Januar 2011

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Ich muss zugeben, dass ich von Box.net erst in diesen Tagen erfahren habe. Das Startup, das 2006 gegründet wurde und seinen Sitz in Palo Alto (Kalifornien) hat, macht derzeit mit einer neuer Version seiner Collaboration-Software von sich reden, die angeblich bereits von 5 Millionen Usern genutzt wird (so Aaron Levie, der Gründer, in diesem Interview mit Robert Scoble).

Auf den ersten Blick ist Box.net nur ein cloud-basiertes Tool für das Sharing von Dokumenten. Damit steht das Startup im Wettbewerb mit beispielsweise Microsoft Sharepoint (am oberen Ende der Skala) sowie Tools wie Dropbox (eher für den persönlichen Gebrauch). Für kleinere, lose zusammen arbeitende Teams scheint es aufgrund seiner Preisstruktur eher ungeeignet zu sein, denn Box.net kann nicht gerade als billig bezeichnet werden.

Neu ist jetzt ein Feature, das man sich bei Google Wave abgeschaut hat: Dokumente, die neu hochgeladen werden, werden als solche bei allen Usern, die darauf Zugriff haben sollen, sofort sichtbar. Das “Realtime-Web” lässt grüßen.

Interessanter scheint mir aber etwas anderes zu sein: Box.net nähert sich dem Thema “Collaboration” von einer anderen Seite, als dies die klassische Collaboration-Software (wie etwa Wikis) tut: Deren Grundidee ist es, Inhalte gemeinsam zu erstellen und zu bearbeiten und dafür eine neue Art von Software zu nutzen. Man geht dabei immer von einer anfangs leeren Hülle aus, die nach und nach mit überwiegend neu erstellten Inhalten gefüllt wird.

Die Realität in den meisten Unternehmen ist jedoch eine völlig andere: Es gibt bereits tonnenweise Material in Form von Dateien, das man besser zugänglich machen könnte, damit sie im Wege der Zusammenarbeit intensiver genutzt werden. Hier genau setzt Box.net an, das mit seiner Software berücksichtigt, dass es für den Zugriff auf ein Dokument unterschiedliche Benutzerrechte geben muss: Nicht jeder soll alles einsehen oder gar bearbeiten können. Vertrauliche Dokumente lassen sich in kleinem Kreis teilen, andere unternehmensweit und wieder andere auch mit externen Projekt-Partnern.

Zeigt sich hier ein pragmatischerer Ansatz für Collaboration bzw. Enterprise 2.0, der mehr von den bestehenden Verhältnissen ausgeht und berücksichtigt, dass die Zusammenarbeit an Konzepten und Projekten oft nicht ganz so intensiv sein muss, wie dies von der herkömmlichen Collaboration-Software intendiert wird?

Auf die weitere Entwicklung von Box.net darf man gespannt sein. Noch ist die Software sehr stark daran orientiert, das Arbeiten an bestehenden Dateien über die Cloud zu vereinfachen. Das Erstellen gänzlich neuer Inhalte, etwa über Wiki-Funktionalitäten, ist noch nicht vorgesehen, nicht zuletzt, weil man bestrebt ist, den Gebrauch dieser Software so einfach wie möglich zu halten. Denkbar ist aber, dass die Kunden Funktionen von klassischer Collaboration-Software nachfragen und diese implementiert sehen wollen.

Abzuwarten bleibt auch, ob und wie Unternehmen wie Atlassian, Huddle oder Socialtext darauf reagieren werden. Zum Schluss noch etwas “Werbung”, ganz ohne Hintergedanken und ohne dafür von einer SEO-Agentur bezahlt worden zu sein…

Weiter im Text…

Googles Suchmaschine und Facebooks Newsfeed haben eigentlich wenig bis nichts gemeinsam, außer vielleicht der Tatsache, dass beide Anwendungen Daten in Listenform darstellen. Dabei müssen jeweils die einzelnen Elemente in eine Reihenfolge gebracht werden, was für die Suchergebnisse bei Google der PageRank übernimmt.

Die Platzierung der Einträge im Newsfeed von Facebook folgt im Prinzip strikt der zeitlichen Reihenfolge ihrer Veröffentlichung. Daneben kommt jedoch zusätzlich ebenfalls ein Algorithmus zum Einsatz, der EdgeRank. Er sorgt dafür, dass bei den “Top News” eine Auswahl von Einträgen gezeigt wird, die jedem einzelnen User das Wichtigste seit seinem letzten Login übersichtlich präsentiert.

Der EdgeRank arbeitet also wie ein starker Filter und hat zudem einen enormen Einfluss: Denn viele User von Facebook nutzen offenbar für ihre Timeline den Modus “Top News” stärker bzw. häufiger als die Normalansicht “Most Recent”. Das folgende Video erklärt anschaulich Funktion und Arbeitsweise des EdgeRank:

Für Unternehmen, die eine oder mehrere Seiten auf Facebook betreiben und darüber eine möglichst große Zahl ihrer Fans auch tatsächlich erreichen wollen, ist also die Mechanik des EdgeRank durchaus interessant, wenn sie mit ihren Einträgen möglichst prominent in den Top News viele User platziert sein wollen.

Allerdings folgt eine solche Sichtweise sehr stark dem klassischen, massenmedialen Denken in Reichweiten. Wer seine Inhalte auf Facebook danach optimiert, in den Top News möglichst hoch platziert zu sein, verlässt im Grunde genommen den Pfad hin zu mehr Dialogen, wie sie auf Facebook sehr gut möglich sind, und wendet sich eher wieder der Einweg-Kommunikation zu.

Wichtiger wäre deshalb aus meiner Sicht eine Fokussierung auf Dialoge mit den Usern (in Echtzeit), während die Orientierung am EdgeRank nur zweitrangig in Betracht gezogen werden sollte, als eine zusätzliche Option zur Absicherung der Sichtbarkeit auf Facebook. Dabei ist mir aus meiner praktischen Erfahrung heraus vollkommen klar, dass immer noch sehr viele Unternehmen sich mit einer an der klassischen Werbung und PR orientierten Kommunikation leichter tun, als mit den Dialogen und Feedback-Schleifen in Social Media…

Was den Vergleich des EdgeRank mit dem PageRank betrifft, so dürfte Googles Algorithmus aus einem einfachen Grund noch auf längere Sicht die Nase vorn behalten: Der PageRank ist leichter zu beeinflussen, weil er sich bislang praktisch nur auf Links (zwischen Websites) stützt, während der EdgeRank stärker der sozialen Interaktion unterliegt, was seine Manipulation erschwert. Aber das ist nur eine Spekulation. Sicher hingegen ist, dass die Suchmaschinen- und Social-Media-Optimierer nichts unversucht lassen werden, um auch auf Facebook irgendwie ganz nach vorne zu kommen…