2008

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Brauchen wir eine Art “Flatrategebühr für Internetprogramme”? Wolfgang Michal (Carta) hat unlängst eine solche Lösung vorgeschlagen, weil sich guter Journalismus anders nicht finanzieren ließe. Dabei sollten die Netzbetreiber einen Teil ihrer Einnahmen (stolze 25 %) an eine Internetanstalt öffentlichen Rechts abführen, die damit Blogger, Netzzeitungen und auch Musikgruppen finanzieren könnte.

In den Kommentaren auf Carta habe ich dem heftig widersprochen, worauf Wolfgang mich aufforderte, doch Alternativen zu nennen. Das versuche ich hiermit.

Horizontales Downsizing als Notwendigkeit

Ein wesentliches Problem speziell der Zeitungsverlage ist, dass es davon jetzt zu viele gibt. Die horizontale Vielfalt macht im Internet (leider) keinen Sinn mehr und dürfte eine der Ursachen dafür sein, dass sich Paid Content schwer bis gar nicht durchsetzen lässt: Wenn sehr viele das Gleiche anbieten, hat das Produkt am Ende eben keinen Preis mehr. Man bedenke: Nur weil es heute das Internet gibt, hat sich dadurch noch nicht automatisch die Nachfrage nach Nachrichten erhöht.

In dieser Situation ist es meiner Meinung nach falsch, nach Subventionen oder einer Finanzierung durch Gebühren (Flatrate-Abgabe) zu rufen: Denn sollten damit etwa mehrere Dutzend Zeitungsredaktionen alimentiert werden, nur weil die Redakteure und Journalisten alle gerne über die Politik in Berlin berichten und das als Qualitätsjournalismus und nützlich für die Demokratie ansehen?

Für die “Weiterentwicklung der Gesellschaft” wäre es deutlich besser, die Medienfachleute würden aus dem horizontalen Einerlei ausbrechen und statt dessen Chancen auf der vertikalen Ebene suchen: Regionalportale gibt es noch relativ wenig und auf diesem Feld könnte man noch wesentlich weiter gehen, wenn man etwa Elemente von Social Networks einbeziehen würde. Das Produkt wäre im Ergebnis halt etwas ganz anderes als eine “Zeitung”, aber wenn es sich wirtschaftlich rechnete?

Strukturen für den Paid Content

Klar ist: Praktisch jeder Anbieter von Nachrichten im Internet wird auch künftig ein Basisangebot kostenlos anbieten müssen. Warum aber nicht darauf aufbauend bestimmte Teile nur gegen Bezahlung zeigen? Das Wall Street Journal demonstriert, dass der vertikale Ansatz (also mehr Tiefe als Breite), dazu führen kann, dass ein Anbieter in einem Segment als maßgebliche Autorität wahrgenommen wird und er so auch weiterhin einen positiven Preis verlangen kann.

Diesen Ansatz hält übrigens Steve Rubel (Micro Persuasion) auch auf Blogs für anwendbar: Seiner Auffassung nach könnte etwa TechCrunch versuchen, bestimmte Nachrichten an Venture Capitalists exklusiv (bzw. vorab) zu verkaufen.

Ich bin mir sicher, dass wir in den nächsten Jahren in diese Richtung einige sehr interessante Entwicklungen sehen werden. Allerdings denke ich auch, dass die wenigsten davon aus den etablierten (und klammen) Verlagshäusern kommen werden, solange die Zeitungsleute sich nur als Meinungsmacher für ein breites Publikum sehen und nicht in spezielleren Zielgruppen denken wollen.

Personalisierung und Aggregation als Erlösmodell

Ein Ansatz, an den bislang noch niemand gedacht hat: Der einzelne Anbieter überschüttet seine Leser mit so vielen (kostenlosen) Meldungen, Videos und (langen) Artikeln, so dass diese den Überblick verlieren. Dann bietet man gegen Entgelt einen Personalisierungsdienst, bei dem aus der Überfülle sich jeder das für ihn Wichtige zusammenstellen lassen kann. Dass dieser Gedanke nicht ganz absurd sein kann, beweist die Übernahme von Socialmedian durch Xing.

Zudem sind Feed-Reader und RSS noch lange kein Mainstream, wenn sie es je werden: Neben den wenigen Lesern, die sich aus der Vielzahl der Medien ihr individuelles Menü zusammenstellen, dürfte deshalb eine Mehrheit auch künftig sich an einzelnen “Ankermedien” orientieren, die somit schon Chancen für personalisierte Angebote haben sollten.

Parallel dazu zeigen Dienste wie TechMeme oder Rivva, dass im Bereich der Aggregation Einiges zu machen ist. Aber auch hier stehen sich Journalisten eher wieder selbst im Weg, weil sie meist nur daran denken, Nachrichten selbst zu fabrizieren und niemand das Sichten, Zusammenfassen und Verknüpfen als mögliche Dienstleistung sieht.

Decision Enabling

Diesen Punkt hatte ich neulich schon hier im Blog ausführlich behandelt. Auch hier geht es nicht so sehr um Nachrichten an sich, als eher darum, was man damit noch machen kann. Etwa Entscheidungsträger darin unterstützen, bessere Entscheidungen zu fällen. Ein erster Punkt dazu wäre, Kommentare (ohne vorherige Anmeldung) zu allen Artikeln zu ermöglichen. Erstaunlich eigentlich, dass noch längst nicht alle Medien das anbieten.

Fazit

Wege gibt es etliche, wenn auch alle noch mit Unsicherheiten behaftet. Der Kern des Problems liegt eher darin, dass Journalisten, Redakteure und Verlagsunternehmer die neue Welt digitaler Möglichkeiten viel zu sehr durch ihre alten Brillen betrachten – oder um es mit den Worten von Marc Andreessen zu sagen (gefunden bei Dirk von Gehlen), “The people who made horse carriages were not the ones who started car companies.” Muss sich die Geschichte wiederholen?

Abschließend noch eine Empfehlung: Elias Bizannes (Liako.Biz) hat einen sehr guten Artikel darüber geschrieben, wie Michael Arrington zum Blogger wurde. So entstehen Medien und Meinungsmacher heute!

Kennen Sie Weihnachten? In früheren Zeiten soll das mal ein fröhliches Fest gewesen sein, das in allen Familien gefeiert wurde. Aber heute, wo es kaum noch Familien gibt, sieht Weihnachten offenbar ganz anders aus:


Die Werbeagentur AKQA wünscht damit in diesem Jahr allen ein frohes Fest. Ich schließe mich in der festen Hoffnung an, dass Weihnachten nicht überall so frostig, grau und technoid sein möge. Das Video fand ich im Blog von Simon Owens (Bloggasm).

Best Buy ist eigentlich nicht gerade das Unternehmen, das einen vom Stuhl reißen würde. Der “Media Markt” der Vereinigten Staaten hat es aber dennoch in sich, da dieser Einzelhandelsriese keine Berührungsängste gegenüber dem Web 2.0 kennt und sogar mit Prediction Markets experimentiert. Das folgende Video ist fast 30 Minuten lang und (nur) für Enthusiasten in Sachen Enterprise 2.0 in voller Länge sehenswert:


Gefunden habe ich das Video im Blog von Consensus Point, einem Hersteller von Software für Prediction Markets. Darin macht der CEO von Best Buy, Brad Anderson, sehr deutlich, wie die Einführung eines Wikis im Unternehmen das mittlere und höhere Management regelrecht aus der Fassung bringt, weil Entscheidungen plötzlich an der Basis fallen und die Manager auch nicht nicht mehr so stark im Rampenlicht stehen.

In den ersten fünf Minuten des Videos wird gezeigt, welche Tools bei Best Buy derzeit im Einsatz sind: Es gibt ein Social Network (Blueshirtnation.com), ein Diskussionsforum (WaterCooler), das Wiki (What I know is…), ein modernes Vorschlagswesen (Loop Marketplace) und eben den Prediction Market (Tag Trade).

Für die Kunden von Best Buy gibt es ein Forum, über dessen Startseite man auch zu den Blogs und Twitterfeeds einzelner Mitarbeiter gelangt. Mehr kann ein Unternehmen in Sachen Web 2.0 eigentlich kaum tun, oder?

Was bringen Blogs und Wikis in der Wirtschaftskrise? Den Unternehmen der Industrie bricht gerade der Umsatz in einem nie dagewesenen Maße weg, würde es da helfen zu twittern?

Twitter allein wird es natürlich nicht richten können, das Web 2.0 insgesamt aber schon, wenn wir den Begriff nur großzügig definieren. Hier ein Entwurf für die Vertriebsstruktur für Mittelständler im Bereich der Investitionsgüter (B2B).

Gehen wir davon aus, dass aufgrund der Umsatzeinbrüche Geschäftsreisen und Messebesuche auf ein Minimum gestrichen werden. Wie sollen unter solchen Bedingungen der Kontakt zu den bestehenden Kunden gehalten und zudem neue Geschäftsbeziehungen aufgebaut werden?

Ganz hoffnungslos ist die Lage nicht, denn es bleiben dem Vertrieb ja noch Telefon und Internet! Jetzt ist die Zeit für Blogs im Vertrieb gekommen, seien diese auf einzelne Länder oder auch auf Marktsegmente hin zugeschnitten. Ob die Firmen es wollen oder nicht, sie müssen jetzt eine fachspezifische, digitale Öffentlichkeit um ihre Angebotspalette herum schaffen. Die Vertriebler und erst recht die Einkäufer wissen heute, dass praktisch vor jedem Kauf im Internet recherchiert wird. Genau auf diese Rechercheprozesse hin müssen Blogs im Vertrieb gedacht werden.

Inhaltlich sind solche Blogs multimedial auszurichten. Videos, Screencasts, Webcasts und Webinare müssen den Kern des Angebots ausmachen, klassische Pressetexte sind hier völlig fehl am Platz. Hier geht es schließlich nicht um Pulitzerpreise, sondern um Kontakte: “The real value of social software is that it helps develop and maintain closer relationships with more people than you could without it“.

Überhaupt sind Vertriebsblogs nicht im Sinne klassischer Medien zu denken, sondern müssen viel mehr als eine Art “virtueller Showroom” gesehen werden, der primär Anlaufstelle und Treffpunkt ist, von dem aus sich dann individuell diskretere Begegnungen arrangieren lassen.

Schon in naher Zukunft wird man solche “Treffpunkte” um 3D-Räume ergänzen können, in denen sich Produkte oder ganze Produktionsabläufe in Simulation darstellen lassen. Ebenso werden sich nahtlos Tools für Video- und Telefonkonferenzen integrieren. Das Internet wird damit immer mehr zu einem Medium, in dem die asynchrone (”massenmediale”) Kommunikation in den Hintergrund tritt und Formen der direkten, synchronen Kommunikation die Oberhand gewinnen.

Gerade der in Deutschland so wichtige Bereich der Investitionsgüter (man denke an den Maschinenbau!) muss das endlich erkennen und speziell seine Chancen darin sehen! Freilich: Einen gewissen Nachteil hat die hier skizzierte Perspektive. In einer Welt der Vertriebsblogs, 3D-Showrooms und der Onlinekonferenzen ist permanent “Messezeit”. Die Zeit der diskret und verschwiegen operierenden Mittelständler, die nur ein- oder zweimal im Jahr auf einer Fachmesse sichtbar sind, geht unwiderruflich zu Ende.

Im 21. Jahrhundert sind wir alle fast permanent “auf Sendung”, jederzeit zu orten und immer einer mehr oder weniger großen Öffentlichkeit ausgesetzt. Transparenz und Offenheit sind die Leitmotive dieser neuen Zeit. Wer sich dem verschließt, braucht schon ein extrem gutes Produkt – und sollte in der aktuellen Krise auch keine Umsatzeinbußen verzeichnen. Alle anderen wissen jetzt, was sie tun können…

Google meint es gut mit uns und ist darüber prompt mal wieder ins Gerede gekommen. Das Wall Street Journal meinte nämlich Belege dafür gesehen zu haben, dass Google derzeit Anstrengungen unternehme, dass seine Daten bevorzugt im Internet übermittelt würden. Alles Quatsch, beeilt man sich bei Google mit einer Antwort, man stehe nach wie vor zur Netzneutralität und im konkreten Fall ginge es nur darum, dass den EDGE-Netzen einiger Anbieter (im Mobilfunk) Daten von Google bzw. YouTube durch eine Art vorgelagertes Caching (wofür Google Sorge tragen würde) etwas schneller zur Verfügung gestellt würden.

Nun bin ich ja nicht vom Fach und komme hier nur einer Aufforderung von Christiane Schulzki-Haddouti nach, Themen der Netzpolitik auf breiterer Ebene aufzugreifen (was ich hiermit erstmals tue). Aber wenn ich mir eine Definition von Netzneutralität ansehe und dann überlege, was Google aktuell vorhat, sehe ich auf den ersten Blick durchaus eine mögliche Verletzung dieses Prinzips.

Om Malik geht in seiner Betrachtung zum Thema deshalb so weit, dass er Google unterstellt, deren Motto “do not evil” sei nichts weiter als heiße Luft (”nothing more than hot air”). Abgebrühtere Naturen wie etwa Henry Blodget (Silicon Alley Insider) finden dagegen nichts Verwerfliches am Vorgehen von Google. Er kritisiert eher das Konzept der Netzneutralität und bezeichnet es als eine absurde Überzeugung (”absurd conviction”).

Diese Betrachtungen sind aber wohl falsch. Um zu verstehen, was da wirklich vorgeht, muss man sich mit Servern und deren Standorten in bestimmten Gebäuden befassen. Demnach rückt Google stellenweise mit den eigenen Servern geografisch (topologisch) möglichst nah an Serverstandorte von Knotenpunkten des Internets, einfach um (Leitungs-) Kosten zu sparen, wie Sam Gustin (Portfolio.com) anschaulich beschreibt.

Große Unternehmen wissen also ganz genau, wo die “Eingänge” zum Internet sind und versuchen mit ihren Servern nahe dran zu sein. Idealerweise sogar im gleichen Gebäude, nur auf einem anderen Stockwerk (was sich in den Wolkenkratzern New Yorks offenbar trefflich arrangieren lässt).

Hier über die Neutralität des Internets zu streiten, kommt mir dann doch etwas haarspalterisch vor. Der Fall zeigt aber, dass es auf Nuancen ankommt und man tief in die Materie einsteigen muss, um nicht selber falsch zu urteilen…

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