Verlage ohne Zukunft

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Scott Karp hat es auf den Punkt gebracht. Sein Blogartikel zu Google Fast Flip beschreibt genau das Dilemma der Verlage:

“The publishing business has always been about packaging content. Newspapers. Magazines. Newsletters.”

“In digital media, on the web, the news package is now a function of software – which is why Google is innovating precisely where publishers are not.”

Das Verpacken (und Verkaufen) von Inhalten (Content) ist mit dem Internet eine Frage der Software geworden und genau das ist die Achillesferse der meisten Verlagshäuser. Auf diesem Gebiet haben sie zu wenig Experten.

Schlimmer noch: Der Paradigmenwandel hin zum Internet spiegelt sich oft auch nicht in ihren Management- und Hierarchiestrukturen wider. Je höher man in den Hierarchien von traditionellen (und traditionsreichen) Verlagen und Medienhäusern kommt, desto mehr nehmen Erfahrung und Expertise zum Internet ab.

Strategisch betrachtet ist das eine ganz schlechte Voraussetzung, wenn man mit Unternehmen wie Google, Facebook oder Twitter konkurrieren muss, die das Internet durch und durch kennen und deren Personal fast nur aus Informatikern besteht. Allen dreien ist übrigens gemeinsam, dass sie keine Inhalte erstellen, sondern sich nur um das “Packaging” kümmern.

Gibt es einen Ausweg aus diesem Dilemma?

Viel Möglichkeiten gibt es nicht, das muss man ganz nüchtern sehen. Auch wenn Berater sonst gern anderes verkünden und bedenkenlos jedem Unternehmen eine Portion “Change Management” verordnen…

11 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Und parallel zur Wahrnehmung der zunehmend aussichtsloseren Lage igeln sich viele Verlage immer stärker in ihren Wagenburgen traditioneller Geschäftmodelle ein. In meiner Heimatzeitung Kölner Stadt-Anzeiger – wo die Verlagslinie besonders deutlich in Auswahl und Duktus redaktioneller Texte durchschlägt – gibt es mittlerweile kaum einen Tag, in dem nicht die Mantren “Ende der Kostenloskultur im Internet”, ”Leistungsschutzrecht” und ”die gedruckte Zeitung ist unverzichtbar” beschworen werden.

  2. Die knappe Gegenüberstellung vom Kern des Geschäftsmodells Verlag und dem allgemeinen Unverständnis gegenüber dem Netz ist schon sehr drastisch.

    Als Branchenfremder wundert man sich aber wieso dieser doch recht übersichtliche Zusammenhang so spät realisiert wird. In den Verlagen können doch nicht nur “Internetausdrucker” unterwegs sein?

  3. @Rolf: Wir haben hier einen epochalen Umbruch, das darf nicht unterschätzt werden. Über Jahrzehnte (und länger) haben Verlage ihr Wissen und Können perfektioniert – hinsichtlich der “Verpackung” von Content in ihrem jeweiligen Medienumfeld.

    Für Zeitungen, Zeitschriften und Bücher war der Druck auf Papier maßgeblich, für die Musikindustrie das Pressen von Schallplatten bzw. CDs. Das Internet als relativ neue Geschäftsgrundlage ist leider völlig anders – man kann mit dem Wissen, wie eine Druckmaschine funktioniert, noch lange keine Website programmieren. Hier verläuft die Bruchlinie.

    Da aber das Internet nur relativ langsam an Bedeutung gewann und praktisch alle Medienhäuser in den 1990er Jahren mit ihrem Kerngeschäft noch gutes Geld verdient haben, wurde der Aufbau von Wissen in Bezug auf das Internet zu lange vernachlässigt.

    In der Folge haben die Medienhäuser heute relativ betrachtet zu viel Wissen und Erfahrung zu den “alten” Medien, während es ihnen an der Expertise (über alle Hierarchieebenen hinweg) im Internet fehlt.

    Dazu kommt der kulturelle Faktor. Das Internet bringt eine neue Kultur, neue Vokabeln, neue Konferenzen, neue Kommunikationsstrukturen und Spielregeln mit sich. Bei Facebook läuft der Chef in Badelatschen über den Flur, gleichzeitig verblüfft das Unternehmen immer wieder durch geniale Konzepte und Programmierleistungen.

    Bei Google kann jeder Angestellte mit den Vorständen (und Gründern) über Algorithmen debattieren – in welchem Verlag bzw. Medienhaus ist das ebenfalls möglich?

  4. Verlage ohne Zukunft – schon richtig beobachtet. Ich bin in der Journalistenausbildung nebenberuflich tätig und sehe, was da in “Cross Media Redaktionen” gemacht wird. 100% Focus auf Contenterstellung. Null Prozent wird verwendet, um sich zu überlegen, wie man diesen Content online präsentiert, wie man User bindet, Verweildauern erhöht oder Usability maximiert. Geschweige denn “neue Kultur, neue Vokabeln, neue Konferenzen, neue Kommunikationsstrukturen und Spielregeln”. Und Web Analytics, was ist das und wer braucht das? Wenn sich hier nicht schleunigst etwas ändert, sehe ich für Verlage auch schwarz.

  5. Es ist sicher kein Ausweg aus dem Dilemma, will sagen, es mag kein Weg daran vorbei führen, dass Print-Produkte gewaltig gegen die Internet-Konkurrenz verlieren werden, aber eine Chance darf man dennoch nicht übersehen:

    Der Bildschirm bietet eine völlig andere sinnliche Erfahrung als eine gedruckte Zeitung oder Zeitschrift. Die Menschen werden zumindest für die langlebigeren Informationen das Papier in der Hand nicht missen wollen, das Rascheln und Blättern, den Geruch von Druckerschwärze, die leicht glänzende Oberfläche eines hochwertigen Bilderdrucks und manches mehr. Bei Büchern ist der Effekt schon zu beobachten, dass selbst kostenlose Online-Ausgaben den Verkauf des konventionellen Produkts vielfach eher fördern als hemmen.

    Je hochwertiger Informationsgehalt, Design und Aufmachung, desto eher dürfte der bibliophile oder auch nur traditionelle Kunde anzusprechen sein. Auch in der ganz jungen Generation, die mit der schnellen Verfügbarkeit von Informationen aufgewachsen ist, werden sich früher oder später wieder Liebhaber finden.

    Nur der schnelllebigen Tageszeitung hilft das wenig, am wenigsten den Blättern, die kaum noch eigene, einzigartige Inhalte produzieren. Und natürlich ist der Verlust großer Auflagen so nicht wettzumachen.

  6. Liebe Schreiber,

    Vorweg mein Hintergrund: Ich komme aus der Printecke und bin jetzt online tätig. Beide Welten finde ich sehr spannend, und ich denke, beide können nebeneinander bestehen.

    Meine Frage: Wer sind denn eigentlich “die Verlage”? Mir ist das zu undifferenziert. Springer und Burda zum Beispiel sind gut im Internet aufgestellt. GLAM, CHIP online, Bild.de, Focus.de, etc pp

    Es ist auch super, wenn man sagt, das heute Software die Arbeit der Verlage übernimmt. Nur leider muss für die Software ab einer gewissen Reichweite auch investiert werden. In Infrastruktur, in Serverleistung, in Techniker, Administratoren, etc. Bei Newsseiten sind das doch meist Verlage, die hier das Geld ranschaffen, oder irre ich mich? Siehe Spiegel Online.

    Bin gespannt auf Eure Antwort.

    Stephan

  7. @Anna: Danke für den Blick aus der Journalistenausbildung!

    @UschaSu: Hier muss man natürlich sofort an Eichborns “Andere Bibliothek” denken, die genau das mustergültig vorexerziert hat. Ich denke auch, dass schön gemachte Bücher mit langlebigen Inhalten eine gute Zukunft haben, ebenso Magazine, die viel Wert auf Design und Haptik legen.

    Neben den Zeitungen werden aber auch eine Reihe von Buchsparten zu leiden haben: Reiseführer etwa werden sich über kurz oder lang als eine Art Navigations-Software in Mobiltelefonen wiederfinden, Fachbücher werden der erforderlichen Aktualität wegen vielleicht durch Wikis ersetzt.

  8. @Stephan: Dass beide Welten, offline und online, gut nebeneinander bestehen können, unterschreibe ich sofort. Ich akzeptiere auch die Kritik an der etwas undifferenzierten Verwendung des Wortes “Verlage”.

    Klar ist aber auch, dass viele Zeitungen (bzw. deren Verlage) noch keine rechte Antwort auf die Herausforderung Internet gefunden haben. Spiegel-Online und neuerdings auch Zeit-Online sind sehr gute Vorbilder. Den größten Nachholbedarf haben hier wohl die regional orientierten Tageszeitungen, die sich noch zu sehr auf ihre Gebietsmonopole verlassen.

    Einen schwachen Eindruck im Internet hinterlassen auch viele Buchverlage! Diese dürfen selbstverständlich mit ihren gedruckten Büchern Geld verdienen, könnten parallel dazu aber im Internet mehr Erfahrungen sammeln und mutiger in Bezug auf Portale, Medienkonvergenz und das Social Web agieren. Warum diese Zögerlichkeit?

    Was die technische Infrastruktur betrifft, ist völlig klar, dass Software auch Geld kostet. Sie kann sogar sehr viel Geld kosten. Mein Fokus (und wohl auch der von Scott Karp) lag eher auf der Ebene des (fehlenden) Know-How.

  9. Pingback: bwl zwei null · Der buchreport bloggt

  10. Ich denke es handelt sich wie in anderen Branchen Primär um eine Unternehmenskultur- und Führungsherausforderung http://www.wissensgarten.com/wordpress/?p=1641

    Aus meiner Sicht sollten sich Zeitungsverlage, ähnlich wie Friendfeed, im regionalen oder themenspezifischen Raum, positionieren. Die reine Redaktionsfunktion hat mittelfristig geringes Überlebenspotential.

    Fachverlage sollten über Abo-Modelle nachdenken wo das Buch, Online Nachschlagewerk, Kontextuelle Desktop Hilfe Widget (Erkennt an was der Mensch gerade arbeitet und zeigt relevante Kapitel, Hintergrundinfos und Expertisen direkt an – ohne danach zu suchen), Expertisen alles in einem Paket ist. Da ergeben sich genug Cross-Selling und Business Möglichkeiten.

    Buchverlage können sich mal Gedanken über das „Lebende Buch“ machen. In meiner Vision sind Bücher lebendig – sie dienen als Vermittler zwischen Gleichgesinnten, schaffen soziale Netzwerke, ermöglichen eine zielgerichtete Kommunikation und Dialog. Ich hatte mich dazu mal mit einigen Bibliothekaren zusammengesetzt und meine Ideen aufgeschrieben http://www.wissensgarten.com/wordpress/?p=1777

    Viele Grüße

    Dieter