Was Blendle tun muss um mich als Leser zu halten

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Blendle ist ein digitaler Zeitungskiosk, der aus einer Vielzahl von Zeitungen und Zeitschriften Artikel einzeln zum Kauf anbietet. Damit wird in Deutschland Realität, was ich mir auf diesem Blog schon im April 2007 gewünscht habe! Doch passt Blendle heute noch in unsere Zeit? In Sparten wie Musik und Film dominiert inzwischen das Streaming gegenüber dem Einzelkauf.

Als Apple im Jahr 2003 auf seiner iTunes-Plattform Musiktitel einzeln zum Kauf anbot, war das eine Sensation. Inzwischen ist dieses Geschäftsmodell allerdings in die Defensive geraten, weil Streaming-Dienste populärer geworden sind. Nicht mehr einzelne Titel, auch nicht das Album, sondern gleich der gesamte Katalog an Musik wird heute von einem überwiegend jüngeren Publikum geordert.

Gute Inhalte…

In diese Situation hinein möchte das niederländische Startup Blendle ab Mitte September dem deutschen Publikum Artikel einzeln zum Kauf anbieten. In den Niederlanden klappt das offenbar schon so gut, dass man jetzt den Schritt nach Deutschland gewagt hat. Für die deutsche Ausgabe sind von Beginn an einige namhafte Verlage mit an Bord: Die Welt, die Frankfurter Allgemeine, die Süddeutsche, der Tagesspiegel sowie Cicero, der Spiegel, Stern und die Zeit.

Blendle Screenshot

Apps gibt es noch nicht, Blendle läuft im Browser. Die Artikel werden nach Themen sortiert präsentiert. Der Einkauf gestaltet sich denkbar einfach, sobald man als Kunde registriert ist und Guthaben auf der Plattform hat.

…zu hohen Preisen.

So weit so gut. Doch schnell fallen die relativ hohen Preise ins Auge: 1,99 Euro für einen Artikel aus dem Spiegel? Das untere Limit bilden Beträge von 0,15 bzw. 0,25 Euro. Größer wird die Auswahl zwischen 0,45 und 0,89 Euro. Blendle ist also kein billiges Vergnügen. Wer mehrere Artikel nacheinander liest, hat schnell 2 Euro und mehr ausgegeben.

Dazu kommt, dass zumindest derzeit weder ein Datum noch die Länge eines Artikels (in Worten oder Zeichen) angegeben wird. Man kauft also die Katze im Sack. Immerhin gibt es die Möglichkeit, sich den Betrag zurückerstatten zu lassen, wenn der Artikel nicht gefällt. Das ist als Mechanismus ganz gut, denn wenn man aus dem täglichen Newsletter auf einen Artikel klickt, hat man diesen auch schon gekauft (eine Voransicht gibt es in diesem Fall nicht).

Wer mehrere Artikel eines Mediums lesen möchte, muss diese nicht einzeln kaufen, sondern kann auch gleich die gesamte Ausgabe erwerben. Ähnlich wie schon bei iTunes werden dabei einzeln erworbene Titel auf den Gesamtpreis angerechnet.

Ein Schlupfloch bilden Artikel bzw. Kommentare, die auch im kostenlosen Angebot der jeweiligen Medien zu finden sind. So etwa Jakob Augsteins Politik-Kolumne, die offenbar zunächst auf Blendle angeboten wird und später bei Spiegel-Online „hindernisfrei“ gelesen werden kann. Das betrifft auch Artikel aus den Zeitungen, insbesondere wenn diese schon einige Tage alt sind. Auf Blendle erscheinen sie wie Neuware (weil sie kein Datum tragen), während eine Google-Suche ihr wahres Alter zeigt und sie im frei zugänglichen Angebot des jeweiligen Anbieters ortet.

Der große Wurf für Paid-Content?

Insgesamt sehe ich in Blendle eine Bereicherung der deutschen Medienlandschaft. Allerdings bin ich skeptisch, ob sich das Angebot in der bestehenden Form wird auf Dauer halten können. Warum soll für einen einzelnen Artikel etwa der FAZ 0,45 Euro bezahlt werden, wenn der E-Kiosk dieser Zeitung die komplette Tagesausgabe für 1,70 Euro anbietet?

Wo die Preise nicht tiefer gesetzt werden können, weil ansonsten die Transaktion an sich keinen wirtschaftlichen Sinn mehr macht, sollten insbesondere die Zeitungen Bündel-Lösungen auf Blendle in Betracht ziehen. Ansonsten wird sich die Plattform nur für Magazine bzw. Zeitschriften lohnen, die hier ihre umfangreicheren Artikel einzeln zum Verkauf anbieten können.

Auch wenn der Blick auf Apple iTunes keine klare Antwort darauf geben kann, wie sich langfristig Einzelkäufe gegenüber Streaming-Lösungen schlagen werden, so zeigt das Beispiel doch, dass Zeitungsverlage gut beraten sind, wenn sie sich flexibler und experimentierfreudiger als die großen Musik-Labels geben. iTunes würde besser dastehen, wenn Apple mehr Spielraum bei der Preisgestaltung hätte. Damit wünsche ich Blendle in Deutschland viel Erfolg.