Twitter Ambivalenz (und Meinungsänderung meinerseits!)

twitter logoIch muss mich mal wieder zu Twitter äußern. Denn in letzter Zeit nehmen die Blogartikel zum Thema deutlich zu und zeigen eine durchaus kontroverse Debatte. Da wäre etwa Robert Scoble, der meint endlich verstanden zu haben, worum es sich bei Twitter handelt. Schön für ihn, aber die Kritik und Korrektur folgte sofort: Twitter geht ganz anders! Wirklich lustig diese Versuche, das Medium und Phänomen Twitter zu begreifen. Dessen ungeachtet listet Charles Cooper (cnet news) auf, welche einflussreichen Tech-Journalisten (in den USA) den Dienst noch nicht nutzen, glaubt aber fest daran, dass diese Personen noch in diesem Jahr auf den Zug aufspringen werden.

Hierzulande beginnen manche nach der re:publica mit ihrem “digitalen Frühjahrsputz” und werfen dabei Twitter raus. Robert Basic dagegen gibt sich (schon vor der re:publica) überzeugt, dass wir es hier mit “the next big thing” zu tun haben.

Also was gilt jetzt?

Es ist unbestreitbar, dass sich Twitter zumindest im Silicon Valley in der Tech-Szene durchgesetzt hat. Aber: Das Medium bietet dort auch einen besonderen Nutzen, denn seine User sind (geografisch) relativ nahe zusammen und können reagieren, in dem sie ganz kurzfristig beispielsweise zu einem Treffen kommen oder diesem fernbleiben.

Dieser Effekt darf nicht unterschätzt werden. Denn auf diese Weise kann etwa ein Startup versuchen, mehr oder weniger “zufällig” mit Personen wie Michael Arrington oder Robert Scoble zusammen zu treffen. Über Twitter gelangt man also in die Reichweite der sehr einflussreichen Personen in der Tech-Branche.

Aber eben bislang nur in dieser. Wer etwa in der Medizintechnik unterwegs ist und Kontakte zu Chefärzten an wichtigen Kliniken aufbauen will, kann Twitter (auch in den USA) noch getrost vergessen. Zudem sinkt dieser spezielle Nutzeneffekt mit wachsenden räumlichen Distanzen. Denn was würde es nützen, wenn ein Chirurg aus Seattle twittern würde, dass er jetzt auf den Golfplatz geht und ich gerade in Atlanta sitze?

Und nicht nur die räumliche Distanz spielt eine Rolle. Wichtig für den Durchbruch von Twitter ist wohl auch, dass in einer Brache oder Industrie alle wesentliche Mitspieler dabei sind: In der Tech-Branche sind dies also Vordenker, Blogger und weitere Medienleute, Startups, etablierte Firmen, Studenten und Forscher sowie die Venture Capital Szene.

Wird also ein solches Cluster von Twitter gut durchdrungen und es liegt ein geografisch einigermaßen homogenes Gebilde (Silicon Valley, San Francisco…) zugrunde, kann die Technik ihre Wirkung optimal entfalten. In allen anderen Fällen nicht, was eine Erklärung dafür sein könnte, dass nicht wenige Menschen selbst mit sehr hoher Affinität zum Web 2.0 Twitter nicht verstehen und entweder erst gar nicht anfangen oder es wieder einstellen.

Ein oft vorgebrachtes Argument zugunsten von Twitter ist die Tatsache, dass sich Neuigkeiten über dieses Medium schneller verbreiten als über Blogs. Das ist zweifellos richtig und durchaus interessant, wie man an den Bemühungen von Robert Basic sehen kann, der das Grundrauschen übergehen und Links herausfiltern möchte. Aber macht dieses Argument auf breiter Ebene Sinn?

Wohl kaum. Denn außer einigen (Berufs-) Bloggern muss kaum jemand in Echtzeit tagsüber erfahren, was gerade in der Welt so vor sich geht, zumal die Twitterposts nicht für ausführliche Beschreibungen taugen. Wer Genaueres wissen will, muss dann meist ohnehin auf Blogposts und die Artikel anderer Medien warten.

Und als Letztes wäre da noch dieses Grundrauschen. Also die (banalen) Mitteilungen darüber, wer gerade Kaffee kocht oder unter die Dusche geht. Mir geht das immer noch auf die Nerven. Aber es hat wohl seinen Platz in einer Welt, in der Beziehungen immer mehr auch über große Distanzen gepflegt sein wollen, weil nicht mehr alle im gleichen Dorf leben. Twitter schafft es offenbar, so etwas wie Nähe (oder gar Intimität) herzustellen, was auf Unbeteiligte aber oft kurios oder gar irritierend wirkt und auch Nachteile haben kann, wie Leisa Reichelt (disambiguity) reflektiert.

Twitter wird also seinen Weg gehen. Das zeigen im Übrigen auch die vielen Dienste, die auf der Twitter-Schnittstelle aufbauen. In sehr kurzer Zeit ist da eine beeindruckende Infrastruktur entstanden. Den vorläufigen Höhepunkt bildet die (durchaus freundliche) Übernahme von Thwirl durch Seesmic (Loic le Meur).

Twitter in Deutschland?

Ja, es wird kommen. Und das ist gut so. Aber Geduld ist angebracht, denn es dürfte einige Zeit brauchen, bis nicht nur Blogger, sondern auch Startups, Agenturen, Business Angels und Wirtschaftsförderer (!) damit umgehen und effizient kommunizieren können.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Du hast einen ganz wichtigen Punkt angesprochen: “Wichtig für den Durchbruch von Twitter ist wohl auch, dass in einer Branche oder Industrie alle wesentliche Mitspieler dabei sind.”

    So arg viele sind das derzeit noch nicht. aber Du hast Recht, es werden sicher mehr.

    Außerdem hängt es davon ab, wie eine Branche bzw. ein Unternehmen funktioniert. Für ein Unternehmen, in dem die Kommunikation hauptsächlich über Meetings läuft, wird von Twitter nichts haben, denn das würde eine Änderung in der Unternehmenskultur bedeuten .

    Ein weiterer Aspekt, der berücksichtigt werden muss: um welche Art von Information geht es? Sind es kurze Infos, die man schnell an jemanden weiterleiten möchte, dann eignet sich Twitter. Geht es um den informationsaustausch auf einer komplexeren Ebene, scheidet Twitter aus. Zumindest derzeit.

    Lernen können wir wahrscheinlich sehr viel, wenn wir uns anschauen, in welchen Strukturen abgesehen vom privaten Bereich die SMS genutzt wird und wofür sie verwendet wird. Interessant ist z.B., dass die Politik ganz stark darauf setzt.

    Die Frage wäre dann, ob sich diese Muster auf Twitter übertragen lassen?

  2. Hihi, mit mehr als einem Jahr würde ich meine Thesen zu Twitter nicht mehr unbedingt in die Kategorie “in letzter Zeit” packen, insbesondere nicht im Twitterverse ;-)

  3. @Johannes: Da ich habe ich mich doch glatt getäuscht – ich dachte, Dein Artikel sei vom März diesen Jahres….. ;-)

  4. Ich sehe Twitter nach wie vor ein Tool welches den Internet-Junkies, Geeks, Techies, Bloggern und Earlyadoptern vorbehalten ist. Für die meisten anderen sehe ich einfach keinen Nutzen in flickr.

  5. es hat lange gebraucht bis der praktische Nutzen von Blogs und Wikis in Unternehmen erkannt wurde. Eine Ursache war dabei vielleicht auch die vorherrschende Diskussion von Techies (“welche Software”) und Medienprofis (“Blogger versus Journalismus”) . Die produktiven Einsätze in Unternehmen sind von solchen Diskussionsthemen weit entfernt, aber es hilft jetzt bei der Spiel- und Experimentierphase früh dabei gewesen zu sein.
    Ich kann jetzt bei Twitter noch keinen “praktischen” Nutzen erkennen, aber das war Anfangs bei anderen Tools ähnlich.

  6. @Malte: So sehe ich das auch. In ein paar Jahren könnte Twitter aber die SMS ablösen – wenn erst einmal Smartphones wie das iPhone weiter verbreitet sind.

    @Rolf: Solange sich Blogs und Wikis noch nicht auf breiter Front durchgesetzt haben, brauchen wir über den Sinn von Twitter in Unternehmen noch gar nicht reden. Und der praktische Nutzen fehlt – ausgenommen vielleicht, dass sich Kollegen über Twitter zum Mittagessen in der Kantine verabreden… ;-)