Das Leistungsschutzrecht: Ein zahnloser Tiger

Buchhandlung Heckenhauer Tübingen Leistungschutzrecht

Erstaunlich hitzig wird mittlerweile die Debatte um das Leistungsschutzrecht für deutsche (Zeitungs-) Verlage geführt. Dabei reflektiert dieses Gesetzesvorhaben bestenfalls den technischen Stand der letzten 10 Jahre und könnte so schon relativ bald obsolet werden, weil mit medialen Inhalten aus dem Web künftig vielleicht ganz anders umgegangen wird.

Deshalb soll an dieser Stelle nicht das Für und Wider eines Leistungsschutzrechts interessieren (dazu sei exemplarisch auf Wolfgang Michal, Wolfgang Münchau und Stefan Plöchinger verwiesen), sondern ein Blick auf die Zukunft möglicher Geschäftsmodelle digitaler Medien und ihrer technischen Basis geworfen werden. Denn der gesamten Debatte wäre schnell ihre Schärfe genommen, wenn allen Beteiligten einigermaßen klar wäre, wie künftig Geschäftsmodelle für klassische Medien nach dem Übergang von Print zu Online aussehen werden.

Das aber ist ein großes Problem: Denn Geschäftsmodelle für Medien im Netz sind keine einfache Angelegenheit. Paywalls etwa funktionieren nur in relativ wenigen Fällen, Freemium scheint ebenfalls kein Selbstläufer zu sein und die rein werbefinanzierten Nachrichtenportale lohnen sich nur im Massengeschäft bei extrem viel Traffic. Damit aber sitzen die meisten Verlage zwischen den Stühlen.

Hinzu kommt, dass viele Leser im Netz ihre Bindung an einzelne Medien praktisch aufgegeben haben und stattdessen ein buntes Potpourri an Informationen konsumieren, das teils auf den Empfehlungen von Freunden basiert, etwa in den Newsfeeds diverser Social Networks oder über E-Mail bzw. Instant Messaging („Dark Social„), teilweise aber auch direkt von einzelnen Medien kommt, weil man ihnen auf Twitter folgt oder ihre Facebook-Seite abonniert hat. Das ist aber noch nicht alles. Dem an Nachrichten interessierten Leser wird darüber hinaus eine nicht mehr zu überschauende Menge an Apps für Smartphones und Tablets angeboten, angefangen von Flipboard bis hin zu Summly, die Meldungen filtern, kürzen oder anreichern um sie dann optisch mehr oder weniger ansprechend aufbereitet darzustellen.

Wer damit am Ende Geld verdienen wird und welche Modelle konform mit dem Urheberrecht gehen, ist alles noch ziemlich offen. Ironischerweise ist es mit dem Geld verdienen im Netz selbst bei den Flaggschiff-Plattformen wie Facebook und Twitter nicht übertrieben weit her: Während Twitter bis heute kein wirklich überzeugendes Geschäftsmodell vorweisen kann und eher in einer Art „Endlos-Metamorphose“ zu stecken scheint, kann Facebook zwar schon ganz ordentliche Einnahmen verbuchen, damit aber seine hohe Börsenbewertung längst noch nicht rechtfertigen. Die meisten Zeitungsverlage jedoch wären froh, sie hätten die Probleme von Facebook…

Wie also wird die Zukunft aussehen?

Ich glaube fest an Paid Content. Nur werden die Leser künftig nicht für die Art von Content bezahlen, den die Medienbranche heute noch für qualitätsvoll und demokratieerhaltend hält. Denn dieser Content hat mit dem Web seine (relative) Exklusivität verloren, es gibt ihn hundertfach an jeder Ecke, wie ein einfacher Blick auf Google News bestätigt. Diese „normalen“ Nachrichten (mit einer Tendenz zum Boulevard) werden künftig wohl überwiegend über die öffentlich-rechtlichen Sender und Nachrichtenseiten wie Spiegel Online als frei verfügbare und verlinkbare Inhalte gehandelt werden. Bezahlen wird man dafür nur indirekt, also über Gebühren (GEZ), Werbeeinblendungen und Cookies.

Der Markt für Paid Content hingegen wird sich neu entwickeln und sehr viel tiefer gehende Informationen anbieten als das in der Welt der gedruckten Medien der Fall war. Anstatt wie bisher stark in die Breite zu gehen („jeder kann über alles berichten“), werden sich die Medienhäuser Spezialgebiete suchen und diese dann mit hoher Kompetenz und mit Alleinstellungsmerkmalen abdecken. Bestandteile dieser neuen Informationskompetenz werden die Integration von Vorhersagemärkten (Prediction Markets), die Analyse sehr großer Datenmengen (Big Data) und sehr wahrscheinlich auch die Interaktion über sprachbasierte Assistenzsysteme sein: Was Siri von Apple bzw. Google Now uns heute anhand einfacher Informationen und Tasks zeigen, könnte morgen die übliche Herangehensweise bei komplexen Entscheidungsprozessen sein.

Wer also künftig bei einem Thema tiefer einsteigen möchte, wird vermutlich nicht mehr eine Menge langer und trockener Artikel lesen, sondern ein spezialisiertes Assistenzsystem mittels mündlich gestellter Fragen kontaktieren. Die Antworten werden in Form von Textauszügen, Bildern, Grafiken und Animationen gegeben und können durch gezieltes Nachfragen erweitert und vertieft werden. Am Ende erhält der Benutzer so eine ganz auf seine individuellen Bedürfnisse zugeschnittene Antwort.

Dass wir von einer solchen Zukunft nicht mehr weit entfernt sind, zeigt die Menge an Assistenz-Apps, die man sich heute schon kostenlos auf sein Smartphone herunterladen kann. Apple und Google sind hier keineswegs allein unterwegs. Stattdessen müht sich eine ganz Phalanx an Startups darum, die technischen Möglichkeiten dieser Systeme auszuloten und die dazu passenden Geschäftsmodelle zu entwickeln. Zwar hapert es bei fast allen Vertretern dieser neuen Gattung noch hin und wieder an den richtigen Antworten, aber das Niveau an Spracherkennung ist schon frappierend hoch (Beispiele sind Kngine, Maluuba oder Winston).

Systeme dieser Art werden aber nicht nur dem einzelnen Anwender Antworten liefern, sondern auch ganze Teams simultan unterstützen können. Darüber hinaus werden Elemente von Social Media Einzug halten, wie etwa Bewertungen zu einzelnen Wissens-Bausteinen oder das Crowdsourcing für Fragestellungen, für die es im System noch keine zufriedenstellende Lösung gibt.

Ohne Zweifel wird diese Form des interaktiven und dynamischen Umgangs mit Informationen attraktiver sein als das Lesen von Texten, bei denen man zu Beginn noch nicht sicher ist, ob sie auch die gewünschten Antworten werden liefern können. Wozu aber wird in einem solchen Kontext das Leistungsschutzrecht gut sein? Wen wird es dann noch beschützen? Anstatt sich mit Google um Snippets und Links zu streiten, sollten deutsche Medienhäuser lieber zusehen, wie sie selbst digitale Informations- und Wissenssysteme aufbauen können und dazu ihre Archive bestmöglich einbinden können. Das Leistungsschutzrecht selbst, sollte es denn kommen, wird schon in wenigen Jahren nicht viel mehr sein als ein zahnloser Tiger, der zwar noch fauchen kann, vor dem aber niemand mehr Angst haben wird, weil er schlicht keine Rolle mehr spielt.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Neue Geschäftsmodell sind die Lösung. Klar, WIR wissen das. Aber die altertümlichen Führungs-Köpfe der deutschen Massenmedien will das nicht und macht das sehr deutlich mit dem LSR.
    Wir müssen uns jetzt dafür kämpfen damit all die neuen Modelle enstehen können und nicht durch Wunsch-Gesetze der „Klassiker“ verhindert werden.

  2. @Ralle: Ich denke dass sich die „altertümlichen Führungsköpfe deutscher Massenmedien“ einem immer stärker werdenden ökonomischen Druck ausgesetzt sehen werden, der ihnen einfach neue Modelle aufzwingen wird.

    Denn was würde den Verlagen das Leistungsschutzrecht und in der Folge auch Einnahmen von Google nützen, wenn andererseits immer weniger Leute ihre Zeitungen lesen?

  3. Pingback: Blogposting 12/17/2012 « Nur mein Standpunkt