Soziale Netzwerke und Beziehungen in der digitalen Gesellschaft

Soziale Netzwerke sind sehr viel mehr eine Erfahrung im realen Leben als im Internet. Darauf macht uns der Arzt und Wissenschaftler Nicholas Christakis in seinem TED-Vortrag aufmerksam. Er erforscht beispielsweise, wie Fettleibigkeit (Obesity) sich ausbreitet und welche Rolle dazu soziale Beziehungen (in größerem Maßstab) spielen können.

Sein Vortrag zeigt, dass Dienste im Internet wie Facebook noch weit davon entfernt sind, unser reales Geflecht an Beziehungen auch nur annähernd abzubilden. Und doch sind wir irgendwie auf dem Weg dorthin. Antje Schrupp beleuchtet in einem aktuellen Artikel auf ihrem Blog, wie auf Facebook unter dem Begriff “Freunde” ganz unterschiedliche Beziehungsebenen aufeinander prallen können: Eltern, Geschwister, Nachbarn, Berufskollegen – was im realen Leben oft fein säuberlich getrennt abläuft, kommt im News Feed von Social Networks ungefiltert zusammen.

Sie findet das gut und plädiert für ein “Ende der Heuchelei”. Der Mensch soll sein (dürfen) wie er ist und nicht mehr in unterschiedlichen Situationen unterschiedliche Rollen spielen müssen. Allerdings kann die neu gewonnene Freiheit auch leicht neue Zwänge mit sich bringen, etwa wenn sehr private Dinge in der Timeline eines Social Networks ausgebreitet werden und damit ein (Handlungs-) Druck aufgebaut wird.

Wer Antje Schrupp widersprechen möchte (in den Kommentaren zu ihrem Artikel gibt es reichlich Widerspruch), sollte bedenken, dass in den letzten Jahren zwar sehr viele themenorientierte Social Networks im Internet entstanden sind, die der Trennung unterschiedlicher Sphären und Interessen Genüge tun, diese sich aber in den meisten Fällen nicht auf Dauer halten konnten. Durchgesetzt hat sich Facebook, als eine Art alles umfassender Dienst, der noch die unterschiedlichsten Interessen bedienen und bündeln kann.

Meiner Meinung nach wird sich Facebook in den nächsten Jahren erheblich weiter entwickeln und dabei vielleicht eine Art “Schichtenmodell” konstruieren, mit dem sich seine User in abgestuften Graden öffentlich äußern und sich zudem auch in voneinander getrennten Sphären werden bewegen können. Dies halte ich nicht als eine Art Gegenmeinung zu Antje Schrupp für wahrscheinlich, sondern allein wegen des Information Overload: Es macht schlicht und einfach keinen Sinn, jede Äußerung und jede Empfehlung auf Facebook vor einer (technisch bedingt) homogenen Gruppe von “Freunden” zu tun, obwohl man längst nicht alle Interessen mit jeweils allen diesen Freunden teilt.

In Sachen Musik oder Kleidung etwa wird man mit Gleichaltrigen anders kommunizieren als mit seinen Eltern. Und dies liegt nicht daran, dass letztere nicht wissen dürften, was man mit den ersten teilt: Es sind schlicht die unterschiedlichen Interessen, die dafür sorgen, dass den einen in der Timeline langweilt, was den anderen interessiert.

Im Ergebnis wird es daher vielleicht nicht so offen und radikal kommen, wie Antje Schrupp es sieht. Social Networks werden komplexer werden, Filtermechanismen integrieren und vermutlich mit Algorithmen versuchen, jedem User nicht beliebig viel, sondern möglichst interessante und relevante Inhalte zu bieten. Auf dem Weg dorthin könnten sie sich auch von Dr. Nicholas Christakis beraten lassen, um in der digitalen Gesellschaft mehr Empathie und weniger Fettleibigkeit entstehen zu lassen.

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