brand eins: Ein Magazin, seine iPad App und das Social Web

brandeins Screenshot iPad

Keiner bleibt ewig jung. Wie alt inzwischen das Wirtschaftsmagazin brand eins geworden ist, verdeutlicht ein Artikel in dessen aktueller Ausgabe (Juli 2010). Darin hat Jens Bergmann mit fünf (deutschen) Early Adopters des Social Web gesprochen (“Die Guten sind immer die Ersten”). Wirklich Neues bietet der Text nicht, außer vielleicht der Erkenntnis, dass auch brand eins inzwischen so etwas wie eine Vergangenheit hat, auf die sich zurückblicken lässt.

Das Magazin, seit 1999 auf dem Markt, hat, obschon mit dem Cluetrain Manifest durchaus vertraut, um die neueren Entwicklungen im (Social) Web überwiegend einen Bogen gemacht. Im Mai diesen Jahres allerdings kam der scheinbar große Sprung nach vorn, als die Applikation für das iPad eingeführt wurde.

Diese ist gar nicht mal schlecht gemacht. Man kann sich zu allen neueren Heften die Cover nebst Inhaltsverzeichnis laden, ein vollständiges (älteres) Heft gibt es gratis dazu. Alle neueren Ausgaben können für je 6,99 Euro nachgeladen werden (am Kiosk kostet ein Heft derzeit 7,60 Euro). Die Navigation in dieser App gelingt auf Anhieb, man findet sich damit gut zurecht. Die Inhalte selbst entsprechen vollständig der Printausgabe, auch in ihrer Optik.

Das alles wäre eigentlich ganz wunderbar, hätte es da in den letzten 10 Jahren nicht eben dieses Social Web gegeben. Kommentare, Verlinkungen, Bookmarks, Empfehlungen – nichts davon findet sich in der brand eins App wieder. Natürlich steht sie damit nicht allein: Praktisch alle Apps von Medien, die es bislang für das iPad gibt, huldigen strikt ihren Printvorlagen. Das Wired Magazin schaffte es immerhin, ein paar Bewegtbilder zu integrieren. Aber kommentieren, so wie auf der Webseite von Wired, kann man auch dort nicht und Links auf andere Seiten im Web fehlen sowieso.

Viele Verlage und mit ihnen auch das Team von brand eins um Gabriele Fischer denken offensichtlich, dass sich die Entwicklung von Medien im Internet der letzten 10 Jahre ignorieren lässt und das Zeitalter der Tablets, Handhelds und Smartphones irgendwie doch nahtlos an die lange Epoche der Printmedien anschließen wird. Das ist ganz sicher ein Trugschluss.

Zwar mag das Konzept der Medien-Apps, wie sie sich aktuell auf dem iPad darstellen, älteren Lesern helfen, den Übergang von gedruckten Medien zu den neueren elektronischen Formen zu finden, jüngere Zielgruppen mit hoher Affinität für das Internet, wie sie sich gerne auf Facebook oder YouTube aufhalten, wird man damit eher nicht gewinnen können. Freilich: Klare Belege für die Entwicklung des Mediennutzungsverhalten stehen hier noch aus.

Mit Applikationen wie der von brand eins verknüpft sich aber nicht nur die Hoffnung auf das Funktionieren von Paid Content sowie das Beibehalten der klassischen Sender-Empfänger-Struktur, sondern natürlich auch der Glaube, die alten Bündel-Konzepte (Thomas Baekdal nennt sie “Wundertüten”) aufrechterhalten zu können: Ein Magazin ist eben ein Magazin und es kommt am Stück, obschon das Web ganz andere Publikationsrhythmen ermöglicht und nahe legt.

Vermutlich aber sehen wir hier ohnehin nur ein Übergangsphänomen. Denn die Applikation der Zukunft wird nicht mehr starr an bestimmte Geräte und deren App-Plattform gebunden sein, sondern im Browser laufen. Google ist ein mächtiger Treiber dieser Entwicklung, es gibt aber auch Startups wie Sproutit, die hier eine große Zukunft (für sich) sehen.

Kommt dieser Ball erst einmal ins Rollen, werden sich Verlage fragen müssen, ob sie dann nicht gleich (wieder) voll und ganz auf ihre Webseite setzen wollen: Mit ihr gibt es die volle Partizipation am Social Web und das Thema Entbündelung steht dann auch auf der Tagesordnung.

Bei brand eins, dem Magazin für Quer- und Vordenker, ist man ganz offensichtlich noch nicht so weit. Mit der App für das iPad zeigt man, dass das Neue nur dann gut ist, wenn sich damit Struktur und Ordnung aus dem altgewohnten Printzeitalter aufrechterhalten lassen. Ausgerechnet brand eins. Das Magazin, dass uns für Neues und Zukünftiges begeistern will, traut sich selbst nicht richtig in die Zukunft.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich ein Punkt ist, der trifft – also sowohl die Kritik als auch die Prognose. Scheint mir zu sehr von dir und mir her gedacht und unseren Bedürfnissen.

    Nur: das iPad ist doch gar kein Mitmachgerät, sondern ein anderes Lean-Back-Gerät. Eine elegante und einfach nutzbare Abspielplattform für multimedialen Content (insofern ja, Bewegtbild und Bildstrecken, das wären Erweiterungen, wobei es ja Bildstrecken gibt und Lesezeichen bestimmt kommen werden). Ein Gerät für meine Großeltern. Für meine Kinder, zum schnell mal was nachschlagen. Der Familien-Küchentresen-Internet-Dingens.

    Und dazu passt imho konzeptionell sehr gut, dass die Medien eben auch “nur” abgespielt werden und nicht wirklich interagieren.

    Wenn ich mir angucke, wer aus meinem Bekanntenkreis mich auf das brand eins Interview angesprochen hat und wer brand eins liest, dann sind das tatsächlich Vor- und Querdenker – aber nicht die, die wir im “Social Web” finden (wobei da auch mehr Lemminge als Denker sind, was nützt nur Quer ohne Denker?). Nicht die, die sich die Zeit mit Linklisten und Kommentaren oder Leserbriefen um die Ohren schlagen. Sondern der extrem erfolgreiche Internetunternehmer, der nicht mal auf Facebook ist. Der Leiter der Europavertriebs eines Hochtechnologieunternehmens. Die wirtschaftliche Leiterin eines der größten Krankenhäuser der Stadt. Allesamt schlaue, innovative Leute, die möglichst wenig Email nutzen, nicht twittern und sehr sparsam facebooken. Außerhalb unserer Blase – und alle mir iPad :)

    Deine Prognose teile ich nicht mehr, seit ich ein Android-Gerät für meinen Schwiegervater eingerichtet und mit seinen Mails und Kalendern synchronisiert habe. Seitdem weiß ich, warum ich ihn vor längerer Zeit beim großen Computer zu einem Macbook überredet habe – und was man vom Kubanischen System Apple hat. Ich sehe eher die Zukunft in Hybridapps oder solchen, die eine App-Oberfläche auf eine plattformübergreifende Infrastruktur legen.

    Mal aus Usersicht: Wenn ich so ein schickes Lean-Back-Gerät habe, will ich darauf optimal abgestimmte Apps. Punkt, mir doch egal, ob das ein Übergangsphänomen ist ;)

  2. ich bin ja auch so ein “dir und mir”, mit zuweilen ähnlichen bedürfnissen und und finde es zuweilen bei der lektüre höchst entspannend, nicht bei jedem link unbewusst die Frage zu stellen: Klick ich?
    Nicht bei jedem Beitrag , das gefühl zu haben, auch schnell etwas sagen zu müssen. Nicht glauben zu müssen, in den kommentaren könnte es noch ein spannendes Detail, einen neuen Aspekt geben (was sein kann).
    Stattdessen nur lesen, sacken lassen, nachdenken und hoffen, dass die Story ein rundes Bild ergibt. Manchmal wird die Hoffnung ja erfüllt.
    Irgendwo im Blog habe ich es schon mal geschrieben: “Und weil das iPad kein Multitasking kann, kann ich auch nicht andere Dinge gleichzeitig darauf machen. Man muss sich das als sehr befreiend vorstellen.”

  3. @Wolfgang und Olaf: Warum so konservativ heute? Klar: Das iPad hat seine angenehmen Seiten gerade darin, dass es den Medienkonsum einfach und sehr komfortabel macht. Und stimme auch durchaus darin zu, dass man nicht immer kommentieren oder “liken” oder sonstwas muss.

    Einen Einwand habe ich aber bezüglich der erfolgreichen Unternehmer und Entscheider. Solche Menschen kenne ich auch und sehe, dass sie das Social Web praktisch noch überhaupt nicht nutzen. In den meisten Fällen wird in deren Unternehmen noch nicht einmal Collaboration (Enterprise 2.0) eingesetzt. Dass dieser Personenkreis an der iPad-App von brand eins nichts vermisst, liegt so gesehen “auf der Hand”.

    Wäre es nicht die Aufgabe einer Publikation wie brand eins, ihre vordenkenden Leser ins Social Web zu führen? Nicht dorthin, wo die Masse (“Lemminge”) schwimmt und diskutiert, sondern in konstruktive Nischen, wo dann auch Netzwerke geknüpft und gepflegt werden könnten?

  4. Für mich ist gerade die brand ein-App ein glänzendes Beispiel, wie man es nicht machen sollte. Ganz unabhängig davon, ob man das iPad nun als Mitmach- oder Konsumierdings sieht: Die “1:1 Übernahme” von Printinhalten steht einem solchen Gerät nicht gut zu Gesicht. Das wird schon deutlich, wenn man sich mal eine Doppelseite ansieht. Egal, was man mit so einer App vorhat: Das Layout gehört so gemacht, dass es Spaß macht, sich mit den Inhalten zu beschäftigen.

    Man kann sich fragen, ob Kommentarfunktionen wirklich nötig sind. Natürlich auch, ob die Zielgruppe sie braucht. Doch selbst wenn man Social Media nicht wirklich nutzt, weil einem das eigene Leben vielleicht nicht erlaubt, fehlen solche Features. Spätestens dann, wenn man seine Sicht der Dinge gerne beitragen möchte. Der Leserbrief-Bereich ist doch auch keine 20 Seiten lang und wird aus Sicht der Redaktion ein unverzichtbarer Teil des Hefts sein.

    @Matthias: Dir stimme ich absolut zu. Gerade die brand eins, die viele lesen, weil sie nunmal alles andere, als ein weiteres dieser dämlichen Wirtschaftsmagazin ist, hätte es direkt “richtig” machen können. Ein Blick auf die Website lässt jedoch vermuten, dass das wohl (noch) nicht zu erwarten war :-)