Axel Springer mistet aus – und alle jammern!?

Axel Springer Haus

Der Medienkonzern Axel Springer trennt sich gerade von einigen Verlagsprodukten, darunter sehr traditionsreichen Titeln wie dem Hamburger Abendblatt oder der Zeitschrift Hörzu. Prompt ist von “Ausverkauf” und “verlegerischem Offenbarungseid” die Rede. Was dabei übersehen wird: Die Digitalisierung schreitet unaufhaltsam voran, der Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner handelt richtig.

Das Gejammer rund um den Medienverkauf bei Axel Springer ist symptomatisch für die Situation in Deutschland: Anstatt es zu begrüßen, dass eines der führenden Medienhäuser des Landes konsequent seinen Weg in Richtung der digitalen Medien geht und dabei Stück für Stück Abschied nimmt vom alten Geschäft mit Zeitungen oder Zeitschriften, wird lieber vom Glanz vergangener Tage geschwärmt:

“Den Springer-Kollegen, zumindest den Älteren, bleibt nur die Erinnerung an bessere Tage: Wenn das der Verleger wüsste…”

Bei Spiegel-Online wird Mathias Döpfner sogar der “verlegerische Offenbarungseid” vorgeworfen. Journalisten heulen in den höchsten Tönen, dabei hat keiner mehr von ihnen in den letzten 10 bis 15 Jahren das Hamburger Abendblatt angerührt oder auch nur noch ein einziges Mal die Hörzu gelesen.

Warum nur will niemand wahrhaben, dass diese Medien ganz einfach am Ende ihres Produktlebenszyklus angekommen sind und deshalb in neue Hände übergehen, wo die Resteverwertung stattfinden kann? Die Hörzu ist heute nur noch ein Anachronismus, wie auch die meisten Tageszeitungen in ihrer gedruckten Form. Da helfen auch keine rührseligen Erinnerungen an die Gründungszeit dieser Medien in den späten 1940er Jahren: Ein Axel Springer würde heute genau so handeln wie Mathias Döpfner – oder diesem sogar den Vorwurf machen, warum er sich so spät erst von dem alten Plunder trennt.

Journalisten und Medienmacher in Deutschland scheinen mir hoffnungslos in einem Medien-Romantizismus gefangen zu sein, wenn sie die zu verkaufenden Medien bei Axel Springer als “Tafelsilber” bezeichnen (was die Saarbrücker Zeitung tut). Völlig aus dem Blick gerät dabei die heutige Situation der Medien:

  1. Die Auflagen der Tageszeitungen in Deutschland fallen kontinuierlich seit mehr als 20 Jahren und eine Trendwende ist nicht zu erwarten. Thomas Knüwer urteilt: “Das Schlimmste kommt erst noch.”
  2. Bei den Anzeigenerlösen konnten deutsche Zeitungen in den letzten Jahren zwar noch relativ stabile Verhältnisse berichten, in den USA dagegen brach dieser Markt in den letzten 7 Jahren bereits um 60 % ein. 
  3. Mit der Digitalisierung wandelt sich der Werbemarkt fundamental: Was dem Print-Sektor an Anzeigenbuchungen verloren geht, taucht ganz überwiegend nicht 1:1 als klassische Online-Werbung wieder auf, sondern wandert zu einem erheblichen (und statistisch nirgendwo erfassten) Teil in anbietereigene Angebote (Websites, Blogs, Apps, Facebook-Seiten, YouTube-Kanäle usw.).
  4. Bei Konzernen wie Axel Springer oder Hubert Burda Media wächst seit Jahren der Umsatzanteil der digitalen Medien überproportional und trägt inzwischen auch entscheidend zur Profitabilität bei. Online-Journalismus ist dabei nur noch eine Komponente unter vielen und macht nicht mehr das Kerngeschäft aus.
  5. Die Medienkonvergenz im Web ist inzwischen weit fortgeschritten und führt zu einem immer dichter werdenden Nebeneinander von Formaten, die in der Vergangenheit strikt getrennt waren. Dabei entstehen Konflikte, wie etwa die Diskussion um die App der Tagesschau gezeigt hat, oder auch noch gar nicht absehbare Marktverschiebungen als Resultat neuer Hardware, etwa durch den jüngst von Google vorgestellten Chromecast-Stick für Fernseher.

Vor diesem Hintergrund kann eigentlich nur erstaunen, mit welcher Verbissenheit Medienleute in Deutschland an althergebrachten Formaten und Institutionen hängen und wie wenig in Richtung neuer, attraktiver und moderner Produkte gedacht wird. Natürlich ist die Metamorphose der Medien aus der analogen in die digitale Welt kein leichter Prozess.

Aber etwas mehr Experimentierfreude könnte man angesichts der sich klar abzeichnenden Situation der Branche im “Land der Ideen” schon erwarten. Das Problem dürfte sein, dass so ein Wandel in Deutschland keine institutionellen Strukturen aufweist: Kammern, Verbände, Gewerkschaften sowie Medieninstitute aller Art sind immer nur auf die althergebrachte Ordnung ausgerichtet und selbst wenig flexibel, wenn es um den Medienwandel geht. Am Ende gebiert diese Struktur und Mentalität dann bestenfalls ein Leistungsschutzrecht, aber eben keine neuen Medien.

Eine Möglichkeit wäre es, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk eine Art “Solidarbeitrag” abzuverlangen und ihm auferlegen, aus seinen Gebührengeldern jährlich einen kleineren Prozentsatz in einen Fonds fliessen zu lassen, aus dem heraus dann neue Medien gefördert werden. Diese Förderung könnte in Form (verlorener) Zuschüsse vergeben werden, um die sich Existenzgründer mit einem Businessplan für neue Medien bewerben dürften.

Vielleicht würde ja damit das Jammern um die Hörzu und das Hamburger Abendblatt endlich aufhören. Denn Journalisten könnten sich statt dessen zusammen tun, einen Businessplan entwickeln und sich um eine Medien-Förderung bewerben. Bekämen sie den Zuschlag, würden sie natürlich bei ihrer Zeitung kündigen und sich selbständig machen. Allein diese Aussicht, dass die besten und klügsten Köpfe bald selbständig arbeiten und ihrer alten Zeitung mit einem moderneren und frischeren digitalen Format Konkurrenz machen könnten, sollte den Zeitungsmachern und Verlegern alter Schule Beine machen…

Erfolgreiche Startups wiederum würden dann von Konzernen wie Axel Springer aufgekauft werden – nicht um sie abzuwickeln, sondern um ihnen mit mehr Geld weitere Wachstumsperspektiven zu eröffnen. Insgesamt käme so Bewegung in den deutschen Mediensektor, der Wandel und Innovationen würden gefördert und in der Summe vielleicht sogar mehr Arbeitsplätze geschaffen. Statt dessen aber hängen wir in völlig verkrusteten Strukturen fest und bejammern den Ausverkauf des “Tafelsilbers” bei Axel Springer…

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Trotz Hitze und Endspiel – in Kürze:
    Ausmisten oder Prioritäten setzen?
    Sargnagel für, beschleunigter Niedergang der Branche.
    Endzeit für Magazine und Regionalzeitungen? Ich denke nein, aber große Umwälzungen.
    Ich meine, der Paukenschlag wird den ein oder anderen Eigner und das Management aufwecken, Beharrungskräfte schwächen und Veränderungskräfte freisetzen.
    Schade, dass Springer journalistisch nix eingefallen ist, aber auch das öffnet Chancen (für andere).