Machen Content Management Systeme (CMS) Wikis überflüssig?

Wiki World FlickrWer bwl zwei null schon länger liest, wird festgestellt haben, dass ich mir viel Gedanken um Blogs (Corporate Blogs) und Social Networks mache, aber relativ wenig über Wikis schreibe. Das hat seinen Grund. So faszinierend Wikis im Web 2.0 sind und so sehr sie unseren Gebrauch des Internets beeinflusst haben (die Wikipedia etwa), so skeptisch bin ich nach wie vor was deren Einsatz in Unternehmen betrifft.

Meine Beobachtung ist, dass heute viele Unternehmen (die meisten?) mit Content Management Systemen arbeiten. Nun werden natürlich die Wiki-Experten aufheulen und anführen, dass Wikis weitaus mehr sind und können, als ein simples CMS. Und ich bin sofort bereit das zu glauben. Der Punkt ist nur: Die Betonung liegt auf dem “mehr”.

Ein Unternehmen, das bereits erfolgreich mit einem CMS arbeitet, wird den Sprung zum Wiki vielleicht als nicht so dringend und revolutionär erachten, als manche Enthusiasten des Web 2.0 sich das erhoffen. In diese Kerbe schlägt aktuell Ted Tjaden (slaw.ca), der keinen rechten Grund für Anwaltskanzleien erkennen kann, von ihrem CMS auf Wikis umzusteigen. James Dellow (ChiefTech) greift die Argumentation auf, ohne weiter überzeugende Belege zugunsten der Wikis finden zu können, wie er selbst einräumt.

Weiter führt uns vielleicht eine Unterscheidung, die Michael Idinopulos (Transparent Office) trifft: Er trennt zwischen dem eigentlichen Work Flow (in-the-flow) und reinen Wissenssammlungen (above-the-flow) und plädiert dafür, Wikis nicht above-the-flow zu nutzen, sondern in-the-flow. Da aber konkurrieren sie mit Projekt-Blogs und stärker noch mit dem Umstand, dass vielen Unternehmen der Einsatz von Social Software für die Arbeit im Team noch reichlich fremd und ungewohnt ist.

Und so denke ich, dass Blogs im internen Einsatz in Unternehmen durchaus ihren Platz finden werden. Wikis dagegen werden es schwer haben. Denn sie konkurrieren vielfach eben doch mit dem (schon vorhandenen) CMS. Ob die Hersteller von CMS den Wikis kampflos das Feld überlassen werden? Wohl kaum. Sie werden ihre Systeme “leichter” machen und Funktionalitäten des Web 2.0 integrieren. Am Ende stehen wir dann da, wo Ray Sims (Sims Learning Connections) es schon im Herbst 2007 vorausgesehen hat: “…the word wiki fades away…”.

Abbildung: wiki world (draft) by kaurjmeb auf Flickr

15 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Die Überschrift des Artikels ist unlogisch. Wikis gehören zur Kategorie der Content Management Systeme.

  2. @Michael: Du hast natürlich Recht: Wikis sind im Prinzip eine Weiterentwicklung von CMS. Die Grafik oben links im Artikel zeigt das auch.

    So gesehen ist der Titel unlogisch. Ich wollte aber auch irgendwie zum Ausdruck bringen, dass ein CMS nicht da stehen bleiben muss, wo es mal war. Die Software lässt sich aufrüsten bzw. so weiterentwickeln, dass Wikis wieder “eingeholt” werden. Genau betrachtet, ist das heute schon der Fall.

  3. Ich denke Wikis sind ein guter Zusatz im internen Einsatz für Projekte. Ich selbst hab bis jetzt nur positive Erfahrungen damit gemacht. Es erleichtert die Arbeit bei Projekten vor allem wenn man nicht am gleichen Ort arbeitet. Und ein intern verwendetes Wiki schließt ja ein CMS nicht aus. Gibt ja auch schon CMS die eine Wiki Unterstützung anbieten z.B. Drupal.

    Also ich möchte „unser“ Projekt Wiki nicht missen. ;)

  4. Wikis sind einfach unschlagbar, wenn man mit mehreren an einem Dokument arbeitet.

    Einer macht die grobe Struktur, drei weitere feilen aus, einige korrigieren Rechtschreibfehler und nochmal andere (oder gleiche) organisieren das Ganze übersichtlich.

    Dafür haben Wikis einfach die richtigen Werkzeuge, die in klassischen CMS oder Blogs fehlen. Aber wie Sebastian schon sagte: Es hat schon seinen Grund, warum immer mehr CMS auch Wikifunktionalität anbieten.

    Wiki ist keine Software – Wiki ist eine Arbeitsweise

  5. @Stefan: Du bringst es auf den Punkt! “Wiki ist eine Arbeitsweise” – und daher stellenweise nicht zu vermitteln.

    Denn die Leute sehen immer nur auf die Technik und sagen dann, dass man so etwas ja schon habe (mit dem CMS)…

  6. @Stefan “Wiki ist keine Software – Wiki ist eine Arbeitsweise” – 100% zustimm :)

    Aber wie Matthias das schon richtig gesagt hab sehen das die meisten leider nicht so. Hab ich auch schon in einer Firma erlebt, dass ein Wiki da war und es auch super praktisch gewesen wäre wenn nicht nur einer es ab und zu gepflegt hätte ;)

  7. Meiner Beobachtung nach ist in vielen Unternehmen mittlerweile eine neokonservative Bewegung in Gang gekommen.
    “Mussten” vor drei Jahren selbst kleinere Unternehmen noch ein hausinternes Wiki haben, so finde ich zunehmend Strukturen vor, in denen die Dokumente primär über den Emailserver verteilt werden und es wieder sehr kleine und fest zusammengesetzte Projektgruppen gibt, die mehr oder weniger ewige Projekte betreuen.
    Da ist man schon halbwegs froh, wenn sich der Intranet-Terminkalender zumindest etabliert hat.

  8. @Falk: Interessante Beobachtung. Der Begriff “neokonservative Bewegung” gefällt mir sogar recht gut. Ich spüre bei vielen Gesprächen auch eine diffuse Abwehrhaltung gegen zu viel Fortschritt oder Neues.

    Und diese Abwehrhaltung zieht sich in den Betrieben vom Chef angefangen quer durch die Belegschaft. Schwierig, schwierig…

  9. Interessant geschrieben – keine Frage.

    Allerdings steht der beschriebene “Untergang des Wikis” in ziemlichem Gegensatz zu meinen und auch den Erfahrungen vieler anderer mit dem erfolgreichen Einsatz von Wikis in Unternehmen.

    Ob es “Wiki” heißt oder nicht (das writable intranet hört sich ja auch gut an) ist dabei letztlich egal, es geht ja doch mehr um eine veränderte Arbeits- und Denkweise, eine veränderte Kultur der Zusammenarbeit.

    Wenn also große CMS-Anbieter wie CoreMedia u.a. Wiki-Funktionalitäten in ihre bestehenden Systeme einbinden ist das kein Problem und keine Bedrohung für Wikis und Wiki-Berater. Es ist vielmehr ein logischer und überfülliger Schritt, der so auch in Bezug auf Blog-, Tagging u.ä. Social Software Funktionalität erfolgen wird.

    Ob am Ende integrierte Systeme oder die Kopplung modularer “Best of Breed”-Lösungen gewählt wird, ist dann wiederum eine ganz anders gelagerte Frage. Hier sollte man sich u.a. fragen warum MS Sharepoint, das ja auch einfache interne Wiki-Funktionalitäten aufweist, Konnektoren zu Enterprise Wikis wie Socialtext und Confluence zur Verfügung stellt …

  10. @Martin: Du hast ja Recht, aber wer macht am Ende die Beratung? Der Softwareanbieter mit seiner eierlegenden Wollmichsau aka webzweinull ist da schwer im Vorteil, weil er schon beim Kunden drin ist.

    Eigentlich steckt da sogar ein cleveres Geschäftsmodell dahinter: Verschenke Deine (komplizierte) Software und verdiene dann an der Beratung.

    Da ist vieles denkbar – und für Leute wie mich sehe ich da wenig Platz. Irgendwie.

  11. Oh, für Beratung ist da aus meiner Sicht immer Bedarf.

    Zum einen schätzen viele Kunden den Wert und Beitrag von herstellerunabhängiger Beratung, zum anderen wissen wir ja dass der Löwenanteil der Arbeit, der Implementierung usw. erst nach der Beschaffung des “Werkzeugs” ansteht.

    Meine These ist zudem, dass sich auch der Charakter von “Beratung” ändern muss – selbst wenn “Beratung 2.0″ nicht nur mir spanisch und “faddish” erscheint.

    Aber auch die Geschäftsmodelle von Beratern, Freelancern etc. befinden sich im Umbruch – diese Unsicherheit bietet aus meiner Sicht aber mehr Chancen als Risiken.

  12. @Martin: Ich sehe auch sehr viel Bedarf für Beratung, keine Frage… ;-)

    Spannend wäre es, mal den den Charakter von “Beratung 2.0″ zu diskutieren: Vielleicht mal auf frogpond?

  13. Ich möchte mich in dieser Diskussion eher zu einer Gegenthese hinreißen lassen: “Wikis bringen die derzeit die CMS-Anbieter in arge Bedrängnis. Entweder ein CMS bietet innovative und vor allem kollaborative Formate wie z.B. Wikis und Weblogs, oder sie werden verdrängt werden.”

    Die Erfahrung aus unseren Projekten und in der eigenen Firma zeigt, dass vor allem in kreativen Umgebungen Wikis und Weblogs viel besser akzeptiert und von mehr Mitarbeitern genutzt werden als die doch oft starren und komplizierten Content Management Systeme.

    Einige Unternehmen gehen gar dazu über, ihre bisherigen CMS-basierten Intranets über Bord zu werfen und das Intranet auf Wiki-Basis neu zu gestalten. Diese Entwicklung ist spannend und es bleibt abzuwarten, wie erfolgreich dieser Ansatz langfristig sein wird.

  14. @Dirk: So habe ich das noch gar nicht betrachtet. Und es wäre eine Erklärung dafür, warum so viele Systemhäuser davon die Finger lassen (und ihren Kunden nichts davon erzählen): An den komplizierten CMS-Systemen verdienen sie vermutlich weit besser als an einem schlanken Wiki….

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