Twitterperspektiven

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Charlene Li hat es gut auf den Punkt gebracht: “Social Networks will be like air”. Und Luft zum Atmen braucht schließlich jeder. Das erklärt uns, warum Twitter einfach unentbehrlich ist. Die Kritiker haben sich derweil offenbar zur New York Times zurückgezogen und warnen von dort aus, dass es mit Twitter ähnlich gehen könnte wie dem Surfer oben im Bild.

Zur rechten Einschätzung von Twitter helfen aber weder die unkritische Euphorie, noch die Schwarzmalerei. Ich denke deshalb, dass man mit einer Typologie der User klarer sehen kann. Denn es ist ganz offensichtlich, dass sich auf Twitter unterschiedliche Muster des Gebrauchs herausgebildet haben, die für dessen weitere Entwicklung eine Prognose zulassen:

  1. Privat twittern im kleinen Kreis: Einige Mitglieder nutzen den Dienst, um mit einem relativ eng gefassten Personenkreis in Kontakt zu bleiben (meist deutlich unter 100 Personen). Die Öffentlichkeit des Mediums nehmen sie dabei in Kauf. Hier besteht die Gefahr, dass Twitter diese privaten Kreise langfristig an andere Social Networks verliert, sofern diese eine ähnliche Funktionalität bieten und dabei die Privatsphäre besser wahren können. Facebook könnte mit seinem neuen Newsfeed ein Kandidat sein, andere mögen folgen.
  2. Ambient Intimacy Twittering: Diese Mitglieder nutzen Twitter ganz im Sinne der ersten Stunde, als man weitläufige Kontakte über Twitter pflegte und der Umgangston relativ privat war. Hierfür prägte Leisa Reichelt den Begriff der Ambient Intimacy. Twitterer dieser Kategorie haben keine Berührungsängste vor großen Zahlen und folgen auch schon mal über 1000 Personen. Allerdings ist hier zu beobachten, dass stellenweise ein Umdenken einsetzt und man wieder deutlich weniger Personen folgt (Qualität vor Quantität). Dennoch twittert diese Gruppe ausgeprochen intensiv und bildet damit eine wesentliche Stütze für Twitter. Allerdings ist ihr Kommunikationsverhalten nicht jedermanns Sache. Wer glaubt, dass das rasch zum Mainstream-Phänomen wird, dürfte sich gründlich täuschen.
  3. News Agency Twittering: Unter diesen Begriff fasse ich eine derzeit rasch wachsene Personengruppe auf Twitter zusammen, die von der Begeisterung darüber getragen wird, dass Twitter hervorragend als ein sehr schneller und effizienter Kanal für verlinkte Nachrichten genutzt werden kann. Twitter ist hier eine (kostenlose) Nachrichtenagentur, die erstaunlich gute Ergebnisse liefert. So faszinierend dieser Aspekt von Twitter auch ist und so stark sich manche Personen hier engagieren, als Massenphänomen taugt es (ebenfalls) nicht. Die meisten Menschen haben weder die Zeit noch das Interesse, permanent online zu sein um neue Meldungen zu sichten und auf ihre persönliche Relevanz zu überprüfen.
  4. Marketinggetwitter (aka Twitterspam): Ein weiteres, sehr junges Phänomen auf Twitter ist dessen Gebrauch als Marketingkanal. Hier dürfte tatsächlich ein großes Potenzial liegen. Allerdings muss Twitter aufpassen, das es mit seinem eigenen Geschäftsmodell hier noch irgendwo Platz findet, anstatt auf Dauer nur als kostenloser Infrastrukturanbieter zu fungieren. Der Marketingeuphorie muss zudem entgegengesetzt werden, dass jeder Anbieter genau prüfen sollte, ob seine Zielgruppe Twitter überhaupt nutzt. Aktuell düften in Deutschland gerade die Medien mit ihren neuen Twitteraccounts tendenziell einer Fatamorgana hinterher laufen. Denn noch fehlen die nötigen Mengen an Usern, um all die Eilmeldungen von Spiegel, das Gewitter der Wirtschaftswoche oder die Einzelaccounts von Redakteuren und Journalisten auf Dauer zu rechtfertigen.
  5. Statustuningwerkstatt: Diesen Begriff habe ich kurzerhand bei Michael Seemann (mspro) entlehnt, der damit eine derzeit auf Twitter durchaus häufiger anzutreffende Personengruppe beschreibt, die das Medium im Prinzip nur zur Selbstvermarktung nutzt und der ihr Mitläufertum gar nicht weiter auffällt. Man twittert, weil es gerade in Mode ist. Anders als mspro denke ich aber, dass Twitter daran keineswegs zugrunde gehen, sondern unbeeindruckt weiter existieren wird. Spätestens mit dem Abflauen des Medienhypes um Twitter wird von den “Statustunern” nur noch wenig zu sehen sein.
  6. Twittern ohne Fortune: Schließlich gibt es auf Twitter auch einige Mitglieder, die nicht in den Flow des Mediums finden und entweder nur sehr sporadisch mitwirken oder das Twittern nach einer Weile wieder aufgeben. Das ist nicht weiter schlimm, zeigt aber, dass Twitter nicht alle Menschen gleichermaßen anspricht.
  7. Collaboration Twittering: Der Vollständigkeit halber sei hier auch das Microblogging innerhalb von Firmen bzw. Projektgruppen genannt, auch wenn es meist nicht auf Twitter stattfindet (weil zu öffentlich). Für die Einschätzung von Twitter ist das Collaboration Twittering aber nicht unerheblich, denn wenn es sich innerhalb von Unternehmen als Tool durchsetzt, kann man daraus auch schließen, dass Twitter selbst kein vorübergehendes Phänomen sein wird. In ersten Ansätzen ist dies erkennbar, wenn auch noch nicht als wirklich zuverlässiger Trend.

Im Ergebnis zeigt diese Betrachtung, dass Twitter auf längere Sicht nicht das Medium der Massen sein wird, sondern eher das Instrument einer hoch vernetzten Informationselite bleiben dürfte. Gut möglich, dass viele User auf Dauer sogar bereit sein werden, für die Nutzung von Twitter zu bezahlen.

Denn Twitter ist unter den Social Networks absolut einzigartig mit seinem Konzept des Following. Anstatt wie auf den herkömmlichen Netzwerken reziproke “Freundschaften” zu schließen, folgt auf Twitter jeder wem er will. Reziprozität ist natürlich auch möglich, aber keine zwingende Erfordernis. Das schafft ein ungleich dynamischeres Beziehungsgefüge als auf allen anderen Netzwerken.

Twitter ist eine herausragende Innovation und seiner Zeit weit voraus. Man sollte es sich auf die nächsten Jahre aber nicht zu groß denken, zumal die Wettbewerber wie Pilze aus dem Boden schießen werden, sobald ein tragfähiges (und auch imitierbares) Geschäftsmodell sichtbar wird…

14 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. twitternde Sensoren oder Gegenstände fehlen noch in der Liste. Vielleicht nicht so ganz im Sinn des “sozialen Netzwerks”. So ein twitternder Fotokopierer der über die aktuelle Auslastung schwatzt oder nörgelnde Geschirrspülmaschinen die immer noch nicht ausgeräumt worden sind vielleicht der Anschluß-Hype.

  2. @Lapidarium42 nun ja, das Internet of Things wird durchaus diskutiert, bspw. von Neil Gershenfeld in “When things start to think”. Und irgendwie müssen sich diese ganzen Systeme ja mitteilen …

    Aber ich denke ja eher, dass du das nicht im Sinne hattest – ja? Nörgelnde Geschirrspülmaschinen würden wir alle doch recht schnell “blocken” ;)

    Gruß, @frogpond

  3. @frogpond

    die Geschirrspülmaschine bekommt selbstverständlich eine automatische Weiterleitung. Bin sicher dass die Empfängerin dies hier nicht liest :-)

  4. “Denn Twitter ist unter den Social Networks absolut einzigartig mit seinem Konzept des Following.” – würde ich gern relativieren. Tumblr und SoundCloud haben das Follower-Prinzip auch umgesetzt erstere wachsen seit Kurzem ebenso massiv.

  5. Ich würde gerne noch ”Fluctuating Network Twittering” hinzufügen. Das muss anders als ”Collaboration Twittering” zwangsläufig in der Öffentlichkeit stattfinden, weil sich hierbei über Unternehmens- und Projektgruppengrenzen hinweg immer wieder neue lose Netzwerke bilden. Man holt sich mal zum Thema x einen Rat von seinen Followern, die gerade präsent sind und antworten, diskutiert wenig später mit einem Teil seines Netzwerks. Am nächsten Tag gibt man einem ganz anderen Zirkel, der sich nur marginal mit dem eigenen überschneidet, selbst zum Thema Y einen Tipp, und anschließend gerät man durch Retweeting plötzlich in Kontakt mit einem neuen Netzwerk. Die Tonlage kann ausgesprochen salopp oder auch förmlich sein – je nach Bedarf. Am ehesten verwandt mit ”Ambient Intimacy Twittering”, funktioniert aber auch mit weitaus weniger – und sogar eher besser – als mit 1000 plus Followers/Friends.

  6. Beim Schreiben des Artikels hatte ich noch an die “sprechenden” Maschinen gedacht! Allerdings ist das noch Zukunftsmusik, obschon ich davon überzeugt bin, dass wir deren Meldungen eines Tages in unserer Timeline auf Twitter oder Facebook oder wo auch immer sehen werden…

    @David: Das Prinzip des Followens (etwa über einen RSS-Feed) lässt sich so betrachtet schon sehr früh nachweisen. Ich kann mich ja etwa auf Flickr benachrichtigen lassen, wenn jemand anderes neue Fotos hochgeladen hat. Ähnlich ist es bei Musikdiensten wie Last.fm oder vielleicht SoundCloud (das ich nur dem Namen nach kenne).

    Bei Tumblr gibt es tatsächlich das Following nach dem Twitterprinzip, wofür man natürlich selbst auf Tumblr einen Account benötigt (ansonsten kann man einem Tumblelog auch konventionell via RSS folgen). Meine Aussage im Artikel muss ich deshalb aber nicht ändern – Twitter startete 2006, Tumblr erst 2007… ;-)

  7. Endlich ein Beitrag der den kleinen und mittelständischen Unternehmern klar aufzeigt, wie wichtig das “gemeinsame Twitschern” für Ihr Unternehmen sein kann. Gerade im mittelständischen Management wird der Abstand zwischen den “PC-Verweigerern” un den “Internetfanatikern” immer größer. Aufklärung ist also gefragt, und deshalb will ich diesen Artikel gerne meinen Firmen in Fürth, Nürnberg und der Region wärmstens empfehlen.

  8. @Ulrike Langner: Das von Ihnen so genannte “Fluctuating Network Twittering” ist ein wichtiger Aspekt von Twitter, der in meiner Liste tatsächlich etwas kurz kommt! Ich kann das aber vielleicht noch in das Ambient Intimacy Twittering hineindefinieren…

    @Michael Leibrecht: Danke für dieses Statement! Ich sehe das auch so. In vielen Unternehmen wird noch viel zu sehr danach gefragt, was so etwas genau bringt (ROI). Vergessen wird dabei meist, dass man technisch irgendwann den Anschluss verliert, weil man die neuen Medien nicht mehr versteht – und dann natürlich erst recht keinen ROI mit ihnen erzeugen kann.

  9. Ich bin ein wenig über den Begriff “Informationselite” gestolpert und halte ihn in Bezug auf Twitter für unangebracht. Eine “Informationselite” verfügt in der Regel über Spezialwissen oder relevante Informationen. Bei Twitter ist es aber schwierig, relevante Informationen aus der Gesamtheit zu filtern. Das gilt auch für Spezialwissen.

  10. @Nivea-Creme: Guter Einwand! Allerdings ist es auch über Twitter möglich, (zumindest partiell) an Spezialwissen und relevante Informationen zu kommen. Man muss nur wissen, wem es dafür zu folgen gilt und idealerweise mit den betreffenden Personen ansatzweise bekannt sein.

    Natürlich gibt es dafür Grenzen: Ganze Branchen sind auf Twitter noch überhaupt nicht vertreten, bestimmte Personen twittern konsequent nur über das was sie gerade vor sich auf dem Teller haben und an anderen Stellen fehlt die zuverlässige Regelmässigkeit.

  11. Ich nutze Twitter außerdem immer häufiger als Suchmaschine. Die Ergebnisse sind schon jetzt meist weit interessanter als z.B. bei Google. Allerdings ist es so, wie Du schreibst, Matthias: ganze Branchen fehlen noch und da hilft mir Twitter dann nicht weiter.

  12. Pingback: Digitale Ahnungslosigkeit: Alte und neue Medien kennen sich gegenseitig nicht — CARTA

  13. Pingback: Ich twitter nicht | Design Tagebuch