Dezember 2007

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New Year SunriseEin neues Jahr steht vor der Tür und damit erst einmal die Gelegenheit, Prognosen und Perspektiven zu formulieren. Robert Basic fasst sich eher knapp, während Martin Weigert sich schon etwas weiter aus dem Fenster lehnt. Ich bin grundsätzlich optimistisch für Social Software und denke, dass sie sich allmählich (in Deutschland) durchsetzen wird, auch wenn es aus unterschiedlichen Richtungen noch sehr großen Widerstand geben wird. Hier sind meine Erwartungen:

  1. Die Dominanz von Google in der Suchmaschinentechnologie beginnt zu bröckeln. Neue semantische Suchmaschinen (auch aus Deutschland?!) werden auf den Markt kommen und einen Qualitätswettbewerb entfachen, der Google erstmals leicht in die Defensive bringen wird. Dass ab Januar auch Jimmy Wales in diesem Markt mitmischen wird, halte ich dabei aber für weniger bedeutsam: Der Ansatz der Wikia dürfte den semantischen Konzepten unterlegen sein.
  2. Das mobile Web dämmert leider weiter vor sich, auch wenn eine Flut neuer und attraktiver Smartphones 2008 auf den Markt kommen wird: Die Mobilfunkanbieter bremsen den Markt durch zu hohe Preise und das ängstliche Festhalten an ihren unattraktiven Walled Gardens aus.
  3. Im Web 2.0 bleibt dagegen viel in Bewegung: Facebook kommt (u.a.) nach Deutschland, während hier laufend weiter neue Communities an den Start gehen. Gut möglich, dass neben viel Belanglosem auch ein paar sehr substantielle Angebote dabei sein werden.
  4. Zeitungsverlage verlieren weiter schleichend (junge) Leser und werden immer nervöser. Sie polemisieren öfter und schärfer gegen Blogs, Blogger und das Mitmachweb generell. Das könnte ähnlich groteske Züge annehmen wie im Fall der amerikanischen Musikindustrie, die mittlerweile schon Menschen verklagt, die nur ihre rechtmäßig erworbenen CDs auf dem eigenen Computer abspeichern.
  5. Zum Lichtblick könnten da die Buchverleger werden. Getragen von einer relativ guten Umsatzwelle und damit psychologisch in einer viel besseren Ausgangslage als die Zeitungen, wagen sich nach und nach mehr Verlage ins Web 2.0. Ihnen kommt dabei zu Gute, dass der Markt für elektronische Lesegeräte erst allmählich in Bewegung kommt und noch kein dominantes Geschäftskonzept gefunden ist.
  6. Social Software im unternehmensinternen Einsatz (Enterprise 2.0) dürfte 2008 den Experimentierstatus hinter sich lassen und mit einem signifikanten Potenzial zur Steigerung der Produktivität von sich reden machen. Es werden sich immer mehr Unternehmen damit befassen.
  7. Mit einer gewissen Sorge sehe ich den Öffentlichen Sektor (in einem durchaus weit gefassten Sinn). An vielen Schulen wird das Thema eLearning auch im nächsten Jahr ein abstrakter Begriff bleiben. Den Jugendlichen bleibt es damit weiterhin selbst überlassen, das Web kennen zu lernen und Medienkompetenz zu erwerben. Ob sich an den Hochschulen auf breiter Front herumsprechen wird, dass Social Software ein Thema aller Fakultäten und nicht nur der Informatiker ist? Ich habe Zweifel. Auch Behörden werden noch nicht auf breiter Front auf den Zug aufspringen. Problematisch könnte die Rechtsprechung werden, da die Gerichte zwar zunehmend mit Fällen des Internetrechts befasst sind, ihnen aber eigene (Anwendungs-) Erfahrungen fehlen.
  8. Ein Bremsfaktor ist und bleibt auch die Politik, die Schützenhilfe von den Medien erhält, insbesondere dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Beide Bereiche fürchten um ihrem Einfluss in einer zunehmend partizipativ vernetzten Welt.

Das ergibt zusammengenommen ein recht durchmischtes Bild, in dem aber (ganz wie auf dem obigen Foto) die positiven Töne überwiegen. Unserer Gesellschaft als Ganzes wird im klarer werden, dass das Internet eine alles verändernde Größe ist, die keinen Lebensbereich ausnimmt. Stellenweise wird dies freudig begrüßt, an anderer Stelle dagegen ignoriert oder gar bekämpft. Ich plädiere dafür, den Wandel anzunehmen und mit B. B. King zu sagen, “Let the good times roll“.

Fröhliche Weihnachten

Heute mache ich es kurz. Ich wünsche allen Lesern fröhlich Weihnachten. Und ich lade Sie ein, einen Blick auf die gute alte Schultafel zu werfen – oder das, was man am MIT daraus gemacht hat…


Gefunden habe ich das Video, in dem ich zunächst hier (anmut und demut) und dann hier (Games are Art 2.0) gelesen habe. Ausführlichere Informationen auf Deutsch gibt es hier (Interface Design und Usability Blog).

Wikipedia LogoIch möchte ja fast darauf wetten, dass Oliver Gassner diese Story damals auch schon als Blogger mitbekommen hat: Im Jahr 2002 wettete Dave Winer mit dem Manager Martin Nisenholtz von der New York Times, dass im Jahr 2007 bei einer Suche mit Google zu den Top 5 Begriffen des Jahres, Blogartikel vor der New York Times zu liegen kämen.

Diese Wette hat Dave Winer nun knapp gewonnen. Associated Press veröffentlichte jetzt die Top 10 Schlagzeilen des Jahres, anhand derer sich die Google Suche zur Wette durchführen lässt. Das Ergebnis brachte aber auch noch einen “heimlichen” Sieger zu Tage, den keiner der Wettenden auf der Rechnung hatte: Die Wikipedia.

Zum Zeitpunkt der Wette war sie erst ein Jahr alt und noch wenig bekannt. Heute scheint sie nicht nur eine führende Quelle für Informationen allgemeiner Art zu sein, sondern auch für tagespolitische Schlagzeilen, die eher die Domäne der Zeitungen bzw. der Blogs sein sollten.

Schnelle Hilfe wirkt Spendenbutton Ärzte ohne GrenzenIm Blog von Dr. Brigitte Reiser (Nonprofits-vernetzt.de) wurde ich auf eine neue Website der Ärzte ohne Grenzen aufmerksam, die in Österreich entworfen und online gestellt wurde. Und ich kann ihr nur zustimmen: Die Website ist sehr gut gemacht und zeigt, wie man die Mittel des Web 2.0 sinnvoll einsetzen kann.

Im Zentrum steht eine Google-Map, auf der die Einsatzorte der Ärzte gekennzeichnet und mit einem Link zu weiterführenden Informationen versehen sind. Es gibt Videos, Podcasts, Bilder auf Flickr und sogar einen Twitter-Feed. Auch an das mobile Web ist gedacht. Einzig ein Blog fehlt (obschon die Seite mit der Blogsoftware von Movable Type gemacht wurde). Damit kommt der Dialog etwas kurz, was man aber auf einer Seite, die primär zum Spenden aufruft, akzeptieren kann.

Wollte man das Konzept noch weiter führen, könnten zu den einzelnen Hilfsprojekten Blogs aufgesetzt werden, mit denen die jeweilige Arbeit vor Ort dokumentiert wird (via Text, Podcast oder auch Video). Und um hier aber die Ärzte nicht über Gebühr mit Öffentlichkeitsarbeit in Beschlag zu nehmen, wäre ein Ansatz denkbar, den Martin Koser neulich formuliert hat: Die Ärzte ohne Grenzen müssten dazu ihre gesamte (reguläre) Arbeit über Wikis organisieren. Die Öffentlichkeitsarbeit wird dann auf die Wikistruktur aufgesetzt, so dass auch Teile des Wikis öffentlich einsehbar werden.

Ohne das hier im Detail auszuführen, führt uns das Denken in diese Richtung zu wahrhaft vernetzten Strukturen! Wo heute noch fein säuberlich in Intranet und Internet getrennt wird und die Walled Gardens intensiv gepflegt werden, wird uns die Zukunft vollkommen offene Strukturen präsentieren.

Der Freund und Gönner der Ärzte ohne Grenzen surft dann eben auf deren Spendenseite, sucht sich auf der Map das ihn interessierende Projekt und wechselt über einen Link auf das Projektblog. Von dort geht es weiter in das Wiki der Hilfsorganisation, wo etwa die Konzeption des Projektes dokumentiert und öffentlich einsehbar ist. Von dort führen weitere Links zu externen Quellen etwa der Vereinten Nationen und der Weltbank, wo Informationen zur Landeskunde hinterlegt sind. Diese wiederum könnten mit Google Earth verbunden sein, so dass man sich ein unmittelbares Bild “von oben” machen kann. Die bei Google Earth hinterlegte Semantik wiederum erkennt die Surfhistorie unseres Spenders und bietet ihm in weiteren Links etwa Filmbeiträge der BBC oder aktuelle Blogartikel in seiner Muttersprache an…

So wie sich diese Hilfsorganisation heute schon im Internet präsentiert, habe ich keinen Zweifel daran, dass man sich dort einem solchen Szenario gegenüber aufgeschlossen zeigen wird. Andere, die diesen Trend nicht erkennen und mitgehen, werden irgendwann buchstäblich im Dunkeln stehen.

Warum sollte ein Startup bloggen? Und worüber? Vor dem offiziellen Launch oder einer Betaphase will man ja eigentlich nicht viel über seine Geschäftsidee preisgeben. Zudem ist die Zeit fast immer knapp und man will seine ganze Energie in den eigentlichen Firmenaufbau stecken.

So denken offenbar viele, selbst wenn sie eine hohe Affinität zum Web 2.0 haben. Ich habe deshalb eine Präsentation zusammengestellt, die zugleich so etwas wie die Fortsetzung dieses Konzeptes ist. Damals wurde ja in der Diskussion auch immer wieder die Frage nach dem “warum” aufgeworfen.

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Als positives Beispiel in der Präsentation erwähnt (und hiermit auch verlinkt) ist das Blog von MyMuesli. Das Foto im Hintergrund stammt von Gilles Klein, Paris.

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