Enterprise 2.0: Adaption in Deutschland und den USA im Vergleich

Bei Bill Ives (Fast Forward Blog) bin ich auf eine amerikanische Studie gestoßen, die den Einsatz von Social Software (Web 2.0) in (US-amerikanischen) Unternehmen als Erhebungsgegenstand gewählt hat. Da diese Studie noch ganz neu ist, dachte ich mir, dass ein Vergleich mit der neulich von der CoreMedia AG für Deutschland erstellten Studie nahe liegt.

Beide beruhen auf Befragungen, die im Jahr 2007 durchgeführt wurden und wenn auch die Fragestellungen nicht exakt gleich waren, lassen sich doch ein paar interessante Vergleiche ziehen:

  1. Wenn gefragt wird, ob das Unternehmen Social Software einsetzt, bejahen dies die Amerikaner mit Quoten von 54 % bis 74 % (je nach genauer Fragestellung). Bei den deutschen Unternehmen ist die Spannweite ähnlich hoch, allerdings liegt sie im Bereich von 2 % bis 21 % (auch hier je nach Fragestellung).
  2. Die Frage nach dem Bekanntheitsgrad von “Web 2.0″ scheint sich in Amerika zu erübrigen. Die deutsche Studie zeigt auf, dass immerhin noch 25 % der befragten leitenden Mitarbeiter den Begriff nicht kennen.
  3. Ebenso dramatische Unterschiede gibt es bei den Fragen zu Social Networks (Facebook, Xing…). Diese Tools nutzen 37 % der befragten Amerikaner in ihrer Arbeit, während es in Deutschland 3 % bis 8 % sind. Ein Hindernis ist in den USA der Umstand, dass der Zugang zu Social Networks in vielen Unternehmen noch untersagt ist. In Deutschland scheint eher das Problem zu bestehen, dass vor allem in den kleineren Unternehmen die Networks noch gar nicht bekannt sind.

Als Ergebnis dieser Divergenz verwundert es dann auch nicht, dass die befragten amerikanischen Unternehmen die klareren Vorstellungen vom Nutzen der Social Software haben: 91 % der Befragten stimmen der Aussage zu, dass sich damit Kommunikation und Zusammenarbeit verbessern lassen. In der deutschen Studie taucht der Faktor “Zusammenarbeit der Mitarbeiter” erst an siebter (= vorletzter) Stelle auf, wenn es darum geht, die Vorteile von Social Software einzuschätzen.

Irgendwie schon erstaunlich, oder? Ich frage mich, ob der Befund hier nur Ausdruck des üblichen “Timelags” ist, wonach alle Neuerungen aus den USA bei uns erst mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung ankommen, oder ob dies ein Zeichen dafür ist, dass wir langsam aber allmählich den Anschluss verlieren.

10 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Sehr interessante Aufstellung. Ich bin mir nicht sicher ob wir den Anschluss verlieren /verloren haben, oder ob wir einfach ein 1/2 bis 1 Jahr hinterher sind wenn es um X 2.0 oder Social X geht. Ich habe gestern mal die englische Wikipedia inhaltliche mit der deutschen zu den Themen verglichen(Social Media + SMO, Enterprise 2.0): Heftige Unterschiede!

    Die Frage die ich mir stelle ist, wer hat in den USA dafür gesorgt das Social Software eingesetzt wird/ wer hat die Impluse für diese gegeben. Berater? Mitarbeiter ? Öffentliche Berichterstattungen?
    Wie schaut das in der Lehre (Uni/FH) mit X 2.0 und Social X?

  2. @Tim: Ich erkläre es mir damit, dass in den USA aufgrund der großen Anzahl großer IT-Unternehmen (IBM, Microsoft, Sun, Dell, Apple, Oracle, Google, Ebay, Yahoo….) insgesamt mehr Aufmerksamkeit und damit automatisch auch mehr Akzeptanz für die IT gegeben ist.

    Mit diesem “Rückenwind” konnte sich dort das Web 2.0 schneller durchsetzen, zumal auch hier wieder die wesentlichen Protagonisten aus den USA selbst stammen, von Jimmy Wales bis Mark Zuckerberg.

  3. Ich glaube nicht, dass wir “den Anschluss verlieren”. Bei solchen Entwicklungen waren uns die Amerikaner immer schon voraus. Und das muss nicht unbedingt ein Nachteil sein, wenn die ersten Fehler dann schon passiert sind und man daraus lernen kann.

    Außerdem haben die Amerikaner eine Art der Kommunikation, die sich für Social Networks sehr gut eignet. Sie sind offener, gehen schneller auf andere zu und kennen das distanzierte “Sie” nicht. Insofern würde ich eher von kulturellen Unterschieden sprechen.

  4. Ach ja, alles nicht so einfach. Schade nur um die, die das Potential noch nicht erkannt haben.

    X 2.0 und Social X ist wie Fahrradfahren. Der Versuch es einem zu erklären “du mußt Gleichgewicht halten” wird vermutlich scheitern. Selber fahren hilft dagegen ungemein und der Lerneffekt ist wesentlich größer… ;-)
    Try it, lern it, do it
    und auch vom Fahrradfahren wissen wir alle, das geht meist nicht ohne wenigstens einmal auf die Nase gefallen zu sein…

    Wir brauchen Fahrräder und Übungsplätze mit weichem Untergrund !

  5. @Christian: Den Aspekt der offenen Kommunikation finde ich sehr interessant. Da wird wohl was dran sein.

    @Tim: Das mit den “Übungsplätzen” ist gut gemeint und für den unternehmensinternen Einsatz sicher realisierbar. Wenn es aber nach außen geht, wird es schwierig. Siehe das Daimler-Blog. Fängt so ein großes Unternehmen damit an, steht es sofort im Rampenlicht – mit allen Vor- und Nachteilen.

  6. @ Tim: “Try it; lern it, do it”: genau darin sind uns die Amis voraus. Wir warten so lange, bis wir etwas perfekt können oder einen Grund gefunden haben, warum wir das nicht machen wollen. ;-)

  7. Kleiner Nachtrag zum Thema Jobs und X 2.0 & Social X

    [... "Web 2.0 & Co hält Einzug in die Jobbeschreibungen. Leider eine Grafik aus der USA. Gibt es vergleichbare Dienste in Deutschland zur Jobbeschreibungstrendanalyse?"]

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  10. Lieber etwas später als nie – ich denke das liegt an unserer kulturellen Historie. Anfang des letzten Jahrhunderts waren nach preußischem Vorbild der unbedingte Gehorsam und die eiserne Disziplin von zentraler Bedeutung. Dieses kulturgeprägte Schema einer entpersönlichten, enthumanisierten Führungsauffassung war über viele Jahre sehr erfolgreich. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde ihm von den Siegermächten institutionalisierte Form der Machtkontrolle und des Interessensausgleich zwischen Kapital und Arbeit gegenübergestellt, beispielsweise Sozial- und Arbeitsgesetze, Betriebsverfassung und Mitbestimmung. So konnten einerseits die einzelne Führungskraft effektiver kontrolliert werden, musste andererseits aber auch weniger auf humanorientierte Verhaltensweise beim direkten zwischenmenschlichen Umgang zurückgreifen.

    Also trägt der staatliche Schutz dazu bei, das Menschen weniger aufeinander angewiesen sind. Bröckelt (Globalisierung, Bankenkrise, unternehmerische Werte werden mit Füßen getreten, neue Gesetze…) dieser Schutz, haben Menschen mehr Bedarf an einer humanorientierten Führung, bei dem der Respekt vor Mitarbeiter, ihrer Wertschätzung und die unmittelbare Berücksichtigung ihrer Belange mit im Zentrum stehen.

    Ist also nur eine Frage der Zeit…

    http://www.wissensgarten.com/wordpress/?p=703