden muss.

Ein durchaus treffendes Beispiel in seinem Text ist das zunehmende Aufkommen von Carsharing. Hier im Blog wurde dazu übrigens schon 2009 auf Daimlers Initiative car2go verwiesen, die mittlerweile weltweit in 8 Städten verfügbar ist.

Michael Seemann bleibt jedoch nicht bei dieser Gattung von Gütern stehen, sondern diskutiert in der Folge anhand des Wohneigentums die Frage, ob es den Eigentümer überhaupt noch braucht, oder ob in unserer Gesellschaft derartige Verteilungsfragen nicht auch anders gelöst werden könnten. Dazu von meiner Seite zwei Anmerkungen:

Eigentum und technischer Fortschritt

Die auch in meinen Augen deutlich sichtbar abnehmende Relevanz von Eigentum in unserer modernen Gesellschaft lässt sich nicht allein auf das Aufkommen neuer Verteilungsmechanismen im Wege der digitalen Kommunikation zurückführen, sondern muss auch im Kontext des technischen Fortschritts in der Produktion gesehen werden, der eine Vielzahl von Gütern des täglichen Bedarfs hat kostengünstig und ubiquitär verfügbar werden lassen. Fast nichts, was der Mensch zum Leben braucht, ist heute noch knapp. Produkte auf den Markt zu bringen verursacht heute keine Mühe mehr.

Allerdings müssen die Hersteller von Konsumgütern immer mehr Mühe darauf verwenden, Produkte weiterhin als hochpreisige Luxusartikel im Markt zu halten, weil praktisch alles auch in Form von Billigware verfügbar ist – bis hin zum Problem der Imitate von Markenartikeln. Nebenbei bemerkt: Das Kernproblem der Imitate ist nicht etwa der Umsatzverlust bei den Herstellern der Originalware, sondern der ihnen innewohnende Hinweis, dass sich diese Artikel im Prinzip auch sehr viel günstiger herstellen und vertreiben lassen.

Wo also Gegenstände des täglichen Bedarfs nicht mehr knapp sind, sondern jederzeit für wenig Geld ersetzt werden können, bleibt zwar das Prinzip des Eigentums erhalten, es büsst jedoch etwas von seinem Stellenwert ein. Als weitere Relativierung kommt hinzu, dass bestimmte Güter wie etwa Fernsehgeräte oder Tablet-Computer trotz eines vielleicht hohen Anschaffungspreises dennoch keinen hohen Eigentumswert besitzen, weil sie keine Anschaffung mehr für Leben darstellen: Der Konsument heute weiß, dass der gekaufte Gegenstand in spätestens 3 oder 4 Jahren technisch veraltet sein wird und durch ein (besseres) Nachfolgemodell ersetzt werden kann.

Man mag die hier getroffenen Feststellungen für unbedeutend halten. Denn bei der Kritik am Kapitalismus geht es nicht um Zahnbürsten oder Kochtöpfe, sondern um das große Ganze. Dabei wird aber leicht übersehen, dass der technische Fortschritt nicht bei den eher geringwertigen Gütern des täglichen Bedarfs stehen bleibt, sondern allmählich auch die komplexeren und prinzipiell teuren Produktgattungen wie den Fahrzeug- oder Wohnungsbau erfasst. Zwar wehren sich hier die Hersteller mit aller Macht gegen ein Absinken des Preisniveaus und setzen sich vehement für den Erhalt ihrer althergebrachten Geschäftsmodelle ein. Es wird ihnen aber auf lange Sicht nichts nützen. Die hier sich abzeichnenden Veränderungen sollte deshalb berücksichtigen, wer neue Modelle von Eigentum bzw. Verteilung und Verteilungsgerechtigkeit diskutieren möchte.

Eigentum und Verteilung

Ein Punkt bei der Frage der Verteilung sei hier noch herausgegriffen. Michael Seemann bringt eine herrliche Argumentationskette ins Spiel, bei der am Ende der Eigentümer (und Vermieter) von Wohnraum scheinbar überflüssig wird, weil er nur noch “Produktivitätsgewinne” einstreicht und dem System offenbar keinen Nutzen mehr bringt. Eine solche Sicht der Dinge übersieht, dass jeder Eigentümer von Wohnraum, der diesen vermieten möchte, prinzipiell vor der Frage steht, welche der dabei anfallenden Aufgaben er selbst erledigen und welche er an Dienstleister auslagern möchte. Er kann delegieren, muss aber nicht.

Entscheidet sich ein Eigentümer nun dafür, sämtliche mit der Bewirtschaftung des zu vermietenden Wohnraums anfallenden Fragen auszulagern, wird er deshalb aber nicht überflüssig, sondern macht nur sichtbar, wie weit die Arbeitsteilung in unserer Gesellschaft heute gehen kann. Denn die Beauftragung von Maklern, Verwaltern und Steuerberatern wird vielfach nicht aus Faulheit oder einem Hang zur Gewinnmaximierung erfolgen, sondern schlicht aus der Erkenntnis, dass die Vermietung von Wohnraum in Deutschland eine hochkomplexe Materie geworden ist, bei der etwa Fragen des Mietrechts, Steuerrechts und Fragen der sachgerechten Instandhaltung von Gebäuden häufig nur noch unter Einschaltung von Experten sinnvoll beantwortet werden können.

Darüber hinaus verbleibt beim Eigentümer auch bei der weitestgehend möglichen Delegation von Aufgaben immer das Investitionsrisiko. Wer ihm dieses abnehmen und auf andere Schultern verlagern möchte, sollte zusehen, dass Qualität und Vielfalt nicht auf der Strecke bleiben: Den Plattenbau der DDR-Bürokratie wünscht sich wohl niemand zurück.

Fazit

Festzuhalten bleibt, dass mit der digitalen Gesellschaft im 21. Jahrhundert die Fragen nach Eigentum und Besitz vielfach neu gestellt werden: Einerseits werden mittels moderner Kommunikation Formen des Sharings effizienter oder überhaupt erst möglich, andererseits nimmt aufgrund einer fast schon als Überproduktion zu bezeichnenden Angebotsvielfalt an Gütern des täglichen Bedarfs die Wertschätzung von Eigentum tendenziell ab (die Wegwerfgesellschaft lässt grüßen).

Die Frage der Verteilungsgerechtigkeit an den sich verschiebenden Kategorien von Eigentum festzumachen, halte ich aber für falsch. Die zunehmende Disparität zwischen Armen und Reichen in unserer Gesellschaft sind nicht ursächlich in Eigentumsfragen zu suchen, sondern in der zu niedrigen Besteuerung von Gewinnen und hohen Einkommen.

Der Mann im Kapuzen-Sweatshirt ist eine schillernde Persönlichkeit: Musiker und (Ex-)Hippie einerseits, Venture-Capitalist und Buchautor andererseits. Im Silicon Valley ist Roger McNamee, Mitgründer von Elevation Partners, als einer der frühen Investoren in Facebook gut bekannt. Seine Aussagen über die Zukunft des Internets sind sehenswert, denn er lehnt sich weit aus dem Fenster und spart nicht mit provokativen Aussagen:

Eine längere Fassung des gleichen Vortrags, dieses Mal mit Sakko statt Kapuzen-Sweatshirt, gibt es hier (Fora.TV). Ein paar Anmerkungen aus meiner Sicht:

Seine Beobachtungen zu Microsoft und Google sind zweifellos bemerkenswert. Sie bedeuten aber nicht, dass die beiden Unternehmen in naher Zukunft einfach verschwinden werden: Sie verlieren nur ihre dominante Stellung, weil jetzt zunehmend andere Plattformen neben sie treten und damit die bislang monolithischen Strukturen einebnen werden (bei Betriebssystemen im Fall von Microsoft und bei alternativen Suchmöglichkeiten gegenüber Googles Suchindex).

Die starke Betonung von Apple und den Tablet-Computern enthält meines Erachtens einen Denkfehler. Tablets werden nicht so dominant werden, wie Roger McNamee vermutet, weil sie nur ein Element eines immer breiter und vielfältiger werdenden Hardware-Spektrums sind. Spielkonsolen erwähnt er gar nicht, vermutlich weil er keine Erfahrung damit hat. Auch das “Internet der Dinge” wird nicht thematisiert. Der Wesenskern der gerade ablaufenden Veränderung besteht also nicht darin, dass es jetzt Tablets gibt, sondern dass wir von immer mehr Gegenständen umgeben sind, die mit dem Internet Verbindung aufnehmen können.

Seine Betonung der Bedeutung von HTML5 ist sicher richtig. Im Vortrag auf Fora.TV gibt er dazu noch eine sehr interessante Antwort auf eine Frage aus dem Publikum, das Urheberrecht betreffend. Sinngemäß führt er aus, dass Raubkopien ein großes Problem waren und noch immer sind, tendenziell aber an Bedeutung verlieren werden, weil künftige Inhalte nicht mehr als einfach zu kopierende Dateien in Erscheinung treten werden, sondern als komplexe und vernetzte Strukturen, die sich schlicht nicht mehr kopieren lassen. Das ist in meinen Augen eine visionäre Aussage, die plausibel und spannend zugleich klingt!

Schließlich noch das Social Web. Hier sei alles gelaufen und Facebook als dominierender Akteur etabliert. Das darf man gerne hoffen, wenn man ein größeres Paket an Facebook-Aktien besitzt. Leider hat Roger McNamee hier nicht in die Zukunft, sondern nur in seinen Geldbeutel geschaut. Facebook ist bei weitem nicht die sichere Bank, um die sich alle anderen herum gruppieren müssen, auch wenn Mark Zuckerberg das sicher gerne so hätte (mehr dazu in Kürze hier im Blog).

Insgesamt ein sehr interessantes Video, das mich zu der Überlegung gebracht hat, ob die heute gängige Trennung in “Web 1.0″ und “Web 2.0″ nicht bald schon überholt sein wird. Aus der Zukunft rückblickend wird vielleicht neu eingeteilt: In die Phase, in der man praktisch nur mit einem PC bzw. Notebook in Verbindung mit einem Browser im Web unterwegs war (also von 1994 bis ca. 2007), und in die neuere Phase, in der das Web über eine Vielzahl von Geräten und über unterschiedliche Software-Modalitäten genutzt wird, bis hin zum Internet der Dinge, zu dem Smartphones und Tablets nur den Einstieg markieren.

Apple iPhone 4S

Als Apple das iPhone auf den Markt brachte, war dessen Touchscreen ein Triumph im leider viel zu kurzen Leben des Steve Jobs. Vier Jahre später kommt mit Siri ein Programm zur Sprachsteuerung auf das aktuelle iPhone (4S), mit dem der Touchscreen beinahe arbeitslos zu werden scheint: Man spricht jetzt mit dem Smartphone, wenn man telefonieren, Musik hören oder Informationen abrufen möchte. Ist das die Zukunft und Apple der Konkurrenz wieder mal um Längen voraus? Oder wird hier nur eine in den Geräten der Konkurrenz relativ ähnlich anzutreffende Technik sehr geschickt vermarktet?

Ob der Sprachsteuerung die Zukunft gehört, kann aus heutiger Sicht noch nicht zwingend mit “ja” beantwortet werden. Dagegen spricht der eigentlich erstaunliche Trend zur weniger Sprachtelefonie und mehr Kommunikation via Text auf mobilen Geräten. Die Menschen telefonieren nicht mehr so viel, sie schreiben sich lieber Kurznachrichten, Tweets oder E-Mails. Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass zumindest in der Öffentlichkeit diskrete (stille) Kommunikationsmittel lieber verwendet werden. Das aber ist nur eine Vermutung von mir. Würde sie zutreffen, hätte Siri wenig Chancen. Denn wer spricht schon gern mit seinem Mobiltelefon, wenn andere Anwesende alles mithören können, einschließlich vielleicht der laut gesprochenen Antwort von Siri?

Der Mensch von heute findet sich oft genug in Situationen wieder, in denen er zwar sein Mobiltelefon diskret und leise nutzen kann, wo eine laute (sprachbasierte) Kommunikation damit aber verpönt ist: In Besprechungen und auf Konferenzen, in Restaurants und Wartezimmern, in Wellness-Oasen und Museen. Dazu kommen Orte, wo lautes Sprechen zwar möglich, aber vielleicht unangenehm ist, weil fremde Menschen in nächster Nähe sind und alles mithören würden. Im Lift und in der Bahn, im Taxi und in der Warteschlange am Flughafen.

In unserer Kommunikation und den ihr zugrunde liegenden gesellschaftlichen Konventionen gibt es wohl einen Trend zum Gebrauch diskreter Instrumente. Dennoch schreibe ich Siri nicht vorschnell ab.

Denn da ist noch eine andere Komponente. Siri möchte auf ganz unterschiedliche Fragen mit einer präzisen und einfachen Antwort dienen. Damit steht der Traum von der kinderleicht zu nutzenden Wissensmaschine im Raum. Eigentlich würde man so etwas ja eher von Google erwarten. Aber der Suchmaschinenriese optimiert offenbar lieber seine lukrativen Werbeprogramme, anstatt die Ausgabe der Suchanfragen neu zu erfinden. Mit Android, der Software für mobile Geräte, hätte Google eigentlich die Chance dazu gehabt. Nun hat Apple die Gelegenheit ergriffen, auf diesem Gebiet die Vorreiterrolle zu übernehmen, vermutlich aus genau der Überlegung heraus, die Google hat zögern lassen: In einer präzisen Antwort auf eine konkrete Frage ist wenig bis kein Platz für (zusätzliche) Werbeeinblendungen.

Was für Google ein Problem darstellt, weil der Konzern seinen Umsatz fast nur mit Werbung macht, kann Apple getrost in Angriff nehmen, denn Werbeeinnahmen rangieren bei Apple unter “ferner liefen”. Erweist sich Siri in den kommenden Monaten als die “bessere Suchmaschine”, bekommt Google ein ernsthaftes Problem – erst recht, wenn Siri nicht mehr nur dem iPhone vorbehalten bleibt, sondern auch auf dem iPad und den Mac-Rechnern verfügbar gemacht wird. Daran dürfte auch das jetzt in Verbindung mit dem Samsung Galaxy Nexus vorgestellte Google Android 4.0 (Ice Cream Sandwich) nichts ändern.

Kritiker könnten jetzt einwenden, dass die interessante Technik auch Geld kostet und fragen, wie Apple Siri refinanzieren möchte. Eine erste Antwort darauf liefern uns die Verkaufszahlen zum iPhone 4S. Obwohl das Gerät dem Vorgängermodell äußerlich weitestgehend gleicht, wurden davon in den ersten Tagen seit Verkaufsbeginn bereits mehr als 4 Mio. Stück abgesetzt. Selbst für die Maßstäbe von Apple ist das ein neuer Rekord.

Siri dürfte also zumindest in den kommenden ein bis zwei Jahren leicht über den Umsatz mit Hardware (kalkulatorisch) finanziert werden können. Darüber hinaus ist denkbar, dass Siri für Applikationsentwickler kostenpflichtig gemacht wird: Wer möchte, dass seine App oder Mac-Software über Siri gesteuert werden soll, muss dann vielleicht Lizenzgebühren bezahlen. Entwickelt sich Siri zum perfekten digitalen Assistenten, könnten auch die Endverbraucher zur Kasse gebeten werden: Apple ist an dieser Stelle bekanntlich nicht zimperlich. Ein Indiz dafür könnte sein, dass Siri derzeit unter dem für Apple ungewöhnlichen “Beta-Label” geführt wird.

Aber noch ist das alles Zukunftsmusik. Apple muss mit Siri jetzt erst einmal unter Beweis stellen, dass die neue Technik wirklich gut funktioniert und auf Seiten der Anwender bleibt abzuwarten, ob aus dem anfänglich eher spielerischen Interesse ein ernsthafter Dauergebrauch wird. In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass auch Apple nicht vor Fehleinschätzungen gefeit ist. FaceTime etwa, Apples Variante der Video-Telefonie, die vor gut einem Jahr eingeführt wurde, stand auch eine Zeit lang im Ruf, den Durchbruch für diese Form der Kommunikation zu bringen.

Insgesamt aber deutet sich an, dass mit Siri ein neues, großes Kapitel in unserem Umgang mit Computern aufgeschlagen werden könnte. Schafft es die Software tatsächlich, gesprochene Sprache richtig zu interpretieren und parallel dazu verschiedenste Datenbanken im Hintergrund zu nutzen um sinnvolle Antworten auf die gestellten Fragen auszugeben, wird das unseren Umgang mit Computern bzw. Informationen massiv verändern. Steve Jobs Aussage vom Juni 2010, wir befänden uns im Post-PC-Zeitalter, erscheint damit plausibler denn je.

Business Model Generation

Das Buch “Business Model Generation” gibt es jetzt auch in deutscher Sprache und ich habe es spontan gekauft, als ich es neulich in Frankfurt in einer Buchhandlung liegen sah. Der Campus Verlag hat es herausgebracht und sich dabei weitgehend am englischen Original orientiert.

Zum Konzept des Buches muss man wohl nicht mehr viel sagen. Alexander Osterwalder und Yves Pigneur liefern einen soliden Rahmen für die Definition bzw. Analyse von Geschäftsmodellen. Dabei ist das Buch weniger als einfache Lektüre, sondern bewusst als ein Werkzeug gedacht, das geradezu nach der praktischen Anwendung verlangt.

Zum Buch gibt es eine App für das iPad, eine Pdf-Datei als Einstiegslektüre (in englischer Sprache) und eine diskussionsfreudige Community auf der Website. Eine Facebook-Seite und der Twitter-Account von Alexander Osterwalder runden das Bild ab, so dass die Bezeichnung “Handbuch” eigentlich stark untertrieben ist: Business Model Generation ist eher eine Plattform mit Community-Orientierung und eigenem Geschäftsmodell. Die weltweit stattfindenden Seminare scheinen gut besucht zu sein, für die Veranstaltung in München im November sind noch Plätze frei…

Zukunftskonferenz des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels 2011, Blick ins Plenum 09.09.11

So sieht es also aus, wenn Deutschlands “Content-Broker” sich treffen und in die Zukunft blicken. Wobei rechts auf dem Foto nicht ein Vertreter von Perry Rhodan, sondern ein Verlagsmitarbeiter sitzt. Der Verband, der zu dieser Zukunftskonferenz eingeladen hatte, ist unter seinem richtigen Namen besser bekannt: “Börsenverein des deutschen Buchhandels”.

Die Bezeichnung “Zukunftskonferenz” war voll und ganz angemessen, denn die vom Börsenverein konzipierte Veranstaltung mit rund 100 Teilnehmern aus Verlagen, Buchhandlungen, Startups sowie vom Verband selbst versuchte in zwei Workshop-Runden Szenarien für das Jahr 2025 zu entwickeln und damit nichts weniger als ein Zukunftsbild der Buch- und Verlagsbranche zu entwerfen. Dafür stand etwas mehr als ein Tag zur Verfügung (08.09. bis 09.09.2011), was angesichts der Komplexität der Materie nicht übertrieben war.

Insgesamt darf die Veranstaltung als gelungen bezeichnet werden: Es wurde offen und konstruktiv diskutiert und praktisch alle Anwesenden waren sich darüber einig, dass in Zukunft das gedruckte Buch erheblich an Bedeutung verlieren wird. Eine Kontroverse zwischen Vertretern alter Strukturen und Anhängern neuer Medien, wie sie in den letzten Jahren häufig zu erleben war, gab es hier nicht. Die Branche hat dazu gelernt und steht nun vor der Frage: Wohin geht die Reise?

Ein gewisses Problem bei der Formulierung der Zukunft stellte der vorgegebene Begriffsrahmen dar, mit dem versucht wurde, die althergebrachte Medienstruktur mit den digitalen Neuerungen in eine einzige Matrix zu bringen. So schön das gewesen wäre, dieser Ansatz musste aufgrund erheblicher Abgrenzungsprobleme scheitern.

Mediensparten bwlzweinull

Wie aber könnte man den Wandel begrifflich besser fassen, so dass sich die einzelnen Sparten auch mit Schätzungen zur Umsatzentwicklung verbinden lassen? Das obige Schaubild enthält einen Vorschlag: Es geht von den Formaten aus, die schon der Börsenverein angesetzt hat (oberste und zweite Zeile), bezieht jedoch den Bereich der digitalen Medienträger (z. B. Hörbücher auf CD oder DVD) ebenso mit ein wie den Bereich der Spiele (Zeile drei). Daraus lassen sich dann drei Ausgabeformate ableiten (Zeile 4), denen dann wiederum einzelne Medienformate zugewiesen werden können (Zeile 5).

Dabei enthalten die unteren Zeilen bewusst keinen Bezug mehr zu Medien wie dem Fernsehen oder dem Radio, weil es hier vorrangig darum geht, das Spektrum aus der Sicht von Verlagen bestmöglich darzustellen. Meine Darstellung enthält auch nicht mehr das Internet als Angebotsraum kostenfreier Inhalte, die im Sinne von entgangenen Umsätzen zu schätzen wären. So verständlich diese Überlegung ist, aus ihr lassen sich keine operationalisierbaren Konzepte ableiten.

Wichtiger finde ich den Bereich der Medienträger (hier in grau, vorletzte Zeile im Schaubild), weil sich daran Umsatzperspektiven diskutieren lassen, die sowohl die Verlage als auch den Buchhandel betreffen: Lassen sich etwa die Rückgänge beim gedruckten Buch teilweise durch digitalisierte Medien kompensieren, so weit diese über den Buchhandel vertrieben werden?

Schließlich könnte das Schaubild nach unten gedanklich erweitert werden, in dem verschiedene Strategie-Optionen in den Blick genommen werden:

Von der Mediensparte zur Business-Strategie

So weit jedoch kam diese erste Zukunftskonferenz noch nicht. Es wäre deshalb schön, wenn es eine Fortsetzung gäbe und dafür wieder ein ähnlich offenes Format gewählt würde. Inzwischen hat der Börsenverein noch andere Hausaufgaben, denn ihm wurden aus den Workshops heraus eine ganze Reihe von Vorschlägen präsentiert, wie er seine Arbeit weiterentwickeln könnte.

Die Umbenennung in “Verband deutscher Content-Broker” war dabei eher als humoristische Eingabe zu verstehen. Sehr viel ernsthafter dagegen war der Vorschlag, der Börsenverein solle sich stärker mit anderen digital-orientierten Verbänden vernetzen und dabei zusehen, dass er in die Rolle eines Dachverbandes wachsen kann. Ansonsten drohte ihm vielleicht das Schicksal, selbst zum Anhängsel anderer Interessenvertreter zu werden, der in Zukunft nur noch die (antiquarischen) Belange des gedruckten Buches vertreten dürfe.

Die Branche weiß also sehr genau, wo sie steht und sie nennt die Dinge auch beim Wort. Das ist ein gutes Zeichen. Gut ist auch, dass der Börsenverein inzwischen offen ist für Mitglieder “aus der neuen Welt”. Im Bild ganz oben schön zu sehen: Einträchtig unterhalten sich hier Michael Dreusicke, Gründer eines Startups für digitalen Content (links im Bild) und Peter Schmid-Meil, Mitarbeiter des Franzis Verlags.

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