Blogosphäre

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flickr Tang Shan Bookstore Solertopazio

Nun hat auch der buchreport, eines der wichtigsten Fachmagazine für den deutschsprachigen Buchmarkt, ein eigenes Blog. Wozu das gut sein soll, ist aber nicht ersichtlich. Denn der Buchreport ist bereits mit einem umfangreichen Aufritt im Internet vertreten, der jetzt kurz vor der Buchmesse lediglich um die Kategorie “buchreport.blog” erweitert wurde. Layout und Kommentarfunktion entsprechen exakt den normalen Artikeln.

Das lässt darauf schließen, dass es keine Track- bzw. Pingback-Funktionalität gibt und auch das Blog selbst “blind” für eingehende Links sein dürfte. Wer kommentiert, kann zudem keinen Link auf ein eigenes Medium setzen und sich auch nicht via Twitter oder Facebook-Connect dazu einloggen. Kommentare werden erst nach Moderation freigeschalten, ein RSS-Feed fehlt.

Das ist schade, denn der buchreport hätte online eigentlich mehr verdient, zumal für das Blog eine ganze Reihe vielversprechender Autoren gewonnen werden konnten.

Technisch betrachtet wäre es besser gewesen, der buchreport hätte seinen gesamten Onlineauftritt neu konzipiert und sich dabei stärker in Richtung einer Experten-Community entwickelt. Damit wäre eine (stärkere) Differenzierung zwischen Print und Online sehr gut möglich geworden,  mit deren Hilfe man den Printkanal als Umsatzbringer erhalten und parallel dazu den Onlineauftritt als qualitative Ergänzung anderer Art hätte positionieren können.

In seiner jetztigen Form steht der buchreport vor dem gleichen Dilemma wie die meisten anderen (gedruckten) Medien auch: Was sie auf Papier teuer verkaufen, wird im Internet teilweise oder ganz verschenkt. Warum also kann man neben ein qualitativ sehr gutes Printmedium nicht im Internet ein gänzlich anderes Format setzen? Die Antwort darauf finden wir hier im vorhergehenden Artikel bzw. in den Ausführungen von Scott Karp: Viele Verlage verstehen zu wenig von der “Verpackung mittels Software”, als dass sie im Internet wirklich neue und attraktive Formate entwickeln könnten.

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Carta ist Preisträger des Grimme Online Award 2009. Das freut mich natürlich, denn ich gehöre seit Januar diesen Jahres zu den Autoren dieses Blogs. Robin Meyer-Lucht, den Herausgeber und Initiator von Carta, beglückwünsche ich auf diesem Weg.

Rein äußerlich betrachtet ist Carta ein voller Erfolg: In weniger als einem Jahr ist das Blog in den Leitmedien von Rivva auf Platz 24 vorgerückt und steht in den Deutschen Blogcharts auf Rang 34 (Stand: 24.06.2009). blogoscoop listet Carta unter den meistgelesenen (deutschsprachigen) Blogs auf Platz 98, die Technorati-Authority beträgt 209.

Die Grimme Jury begründet ihre Entscheidung für Carta unter anderem damit, dass “in den Beiträgen größere Zusammenhänge in den Blick genommen und angemessen verortet werden. Somit dient die Website als sinnvolle Ergänzung zu den vielfältigen Einzel-Blogs, die sich mit Medien, Politik und Wirtschaft befassen.”

So ein Lob ist sehr erfreulich, nicht zuletzt weil aus der Binnenperspektive betrachtet Carta nicht immer ein ganz einfaches Projekt ist. Robin Meyer-Lucht hat sich mit einem Autorenkollektiv von über 30 Personen viel Arbeit gemacht. Zudem ist die thematische Breite relativ groß, so dass es nicht immer leicht ist, alle wesentlichen Entwicklungen in den einzelnen Gebieten umfassend und zeitnah darzustellen. Denn alle Autoren schreiben freiwillig.

Dazu noch sollten die Artikel möglichst flüssig geschrieben und in der Manier des Web 2.0 mit Links (auf andere Blogs) versehen sein. Gerade Letzteres gelingt noch nicht immer und zeigt, dass noch nicht jedem Autor auf Anhieb klar ist, wodurch sich Artikel im Netz von solchen in Fachzeitschriften (Print) unterscheiden können. Immerhin leistet Carta hier in meinen Augen eine Brückenfunktion, vermutlich auch auf der Ebene der Leser.

Solcher Brückenschläge bedarf es eigentlich noch viel mehr. Denn wir können es uns nicht leisten, uns einfach nur auf die Position “falscher Planet, falsches Jahrtausend” zurück zu ziehen. Wir sollten schon den Versuch machen, möglichst viele unserer Zeitgenossen werbend und vermittelnd ins Netz zu holen. Carta arbeitet genau daran mit und deshalb schreibe ich auch für dieses Blog.

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Das Bloggen hat auch schon bessere Zeiten gesehen. TechCrunch etwa war vor noch nicht allzu langer Zeit so etwas wie der Mittelpunkt des Web 2.0, seine Artikel wurden mit Andacht und Respekt gelesen, kommentiert oder verlinkt. 

Inzwischen aber scheint sich das Blatt zu wenden, mag Michael Arrington noch so cool auf einem Segway durch die (neuen) Büroräume des Blogs fahren und gleichzeitig sein iPhone bedienen (einen Moment, den Robert Scoble nicht besser hätte fotografisch einfangen können).

Wer etwa diesen Gastartikel von Keith Rabois (Slide) liest und sich dann die Kommentare dazu anschaut, bekommt deutlich vor Augen geführt, dass die Leser unzufrieden sind. Nicht wenige Kommentare äußern offenen Unmut über die Qualität des Artikels und fordern bessere journalistische Standards ein!

“Seriously please hire some guy that went to journalism school, someone that can do some basic research, instead of some celebrity due who is blogging about his latest brain fart…”

So etwas wäre noch vor ein oder zwei Jahren undenkbar gewesen: Blogs waren etwas Besonderes und anders als die klassischen Medien, die das Internet ohnehin nicht verstanden. An Blogartikeln, zumal an denen von TechCrunch, gab es nichts zu kritisieren, allenfalls wurden die Thesen der Artikel kontrovers (in den Kommentaren) diskutiert.

Inzwischen ist das offenbar anders. Das Publikum ist heute anspruchsvoller und stellt insbesondere an die Flagschiff-Blogs hohe Ansprüche. Interessant ist dabei, dass die Kritiker explizit auf den Journalismus Bezug nehmen und dessen Basics, nämlich eine solide Recherche der Fakten, einfordern.

In der Tat hat der Gastautor in seinem Artikel in klassischer Blogmanier überhaupt nicht recherchiert, sondern einfach eine bemerkenswerte, aber auch recht gewagte These aufgestellt, die ihm die Leser so nicht mehr ohne Weiteres abkaufen. Sie wollen eine derart steile These belegt sehen!

Der Artikel mag ein Ausreißer sein. Ich stelle aber schon länger fest, dass sich in den Kommentaren von TechCrunch der Tonfall geändert hat. Er ist deutlich respektloser geworden. Ganz offenbar haben die Leser im Lauf der Zeit dazu gelernt und lassen sich nicht mehr jedes X für ein U vormachen.

Dazu gelernt haben aber auch andere Medien, wie etwa die New York Times oder auch Onlinemedien, die immer schon näher am klassischen Printstandard geschrieben haben (ZDNet, cnet…). Sie brauchten eine ganze Weile, bis sie die Tech-Blogs eingeholt hatten, punkten heute aber mit ihrer Verlässlichkeit und Faktentreue. 

Abseits der (auch in den USA) immer wieder aufflammenden Kontroverse zwischen alten und neuen Medien müssen also auch Blogs sehen, dass die Luft für sie dünner wird. Einfach drauflos schreiben ist kein Geschäftsmodell (mehr).

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Frank Westphal wird bei Rivva kürzer treten. Im Blog gibt er bekannt, dass er die Weiterentwicklung einstellen und Rivva in einem “möglichst pflegeleichten” Modus fortführen wird.

Das sind keine guten Nachrichten. Sie können aber auch nicht überraschen, wenn man sich den Zustand der deutschsprachigen Blogosphäre vor Augen hält. Blogs spielen hierzulande immer noch keine nennenswerte Rolle und Rivva selbst hat es in mehr als zwei Jahren nicht geschafft, über den Status einer Anlaufstelle für Insider hinauszukommen.

An Frank Westphal liegt das nicht. Eher schon an der bemerkenswerten Belanglosigkeit und Beliebigkeit dessen, was sein Meme-Tracker an durchschnittlichen Tagen aggregiert. So wenig Rivva auf der technischen Ebene den Vergleich mit seinem amerikanischen Vorbild, Techmeme, scheuen muss, so sehr unterscheiden sich leider Volumen und Qualität der Inhalte.

Im Kern liegt das wohl an der deutschen IT- und Internetszene. Schon der Bereich der Startups kann in Bezug auf die Menge der Arbeitsplätze und die Marktbedeutung seiner Unternehmen nicht einmal ansatzweise mit der Situation in den USA mithalten. Dünn ist es auch bei den mittleren bis großen Unternehmen. Egal ob Amazon, eBay oder Google: Vergleichbares haben wir hier einfach nicht.

Immerhin: Die sehr engagierte IBM macht einiges wieder wett (etwa als Sponsor der re:publica). Aber insgesamt ist das zu wenig, um so etwas wie eine deutsche “Ökono-Sphäre” (soziologisch und ökonomisch verstanden) im Internet entstehen zu lasen, die gesellschaftlich relevant und damit Vorbild für die Politik, die Medien und andere Branchen sein kann.

Und während der amerikanische Präsident schon ganz selbstverständlich bekannt geben kann, dass seine Regierung auf Facebook, MySpace und Twitter über die Schweinegrippe informieren wird, sind wir in Deutschland von solchen Verhältnissen noch weit entfernt, was sich letztlich auch auf Rivva auswirkt.

Rivva hätte es verdient, endlich aus einem Schattendasein heraustreten zu können. Vielleicht können wir Blogger Frank Westphal ermutigen, den “modus operandi” von Rivva noch lange aufrecht zu erhalten. Bei mir jedenfalls bildet Rivva die Startseite im Firefox und ist somit das Erste, was ich jeden Morgen vom Web sehe. Es wäre sehr, sehr schade, wenn sich das ändern müsste…

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Eine Zensur findet nicht statt, sagt unser (deutsches) Grundgesetz. Im Zuge der Bekämpfung der Kinderpornografie im Internet scheint sie nun aber doch eingeführt zu werden, wie Jens Scholz darlegt:

“Es geht darum, daß eine waschechte, diesen Namen zu Recht tragende, Zensur ermöglicht wird. Auch wenn die zunächst gesperrten Websites tatsächlich nur Kinderpornografie beinhalten (was die Liste eigentlich extrem kurz halten müsste) wäre sowohl die Technik, die Verwaltung und sogar die Psychologie installiert, um sofort eine effektive Zensur betreiben zu können.”

Das Vorgehen der Bundesregierung in diesem Fall ist ungeheuerlich und wird allenfalls von der Unverfrorenheit der zuständigen Ministerin, Ursula von der Leyen, getoppt, die aktuell in einem Interview im Radio wörtlich sagte:

“Wir wissen, dass bei den vielen Kunden, die es gibt, rund 80 Prozent die ganz normalen User des Internets sind. Und jeder, der jetzt zuhört, kann eigentlich sich selber fragen, wen kenne ich, der Sperren im Internet aktiv umgehen kann. Die müssen schon deutlich versierter sein. Das sind die 20 Prozent. Die sind zum Teil schwer Pädokriminelle. Die bewegen sich in ganz anderen Foren. Die sind versierte Internetnutzer, natürlich auch geschult im Laufe der Jahre in diesem widerwärtigen Geschäft.”

Martin Kunzelnick hat denn auch nur ein Wort für Frau von der Leyen: Untragbar. Leider steht er mit dieser Auffassung relativ allein. Zwar werden ihm nicht wenige Blogger beipflichten, ansonsten aber kommt das Vorhaben der Regierung auffallend gut in die Gänge, die etablierten Medien geben sich überraschend zahm.

Opportunismus der Medien?

Gemessen an den weitreichenden Konsequenzen der aktuellen Vorgänge müssten eigentlich sowohl das öffentlich-rechtliche Fernsehen, als auch die Printmedien, einen Sturmlauf dagegen entfachen. Das tun sie aber nicht. Ob ein Grund dafür darin liegt, dass Rundfunksender und Zeitungen in der Stigmatisierung und Kriminalisierung des Internets eine Chance sehen, ihr überkommenes Geschäftsmodell möglichst lange in die neue Zeit zu retten?

Klar ist: So wie die Bekämpfung der Kinderpornografie im Internet von der Bundesregierung inszeniert wird, geht damit eine sehr geschickte Kritik am Medium Internet selbst einher. Wo “versierte Internetnutzer” schon eine potenzielle Gefahrenquelle sind, nicht weit entfernt von “widerwärtigen Geschäften”, müssen sich Medienmacher vom Journalisten bis zur Ebene der Herausgeber und Intendanten bestätigt fühlen, für die das Internet bislang nicht mehr als eine eher unheimliche Bedrohung darstellt. 

Ein bemerkenswertes Geschenk, dass die große Koalition den etablierten Medien im Wahljahr da macht. Denn offenbar sind diese zu träge oder zu dumm, das trojanische Pferd als solches zu erkennen.

Phantasielosigkeit der Blogger?

In der Blogosphäre liegt der Fall ganz anders. Dort herrschen deutlich mehr Klarheit und Weitsicht und es fehlt nicht an mahnenden Worten. Allein es nützt nichts, wenn viel gebloggt und getwittert und alles zusammen wieder auf Rivva aggregiert wird: Der Personenkreis, der sich hier artikuliert, hat in Deutschland über den eigenen Medienhorizont hinaus keine Stimme und auf gesellschaftlicher Ebene noch kein Gewicht.

Die Politik kann und muss daher die Blogosphäre ignorieren und dem Internet hierzulande die Fesseln anlegen, solange sich der Widerstand nur in einem relativ gut abgeschotteten Bereich regt. Es entbehrt nicht eines erheblichen Maßes an Ironie, dass die hervorragend vernetzte und extrem fachkundige Webelite es nicht schafft, einen Protest gegen das Vorhaben der Regierung so aufzubauen, dass er in der Gesellschaft Gehör findet und von der Politik nicht ignoriert werden kann.

Eigentlich sollten sich alte und neue Medien jetzt zusammentun und ihre Stärken bündeln. Aber dazu ist der Graben wohl zu tief und die Interessen zu unterschiedlich. Robin Meyer-Lucht spricht von “Adaptionsverweigerung” der (alten) Medieneliten und macht sie darauf aufmerksam, dass es kein Recht auf völlige Ignoranz neuer technologischer Mittel gibt. Ob das helfen wird?

Kampf der Kulturen?

Ralf Bendrath geht noch einen Schritt weiter und stellt die Frage nach einem Kampf der Kulturen. Unsere (digitalisierte) Gesellschaft muss entscheiden, ob sie im Internet der Freiheit das Primat einräumen möchte oder ob ihr eine vorbeugende Überwachung (und damit eine Zensur) lieber ist.

Keine leichte Aufgabe für die deutsche Konsensgesellschaft, die oft genug mit Kompromissen vorlieb nimmt. Wie immer aber eine Entscheidung in Bezug auf das Internet aussieht, muss diese auf einer rationalen, sachkundigen und souveränen Basis getroffen werden.

Davon sind wir heute noch sehr weit entfernt. Deshalb gilt: Den Kampf der Kulturen gibt es tatsächlich und es gilt ihn klug und mit Ausdauer zu kämpfen. Ein bisschen Bloggen dürfte da nicht mehr reichen…

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