
Vorpommern, am nordöstlichsten Rand Deutschlands gelegen, ist eine schöne Gegend um Urlaub zu machen. Stefan Niggemeier jedoch war nicht auf Urlaub dort, sondern hat sich über die Lage der Zeitungen informiert und dazu dann einen längeren Artikel für die FAZ (erschienen am 18. Juli 2009, Seite 44) geschrieben.
Zwei Dinge daran sind bemerkenswert:
- Die Schilderungen, wie Zeitungsverlage (als Organisationen gesehen) eine geradezu unglaubliche Mühe haben, sich den technischen Wandel im Laufe der Zeit zunutze zu machen. So gibt es beim Nordkurier (zumindest stellenweise) für die Journalisten keine Diensthandys. Notebooks für den mobilen Einsatz fehlen ebenfalls, weil das “Redaktionssystem” damit nicht kompatibel ist. Noch Fragen?
- Der Tonfall von Stefan Niggemeier. Wer ihn als Blogger kennt, kann kaum glauben, dass er der Autor dieses Artikels ist, so sehr wird hier das hohe Lied des guten alten Qualitätsjournalismus gesungen, seine Wichtigkeit für die Demokratie unterstrichen und eine “starke Zeitung” beschworen, fast so als gäbe es den Medienwandel und das Internet nicht.
Klar ist: Mecklenburg-Vorpommern ist ein von Schwierigkeiten gezeichnetes Bundesland. Es hat seit der deutschen Wiedervereinigung massiv an Einwohnern verloren (zwischen 1990 und 2004 allein 12,5 % oder 244.000 Personen; Quelle: Pdf der Uni Rostock). Die weiteren Perspektiven sind kaum besser, was insbesondere Vorpommern weiter hart treffen wird.
Vor diesem Hintergrund guten Journalismus zu praktizieren und parallel dazu den Medienwandel zu bewältigen, also sich für die Zukunft neu zu erfinden, ist alles andere als einfach. Lutz Schumacher, Geschäftsführer des Nordkurier, hat dies unlängst in einem viel beachteten Artikel auf Carta dargelegt.
Organisation 2.0
Beim Nordkurier kann und muss er jetzt zeigen, dass es künftig auch anders geht. In erster Linie ist dies ein Kultur- und Mentalitätswandel. Denn wenn Journalisten heute noch lieber “im stillen Kämmerlein” sitzen, anstatt von draussen (vor Ort) zu berichten, läuft etwas falsch.
Der technische Fortschritt der letzten 10 bis 15 Jahre hätte eigentlich den Journalismus beflügeln müssen. Denn Mobiltelefone und Notebooks verhelfen ganz grundsätzlich betrachtet zu mehr Tempo und Produktivität. In vielen Branchen wurde dies erkannt und die Mitarbeiter des Aussendienstes entsprechend geschult und ausgerüstet.
Dass hier gerade Zeitungsverlage ein Defizit haben und dieser Entwicklung hinterher hängen, mag daran liegen, dass Informations-Technik und Prozesse bei ihnen lange einen zu geringen Stellenwert hatten. Das rächt sich heute, wo schon viele Blogger mobil im Internet unterwegs sind und virtuos von überall Fotos oder Texte ins Internet stellen. Die Amateure haben die Profis überholt.
Medienwandel
Kaum einer weiß das besser als Stefan Niggemeier, der völlig zu Recht einer der bedeutendsten Blogger hierzulande ist. Aber dennoch werden Blogs, das Internet und neue Medienformate in seinem Artikel für die FAZ mit keiner Silbe erwähnt. Wer hat ihm nur diese Reise nach Vorpommern bezahlt, dass er so printverhaftet schreibt?
Gibt es wirklich keine Alternative zur gedruckten Zeitung? Wie steht es um die Internet-Infrastruktur in Mecklenburg-Vorpommern? Was tun, wenn der schon sehr dünn besiedelte Raum immer weiter ausdünnt? Welche Perspektiven hat eine gedruckte Zeitung in Vorpommern realistischerweise, egal wie gut sie gemacht ist?
Wäre das Fernsehen eine Alternative? In Oberschwaben ist die Schwäbische Zeitung ins Regionalfernsehen (Regio TV) eingestiegen. Ihr Programm ist u. a. in die Netze des Kabelfernsehens eingespeist und erreicht damit relativ viele Haushalte.
Für mich ist damit längst noch nicht ausgemacht, dass eine Region wie Vorpommern langfristig ohne guten Journalismus auskommen muss, nur weil vielleicht die gedruckte Zeitung dort nicht mehr läuft.
Mehr Neues wagen
In diesem Sinne sollte Lutz Schumacher ruhig noch stärker “out of the box” denken und nicht zu sehr auf einen Stefan “Print” Niggemeier hören: Denn dessen schön geschriebener Artikel ist leider einseitig, parteiisch und uninspiriert, aller Mühe und Vor-Ort-Recherche zum Trotz. Aber vielleicht lag es auch nur am Auftraggeber, denn in seinen Blogs kann er auch ganz anders…
Ergänzung: Der Artikel von Stefan Niggemeier ist jetzt auch online verfügbar.
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