Eine Woche mit dem iPad

iPad 32 GB WiFi

Genau vor einer Woche bekam ich mein iPad geliefert und kann seither selbst testen, wie weit meine eher skeptische Einschätzung (und “Ferndiagnose”) auf Carta vom Januar diesen Jahres trägt. In einigen Punkten muss ich mich doch tatsächlich revidieren.

Der erste Eindruck bei der Entnahme aus der hübschen Verpackung: Das Gerät ist schwerer als es eigentlich sein sollte. Vielleicht möchte das Gewicht Solidität und Wertigkeit vermitteln, in der täglichen Handhabung wünscht man sich das iPad leichter. Davon abgesehen wirkt es edel und hochwertig, ein typisches Produkt von Apple eben.

Zum ansprechenden Äußeren kommt die intuitive Bedienung auf dem großen Touchscreen. Doch leider trübt sich hier das Bild etwas: Wer, wie ich, kein iPhone besitzt und zum ersten Mal Bekanntschaft mit der Gestensteuerung von Apple macht, wird nicht nur Freude empfinden. So spielend einfach, wie Steve Jobs das gern verkündet, ist das iPad nämlich nicht immer zu bedienen.

So ist die Gestensteuerung in ihrer Logik nicht immer ganz konsistent. Will man etwa aus der Ansicht einer Seite eine Ebene zurück, so darf man, je nach Anwendung, doppelt klicken (um in Keynote aus dem Präsentations- in den Bearbeitungsmodus zu gelangen), genau in der Mitte des Bildschirms einfach klicken (um im GoodReader aus dem Lese- in den Navigationsmodus zu kommen), vom Rand her beherzt nach links oben wischen (um die Produktfenster in iTunes oder iBooks wieder zu schließen) und das sind nur die Möglichkeiten, die ich in den ersten Tagen teils nach längerem Probieren herausgefunden habe. Wirklich intuitiv ist es auch nicht, wenn grafische Elemente zwar als Schaltflächen funktionieren, dies jedoch nicht kenntlich machen: Das iPad ist so gesehen noch kein fertiges Produkt, sondern ein Experimentierfeld der Usability auf dem Weg zum einfacheren Umgang mit Computern.

Etwas hakelig gerät auch die unvermeidliche Synchronisation mit iTunes auf dem PC. Meistens geht hier alles gut, aber eben nicht immer. Bei mir funkt bisweilen auch noch Windows XP dazwischen und möchte irgendetwas von einer CD installieren. Nur mit Mühe kann das System dann wieder beruhigt werden. Offenbar trägt es schwer daran, dass es jetzt nicht mehr der alleinige Mittelpunkt auf meinem Schreibtisch ist.

Umstände macht auch noch der Bereich “Fotos”. Zwar zeigt das iPad diese in nie zuvor gesehener Schönheit an, dazu muss man sie aber erst mal auf das Gerät bringen. Die Synchronisation über iTunes kann man hier nur als mittlere Katastrophe bezeichnen. Wer etwa seine Fotos auf dem PC in einer ausgeprägten Ordnerstruktur verwaltet, kann diese praktisch nicht auf das iPad übernehmen, weil das Gerät keine tiefer gestaffelten Ordnerstrukturen abbilden kann. Selbst mehrere Ordner mit Fotos muss man richtig anzupacken wissen, da das iPad gerne einen schon geladenen Stapel von Bildern löscht, diesen durch den nächsten ersetzt und dabei nonchalant die gliedernden Ordner einfach weglässt. Zudem fehlt eine Löschfunktion: Über iTunes synchronisierte Fotos lassen sich einzeln auf dem iPad nicht löschen, zumindest habe ich diese Funktion noch nicht gefunden.

Doch damit sind wir eigentlich schon am Ende der Mäkelei. Was jetzt kommt, ist pures Vergnügen und wirklich eine neue Erfahrung, die man schon bald nicht mehr missen möchte.

Das iPad vermittelt eine wirklich bemerkenswerte Lesefreude sowohl im Browser, als auch in Applikationen. Das Scrollen und Zoomen mit dem Finger lässt jeden PC dagegen schwer und plump aussehen, während sich man bei Smartphones jetzt fragt, was denn ihr lächerlich kleiner Bildschirm soll. Was Apple mit dem iPhone eingeführt hat, kommt hier erst zu seiner wahren Bestimmung: Das knapp 10 Zoll große Display des iPad schafft buchstäblich den optimalen Rahmen für die Darstellung medialer Inhalte.

Etwa bei Pdf-Dateien, die mit ihrem üblichen Hochformat auf den Bildschirmen von PCs nie richtig zur Geltung kamen und zudem schwer zu lesen waren. Anders auf dem iPad: Erst hier fällt auf, dass viele dieser Dateien grafisch sehr sorgfältig gestaltet sind und natürlich lassen sie sich auch gut lesen. Das von mir im Januar noch kritisierte 4:3-Format des iPad macht also durchaus Sinn. Öfter als gedacht nämlich verwende ich das Gerät im Hochformat und lese Texte praktisch so, wie wir beim Papier das DIN A 4 Format auch meist verwenden (obwohl man auf Papier auch im Querformat schreiben könnte, was nur kaum jemand macht).

Darin mag eines der “Geheimnisse” des iPad liegen, nämlich dass es uns mit seinem Hochformat, in Kombination mit dem Scrollen und Zoomen der Gestensteuerung ein einfaches und sehr natürlich wirkendes Leseerlebnis bietet, an das kein Netbook und kein Notebook und erst recht kein PC herankommt.

Das Fehlen von Flash (von mir noch im Januar scharf kritisiert) bemerkt man kaum: Nicht wenige Angebote im Web haben sich bemerkenswert schnell auf das iPad (bzw. HTML 5) eingestellt, so dass man seltener als gedacht auf echte Lücken stößt. Auch Videos, vom kurzen YouTube-Format bis hin zu Spielfilmen kann man darauf sehen, es muss nicht immer der große Bildschirm des Fernsehers sein.

Dazu kommt, dass man mit dem iPad nicht nur ein gutes Gerät für die Wiedergabe von Inhalten an der Hand hat, sondern den passenden Kaufladen gleich mit dazu.  iTunes, iBooks und der App Store stehen Tag und Nacht bereit und trüben den Eindruck allenfalls durch ihr bisweilen qualitativ mittelmäßiges Angebot. iTunes kann bei klassischer Musik oder auch den Filmen nicht ganz überzeugen und der iBook-Store steht bekanntlich erst ganz am Anfang.

Was den App Store betrifft, so reibt sich der erstmalige Besucher, der nur den Android Market seines Google Handys kennt, verwundert die Augen: Nicht dass ihm der viele Plunder der hier angeboten wird, fremd wäre, wohl aber, dass es kaum etwas kostenlos gibt. Noch der billigste Taschenrechner oder jede schnöde Wetterapplikation will hier bezahlt sein, sei es auch nur mit kleiner Münze. Zudem gibt es hier noch etliche Lücken, bei den Twitterclients etwa und dringend fehlen bessere Filtermechanismen zur engeren Eingrenzung bei der App Auswahl.

Wie schließlich hält es das iPad bei der Kreation von Inhalten bzw. den Dialogen im Netz? Jeff Jarvis hat seines bekanntlich recht schnell wieder zurückgegeben, weil er keinen “Usecase” dafür sehen konnte und ihm vermutlich der Dialogcharakter des Social Web darauf nicht genügend berücksichtigt wurde.

Tatsächlich hat das iPad hier eine leichte Schwäche, denn wer Links twittern oder auf Facebook mehr tun möchte, als nur den Like-Button zu drücken, steht vor größeren Herausforderungen. Das fehlende Multitasking tut ein Übriges, denn ist man erst einmal in einer Anwendung drin, sieht man nicht einmal mehr, ob man neue E-Mails empfangen hat.

Ob das auf Dauer so bleiben wird oder ob dies nur Begleiterscheinungen bei der Einführung eines noch nicht ganz ausgereiften Produktes sind, wird sich zeigen. Ich kann damit leben und setze darauf, dass in künftigen Versionen (oder den Produkten der Wettbewerber) mehr möglich wird. Das iPad in seiner heutigen Form ist ein vielversprechender und wichtiger Anfang. Zugleich wird es noch auf längere Sicht einen PC (oder ein Notebook) nicht ersetzen, dafür aber sehr gut ergänzen können.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Danke für Deinen ersten Bericht, aus dem sich herauslesen lässt, dass das Gerät vor allem dann toll ist, wenn man Content konsumiert (Text, Fotos, Video). Für mich stellt sich die Frage, ob das iPad das Zeug dazu hat, die diversen Guides abzulösen, die z.B. im Museumsbereich eingesetzt werden.

    Du schreibst, dass das iPad schwerer ist als Du erwartet hättest. Das spricht natürlich eher dagegen, denn wer möchte das Gerät dann durch eine Ausstellung “mitschleppen”?

  2. @Christian: Das iPad wäre ein sehr edler Ersatz für die bisherigen elektronischen Führer in Museen, allerdings hätte ich dabei doch auch ein etwas mulmiges Gefühl: Wie oft wohl werden solche Geräte fallen gelassen? Dem iPad wäre das nicht besonders zuträglich und der materielle Schaden fürs Museum relativ hoch.

    Davon abgesehen: Das iPad ist sicher nicht zu schwer, um es auf einem Museumsbesuch mitzuführen. Schwer wird es nur dann, wenn man eine Stunde oder länger am Stück lesen will und es dabei dauernd in einer Hand hält.

    Inhaltlich gesehen ließen sich damit tolle Konzepte umsetzen: Zunächst als Raumplan (man denke nur an die Orientierung in großen Museen wie dem Louvre), dann als Erklärmedium für Exponate (denkbar in Form von Text, Video und Audio), zudem als Feedbackmedium für das Museum, das über den Touchscreen seine Besucher befragen könnte, was ihnen gefällt und was sie vermissen – und schließlich als Shop für den Verkauf zusätzlicher Leistungen bzw. Dienste.

    Am einfachsten wäre es vielleicht, Museen würden sich dabei gar nicht so sehr auf die Hardware konzentrieren, sondern Applikationen entwickeln, die von den Besuchern auf ihren eigenen, mitgebrachten Geräten genutzt werden können. Da ist dann auch jeder Besucher selbst verantwortlich, wenn ihm sein teures iPad auf den Marmorboden fällt…

  3. Danke für Deine ausführliche Antwort. Inhaltlich sehe ich die Vorteile ganz deutlich, Du hast Sie ja teilweise schon beschrieben. Skeptisch bin ich aber, was das Handling angeht. Wie Du richtig schreibst, wenn das Ding runterfällt, ist es wahrscheinlich kaputt. Und die Wahrscheinlichkeit, dass so etwas passiert ist groß, man muss sich nur mal anschauen, wie die Leute teilweise mit den Audio- bzw. Multimediaguides umgehen.

    Aber unter Umständen lässt sich so ein Problem lösen, indem man sie kostenpflichtig anbietet und eine Versicherung abschließt, sollte etwas damit passieren.

    Wenn Du meinst, dass es kein Problem darstellt, das iPad einen ganzen Museumsbesuch lang bei sich zu haben, dann sind meine Bedenken in dieser Hinsicht beseitigt. Bleibt wahrscheinlich noch das Problem, dass die Anschaffungskosten ziemlich hoch sind.

  4. @Christian: Das iPad wird schon bald Konkurrenz von preislich günstigeren Geräten bekommen. Bereits auf dem Markt ist der Dell Streak (5 Zoll Display), Samsung wird ein Gerät mit 7 Zoll Bildschirm herausbringen (beide mit Google Android) und das sind nur zwei Beispiele von vielen.

    Museen werden also in nächster Zeit die Möglichkeit haben, zwischen kleineren und größeren Tablets wählen zu können und dabei auch unterschiedlich viel Geld (pro Gerät) ausgeben können. Das iPad von Apple wird dabei sicher das obere Ende des Marktes definieren.

  5. Beim ersten twittwoch im Mercedes-Benz wurde übrigens ein iPad rumgereicht, wird da schon eingesetzt:
    http://blog.culture-to-go.com/2010/05/18/mercedes-benz-museum-ipad-sportwagenausstellung/

    Bin auch schon gespannt auf die Konkurrenz im Moment hat Apple halt mal wieder die Lieferbarkeit und den Hype auf seiner Seite, mal sehen ob sich der Vorsprung so gut halten läßt wie das z.B. trotz günstiger Konkurrenz bei den iPods gelungen ist.

    Ich pers. würde gerne mal ein Adam in die Finger bekommen der soll gerade zum Lesen gut geeignet sein:
    http://blog.kunzelnick.de/2010/04/03/ipad-alternativen-notion-ink-adam/

  6. Pingback: Erfahrungsbericht: Ein Monat mit dem iPad » netzwertig.com