Twitter fällt gegenüber Facebook zurück: Ob die neuen Listen es richten können?

Twitter Lists 002

Bei Twitter gibt es jetzt also Listen: Man kann damit die Personen, denen man folgt, in Kategorien (ein-)sortieren. Das Prinzip dazu wurde von Clients wie Tweetdeck übernommen, wo man mit der Bildung von Gruppen schon lange eine Filterfunktion zur Hand hat. Mit den Listen geht das jetzt auch auf Twitter: Man öffnet einfach eine von ihnen in einem neuen Tab und sieht dann nur die Tweets der darin vorkommenden Personen.

So weit so gut. Die neue Funktion kann allerdings nicht überdecken, dass Twitter seit einiger Zeit irgendwie der Elan ausgegangen ist. Die folgende Grafik, von Bill Tancer auf einem Blog von Experian Hitwise vorgestellt, zeigt es:

Twitter Hitwise 2009

Während Facebook bei den Visits in den letzten 12 Monaten kontinuierlich zulegen konnte, fiel die Dynamik bei Twitter doch erheblich schwächer aus. Weitere Belege, die das untermauern, hat Bill Tancer bereits im September aufgezeigt.

In seinem Blog entstand in den Kommentaren eine Diskussion darüber, wie aussagekräftig solche Charts sein können, wenn darin der Zugriff auf Twitter über mobile Geräte oder Clients wie Tweetdeck nicht enthalten sind. So verständlich diese Einwände auch sind, sie können nicht überzeugen. Denn auch bei Facebook setzt ein Teil der User inzwischen Smartphones oder Clients auf dem Desktop ein, so dass die Verzerrungen beide Social Networks treffen. Dennoch ist der Abstand von Twitter auf Facebook gravierend, weil er immer größer wird.

Im Ergebnis bedeutet das, dass Twitter vorläufig ein Nischenmedium bleibt. Daran wird auch die neue Listenfunktion nichts ändern. Erst mit einer deutlich weiteren Verbreitung des mobilen Internets einschließlich der dazu gehörenden Datentarife in einem massentauglichen Preisgefüge wird Twitter im Mainstream wirklich ankommen.

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ist es nicht so, dass die diversen Tools erst so richtig gut werden, wenn der Hype erst mal vorbei ist?

    Viele Kultureinrichtungen sind in den letzten Wochen und Monaten auf diesen Zug aufgesprungen und haben dazu beigetragen, dass die Kurve so eindrücklich angestiegen ist. Aber was machen sie damit? Eher nichts…. Die Aussagekraft dieser Kurve ist also begrenzt.

    Ich finde es auch nicht tragisch, wenn Twitter ein Nischenmedium bleibt. Stell Dir mal vor, die ganze Welt würde twittern. Da müsste man Meta-Listen einführen, um nicht den Überblick zu verlieren. :-) Und die Qualität wäre sicher nicht besser…

  2. @Christian: Ich habe Twitter in den letzten 12 bis 15 Monaten so schätzen gelernt, dass mir die Divergenz in der Entwicklung zwischen Facebook und Twitter schon etwas Sorgen macht.

    Klar: Wir wissen, dass viele Personen oder Institutionen nur pro forma auf Facebook registriert sind und ihre Accounts so gut wie nicht nutzen. Aber auch bei Twitter gibt es Karteileichen, so dass sich letztlich an dem großen Unterschied in der Entwicklung zwischen beiden Plattformen nicht viel ändern dürfte.

    Vielleicht ist es eine Frage der Reife: Sehr viele Menschen, die das Internet nur oberflächlich kennen und nicht so intensiv nutzen, kommen mit Facebook leichter zurecht als mit Twitter.

    Facebook ist wie eine Art privater Raum, wo man sich mit Freunden trifft. Daneben kann man auch Fan einer Marke oder einer Initiative werden. Das ist einfach bzw. auf Anhieb zu begreifen.

    Twitter dagegen ist nur scheinbar einfach: In Wirklichkeit ist es sehr abstrakt und nicht so leicht zu durchschauen, weil sich hier der private Raum und das Öffentliche gegenseitig durchdringen. Komisch ist ja auch, dass ich auf Twitter nicht wirklich Herr meiner Kontakte bin: Einerseits kann ich anderen (beliebig) folgen, andererseits habe ich aber wenig bis keinen Einfluss darauf, wer mir folgt. Das schafft eine Konstellation, die wir im “normalen Leben” so kaum je haben.

  3. Hallo Matthias,

    macht es wirklich Sinn, Twitter und Facebook so einfach über die Visists zu vergleichen? Hmmm… die prinzipiellen Unterschiede hast Du oben auch bereits treffend dargestellt…

    Ich denke nicht, dass wir uns Sorgen um Twitter machen müssen. Es gibt genügend Leute, die bereits heute einen konkreten Nutzen daraus ziehen; ich zähle mich dazu. Mit der Kommunikation a la Twitter ist ein Tor aufgestoßen, dass m.E. niemand mehr schließen kann.

    Du schreibst Twitter sei ein Nischenmedium. Kurz nachgefragt: Wie erkennst Du, dass Twitter im Mainstream angekommen ist? und Wie ändert sich dann Dein Umgang mit Twitter?

    Ein schönes Wochenende
    :-) Rainer

  4. @Matthias: glaubst Du wirklich, dass die Mehrheit mit Facebook leichter zurecht kommt als mit Twitter? Ich kann das von mir nicht behaupten. Die Basics beherrsche ich zwar, aber mehr auch nicht.

    Das große Plus von Twitter besteht darin, dass die Hürde, mit jemandem zu kommunizieren, extrem niedrig ist. Ich kann hier zu Experten Kontakt aufnehmen, was über andere Kanäle, wenn überhaupt, nur mit sehr viel mehr Aufwand möglich wäre.

    Interessant ist Deine Feststellung, dass Du auf Twitter nicht Herr Deiner Kontakte bist. Stimmt, die Frage ist, ob Du das positiv oder negativ sehen willst? Ich sehe es als Chance und ärgere mich z.B. über die wenigen Informationen, die mir Facebook anbietet.

    @Rainer: ich würde mich auch zu denen zählen, die von Twitter profitieren.

  5. @Rainer: Ich stimme Dir voll und ganz zu, dass mit Twitter ein Tor aufgestoßen ist, das niemand mehr schließen kann. Ein schönes Bild!

    @Christian: Du bist zu tief drin in der Materie. Für den unbedarften User mit wenig Interneterfahrung ist Facebook leichter zu begreifen und zu nutzen (trotz der Überfülle an Möglichkeiten) als Twitter, weil wir hier einfache 1:1 Kommunikationswege haben.

    Bei Twitter weiß man nie genau, mit wem man jetzt gerade spricht, da nicht alle Follower gleichzeitig “zuhören”. Twitter ist wie ein Zurufen im Nebel: Man ahnt, dass es jemand hört, weiß aber nicht genau wer bzw. wie viele.

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