Geht das Zeitalter des gedruckten Buches, das immerhin auf eine enorme Tradition zurückblicken kann, allmählich zu Ende? Jeff Bezos, der Gründer von Amazon, sieht uns schon auf dem besten Weg in die papierlose Gesellschaft (”paperless society”), wie die New York Times leicht pikiert feststellen muss.
Er könnte aber recht haben, denn nicht nur sein Unternehmen arbeitet intensiv an Techniken, Medien und Geschäftsmodellen, die uns vom “Ballast” des bedruckten Papieres befreien sollen. Allerdings zeigt der konkrete Blick auf den Alltag der Menschen, dass wir damit doch noch nicht so weit gekommen sind.
Thomas Hawk hat in der U-Bahn von San Francisco (BART) Pendler (nicht repräsentativ) beobachtet und wurde überrascht: Zeitungen und ganz normale Bücher haben immer noch einen hohen Stellenwert, selbst im Herzen des Silicon Valley. Immerhin 31 % der Pendler lasen auf Papier, gegenüber nur 15 %, die elektronische Medien nutzten.
Bemerkenswert ist da schon eher, dass der Medienwandel Übergangsformen herausbildet, bei dem Altes in neuer Form erscheint oder das Neue in die alten Gewänder schlüpft (wenn etwa die Wikipedia ausgedruckt als Buch verkauft wird).
Amazon Kindle DX
Von Amazon gibt es jetzt einen Kindle mit größerem Bildschirm, genannt Kindle DX (= Deluxe). Er ist vor allem für das Lesen von universitären Lehrbüchern (”Textbooks”) gedacht, kann aber auch für die schon bekannten Abos von Zeitungen genutzt werden.
Was beim Betrachten des Videos sofort auffällt, ist, dass der Kindle praktisch nur das Papier ersetzt, ansonsten aber sehr nahe am Medium Buch bleibt. Als Übergangslösung ist das sicher nicht schlecht. Auf längere Sicht aber werden “Lehrbücher” sicher anders aussehen und die multimedialen Möglichkeiten des Internets stärker nutzen.
So dürfte das Fachbuch der Zukunft Grafiken enthalten, die dreidimensional und / oder interaktiv ausgelegt sind. Statt Fußnoten werden Links integriert und neben langen Texten werden Videos oder Podcasts für Auflockerung sorgen bzw. die Didaktik verbessern.
So gesehen ist dieser Kindle nur ein interessanter Zwischenschritt bzw. eine Übergangslösung. Immerhin scheint er von seinen Fans intensiv genutzt zu werden: Bis zu 35 % von Buchverkäufen sollen schon auf die digitale Version entfallen, so diese für einen Titel verfügbar ist, gab Jeff Bezos bekannt.
BookGlutton
Ebenfalls in die Rubrik Übergangsformen stufe ich BookGlutton ein (via Leander Wattig). Hier handelt es sich um ein Widget, das sich leicht in Blogs einbinden lässt (vergleichbar dem Videoplayer von YouTube). Die Inhalte sind hier aber Bücher.
eingebunden mit Embedded Video
Das Konzept ist schön gedacht und umgesetzt. Nur stellt sich die Frage, wer auf einem Blog oder einer Website anfangen soll, ein ganzes Buch zu lesen. Ein (kurzes) Video schaut man sich sicher gerne an, das Lesen eines Buches aber kann Stunden bzw. Tage beanspruchen. Eine Website bzw. ein Blog ist daher sicher nicht der passende Ort für die Lektüre längerer Texte.
Fazit
Noch bilden gedruckte Bücher einen Markt, der in seiner Größe weder vom Amazon Kindle noch von einem Widget wie BookGlutton ernsthaft in Frage gestellt wird. Es ist aber auch unübersehbar, dass wir jetzt in ein Zeitalter des Übergangs eintreten, in dem die Strahlkraft des Alten nachlässt, das Neue ganz allmählich im Alltag sichtbar wird und Formen bzw. Rituale des Übergangs sich herausbilden.











5 Kommentare
8. 5. 2009 um 11:01:32
Pingback von »Lesenswertig« am 08. May 2009 | Denkwertig, der persönliche Blog von René Fischer
7. 10. 2009 um 14:02:17
Pingback von bwl zwei null · Der Amazon Kindle kommt! Und mit ihm neue Fragen.
8. 5. 2009 um 14:17:42
Daniel
Ich spreche in meinem Beitrag einen weiteren interesannten Aspekt (nicht nur für BWL’er, aber auch an. Was beudeutet das Kindle für Zeitungsverlage? Eine kleine Analyse unter http://bit.ly/QPN4j
9. 5. 2009 um 14:53:34
Markus Wind (mwind)
Schließe mich Mattias’ Fazit an und sehe auch den weichen Beginn eines Übergangs. Bei den möglichen Formen der Zukunft bin ich mir nicht so sicher, doch könnte ich mir vier große Bereiche vorstellen:
Hochwertige Literaturformen
Welche Unterkategorien auch immer hier zu subsumieren sind. Ich denke, es wird immer hochwertige Bücher geben, die ggf. sogar bibliophilen Ansprüchen genügen werden. Man denke nur an den Reiz alter Bücher und Handschriften, die kunstvoll illuminiert wurden. Sie dienten nur zum einen dem Wissenstranfer, zum anderen aber stellten sie auch eine Kunstform dar, die ansatzweise auch heute noch existiert. Man denke nur an „Die andere Bibliothek“ von Enzensberger und Greno. So eine Buchform wird meiner Meinung nach auch auf sehr lange Sicht weiter einen Bedarf darstellen, der bei entsprechend profitablen Aussichten auch gedeckt werden wird. Auch wenn die Zielgruppe sicherlich nicht die breite Masse ist.
Eine andere Form kann ich mir hier kaum vorstellen. Einen bibliophilen Kindle kann ich mir bei aller Fantasie nicht ausmalen.
Tagesaktuelle Formen von Nachrichten oder Mitteilungen
Hier sehe ich mich in meinen Verhaltensmustern einfach mal selbst an. Schnelle Nachrichten, die ich nicht weiter gedanklich speichere oder mit denen ich mich nicht weiter beschäftigen werde, sehe ich mir interessensbezogen via Internet an. Als Ausgabemedium ist mir da ein PC, ein Notebook, ein iPhone oder auch eine Tageszeitung gerade recht. Hier kann ich mir auch einen Kindle oder ein Derivat gleich welcher Form oder Ausmaß vorstellen.
Konkret sehe ich z. B. Politik-, Wirtschafts-, Finanz-, Sport- oder Weltnachrichten sowie Blogbeiträge oder ähnliche Formen, die ich in dieser Katagorie einordnen würde.
Meinungsbeiträge, Kulturnachrichten, Reisenotizen
Pausen oder entspannte Abende nutze ich manchmal, um z. B. auf der Parkbank das FAZ-Feuilleton, den Kulturteil des Freitag oder die Wissenschaftsartikel der NZZ (ja, ich bin nicht auf eine Zeitung fixiert, ich lese regelmäßig verschiedene überregionale Zeitungen und nehme mir sogar gemischte Auszüge zur Parkbank mit) zu lesen. Hier handelt es sich um einen Bereich der Lebensqualität. Lasse mich hier inspirieren, nehme neue Ideen und Tendenzen auf, um mich auch weiter damit gedanklich zu beschäftigen. Es geht hier um Entspannung, um Genuss und um Erweiterung des eigenen Horizonts.
Das schöne am gedruckten Zeitungsformat ist dabei, dass ich verschiedene Blätter mischen, sie auf jacketttaugliches Format falten und lesegerecht verkleinern oder vergrößern kann. Und wenn es mich nicht weiter interessiert, so kann ich es auch problemlos im nächsten Abfalleimer bzw. Papierkorb entsorgen, es geht ja kein erheblicher Wert verloren. Einen Kindle bzw. ein Kindlederivat kann ich mir heute noch nicht auf ein Westentaschenformat verkleinerbar oder gar schnell entsorgbar vorstellen.
Fachliteratur
Stellen meistens echte Nachschlagewerke dar. Lese hier manchmal nur punktuell oder Auszüge aus verschiedenen Bereichen des Buchs. Häufig fällt trotz eines guten Werks die Suche in der gedruckten schwer, weil z. B. das Stichwortregister nicht zielführend aufbereitet ist oder das Inhaltsverzeichnis nicht schnell genug zum gesuchten führt. Hier kann ich mir einen Kindle mit Suchfunktion sehr gut vorstellen. Stichwortsuche oder Kapitelsuche sollte hier sehr nutzlich sein. Auch die Möglichkeit, stets die aktuelle Auflage zu durchsuchen oder eben eine alte Auflage, z. B. wegen der Suche nach einem stichtagsbezogenen Rechtsstand, heran zu ziehen erscheint mir sehr sinnhaft.
Mein ergänzendes Fazit:
Für Fachliteratur und schnelllebige Literatur-(besser Nachrichten-)formen kann ich mir eine schnelle Umsetzung der digitalen Varianten sehr gut vorstellen. Hier eröffnet sich ein nutzbares Potential, für das ich bereit wäre einen angemessen Betrag zu investieren.
Für hochwertige Literatur und lebensqualitativ geprägten Formen von Beiträgen vermag ich mir nur schwer vorzustellen, dass es angenehme, sich gut anfühlende digitale Formen geben wird. Ich werde wahrscheinlich immer zum gedruckten Buch zurück greifen. Ja, es fühlt sich manchmal einfach gut an, ein schönes Buch in die Hand zu nehmen. Und das gefaltete Feuilleton der SZ in meinem Jackett mag ich irgendwie auch nicht missen wollen.
Um das Fazit noch mal zu reduzieren: Fakten digital, Gefühl analog.
10. 5. 2009 um 16:50:10
Matthias
@Markus Wind: Das Fazit in vier Worten ist wirklich sehr gelungen: “Fakten digital, Gefühl analog”. Im Bereich der Fakten kann das gedruckte Buch, aber auch die Zeitung, einfach nicht mit dem Web mithalten. Das Web ist schneller und lässt sich aktualisieren. Einmal Gedrucktes dagegen veraltet und wird unbrauchbar.
Auf der Gefühlsebene dagegen haben es die gedruckten Medien leichter als das Internet: Sie bieten Haptik und können mit Design eine Erlebnis- ebene schaffen, dem das Internet noch nicht so viel entgegen zu setzen hat, allenfalls beim Bewegtbild und/oder vertonten Elementen.