Moderne Kunst vermitteln: Neue Technologien und Medien gezielt einsetzen

Moderne Kunst Galerie Gmurzynska

Smartphones, virtuelle Realität, Facebook, Instagram und Snapchat – neue Technologien und Medien verändern unsere Wahrnehmung, auch die für moderne Kunst. Doch während die Kunst lange Zeit selbst die Wahrnehmung beeinflussen konnte und damit ein wichtiges „Medium“ war, haben zuletzt die neuen technologischen Medien immer mehr diesen Platz eingenommen. Wie aber können Museen und Galerien sich heute einem modernen Publikum digital präsentieren und so ihre Wichtigkeit demonstrieren?

Die Kunst des 20. Jahrhunderts war ein Rausch an Farben, Formen und Metaphern. Damit hat sie Kontroversen und Skandale ausgelöst, weil mit neuen Techniken der Darstellung immer neue Aspekte des Lebens und der Wirklichkeit sichtbar gemacht werden konnten. Kunst war Provokation und Gesellschaftskritik, in subtiler Form etwa bei Franz Marc und seinen blauen Pferden, sehr viel unmittelbarer bei den Fettecken von Joseph Beuys.

Die moderne Kunst und ihr mediales Problem

Doch im beginnenden 21. Jahrhundert scheint die Kraft der zeitgenössischen Kunst nicht mehr stark und anziehend zu sein: Die digitale Medienrevolution hat neue Techniken und Medien hervorgebracht, die attraktiver und wichtiger scheinen. Stellen Facebook und Instagram mit ihren Timelines die neuen Filter dar, mittels derer der moderne Mensch die Welt sieht und wahrnimmt? Oder noch kürzer formuliert: Kann Facebook die moderne Kunst einfach ersetzen?

Das Verführerische an den neuen digitalen Medien ist zweifellos die Möglichkeit der Teilhabe. Die Nutzer von Smartphones oder Tablets bleiben nicht auf die Rolle von Zuschauern und Konsumenten beschränkt, sondern können – dank Social Media – selbst partizipieren und damit Wirklichkeit gestalten: Likes, Kommentare und Selfies schaffen Resonanz im Kleinen wie im Großen. Vor diesem Hintergrund wirken Kunstwerke in Museen und Galerien zunächst „eindimensional“, weil ihnen das attraktive Element der partizipativen Reaktion fehlt. Doch in genau diese Lücke können und müssen Museen und Galerien springen.

Das moderne Publikum möchte mitmachen

Moderne, junge Besucher lassen sich am einfachsten durch die Möglichkeit der aktiven Teilnahme begeistern. Sie möchten einbezogen werden und ihre persönliche Meinung mit anderen teilen können. Das hat die Picasso-Ausstellung im Palazzo Strozzi (Florenz) im Jahr 2014 sehr gut umgesetzt: Zwischen den präsentierten Kunstwerken wurde Fragetafeln aufgestellt. Sie forderten das Publikum auf, sich aktiv mit den Kunstwerken zu beschäftigen und ihre persönlichen Ansichten zu bestimmten Fragen aufzuschreiben. Die besten Antworten wurden in ständigem Wechsel für andere Besucher sichtbar gemacht. Im Anschluss konnte man auf einem großen Touchscreen ein eigenes Kunstwerk erschaffen und es sich per E-Mail zuschicken lassen.

Die Besucher waren so aktiv eingebunden und das Museum konnte ganz nebenbei noch wertvolle Kundendaten sammeln. Allerdings blieb die Ausstellung mit dieser Methodik im Kern auf das Publikum im Museum selbst fokussiert. Der Dialog fand intern statt und wurde nicht, etwa im Sinne viraler Effekte, nach außen getragen.

Lokationsdaten als aktivierendes Element

Viel zu wenig genutzt werden Lokationsdaten, etwa um das kunstinteressierte Publikum auf Kunst im öffentlichen Raum, auf Museen und Galerien aufmerksam zu machen. Auch innerhalb weitläufiger Museen wie etwas dem Louvre (Paris) könnte man damit arbeiten.

Ein Problem ist hier, dass Anbieter wie Facebook und Google wenig Interesse daran haben, in ihre Dienste spezielle Angebote etwa für den Kunstsektor zu implementieren. Im Vordergrund stehen bei ihnen durchweg kommerzielle Interessen, vor allem in Verbindung mit Werbung. Doch gerade für Werbung haben Museen und Galerien in der Regel wenig Mittel zur Verfügung.

Eine Ausweichmöglichkeit wären spezielle Apps. Doch diese müssen nicht nur programmiert werden, sondern im zweiten Schritt auch verbreitet werden. Hier könnte es am Publikum scheitern, das seine Aufmerksamkeit in den letzten Jahren zunehmend auf einige wenige Apps fokussiert hat: Einmal mehr stehen hier Facebook und Google ganz oben in den App-Hitparaden, was nicht sehr vorteilhaft für die moderne Kunst ist.

Kunst im virtuellen Raum

Wenn es an der lokationsbasierten Kunstvermittlung im realen Raum mangelt, warum nicht auf virtuelle Räume ausweichen? Oculus Rift und andere Virtual-Reality-Brillen gelten als Technik mit Potenzial. So präsentierte beispielsweise die Royal Academy in London Anfang diesen Jahres die „Virtually Real“ Ausstellung (für immerhin ganze drei Tage). Die Besucher konnten dabei mit Hilfe eines VR-Headsets virtuelle Kunstwerke betrachten. Gleichzeitig wurden diese Kunstwerke auch mit Hilfe von 3D-Drucker als reale Objekte sichtbar gemacht. Die Kunst betritt hiermit Neuland und wird begehbar und dreidimensional erfahrbar.

Social Media und die moderne Kunst

Am Ende bleibt das weite Feld der Social Media. Mit ihnen kann längst nicht mehr nur ein junges und experimentierfreudiges Publikum erreicht werden, sondern zunehmend alle Altersschichten, auch wenn laut einer amerikanischen Studie aus dem Jahr 2016 vorwiegend junge Menschen Kunst über Plattformen wie Instagram oder Pinterest für sich entdecken. Das ältere Publikum scheint weiterhin den Weg über Museen oder Galerien zu bevorzugen.

Social Media kann also dazu eingesetzt werden, potenzielle Besucher auf ein bestimmtes Angebot aufmerksam zu machen. Davon können auch kleine Adressen profitieren, wie etwa private Galerien, die abseits des Mainstreams arbeiten. Ein Beispiel dafür ist die Galerie Gmurzynska (Zürich), die zeitgenössische Kunst präsentiert und Facebook dazu nutzt, um auf ihre Veranstaltungen und Ausstellungen aufmerksam zu machen.

Doch mit verbalen Ankündigungen allein kommt man auf Facebook heute nicht mehr weit. Die Galerie setzt deshalb auch auf hochwertig produzierte Videos:

Parallel dazu gibt es inzwischen auch einen Account auf Instagram und natürlich ist man auch auf Artsy, einer speziellen Plattform für Kunstwerke, vertreten. Das aber zeigt, dass der Aufwand, speziell für kleinere Adressen, auf Social Media relativ hoch ist. Ohne Fleiß kein Preis!

Social Media kann aber noch mehr: Etwa Museen dabei unterstützen, Kunstwerke für die Sammlung zu erwerben. Das Palazzo Madama (Turin) hat mit Hilfe des Crowdfunding Geld gesammelt, um wertvolles Porzellan kaufen zu können.

Interaktion und Partizipation sind Erfolgsfaktoren

Das Beispiel Crowdfunding zeigt dabei, wohin die Reise geht: Museen und Galerien müssen ihr Publikum künftig stärker einbinden und in der Folge selbst zu Botschaftern der Kunst machen. Fotografie-Verbote sind dabei kein guter Ratgeber. Im Gegenteil: Das Publikum muss sich als Teil der Kunst erleben bzw. sich und diese medial inszenieren können („Selfies mit Kunst“). So entstehen virale Effekte, mittels derer die Kunst sowie die Museen und Galerien wieder mehr ins Gespräch kommen bzw. zu „Trending Topics“ werden.

Darüber hinaus sollte die Kunstszene vermitteln, dass nicht die Algorithmen von Google oder Facebook die Wirklichkeit für uns bestmöglich aufbereiten, sondern dass die Kunst selbst auch in Zukunft ein sehr wichtiges Element bleiben wird, um das Leben mit anderen Augen sehen zu können. Dabei zählt das unmittelbare Erleben mehr als die mediale Repräsentation. Das ist die eigentliche Botschaft.