März 2009

Sie durchstöbern gerade das Archiv vom März 2009.

flckr-tesla-model-s-sedan-jurvetson1

Tesla hat seine Ankündigungen wahr gemacht und jetzt als zweites Modell eine Schrägheck-Limousine mit vier Türen vorgestellt. Das Fahrzeug soll in seinen Proportionen einem 5er BMW entsprechen und wird 57.400 $ kosten. Der Verkaufsbeginn wurde für 2011 versprochen. Auf der technischen Seite soll das Elektroauto einen Akku erhalten, der sich sehr schnell wieder aufladen lässt (45 Minuten) und für eine relativ große Reichweite steht (bis zu 480 Kilometer).

Es ist schon erstaunlich wie sich dieses kleine Startup gegen die etablierten Riesen der Branche stemmt und ihnen immer wieder eine Nasenlänge voraus ist. So hat man bei Tesla ganz offensichtlich von Anfang an die Stärken und Schwächen des Elektroantriebs besser verstanden als bei der Konkurrenz und erst gar nicht versucht, mit einem Kleinwagen auf den Markt zu kommen.

So ist das erste Modell, der Tesla Roadster ein ausgemachter Sportwagen, der ein wunderbares Spielzeug für reiche Leute abgibt. Wer das kritisieren will, übersieht, dass Tesla mit diesem Produkt eine kleine Flotte von Fahrzeugen auf die Straße bringt, mit denen sich Konzepte im Alltag erproben lassen. Damit ist man weiter als die meisten anderen Hersteller, die noch kaum reine Elektrofahrzeuge an Kunden ausgeliefert haben.

Die Erfahrungen aus dem Roadster-Projekt fliessen jetzt in das zweite Produkt ein, mit dem sich Tesla immer noch relativ hoch im Markt positioniert, aber schon ein ganzes Stück näher an den Massenmarkt rückt. Auch mit diesem Fahrzeug lassen sich die immer noch sehr hohen Kosten für die Akku-Technologie elegant kaschieren.

Strategisch betrachtet hat Tesla zudem einen Wettbewerbsvorteil, den man nicht unterschätzen sollte: Während die etablierten Automobilhersteller ganze Armeen von Ingenieuren beschäftigen, die sich nur mit Verbrennungsmotoren auskennen und jetzt im Paradigmenwechsel der Antriebstechnologie um ihre Karrieren fürchten, setzt Tesla völlig unbelastet auf den Elektroantrieb.

Die großen Autobauer werden noch lange damit zu kämpfen haben, dass viele ihrer besten Mitarbeiter nicht einfach auf die neuen Zukunftstechnologien umstellen können und deshalb teils zäh ihren Status verteidigen, teils in die innere Kündigung abtauchen könnten.

Sichtbar wird dieser “Kampf der Kulturen” so auch bei Porsche, wo der erste 911er mit Elektroantrieb gar nicht in Zuffenhausen entstand, sondern bei Ruf, einem Porsche-Tuner aus dem Allgäu.

Insgesamt sehen wir hier ein Innovationsdilemma großer Unternehmen: Sie haben über Jahrzehnte bestimmte Strukturen aufgebaut, die offenbar nicht mit jeder Form von Innovation kompatibel sind. Sollten Elektroautos auf längere Sicht Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren ablösen, hätte dies weitreichende Folgen für die Berufsbilder in dieser Branche, einschließlich ihrer Zulieferer.

So einfach also die gängige Forderung nach “mehr Innovationen” klingt, so schwierig ist das in der Praxis, vor allem wenn disruptive Innovationen erhebliche strukturelle Veränderungen mit sich bringen.

Bei Tesla ist man davon noch gänzlich unbelastet und denkt schon über eine deutsche Niederlassung in München nach. Nicht weit davon entfernt, beim Porsche-Tuner Ruf im Allgäu, plant man eine Kleinserie des Elektro 911ers.

smart-car2go-2009-austin1

Daimler hat ein zweites Blog gestartet: car2go. Es begleitet das gleichnamige Konzept, mit dem in Ulm und ab Herbst auch in Austin (Texas) eine neue Form der Mobilität eingeführt wird. Dabei kann man einen Smart mieten, sei es nur für eine Fahrt oder für ein paar Stunden bzw. einen ganzen Tag. Zudem soll die dafür zur Verfügung stehende Fahrzeugflotte nicht an einem zentralen Ort, sondern über die ganze Stadt verteilt, verfügbar sein.

Das Blog will dieses Projekt begleiten und einen Dialog dazu ermöglichen. Dabei lädt Andreas Leo sogar dazu ein, dass man als externer Autor einen Beitrag im Blog schreiben kann, etwa einen Erfahrungsbericht. Das ist ein sehr mutiger Schritt in Richtung Transparenz. Abzwarten bleibt, wie das Blog angenommen werden wird.

Gut für das neue Blog wäre es zweifellos, wenn Daimler sein Projekt nicht als “fertige Lösung” präsentieren würde, sondern eher als etwas, das mit den potenziellen Kunden und der interessierten Öffentlichkeit ein Stück weit gemeinsam (weiter) entwickelt wird (Open Innovation). Das könnte die Identifikation erleichtern, lebhaftere Dialoge ermöglichen und dem Automobilhersteller vielleicht wichtige Impulse für den Erfolg des Konzeptes liefern.

Insgesamt geht der Konzern damit einen weiteren Schritt in die richtige Richtung. Ganz sicher hätte man das nicht getan, hätte man nicht mit dem seit Oktober 2007 laufenden Daimler-Blog gute Erfahrungen gemacht. Somit bleibt hier zum Schluß nur die Frage, warum nicht längst viel mehr Unternehmen das Medium Blog für sich nutzen…

im-blogging-this

Zoomer (aus dem Hause Holtzbrinck) ist ja schon Geschichte. Der Freitag (jetzt verlegt von Jakob Augstein) dagegen hat gerade erst so richtig neu begonnen, inzwischen aber schon Ärger mit seinen Bloggern. Was auf den ersten Blick nur nach technischen Unzulänglichkeiten einer Anlaufphase aussieht, könnte ein tief reichendes Kulturproblem sein und das gesamte Projekt in Gefahr bringen.

Öffentlich Luft machte zunächst Christian Sickendieck (Fixmbr) seinem Ärger. Deutlich moderater folgte ihm Cem Basman (Sprechblase), bevor die Debatte mit einem Beitrag von ChristianBerlin direkt auf die Seiten des Freitag fand und zuletzt mit einer “Kritik an der Kritik” von Jakob Augstein fortgeführt wurde.

“Sie müssen bedenken, dass ich – und wir alle hier – aus der Kultur des Printjournalismus kommen.”

Mit dieser Aussage belegt Jakob Augstein das ganze Dilemma des Freitag: So gut und einmalig die Idee war (und natürlich immer noch ist), die wöchentlich erscheinende Print-Ausgabe im Netz durch ein offenes System von Blogs zu ergänzen, so schlecht geriet die Umsetzung, weil das nötige Know How fehlte.

Der Freitag startete nämlich durchaus als attraktives Medium und zog mit Christian Sickendieck oder Cem Basman nicht gerade die Unerfahrensten oder Unbekanntesten unter Deutschlands Bloggern an. Ganz im Gegenteil. Und eigentlich hätte dem Freitag gar nichts Besseres passieren können, als ein paar namhafte Personen aus der Blogosphäre schon in einer sehr frühen Phase anziehen zu können. Aber dieses Potenzial hat man in Berlin offenbar überhaupt nicht erkannt und die Leute beinahe schon verprellt.

Reichlich spät reift denn auch bei Jakob Augstein die Erkenntnis, dass das Internet viel schneller ist als eine Zeitung (”Zeitungen brauchen Zeit”) und dass es hier weniger Geduld und weniger Bindungen gibt. Im Netz gibt es dafür etwas anderes, worauf erfahrene Blogger großen Wert legen: Ihre Online-Reputation. So schnell sie bei neuen Projekten und Ideen dabei sind, so schnell verlassen sie auch wieder das (vermeintlich) sinkende Schiff, etwa wenn dessen Ruf anfängt Schaden zu nehmen und droht, auf ihre eigene Online-Reputation abzufärben.

Für einen Herausgeber mit dem berühmten Namen Augstein mögen das harte Worte sein. Man muss aber sehen, dass sich selbst in der so kleinen und relativ unbedeutenden deutschen Blogosphäre über die Jahre so etwas wie eine Art Wertesystem herausgebildet hat, das man nicht einfach völlig ignorieren kann. So gesehen ist der Aufschrei von Christian Sickendieck noch nicht das Ende und der Freitag ist noch kein sinkendes Schiff. Ein Umsteuern ist noch möglich. Gut wäre es, man würde spätestens jetzt ein oder zwei Lotsen an Boot holen, die nachweislich Erfahrung im Web 2.0 haben und das Bloggen nicht nur aus Büchern kennen.

“Das Besondere fehlt immer noch. Wo sind die Artikel zur SPD, deren Hybris und die Linkspartei? Der Alltag ist überflüssig, ebenso wie A-Z. Hier muss Neues her, Innovatives, Überraschendes.”

Damit trifft Christian Sickendieck die zweite wunde Stelle des Freitag: Den Anspruch, irgendwie anders zu sein als die anderen Medien und einen neuen Ton einzuführen, kann das neue Hybridmedium nach den ersten Wochen noch nicht wirklich einlösen.

Die Ursache dafür ist schnell ausgemacht, sie kann in obigem Zitat von Jakob Augstein verortet werden. Der Freitag denkt noch viel zu sehr aus der alten Print-Perspektive heraus und hat deshalb bestimmte Themen und Strömungen gar nicht auf seinem Radar, weil diese nur noch online stattfinden.

Auch wenn die Printexperten (aller Medien) das nicht wahrhaben wollen: Die Avantgarde ist heute mit ihren Ideen und Themen fast vollständig im Netz und über die alten Medien kaum mehr abzugreifen. Mag auch der Suhrkamp Verlag von Frankfurt nach Berlin umziehen, dem Freitag bringt das nichts, weil dieser Buchverlag ohnehin kaum viel mehr ist als ein honoriges Museum.

Der Freitag müsste sehr viel konsequenter aus dem Netz heraus gedacht und entwickelt werden. Würde man das tun, fiele auch sofort auf, dass man bei den Autoren ein Zwei-Klassen-System fährt, bei dem die Blogger nur für die Texte bezahlt werden, die besonders gut sind und in die Printausgabe übernommen werden. Für die Autoren im Printbereich gibt es diese qualitative Unterscheidung nicht. Warum eigentlich?

Davon abgesehen ist es im Prinzip völliger Unsinn, gute Texte aus den Blogs nachträglich noch einmal in gedruckter Form zu veröffentlichen. Das ist zwar nett gedacht, aber die Debatte läuft ja ohnehin im Netz und kann von einem Abdruck im Printmedium weder eingeholt werden noch zusätzliche Impulse gewinnen.

Der Printbereich des Freitag sollte statt dessen eher auf lange Texte setzen, weil viele Menschen immer noch lange Texte lieber auf Papier als am Bildschirm lesen. Dazu könnte man zu wichtigen Debatten (mit vielen Kommentaren) eine Art Zusammenfassung bringen. Damit würde der Onlinebereich vorneweg ziehen, während der gedruckte Freitag alles Wichtige nachführen, einordnen und zusammenfassen könnte. Eine solche Arbeitsteilung würde aber ganz klar das Primat der Onlineausgabe zubilligen, was man derzeit in Berlin wohl noch nicht will.

“Der Schub des Beginns ist weg, und nun dümpelt man einfach mal so weiter in der Hoffnung, dass es besser wird.”

Rainer Meyer (Don Alphonso) gibt sich also skeptisch und verweist bei dieser Gelegenheit zwischen den Zeilen auch darauf, dass er mit seiner Einschätzung zu Zoomer richtig lag. Ich hingegen traue Jakob Augstein einen Kurswechel zu, weil er keine Alternative hat. Denn sein Grundkonzept, den Umsatz im Wesentlichen mit der gedruckten Ausgabe zu machen und parallel dazu ein Standbein im Internet aufzubauen, das zwar weiter reicht als die Ansätze anderer Medien, aber immer noch dem Primat des Print untergeordnet bleibt, ist aufgrund des sich jetzt beschleunigenden Medienwandels Makulatur.

Da Jakob Augstein sicher nicht als der Totengräber des Freitag in die Geschichte eingehen will, wird er jetzt handeln. Etwas Zeit hat er noch…

flickr-dead-traffic-lights-mackz-2

Die Weltwirtschaft schrumpft, um nicht zu sagen, sie stürzt ab. Aber warum eigentlich? Am Anfang stand das Platzen der amerikanischen Immobilienblase und die daraus folgende Bankenkrise. Längst aber hat die Krise auch die Industrie und den Dienstleistungssektor erfasst. Dort brechen jetzt die Aufträge in einem nie gekannten Umfang weg.

Das Problem ist: Alle wissen, dass die USA in den letzten Jahren deutlich über ihre Verhältnisse gelebt haben und mit dem Platzen der Immobilienblase die nötige Korrektur eingeleitet wurde. Allerdings ist nicht klar, wo die Korrektur ihren Boden finden wird.

Man kann grundsätzlich davon ausgehen, dass es jetzt in vielen Branchen Überkapazitäten gibt. Wie hoch diese sind, kann man aber noch nicht sagen. Die Manager agieren deshalb mit Vorsicht und haben ihre Investitionen vorläufig stark zurückgefahren oder sogar ganz ausgesetzt. Es fehlt ihnen die Planungssicherheit. Gleichzeitig verschlimmert diese kaufmännische Vorsicht die Krise, weil jetzt auch durchaus sinnvolle Investitionen unterbleiben.

In dieser Situation wäre es eigentlich erforderlich, mit einer Modellrechnung zu ermitteln wo der “Boden” liegen könnte. Dafür dürfte aber eine entscheidende Größe fehlen, nämlich eine Stabilisierung am amerikanischen Immobilienmarkt. Die amerikanische Regierung hat diesem Problempunkt bisher viel zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Sie ist vollauf mit den taumelnden Banken befasst.

In Deutschland dagegen ist Karneval Wahlkampf und der Politikbetrieb zeigt wenig Lust, der exportabhängigen Wirtschaft jetzt Orientierungspunkte zu vermitteln. Die Unternehmen sind also auf sich gestellt und werden die Probleme aus eigener Kraft lösen müssen.

hartplatzhelden

Ohne Videos, keine Hartplatzhelden: Das gut 2 Jahre alte Social Network rund um den deutschen Amateurfußball hat nun auch in zweiter Instanz gegen den Württembergischen Fußballverband (WFV) verloren. Das Oberlandesgericht Stuttgart folgte der Argumentation der WFV, wonach der Verband Veranstalter der Fußballspiele ist und ihm damit auch exklusiv die Verwertungsrechte zustehen.

Eine ausführliche Analyse des Urteils gibt es auf Carta.  Dabei kritisiert Jürgen Kalwa das Urteil scharf, weil es sich in seiner Argumentation gerade gegen jenen Wettbewerb stellt, den das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) eigentlich schützen möchte. Und komisch mutet in der Tat an, was der WFV hier verteidigt sehen will: Bislang hat sich nämlich kein Fußballverband für Amateurvideos über den Amateurfußball interessiert.

Erst die Hartplatzhelden selbst haben so etwas wie einen Markt auf diesem Gebiet erahnbar gemacht und noch längst ist nicht erwiesen, ob es diesen Markt überhaupt gibt. Den Richtern in Stuttgart scheint zudem die Tragweite ihrer Entscheidung gar nicht bewusst zu sein: Was ist zum Beispiel mit den über 41.000 Bildern auf Flickr, die dort unter dem Stichwort “Bundesliga” zu sehen sind und vom Volleyball über Eishockey bis hin zum Fußball einen schönen Querschnitt des deutschen Sports zeigen?

Flickr ist bekanntlich ein Tochterunternehmen von Yahoo, einem Unternehmen dessen kommerzielle Interessen nicht in Frage stehen. Nun sind Fotos keine “Filmaufzeichnungen”, aber gerade auf Flickr verwischen die Grenzen, weil hier seit einiger Zeit auch Videos hochgeladen werden können. Pikant könnte außerdem sein, dass gut 1.000 der Fotos auf Flickr mit dem Stichwort “Bundesliga” eine Creative Commons-Lizenz für kommerzielle Werke tragen. Diese Bilder dürfen also explizit in einem kommerziellen Kontext verwendet werden. Ob das den Sportverbänden wohl schon bekannt und bewusst ist?

Nach dem Urteil des OLG Stuttgart gegen die Hartplatzhelden müsste das jetzt anders werden und zeigt damit die Absurdität dieser Rechtsprechung: Denn ab jetzt kollidiert im Grunde jedes Amateur-Foto bzw. jedes Amateur-Video einer öffentlich organisierten Veranstaltung mit den Verwertungsrechten des Veranstalters, selbst wenn dieser von seinem Recht gar keinen Gebrauch macht. Das kann doch nicht der Ernst deutscher Richter sein?

Eine letzte Chance für die Hartplatzhelden stellt die Revision vor dem Bundesgerichtshof dar. Allerdings kostet der Gang in diese Instanz Geld, das die Hartplatzhelden nicht haben. Sie rufen deshalb jetzt dazu auf, ihnen mit Spenden zu helfen. Zu hoffen bleibt, dass der Bundesgerichtshof mit Sitz im badischen Karlsruhe mehr Weitblick beweist als die Richter im schwäbischen Stuttgart…

« Ältere Artikel