Der Untergang für Android? Google kauft Motorola Mobility

Motorolo PHOTON 4G for Sprint

Google greift tief in seine Taschen um für ca. 12,5 Mrd. US-$ die Mobilfunksparte von Motorola zu übernehmen. Der Schachzug kommt überraschend und die Meinungen darüber sind geteilt. Während manche den Kauf positiv sehen, weil Android  mit künftig rund 17.000 Mobilfunk-Patenten im Rücken besser dastehen sollte, fürchten andere, dass Google seine Android-Partner (HTC, LG, Samsung und Sony Ericsson) vor den Kopf stossen und sich zudem im margenschwachen Hardware-Geschäft verzetteln könnte. Ein Analyst von S&P hat die Google Aktie deshalb von “Buy” auf “Sell” gestellt. Aber ist das nicht ein bisschen voreilig?

Im Grunde genommen ist Google bis heute eine Suchmaschine mit angehängter Werbeabteilung, die sich um die Vermarktung der Anzeigenplätze kümmert. Dieses Geschäft läuft gut, sehr gut sogar. Nur hat es sich im Lauf der Jahre eben verändert: Reichte es in den Anfangsjahren aus, überhaupt nur eine sehr gute Suchmaschine zu sein, stellten sich bald Wettbewerbskonflikte auf der Ebene der Browser ein.

Nicht alle Anbieter von Browsern, allen voran Microsoft, waren Googles Suchmaschine wohlgesonnen. Google musste erkennen, dass sein schönes Geschäft bedroht war, weil auf manchen Browsern andere Suchmaschinen vorinstalliert waren und sich sehr viele User damit zufrieden gaben. Also fing Google an, die Mozilla Foundation zu unterstützen und entwickelte parallel dazu seinen eigenen Browser, Google Chrome.

Etliche Jahre reichte das aus, doch dann kann die Post-PC-Ära, wie Steve Jobs das nennt: Smartphones und Tablets als neue Gerätegattung lösten die Vormachtstellung des PC ab und Google hatte wieder ein Problem: Wie bringt man nur die Suchmaschine zuverlässig auf alle diese Geräte und das möglichst noch an prominenter Stelle?

Die Antwort hiess: Android, oder auf deutsch: Ein eigenes Betriebssystem für Smartphones und Tablets. Android war eine tolle Sache, abgesehen davon dass Steve Jobs darüber ziemlich böse wurde. Denn die Smartphones mit Googles Software wuchsen seinem Geschäft mit dem iPhone über den Kopf. Es begannen die Patentkriege, die aber im Grunde gar keine wirklichen Patent-Streitigkeiten sind, sondern nur eine neue Form des Marketing. Ich schlage dafür den Begriff “Patent-Marketing” vor!

Wenn etwa Apple Samsung verklagt, weil der koreanische Hersteller seine Smartphones und Tablets dem iPhone bzw. iPad zu ähnlich gestaltet haben soll, ist das auf der juristischen Ebene eine ziemlich dünne Angelegenheit. Marketingtechnisch aber macht es Sinn. Die Botschaft an die Käufer lautet: Ihr werdet doch nicht so ein abgekupfertes Produkt kaufen, sondern lieber das Original haben wollen?

In diesem Sinne wäre der Kauf von Motorola Mobility durch Google ein reines Patent-Marketing-Geschäft. Das ist es aber nicht. Denn Larry Page, der neue CEO im Hause Google, hat etwas ganz anderes im Auge. Er weiß, dass ihm gerade seine schöne Android-Plattform unter der Hand zerbröselt – und das nicht wegen irgendwelcher Patente.

Das Problem liegt in der Fragmentierung der Plattform, die aktuell mit der Vielzahl an Endgeräten und mehreren Varianten des Betriebssystems den Käufern keine einheitliche Produkterfahrung mehr bietet, sondern eher Konfusion auslöst und für Enttäuschungen sorgt. Etwa wenn junge Käufer sich ein neues Android-Smartphone kaufen und dann feststellen müssen, dass auf ihrem Gerät bestimmte Apps oder Spiele nur schlecht oder gar nicht laufen. Noch ist das in der Öffentlichkeit kein großes Thema, es könnte aber bald eines werden.

Dazu kommt, dass die meisten Android-Geräte einfach nicht an die Qualität des iPhone herankommen. In der Folge stösst Google mit seinem Ansatz, nur ein gutes Betriebssystem für mobile Geräte anzubieten, an seine Grenzen. Das durfte Larry Page auch an anderer Stelle lernen: Der von Google entwickelte Ansatz, den Chrome Browser zu einem vollwertigen Betriebssystem für Notebooks auszubauen und mit dem Chromebook den drögen Windows-Rechnern etwas Attraktives entgegen zu stellen, ist gescheitert. Nicht an Microsoft, sondern an Apple.

Steve Jobs hat mit der überraschenden Neuauflage des MacBook Air im Jahr 2010 gezeigt, wo der Hammer für mobile Rechner hängt. Diese sind schnell, klein und unglaublich leicht – und kommen zu einem Preis, der praktisch allen Wettbewerbern die Luft ausgehen lässt. Möglich ist das nur, weil Apple beides kontrolliert, Hard- und Software, und damit hoch performante Systeme schaffen kann, bei denen alle Komponenten bestmöglich zusammen spielen. Das zeigt sich nicht nur am MacBook Air, sondern auch am iPad, dessen Preis und Leistungsfähigkeit von den Wettbewerbern im Android-Lager immer noch nicht erreicht ist. Hier kommt Google mit seinem bisherigen Ansatz nicht weiter.

Google muss also tiefer bohren und bei der strategischen Integration einen Schritt weiter gehen, auf die Ebene der Herstellung von Endgeräten. Die vielfach zu lesende Kritik, Google verstünde nichts von der Produktion und könne auch kein Marketing, kann man getrost vergessen: Wenn jeder immer nur das macht, wovon er schon immer etwas verstanden hat – wo soll dann der Fortschritt herkommen?

Google ist ohne Zweifel reif für diesen Schritt und Larry Page kann jetzt zeigen, was er drauf hat. Dass die Medien noch lange die skeptische Karte spielen und mit Horror-Szenarien auftrumpfen werden, wird ihn nicht irritieren. Schließlich hat er das im Fall von YouTube alles schon mal erlebt: Google wurde 2006 für verrückt erklärt, einen Kaufpreis von 1,65 Mrd. US-$ für ein Video-Portal ohne klar erkennbares Geschäftsmodell auf den Tisch zu blättern. Die Kritik an diesem Deal ist inzwischen verstummt – gut dass die Analysten und Medien jetzt neuen Stoff für ihre Untergangs-Analysen bekommen…

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ein recht amüsanter Artikel, vor allem aber wegen haarsträubender Argumentationen, vor allem zu MacBook Air und Co.

    Nicht einmal Apple selbst wäre glücklich über die Vorstellung, dass das MacBook Air ein günstiges Gerät sei.
    Und das ist es auch nicht. Wie alle Geräte von Apple ist es hochpreisig, mit einer sehr hohen Gewinnmarge. Netbooks mit ähnlichen Leistungsdaten kommen von anderen Herstellern günstiger. Auch USFF-Notebooks gibt es bereits mit höherer Leistung günstiger.
    Apple schafft es Kunden gut an sich zu binden. Das beruht auf zwei Faktoren: Es wird die Clientel mit geringer Bereitschaft sich mit Technik auseinanderzusetzen angesprochen (hat diese Käuferschicht ein Produkt, das gut läuft, ist die Bereitschaft zu wechseln sehr gering) und die Wechselbürgen werden durch Gängelung und geschlossene Systeme erhöht.

    Chrom ist vor allem eins: ein OS.
    Die bisher von bzw. im Namen von Google gelieferte Hardware ist nicht mit der Intention grosser Verkaufszahlen entstanden, sondern um eine Entwicklergemeinde zu versorgen.

    Es geht auch weniger um die Ausbringung der eigenen Suchmaschine, als darum Daten über die Nutzer und das Nutzerverhalten gewinnen zu können.

    Google weitet sich aus auf TV, Smartphones, Tablets, … Da geht es um neue Nutzerschichten, aber vor allem auch um neue Datenquellen.

  2. Was Google angeht:
    Der Kauf ist eine Investition in die Zukunft von Android, keine Frage.

    Aber ich sehe keine Anzeichen dafür, dass sich Google damit übernommen hat. Im Gegenteil, mag deer Kurs auch kurzfristig gesunken sein, Google eröffnet sich neue Optionen und ermöglicht sich damit zusâtzlich echt Konkurrenz zu Apple. Noch viel stärker als bisher, denn Google ist damit in der Lage zwei Dinge zu tun:
    1. Hard und Software aus einer Hand – der Erfolgsfaktor von Apple
    2. Branchenstandards setzen und beeinflussen

    Gleichzeitig ist Android durch seinen OpenSource-Charackter weiter frei, etwas das Apple nicht kann, denn Apple muss Geräte verkaufen.
    Google muss das nicht, die Suchmaschine ist ubiquitär.

    Und Google kann damit die Patentwut – zumindest gegenüber seinen Produkten – eindämmen.

    Eine sehr viel stärkere Psition als vorher.

    Ob das alles für uns als Verbraucher so positiv ist, ist aber noch offen…

  3. @Jens: Ich wage zu widersprechen, was die “haarsträubende” Argumentation über Apple betrifft. Ob man Geräte wie das iPad mit einem Verkaufspreis ab 479,- Euro bzw. das MacBook Air ab 949,- Euro (Preise für Deutschland) als günstig oder eher als teuer einstuft, ist letztlich eine subjektiv persönliche Frage.

    Tatsache ist aber, dass es in beiden Fällen am Markt derzeit praktisch keine Konkurrenzprodukte gibt, die bei vergleichbaren Leistungsparametern zu einem eindeutig günstigeren Preis angeboten werden.

    Bei den Tablets ist das ganz offenkundig, während bei den Notebooks die Kategorien nicht vermischt werden dürfen. Apples MacBook Air konkurriert nicht mit den sog. Netbooks, die preislich sehr viel günstiger, dafür aber weniger performant (und schwerer) sind. Bei den sog. Ultrabooks verlangen eine Reihe von Herstellern gerade von Intel massive Preissenkungen, um mit ihren Geräten eine Preisrange von unter 1.000,- Euro überhaupt erreichen zu können…

    Hierzu noch zwei Links: DigiTimes (Preisfrage von Intel Prozessoren) und cnet (Preise in der Ultrabook-Kategorie)