Twitter auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit?

Dick Costolo von Twitter fotografiert auf Fortune Brainstorm TECH 2011 von Kevin Moloney

Twitter  hat Geschichte geschrieben und wird leider selbst bald Geschichte sein. Der zwanghafte Versuch, mit Werbung Geld zu verdienen hat dazu geführt, dass sich die ursprünglich sehr offene Plattform jetzt damit beginnt, sich immer weiter abzuschotten. Mehr Informationen samt Interpretation zur aktuellen Entwicklung von Twitter gibt es u. a. von Martin Weigert und Marcel Weiss.

Die interessante Frage ist dabei, ob der Weg den Twitter jetzt unter Dick Costolo beschreitet, der einzig mögliche ist. Tatsächlich hat sich die Plattform in der Vergangenheit in ein Dilemma begeben, das Michael Seemann so beschreibt:

„Diese Designentscheidung zur Offenheit in der Anfangsphase schuf ein Ökosystem für den Nutzer, das den Dienst selbst komplett in den Hintergrund treten ließ. Die Oberfläche, auf der ich meine Tweets lese, ist der Client, den ich mir aus einer großen Auswahl aussuche (Twitter ist ein sehr gutes Beispiel für das enorme Innovationspotential, dass ubiquitäre Plattformen entfalten können). Die Tweets, die ich lese, kommen von Leuten, die die Twitterwebsite nur noch aus der Erinnerung kennen. Twitter wurde zur reinen Infrastruktur, so wie das Internet selbst – TCP/IP – ein weiteres Protokoll zur Übertragung von bestimmten Daten – in diesem Fall Tweets. Lange stand die Frage im Raum: wie verdient man Geld mit sowas?“

Meines Erachtens hätte Twitter versuchen können, selbst in die Entwickler-Rolle zu schlüpfen um so auf der Plattform aufbauend Dienste zu realisieren, die sich dann vermarkten lassen. Doch welches Feld wäre da noch offen?

Gänzlich offen ist der Bereich der finanziellen Transaktionen. Twitter hätte eine Art Währung schaffen können („Twitter-Credits“), die den Zugang zu Paid Content regelt. Dabei hätten wir User Geld auf ein Konto bei Twitter übertragen, von dem aus dann die Abbuchungen für kostenpflichtige Seitenaufrufe organisiert werden. Anbieter, die ihren Content hinter einer Paywall halten, hätten so die Möglichkeit gehabt, über Tweets den Zugang dazu zu ermöglichen.

In der Praxis hätten dann die in Tweets enthaltenen Links nicht direkt zum verlinkten Artikel geführt, sondern zu einer dazwischen geschalteten Seite bei Twitter, die darüber informiert hätte, dass der Zugang zum gewählten Link kostenpflichtig ist. Zugleich wäre der geforderte Betrag angezeigt worden, verbunden mit der Frage, ob dieser vom Twitter-Konto abgebucht werden soll. Auf diesem Weg wäre ein System von Micro-Payments entstanden, das den Stellenwert von Twitter als singuläre Plattform gesichert und zugleich eine vermutlich sehr solide Einnahmequelle geschaffen hätte.

Leider hat sich Twitter für eine andere, wesentlich einfachere Lösung entschieden: Man will sich mittels Werbung finanzieren, was dazu führt, dass man die User möglichst auf die eigene Seite bzw. in eigene Clients führen muss. Das Prinzip der offenen Plattform wird dabei Schritt für Schritt aufgegeben. Das ist bedauerlich und wird über kurz oder lang dazu führen, dass Twitter bedeutungslos werden wird. Einen schönen Vergleich zieht Ben Brooks (The Brooks Review):

„We like to make analogies to Apple in tech blogging circles, so here goes: this is the moment in Twitter’s life where they kicked Steve Jobs out of the company and told Sculley to run it.“

Gut möglich ist, dass es noch eine ganze Weile dauern wird, bis sich die hier skizzierte Entwicklung von Twitter deutlich zeigen wird. Aber schon jetzt kann man feststellen, dass es bei Twitter praktisch keine neuen, innovativen Entwicklungen mehr gibt. Es geht, ähnlich übrigens wie bei Facebook, nur noch um die Werbung.

Das aber eröffnet anderen die Chance, mit neuen und originellen Ansätzen zu punkten. Dalton Caldwell etwa hätte es nicht besser treffen können: Er muss mit App.net jetzt nur noch etwas Solides auf die Beine stellen. Die Marschrichtung in die mediale Zukunft insgesamt ist klar, nachzulesen etwa bei Felix Schwenzel und Jeff Jarvis.

Foto: Fortune Live Media’s Photostream auf Flickr (CC BY-ND 2.0)

 

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. @gsohn: Danke für den Hinweis. Auf die Schnelle kann ich noch nicht sagen, woran es liegt. Auf Google+ kann ich jedenfalls munter mit diskutieren, nur die Verbindung von hier aus hängt irgendwie.

  2. Nunja, irgendwie ist diese Entwicklung vorhersehbar.

    Bei den vielen Millionen, welche in Twitter reingeflossen sind, muss irgendwann der Return kommen.

    Und Werbung ist eben das, was die Manager am einfachsten verstehen (siehe Facebook) – und was oft aber leider nicht reicht, um den Betrieb zu finanzieren.

    Paid content ist sowieso so ein eigenes Thema…