Warum ist es so schwierig, Unternehmen für den Einsatz von Social Software zu gewinnen? Und warum wollen die selben Unternehmen einfach nicht sehen, wie das Internet nach und nach immer mehr Lebensbereiche unterwandert und verändert?
Zu der schon langen Liste möglicher Erklärungen hat jüngst Rob Paterson (im Fast Forward Blog) noch eine interessante Variante hinzugefügt: Seiner Auffassung nach ist das Web 2.0 so etwas wie ein (geografischer) Raum, den es zu entdecken und erobern gilt und weniger eine Sammlung von Werkzeugen, die man nur einfach ergreift und nutzt.
Die Idee des “Raums” vergleicht er mit den Vereinigten Staaten nach dem Bürgerkrieg und Europa vor den Weltkriegen: So kamen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts viele Europäer als Einwanderer nach Amerika, die zuhause für sich keine Chance sahen und ein “neues, besseres Leben” suchten. Das Web 2.0 wird demzufolge auch fast nur von “Einwanderern” genutzt, die für sich einen neuen Wirtschafts- und (virtuellen) Lebensraum suchen.
Das ist ein interessanter, aber auch etwas verzweifelt anmutender Erklärungsversuch. Beim Lesen habe ich mich gefragt, wie ich eigentlich selbst auf das Internet gekommen bin. Und das ist schon interessant:
Nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre startete ich Mitte der 90er Jahre als Vorstandsassistent bei der Kreissparkasse in Sigmaringen. Dabei gehörte es zu meinen wichtigsten Aufgaben, die Reden des Vorstandsvorsitzenden zu schreiben. Dieser sprach bei sehr vielen öffentlichen Anlässen und wollte seine Reden regelmäßig mit Zahlen zur Wirtschaftlage untermauert sehen.
Das Problem für mich war nun die Beschaffung aktueller Zahlen. Als Student hatte ich gelernt, die Bibliotheken der Universität des Saarlandes zu nutzen, insbesondere jene unserer Fakultät, die eine sehr gute Präsenzbibliothek war. Die Kreissparkasse jedoch hatte keine eigene Bibliothek, sie sammelte damals nicht einmal systematisch Zeitschriften oder Zeitungen, so dass diese als Archiv (leicht) nutzbar gewesen wären.
In dieser “Notlage” wurde mir das Internet buchstäblich zum Rettungsanker. Ich lernte nämlich sehr schnell, dass sich mit der Eingabe einschlägiger Suchbegriffe in Suchmaschinen (AltaVista!) recht brauchbare Links auf Internetseiten ergaben, die zudem im Laufe der Zeit immer besser wurden. So hatten Institutionen wie die Bundesbank sehr früh Seiten im Internet aufgebaut und dort nach und nach ihre statistischen Daten öffentlich gemacht.
Über das Internet konnte ich also meine Recherchen schnell und einfach durchführen und mein Chef konnte in seinen Reden stets mit aktuellen Zahlen oder Zeitreihen glänzen. Bei meinen Streifzügen durch das Internet lernte ich dann auch bald, dass es da nicht nur Wirtschaftsdaten gab, sondern noch ganz andere Dinge. Die Anschaffung meines ersten eigenen Computers für zuhause und die unmittelbare Einrichtung einer Internetverbindung per Modem (und AOL!) waren die Folge…
Den vielfach noch anzutreffenden hohen Grad an Ablehnung und Fehleinschätzung gegenüber dem Internet erkläre ich mir deshalb damit, dass einfach die positiven Schlüsselerlebnisse (wie bei mir selbst) noch nicht vorgekommen sind. Wem das Internet und erst recht das Web 2.0 noch nicht aus einer “Not” helfen konnte, wird sich möglicherweise nur schwer mit dem Medium anfreunden.
Foto: Question Mark by purpleslog auf Flickr
Schlagworte: Erklärungsmodell, Internet, Motivationsfaktor, Studium
7 Kommentare
19. 1. 2008 um 09:24:48
Pingback von Die Sache mit der Social Software… : edu.tainment
19. 1. 2008 um 09:26:51
Pingback von Social Software / Enterprise 2.0 : edu.tainment
10. 4. 2008 um 08:01:41
Pingback von bwl zwei null » Alles WYSIWYG oder was: Unternehmen und ihre Probleme mit Wikis
2. 1. 2008 um 22:26:50
Christian Henner-Fehr
Ich glaube, besser kann man einem Unternehmen die Vorteile von Social Software nicht beschreiben, super Beitrag!
Und so wie Sie irgendwann gemerkt haben, dass Ihnen das Internet einen immensen Nutzen bringt, müssen das die Veranwortlichen in den Unternehmen auch erkennen.
Und da schlägt die Stunde des Beraters, der im Gespräch herausarbeitet, wie ein Unternehmen Wikis, Blogs, etc. nutzen kann. Und wenn dann der Aha-Effekt eintritt, haben Sie bereits gewonnen. Da sind dann das “Was” und das “Wie” nebensächlich.
3. 1. 2008 um 12:09:29
Matthias Schwenk
@Christian: Ja, so denke ich auch. Es muss dabei auch praktisch erlebbar werden – ohne dass es zu kompliziert und umständlich wird.
4. 1. 2008 um 10:36:29
Chris
schon lustig darüber nachzudenken wie man selbst auf’s internet gekommen ist … und ich glaube, jeder weiß genau, was sein schlüsselerlebnis war!
meins war 1994 – naja, es waren 2. erst mal hab ich im april 1994 ein praktikum bei der außenhandelsstelle der österreichischen wirtschaftskammer in berlin gemacht. und die hatten e-mail! aber nur einen pc, der dieses neumodische zeugs empfangen konnte. und die sekretärin, die das ding bedienen konnte war auf urlaub. also durfte ich die e-mails empfangen und ausdrucken … geantwortet wurde natürlich per brief oder fax
das zweite erlebins, so ab oktober 1994 war dieses, na wie hat das nochmal geheißen, so ein chat bei dem der bildschirm in oben und unten getrennt war, oben hat man selber getippt, unten der chat-partner. das hab ich in kanada genutzt, um mit den (sehr wenigen!) leuten in der heimat zu kommunizieren, die das auch hatten.
jedenfalls – bei mir war das erlebnis, dass ich internet zur kommunikation mit entfernten personen nutzen konnte. und genau das fasziniert mich noch immer!
4. 1. 2008 um 11:28:14
Matthias Schwenk
@Chris: Zu den E-Mails fällt mir auch noch was ein! Ich habe während dem Studium, ich glaube es war 1989, zum ersten Mal eine Visitenkarte bekommen, auf der eine Mail-Adresse stand. Und ich wusste überhaupt nicht, was das soll, dieser Klammeraffe…