Die Zukunft der Zeitungen im Internet: Decision Enabling als Geschäft

Der Medienwandel ist derzeit in aller Munde, wie Christiane Schulzki-Haddouti (KoopTech) aktuell trefflich zusammenfasst (und ihre Artikel zum Thema jetzt schon durchnummeriert). Häufig genug wird in den einzelnen Wortmeldungen aber zu wenig auf das größere Bild geschaut. Man könnte auch sagen: Vor lauter Bäumen sieht man den Wald nicht mehr.

Als sich neulich die re:publica’09 ankündigte und als Motto der Tagung “Shift happens” bekannt gab, fiel mir wieder ein, dass ein Überraschungsmoment im Video von Karl Fisch und Scott McLeod der Umstand war, dass Großbritannien als führende Nation dargestellt wurde – aber eben nicht von heute, sondern aus der Zeit um 1900 (und davor).

Vielleicht konnte Großbritannien ja unter anderem deshalb zur Weltmacht aufsteigen, weil das Land schon sehr früh eine Zeitungskultur mit freier Presse entwickelt hatte. Die Medien lieferten dort mit hoher Verlässlichkeit und Regelmäßigkeit Nachrichten aus aller Welt, so dass die Briten (oder zumindest bestimmte Schichten im Land) einfach besser informiert waren als ähnliche Gruppen von Personen in Kontinentaleuropa. Dieses “besser informiert sein” war aber kein Selbstzweck, sondern förderte die Entscheidungsfindung auf den verschiedensten Gebieten, seien es Handel, Verwaltung oder Industrie. Wer besser informiert ist, trifft bessere Entscheidungen. Und wo bessere Entscheidungen getroffen werden können, steigt der (allgemeine) Wohlstand.

Natürlich ist diese Darstellung reichlich simplifiziert und sie blendet gewiss viele andere wichtige Aspekte aus. Sie zeigt aber, dass einer freien Presse, ihren Nachrichten und Medien eine hohe Bedeutung beikommt. Und sie zeigt noch mehr: Das Geschäft der Zeitungen kann auch ganz anders interpretiert werden. Demnach nämlich sind diese gar nicht im “Nachrichtengeschäft” tätig, sondern unterstützen Prozesse der Entscheidungsfindung, hier “Decision Enabling” genannt.

Entscheidungsprozesse werden im 21. Jahrhundert ein großes Thema sein. Heute schon erschweren der rasche technologische Wandel sowie die Komplexität einer globalisierten Welt Entscheidungen auf vielen Gebieten.

Wo soll da aber das Geschäft für Zeitungen liegen?

Meine Vorstellung geht dahin, dass digitale Zeitungen in Zukunft auf ihre normale Berichterstattung aufbauend zusätzliche Dienstleistungen anbieten werden, die es heute noch gar nicht gibt. So halte ich es für denkbar, dass man wichtige Themen aus der normalen Berichterstattung aufgreift und dazu relativ spontan Onlinekonferenzen organisiert.

Im einfachsten Fall wäre dies eine Telefonkonferenz, eleganter natürlich die Videokonferenz. Es könnten sich auch auf Initiative der Zeitung ein paar Experten an einem bestimmten Ort (real) treffen, so dass diese Runde dann gefilmt und live ins Internet gestreamt werden kann. Wichtiger noch aber als diese Experten wäre das Publikum, das sich live über das Internet einklinkt. Dieser Personenkreis sollte nicht passiv wie der traditionelle Fernsehzuschauer einfach nur zusehen (oder zuhören), sondern über Chatmodule mitdiskutieren und vor allem über eingeblendete Befragungstools zu Stellungnahmen initiiert werden.

Auf diese Weise ließen sich Meinungsumfragen durchführen, die je nach Art des Publikums einen hohen Vorhersagewert haben könnten, ganz so wie dies bei Decision Markets bzw. Prediction Markets der Fall ist. Spricht sich erst einmal herum, dass hier nicht nur ein gewisser Unterhaltungswert erreicht wird, sondern auch Tendenzaussagen oder Eintrittswahrscheinlichkeiten von relativ hoher Güte ermittelt werden, hätte der Veranstalter damit möglicherweise eine sehr lukrative Umsatzquelle für sich erschlossen: Solche Dienste müssten nämlich nicht frei zugänglich bzw. kostenlos sein. Und sie ließen sich wiederum trefflich für den redaktionellen Teil einer digitalen Zeitung ausschlachten, in dem im Nachgang ausführlich darüber berichtet bzw. das Videomaterial frei gestellt wird.

Warum aber sollten gerade Zeitungen so etwas machen?

Die Antwort ist einfach: Einerseits fehlt es den Zeitungen an Erlösquellen im Internet (sie müssen also etwas tun!) und andererseits sind sie aufgrund des hohen Traffics, den ihre Seiten generieren, geradezu prädestiniert für solche neuen Services. Natürlich ist auch denkbar, dass Demoskopen, Trendforscher, Institute der Meinungsforschung und wissenschaftliche Einrichtungen liebend gern solche Konferenzen organisieren würden. Diese haben zwar leicht die nötigen Experten an der Hand, vermutlich aber nicht genug zahlendes Publikum (zu wenig Traffic auf ihrer Website). Wir werden ja sehen, wo und wie sich dieser Markt entwickelt.

Lese ich vor diesem Hintergrund allerdings den Artikel auf KoopTech, scheint es noch ein relativ weiter Weg für Journalisten und Verleger ins Internet des 21. Jahrhunderts zu sein…