Pinterest & Co.: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte

Pinterest Screenshot

Pinterest hat einen Nerv getroffen, daran kann es keinen Zweifel geben. Die Plattform für das Publizieren von Bildern aller Art (“Social Photo Sharing”) entstand ziemlich genau vor zwei Jahren, also im März 2010, und hat seither enorm an Popularität gewonnen. Auf den ersten Blick ist das erstaunlich, denn das Konzept von Pinterest ist relativ schlicht: Man lädt Fotos hoch, die dann in eine Kategorie einsortiert werden, bevor sie auf der mehrspaltigen Pinnwand erscheinen. Das Layout lässt sich nicht beeinflussen, immerhin kann man jedes Bild mit einem Kommentar versehen. Wer selbst keine eigenen Fotos hat oder diese nicht für originell genug hält, kann auf die Fotos anderer Pinterest-User zurückgreifen und diese mit einem einfachen “Repin” der eigenen Pinnwand hinzufügen.

Google Trends am 12. März 2012

Der Blick auf Google Trends zeigt, dass Pinterest (rechts in blau) in kurzer Zeit ein bemerkenswertes Momentum aufbauen konnte und damit dem Vorbild und Rivalen Tumblr (hier in roter Farbe) schon gefährlich nahe kommt. Bescheiden nehmen sich dagegen Flickr (grün) und Instagram (gelb) aus (auf der Grafik muss leider die Foto-Funktion von Facebook fehlen, die sicherlich eine Spitzenposition einnehmen würde). Statistiken von Comscore, wie etwa von Julian Grandke zitiert, sprechen eine ähnliche Sprache.

Was macht den Erfolg von Pinterest aus?

Der Dienst spricht Menschen an, die sich im Web mitteilen wollen, ohne dabei viel Aufwand zu treiben und ohne sich in Worten äußern zu müssen. Der weitgehende Verzicht auf die schriftliche Komponente dürfte ein ganz entscheidender Punkt sein, den in dieser Konsequenz und Radikalität vor Pinterest kein anderes Startup gewagt hat.

Dazu kommt die von Tumblr bekannte Funktion der Übernahme von Inhalten Dritter (auf der gleichen Plattform) mit einem einfachen Mausklick: Was gefällt, landet so blitzschnell auf der eigenen Pinnwand, ohne dass es dazu technischer Kenntnisse bedarf. Kaum irgendwo sonst im Web kann man sich so schnell und einfach ein eigenes Profil zusammen schustern.

Schließlich ist Pinterest bewusst einfach gehalten und folglich kinderleicht zu bedienen. Damit hebt sich dieser Dienst wohltuend von Facebook ab, das mit seinen ständigen Änderungen und Erweiterungen zwar sehr viel bietet, dabei seinen Usern auch einiges abverlangt.

Aktuell hilft der Medien-Hype um Pinterest, die Plattform als neuen Standard ins Gespräch zu bringen. Hält er noch eine Weile an, könnte das den echten Durchbruch mit sich bringen, weil dann vermutlich viele Seitenbetreiber neben den Buttons für Facebook und Twitter auch noch einen für Pinterest einpflegen werden (und bei dieser Gelegenheit vielleicht Google+ wieder entfernen).

Können die Pinterest-Klone dem Original gefährlich werden?

Kaum. Teilweise sind es nur schnöde Kopien (insbesondere der Klon der Samwer-Brüder, Pinspire), teilweise zielen die Dienste in eine andere Richtung, auch wenn das auf den ersten Blick nicht ersichtlich wird. Fancy ist dafür ein gutes Beispiel: Optisch ähnlich aufgebaut wie Pinterest, möchte dieser Dienst eher eine Art Einkaufs-Wunschliste sein. Einige der Bilder sind mit Online-Shops verlinkt, auf denen die entsprechenden Artikel gleich gekauft werden können. Händler bzw. Hersteller können auf Fancy gezielt Promotion-Aktionen durchführen.

Screenshot aus einem Newsletter zu Fancy

Insgesamt dürfte auf diesem Gebiet kein Platz für mehrere, ähnlich positionierte Dienste sein. Einer wird sich als Standard etablieren können, alle anderen werden sich mit speziellen Nischenmärkten zufrieden geben müssen. Eine dieser “Nischen” könnte der Bereich der Pornografie sein…

Was sagen Rechtsanwälte zu Pinterest?

Sie reiben sich die Hände. Denn das offenherzige Sharing von Bildmaterial unterschiedlichster Herkunft bildet eine nicht unerhebliche Grauzone rechtlicher Fallstricke, je nach Herkunft der Bilder oder nach Wohnsitzland des Profil-Inhabers. So schön das Konzept von Pinterest auch ist, es birgt eine offene Flanke. Mit einem sehr traditionell-konservativen Verständnis von Urheberrecht ist Pinterest schlicht nicht vereinbar.

Aus deutscher Sicht bleibt zu hoffen, dass die Justizministerin ihre Ankündigung, dem Abmahn-Unwesen zu Leibe rücken zu wollen, bald in die Tat umsetzen kann. Wer so lange nicht warten will, kann sich vorläufig hier ein paar gute rechtliche Empfehlungen zu Pinterest abholen.

Soll man Pinterest jetzt schon im Marketing berücksichtigen?

Das kommt darauf an. Zeitungen oder Buchverlage mit ihrer ausgeprägten Orientierung an der Gattung Text dürfte Pinterest nicht viel nützen. Unternehmen jedoch, die stark oder ausschließlich über Bilder kommunizieren, sollten das Startup auf alle Fälle im Auge behalten. Aber auch Mischformen aus Bild und Text sind denkbar, wie etwa die Werbeagentur GREY zeigt:

Screenshot zu GREY auf Pinterest

GREY möchte damit Personalmarketing betreiben – oder seine Bewerber prüfen: Wer sich bei der renommierten Agentur bewirbt, sollte angesagte Plattformen wie Pinterest tunlichst kennen, lautet die unterschwellige Botschaft. Insgesamt kann Pinterest durchaus heute schon als interessante Beimischung für das Marketing-Mix gesehen werden, insbesondere wenn mit sehr guten Bildmotiven auf virale Effekte gezielt wird. Zu prüfen ist jedoch vorab, ob die eigene Zielgruppe schon in ausreichendem Maß auf dieser Plattform unterwegs ist. Nicht zuletzt sollte man rechtlich auf derabsolut sicheren Seite bleiben und nur Bildmaterial einsetzen, an dem man alle Rechte besitzt.

Fazit: Da geht was!

Insgesamt stellt Pinterest eine interessante Bereicherung der Social Media-Landschaft dar, die das Potenzial für einen längerfristigen Erfolg in sich trägt. Dafür bringt die Plattform einen einfachen Funktionsmechanismus mit, der in dieser Form von etablierten Diensten wie Facebook oder Twitter nur schlecht bzw. gar nicht kopiert werden kann. Allein Flickr könnte Pinterest das Wasser reichen. Allerdings hat dieser Foto-Pionier im Web praktisch alle neueren Entwicklungen der letzten Jahre verschlafen oder ignoriert, was Pinterest genügend Chancen lässt.

Das Startup aus Kalifornien hat derzeit eine gute Presse und findet Interesse sowohl bei Endanwendern als auch bei Unternehmen. Jetzt sollte es nur keine falschen Fehler machen, dann könnte daraus eine große Sache werden.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. ich persönlich finde pinterest voll genial. vorallem das man die bilder dann auch auf anderen plattformen einbinden kann macht das ganze natürlich sehr interessant. ich selbst habe alle Infografiken die ich in unserem Corporate Blog veröffentliche auf Pinterest abgespeichert. Ich profitier nicht nur so, dass ich kein Speicherplatz für das Bild brauche, sondern dank der rePin Funktion generier ich auch so neue User für die Webseite.
    Also für Onliner ein ziemlich praktisches Teil
    Und zum schluss die Bilder die dort sind sind ja zT wirklich er Hammer.

    Man könnte sagen Flickr ist wie Youtube – Pinterest ist wie Vimeo für Video…

  2. Ich denke, dass sich Pinterest für bestimmte Bereiche auf jeden Fall sehr gut eignet. Wer beispielsweise als Unternehmen ein breites Spektrum abdeckt, kann dies dort gut visualisieren. Andere Unternehmen dagegen werden ihre Arbeit dagegen weniger gut “verbildlichen” können. Genauso wie eine Fanseite bei Facebook nicht immer das primäre Social Media-Tool für Unternehmen ist, kann es Pinterest auch nicht immer sein.
    Ich bin auf jeden Fall gespannt, wie sich die Urheberrechtsdebatte in diesem Zusammenhang entwickeln wird, denn das ist auf jeden Fall ein heikles Thema.