Soll man Alessio Rastani glauben? Über Schlagzeilen und Reputation in Medien

Bis gestern kannte niemand Alessio Rastani. Dann brachte die BBC ein kurzes Interview mit ihm, das weltweit für Aufsehen sorgte, weil Rastani nichts weniger als den Zusammenbruch des Euro-Marktes prophezeite. Gewiss eine tolle Schlagzeile, aber wie glaubwürdig ist die Quelle? Zunächst befasste sich damit kaum jemand, weil das Interview ja von der BBC stammte und diese ehrwürdige Institution schon wissen wird, wen sie vor die Kamera bittet.

Später stellte sich heraus, dass Rastani ein vergleichsweise unbeschriebenes Blatt ist. Als Händler arbeitet er nicht für eine der großen Investmentbanken, sondern nur für sich persönlich. Sein Schreibtisch steht in seiner Wohnung im Londoner Süden. Dass er vom Fach ist, steht außer Frage. Positiv anrechnen darf man ihm auch, dass er eine klare Meinung hat und diese auch unverblümt ausspricht.

Aber ist das schon genug für ein Interview in der BBC?

Meines Erachtens hat sich der Sender hier bewusst jemanden gesucht, der eine schlagzeilenträchtige Aussage macht, um damit im ewigen Kampf um Reichweite punkten zu können. Das Kalkül war klar: Der Interview-Partner muss nicht prominent sein, im Zweifel zieht das Logo der BBC.

Zugleich ist das Interview Ausdruck eines medialen Dilemmas: Vor laufender Kamera wird heute kein Vertreter einer namhaften Finanz-Institution einen Markt-Zusammenbruch vorhersagen, selbst wenn er davon felsenfest überzeugt wäre. Eine derart schlechte Nachricht ist ein absolutes Tabu, über das unter keinen Umständen auch nur im Ansatz gesprochen werden darf.

In diesem Kontext hätte sich die BBC mehr Mühe geben müssen: Einerseits hätte sie die Person Alessio Rastani nicht einfach nur als “Händler” benennen, sondern ihn genauer vorstellen sollen und zudem noch Belege dafür bringen, dass er nicht der Einzige ist, der so denkt. Gut machbar wäre gewesen, Rastani als “Gesicht” zu präsentieren und seine Einschätzung mit Stimmen von Händlern aus großen Häusern zu untermauern, die jedoch anonym hätten aussagen können. Die Story hätte so erheblich an Glaubwürdigkeit und Brisanz gewonnen.

So bleibt ein fader Beigeschmack, denn was private Trader und Möchtegern-Millionäre so denken, hilft uns kaum weiter in der Einschätzung der Stabilität des Euro. Sucht man übrigens Rastani im Netz findet man ein Blog mit Pagerank Null (sehr bezeichnend!), daneben aber auch ein Twitter-Profil mit aktuell rund 12.000 Followern sowie eine Facebook-Seite mit über 7.000 Fans. Die letzten beiden Werte sind nicht schlecht, können jedoch in der kurzen Zeit seit Veröffentlichung des Interviews in diese Dimension gewachsen sein.

Fazit: Die BBC hätte erkennen können, dass sie sich hier auf sehr dünnes Eis begibt und es einen Backlash geben könnte. Allgemein zeigt sich einmal mehr, dass sich Schlagzeilen heute schneller denn je (viral) verbreiten, ihnen aber die Kritik und Medienkontrolle auf dem Fuß folgt.

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2 Kommentare

Gerüchten zufolge ist der Herr Mitglied der Yes Men unt tut blos so als wäre er ein Broker – Wäre nicht der erste Streich dieser Art… Doku über die Yes Men: http://www.dokumentarfilm24.de/2009/04/19/the-yes-men/

@Simon: Danke für den Hinweis und den Link. Das Video ist wirklich sehenswert. Allerdings dürfte Herr Rastani doch kein Mitglied dieser Gruppierung sein, entsprechende Dementis haben inzwischen die Runde gemacht.