Allgemeines

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Schon wieder Hans Rosling hier im Blog und es lohnt sich. Im Juni 2009 sprach er auf einer TED-Konferenz in den USA, das Video davon ist jetzt bereits veröffentlicht. In diesem Vortrag fragt er praktisch jeden von uns, ob unsere Denkweise (mindset) mit seinen Daten (dataset) übereinstimmt. In nur gut 15 Minuten räumt er dann vollständig mit der immer noch weit verbreiteten Sichtweise auf, dass wir in einer zweigeteilten Welt lebten, in der es einige hoch- und viele unterentwickelte Länder gebe. Statt dessen zeigen seine Analysen, dass diese Sicht überholt ist: Die Schere schließt sich mit enormer Geschwindigkeit!

Deutschland wird im Vortrag nicht erwähnt, lässt sich aber auf Gapminder abrufen. Die Zeitreihe hat Daten ab dem Jahr 1800 hinterlegt, so dass die Entwicklung über 2 Jahrhunderte grafisch sehr gut dargestellt wird. Die Effekte, die Hans Rosling in seinem Vortrag nutzt, kann man sich also anhand dieser Software individuell selbst konfigurieren. Auch Vergleiche mit anderen Ländern lassen sich darstellen, die Ergebnisse leider aber (noch) nicht exportieren und hier einbinden.

flickr Text MichaelRiedel

Wir haben wieder mal ein neues Grundsatzpapier bekommen, das Internet-Manifest. Nach dem Heidelberger Appell und der Hamburger Erklärung nun also 17 Thesen aus dem Munde von 15 Internetexperten, Bloggern bzw. Netz-Aktivisten. Keine schlechte Idee im Prinzip, nur die Umsetzung kann nicht überzeugen.

Unglücklich gewählt ist bereits der Titel des Manifests, da er sein Thema viel weiter fasst, als es die Thesen dann ausführen. Denn im Kern geht es um den Journalismus in alten und neuen Medien. Dieser Fokus hätte bereits im Titel ausgedrückt werden müssen und nicht erst in dessen Unterzeile.

Dann fällt auf, dass das Manifest die Übertreibung als Stilmittel nutzt. In These 3 etwa wird unterstellt, die Mehrheit der Menschen in der westlichen Welt nutze Social Media in ihrem Alltag. Das ist eine recht steile Behauptung, die der Glaubwürdigkeit des Manifests nicht wirklich förderlich ist. In die gleiche Kerbe schlägt These 9, wonach das Internet der neue Ort für den politischen Diskurs sei. Auch das ist nicht gerade geschickt formuliert und kann von den Gegnern des Internets spielend widerlegt bzw. instrumentalisiert werden.

Ein dritter Kritikpunkt trifft die Machart des Manifests: Der exklusiven und illustren Autorenrunde fiel nämlich erst nach der Veröffentlichung ein, dass man die Thesen auch in ein Wiki stellen und mit der “Generation Wikipedia” (These 17) diskutieren und “kollaborativ weiterentwickeln” könnte. Prompt haben Scherzbolde den Text aus dem Wiki entfernt und durch banale Einlassungen ersetzt, was dann wiederum rückgängig gemacht werden musste.

Schließlich wäre da noch der Tonfall des Manifests. Reinhard Karger nennt ihn “verquast hochnäsig” und hat damit recht. Müssen wir mit unseren Einsichten und Erkenntnissen immer so rechthaberisch daher kommen? Den Thesen hätte ein Tonfall gut getan, der einladend, neutral und stellenweise bewusst offen formuliert worden wäre. Denn das Internet ist noch keine abgeschlossene Sache: Im Grunde wissen wir nicht, was es uns für Entwicklungen im nächsten Jahrzehnt bringen und wie sich die Medienlandschaft damit dann darstellen wird. Mehr Demut im Manifest hätte deshalb vielleicht auch mehr Sympathie bringen können und damit helfen, Brücken zu schlagen.

Meine These vor diesem Hintergrund (”Behauptung Nr. 18″):

Das Internet wird ständig weiterentwickelt. Dabei entstehen nicht nur laufend neue Inhalte, sondern auch neue Formen ihrer Darstellung und der Interaktion. Parallel dazu verändert und entwickelt sich die Nutzung des Internets durch die Menschen mit individuell unterschiedlicher Geschwindigkeit und Intensität. In diesem Sinne darf niemand daran gehindert werden, das Internet zu nutzen oder an seiner Weiterentwicklung mitzuwirken, ebenso wie niemand daran gehindert werden darf, auf dessen Gebrauch zu verzichten.

Interessant und lesenswert finde ich auch den Beitrag von Martin Recke (Fischmarkt), weil er einen Bezug zum Cluetrain-Manifesto herstellt. Sehr ausgewogen ist der Text von Kai Biermann auf Zeit Online, während das (schon vor gut sechs Wochen publizierte) Nichepaper Manifesto von Umair Haque einen reizvollen Kontrast darstellt.

flickr-hans-rosling-uninen

Das schwedische Fernsehen (SVT) hat eine einstündige Dokumentation über den Wissenschaftler Hans Rosling gedreht und zeigt diese mit englischen Untertiteln auch im Web (befristet bis 18.09.09).

Rosling wurde bekannt mit seinen erstaunlichen Präsentationen auf den TED-Koferenzen. Als Mediziner und Statistiker konnte er visuell anschaulich zeigen, dass Lebenserwartung, Gesundheit und Wohlstand weltweit seit Jahrzehnten ganz überwiegend steigen. Seine Arbeit wird mittlerweile von einer Stiftung (Gapminder) getragen, die wesentlich von Google finanziell unterstützt wurde.

Seine Arbeit ist deswegen so bemerkenswert, weil sie der gängigen Berichterstattung in den Medien, die überwiegend von Katastrophen und schlechten (Lebens-) Verhältnissen geprägt ist, ein völlig anderes Bild entgegen setzt. Freilich ist seine Perspektive sehr langfristig, während die Medien fast nur Momentaufnahmen liefern und den größeren Kontext meist ausblenden.

Ein sehr sehenswerter Film! Die englischen Untertitel reichen vollkommen aus, um den Inhalt und die Atmosphäre zu vermitteln (via Gapminder Blog).

Michael Jackson, Popidol meiner Jugendzeit, war als Musiker damals so erfolgreich, dass er vom amerikanischen Präsidenten, Ronald Reagan, persönlich empfangen wurde und dabei zusätzlich dadurch Schlagzeilen machte, weil er zum Handshake den damals bei ihm obligatorischen weißen Handschuh nicht auszog. Reagan nahm es gelassen.

Das Video hier zeigt aber nicht Michael Jackson, sondern Strafgefangene eines philippinischen Gefängnisses, die zu seiner Musik tanzen. Ein Gefängnisdirektor dachte sich die Maßnahme aus, die erstaunliche Resultate brachte: Seit 2007 läuft das Programm. Seither haben die sonst üblichen Schlägereien offenbar weitgehend aufgehört, die Stimmung unter den Gefangenen soll sich enorm gebessert haben.

Die Choreografien im Gefängnishof werden auf Video aufgenommen und in einem eigenen Kanal auf YouTube gezeigt (Web 2.0 made in The Philippines!).

Gefunden habe ich das Thema auf The Junction, einem Berliner Webmagazin (oder Blog?). Auf Twitter findet man TheJunction natürlich auch.

flickr-oranienburg-kz-ximenacab

Eine Zensur findet nicht statt, sagt unser (deutsches) Grundgesetz. Im Zuge der Bekämpfung der Kinderpornografie im Internet scheint sie nun aber doch eingeführt zu werden, wie Jens Scholz darlegt:

“Es geht darum, daß eine waschechte, diesen Namen zu Recht tragende, Zensur ermöglicht wird. Auch wenn die zunächst gesperrten Websites tatsächlich nur Kinderpornografie beinhalten (was die Liste eigentlich extrem kurz halten müsste) wäre sowohl die Technik, die Verwaltung und sogar die Psychologie installiert, um sofort eine effektive Zensur betreiben zu können.”

Das Vorgehen der Bundesregierung in diesem Fall ist ungeheuerlich und wird allenfalls von der Unverfrorenheit der zuständigen Ministerin, Ursula von der Leyen, getoppt, die aktuell in einem Interview im Radio wörtlich sagte:

“Wir wissen, dass bei den vielen Kunden, die es gibt, rund 80 Prozent die ganz normalen User des Internets sind. Und jeder, der jetzt zuhört, kann eigentlich sich selber fragen, wen kenne ich, der Sperren im Internet aktiv umgehen kann. Die müssen schon deutlich versierter sein. Das sind die 20 Prozent. Die sind zum Teil schwer Pädokriminelle. Die bewegen sich in ganz anderen Foren. Die sind versierte Internetnutzer, natürlich auch geschult im Laufe der Jahre in diesem widerwärtigen Geschäft.”

Martin Kunzelnick hat denn auch nur ein Wort für Frau von der Leyen: Untragbar. Leider steht er mit dieser Auffassung relativ allein. Zwar werden ihm nicht wenige Blogger beipflichten, ansonsten aber kommt das Vorhaben der Regierung auffallend gut in die Gänge, die etablierten Medien geben sich überraschend zahm.

Opportunismus der Medien?

Gemessen an den weitreichenden Konsequenzen der aktuellen Vorgänge müssten eigentlich sowohl das öffentlich-rechtliche Fernsehen, als auch die Printmedien, einen Sturmlauf dagegen entfachen. Das tun sie aber nicht. Ob ein Grund dafür darin liegt, dass Rundfunksender und Zeitungen in der Stigmatisierung und Kriminalisierung des Internets eine Chance sehen, ihr überkommenes Geschäftsmodell möglichst lange in die neue Zeit zu retten?

Klar ist: So wie die Bekämpfung der Kinderpornografie im Internet von der Bundesregierung inszeniert wird, geht damit eine sehr geschickte Kritik am Medium Internet selbst einher. Wo “versierte Internetnutzer” schon eine potenzielle Gefahrenquelle sind, nicht weit entfernt von “widerwärtigen Geschäften”, müssen sich Medienmacher vom Journalisten bis zur Ebene der Herausgeber und Intendanten bestätigt fühlen, für die das Internet bislang nicht mehr als eine eher unheimliche Bedrohung darstellt. 

Ein bemerkenswertes Geschenk, dass die große Koalition den etablierten Medien im Wahljahr da macht. Denn offenbar sind diese zu träge oder zu dumm, das trojanische Pferd als solches zu erkennen.

Phantasielosigkeit der Blogger?

In der Blogosphäre liegt der Fall ganz anders. Dort herrschen deutlich mehr Klarheit und Weitsicht und es fehlt nicht an mahnenden Worten. Allein es nützt nichts, wenn viel gebloggt und getwittert und alles zusammen wieder auf Rivva aggregiert wird: Der Personenkreis, der sich hier artikuliert, hat in Deutschland über den eigenen Medienhorizont hinaus keine Stimme und auf gesellschaftlicher Ebene noch kein Gewicht.

Die Politik kann und muss daher die Blogosphäre ignorieren und dem Internet hierzulande die Fesseln anlegen, solange sich der Widerstand nur in einem relativ gut abgeschotteten Bereich regt. Es entbehrt nicht eines erheblichen Maßes an Ironie, dass die hervorragend vernetzte und extrem fachkundige Webelite es nicht schafft, einen Protest gegen das Vorhaben der Regierung so aufzubauen, dass er in der Gesellschaft Gehör findet und von der Politik nicht ignoriert werden kann.

Eigentlich sollten sich alte und neue Medien jetzt zusammentun und ihre Stärken bündeln. Aber dazu ist der Graben wohl zu tief und die Interessen zu unterschiedlich. Robin Meyer-Lucht spricht von “Adaptionsverweigerung” der (alten) Medieneliten und macht sie darauf aufmerksam, dass es kein Recht auf völlige Ignoranz neuer technologischer Mittel gibt. Ob das helfen wird?

Kampf der Kulturen?

Ralf Bendrath geht noch einen Schritt weiter und stellt die Frage nach einem Kampf der Kulturen. Unsere (digitalisierte) Gesellschaft muss entscheiden, ob sie im Internet der Freiheit das Primat einräumen möchte oder ob ihr eine vorbeugende Überwachung (und damit eine Zensur) lieber ist.

Keine leichte Aufgabe für die deutsche Konsensgesellschaft, die oft genug mit Kompromissen vorlieb nimmt. Wie immer aber eine Entscheidung in Bezug auf das Internet aussieht, muss diese auf einer rationalen, sachkundigen und souveränen Basis getroffen werden.

Davon sind wir heute noch sehr weit entfernt. Deshalb gilt: Den Kampf der Kulturen gibt es tatsächlich und es gilt ihn klug und mit Ausdauer zu kämpfen. Ein bisschen Bloggen dürfte da nicht mehr reichen…

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