Kevin Kelly sieht die Zukunft des Web: Sehen wir sie auch?

Kevin Kelly schreibt ein Blog (The Technium), das ich nicht lese: Zu gewagt erscheinen mir einige seiner Thesen. Unlängst jedoch hat er auf dem Web 2.0 Summit (San Francisco, November 2008) einen kurzen Vortrag (15 Minuten) gehalten, der durchaus sehenswert ist: Ausgehend von den 6527 Tagen, die seit dem Schreiben der ersten Webseite durch Tim Berners-Lee vergangen waren (betrachtet vom 06.11.08 aus), zeichnet er ein Bild zur Entwicklung des Web in den nächsten 6500 Tagen.

Sein Vortrag erscheint mir durchaus plausibel. Deshalb will ich dessen Aussagen auch nicht diskutieren. Mich beschäftigt nämlich etwas ganz anderes:

Was passiert, wenn sich das Internet tatsächlich so weiterentwickelt, während die führenden Köpfe in Deutschland und damit auch die wichtigsten Institutionen davon kaum Notiz nehmen?

Kann das gut gehen? Wird nicht der Graben zwischen denen, die vom Internet Ahnung haben und jenen, die davon wenig bis nichts wissen (wollen), immer größer? Was passiert mit einer Gesellschaft, die im Prinzip fundamental auf diese Technologie angewiesen ist, während zugleich weite Teile ihrer Elite in Unkenntnis und Nichtbeachtung verharren?

Kann der normale Wechsel der Generationen im Lauf der Zeit das alles bewältigen, oder hebelt die Geschwindigkeit, mit der sich die Entwicklung des Internets vollzieht, irgendwann alles aus?

Das ist vielleicht der seltsamste Artikel, den ich je in diesem Blog geschrieben habe. Lauter Fragen, aber keine Antworten. Bin ich der Einzige, der da ein ungutes Gefühl ob dieser Zukunft hat?

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13 Kommentare

Die Geschwindigkeit wird das aushebeln und die ignoranten Eliten zwingen, sich damit auseinanderzusetzen. Ansonsten treten andere Player auf den Markt. Siehe Obama’s Kampagne: Das Ende der politischen Eliten in Washington DC

Hallo,
nach meiner Wahrnehmung wird der Graben durch viele kleine Gräben abgelöst.

Aus der Perspektive eines Briefschreibers ist das Kommunikationsverhalten eines Mailschreibers schwer nachvollziehbar. (Die Geschichten von ausgedruckten e-mails zur Vorlage und Bearbeitung haben einen sehr realen Hintergrund)

Aber die “Generation e-mail” blickt wiederum sehr skeptisch auf die kollaborativen Arbeitsmöglichkeiten (Wiki, Blog, Google Doc usw.) der nachrückenden “Generation Web 2.0″. usw.

Die technische Entwicklung wird weitere Nutzergenerationen hervorbringen. Diese Nutzergenerationen werden sicherlich auch etwas verwundert auf die “Alten” mit ihren Tastaturen und Display blicken. Die Generationen wechseln aber nicht in Jahrzehnten sondern eher schon in Jahren.

Die Geschwindigkeit dieser Entwicklung verschafft weiten Teilen der angesprochenen Eliten den Eindruck eigener Überlegenheit durch Ignoranz.

Die technischen Spielzeuge Mail, SMS, Wiki relativieren sich durch Masse und Beliebigkeit.

Die Fähigkeit sich im persönlichen Gespräch zu verständigen behält an Wert und schützt vor der Beschäftigung mit der kurzlebigen Medienkompetenz Internet. Dafür hat man doch nachgeordnete “Techniker”.

Beunruhigenden finde ich die Entwicklung auch. Die Reibungsverluste zwischen den Nutzergenerationen konservieren Geschäftsprozesse die international nicht konkurrenzfähig bleiben werden.

Hallo Matthias, das sind zwei große Fragen, schwer auf Kommentarlänge zu antworten. Aus meiner Sicht wird es erstmal schlimmer und dann besser werden, aus folgenden Gründen:

Wie man an den Beispielen Online-Überwachung und Bundestrojaner deutlich sehen kann ist die gegenwärtige Obrigkeit restlos überfordert von Internet und Social Media. Und ich sehe auch bei den “Jüngeren” in den Parteiapparaten keine wirkliche Verbesserung für die nächsten 10 Jahre oder mehr. Mindestens. Ich nehme an dass daher die Versuche zunehmen werden Kommunikationsströme zu kontrollieren oder zu unterbinden.

Kurz- und mittelfristig macht mir das Sorgen, langfristig bin ich zuversichtlich (2. Frage). Ich stimme Lapidarium zu dass es immer wieder neue Nutzergenerationen geben wird in immer schnelleren Zyklen. Aber es wird einen Unterschied zu heute geben. Heute verbinden die meisten Menschen “Lernen” mit Schule – Zwang, Langeweile. Etwas das irgendwann vorbei ist. “Neues” wird mit unangenehmen Gefühlen assoziiert. Ich stelle die These auf, dass sich das ändern wird, und zwar wegen des Verhaltens meiner Eltern, ein schönes Beispiel:

Mein Vater ist technologisch spätestens in den 80ern stehen geblieben. Er will nichts mehr Neues, das versteht er nicht, er will sich sich auch nicht damit auseinandersetzen, es macht ihm Angst. Meine Mutter hingegen hatte vor knapp 20 Jahren beinahe Angst davor eine Fernbedienung in die Hand zu nehmen und denkt aktuell darüber nach über einen einen Teil ihres Lebens zu bloggen.

Der Unterschied? Meine Mutter meinte zu mir sie hätte durch mich gelernt dass “lernen” Spaß macht, und dass es darauf ankäme den Geist offenzuhalten. Nicht-Wissen und Nicht-Können als den ersten Schritt zu akzeptieren bevor was Neues kommt. Deshalb bin ich zuversichtlich: Ich glaube daran dass sich diese Einstellung durchsetzen wird und wir auch als alternde Gesellschaft dynamischer werden.

@Ludwig
freiwilliges Lernen mit verblüffendem Eifer habe ich bei meiner Mutter auch schon feststellen können.

Im Lernumfeld Berufsleben besteht die Motivation zum Lernen oft aber nur aus Leistungsdruck und Angst.
Und da stabilisiert sich ein destruktiver Zirkel aus Ursache und Wirkung. Mißerfolge durch Wissensdefizite führen zu wirtschaftlichem Druck und dieser Druck bedeutet dann eine neue Spaßbremse.

“Während bwl2.0 sich fragt, wo die Zukunft des Web liegt, blockiert Australien testweise 10.000 Seiten. In der erwarteten Verlangsamung(!) des Web liegt die Chance für die deutschen Entscheidungsträger!”

aus: “Die Zukunft des Web liegt in seiner Blockade!”
http://ralfschwartz.typepad.com/mc/2008/11/web-blockade.html

Matthias Schwenk

Matthias Schwenk’s avatar

@Claudia: Das Beispiel Obama zeigt aber auch, dass das politische System in den USA weit durchlässiger ist für neue Ideen bzw. neue Köpfe als bei uns.

@Lapidarium42: Die These der “Überlegenheit durch Ignoranz” dürfte wohl eine sehr gute Erklärung der Zustände in unserem Land sein. Das erklärt dann auch, warum unsere Eliten sich praktisch kollektiv dem Internet verweigern. Sie sichern sich damit auch ihre Positionen, weil das System weiterhin nach den alten Spielregeln funktioniert und keiner Änderung unterliegt.

@Ludwig: Wenn sich auf Sicht von 10 Jahren hier in Deutschland wirklich nichts ändert, fallen wir ja wirtschaftlich auf das (heutige) Niveau von Rumänien zurück!? Eine schlimme Perspektive, aber es könnte wirklich so kommen.

@Ralf Schwartz: Guter Artikel. Deutschland steckt weithin im Web 1.0 fest. Das Abschaffen der englischen Sprache wäre der nächste logische Schritt, mit dem an den Schulen auch der Russisch-Unterricht wieder eingeführt werden könnte!

Schon erstaunlich wie unterschiedlich die Meinungen zum Internet sind.
Eben lese ich wieder:
“Andrew Keen… rät den Internetnutzern, lieber den Mund zu halten.
…befürchtet beispielsweise, dass das Web 2.0 weniger die Demokratie fördert, als vielmehr in „kulturelles Chaos, eine ökonomische Katastrophe und moralischen Niedergang“ stürzt.”
Quelle:
Handelsblatt und Readers-Edition

Matthias Schwenk

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@Michael Wald: Andrew Keen ist bekannt für seine internet-skeptische Haltung. Das Web 2.0 ist in seinen Augen kein Fortschritt, sondern eher so etwas wie der “Untergang des Abendlandes”.

Die Aufteilung der Ministerien in Deutschland zeigt ja, dass wir hier dem Zug hinterherlaufen. Wir haben zwar ein Verkehrsministerium für die Verkehrsinfrastruktur, aber kein Ministerium fürs Web. Kein Wunder: Dachte doch Helmut Kohl 1994 bei Daten-Highway an schnelle Autobahnen.

;-) Eric

Wie ich doch mal gehört habe: unsere Zukunftsvisionen sind nur verlängerte Erinnerungen. Allein was in den letzten 10 Jahren sich getan hat, unglaublich. Ich glaube in 20 Jahren sind wir wo angekommen, wovon kein Mensch jemals heute gedacht hat. Das ist das spannende, man kann es nie wissen.