Fluch oder Segen? Monopole im Web

Monopoly by John-Morgan auf Flickr für Monopole im Web

Der Mensch ist ein Herdentier und kaum irgendwo sonst wird  es so deutlich wie im Web. Wenn wir dort etwas suchen, tun wir es überwiegend bei Google. Wenn wir Kontakte pflegen wollen, dann treffen wir uns auf Facebook. Einkäufe erledigen wir mit Amazon. Selbst bei der Hard- und Software, mittels derer wir unser digitales Dasein gestalten, kommt es zu Lagerbildungen: Bereitwillig lassen wir uns von „Walled Gardens“ vereinnahmen, insbesondere wenn diese mit einem Logo in Gestalt des angebissenen Apfels daher kommen. Dieser Herdentrieb fördert die Herausbildung monopolartiger oder zumindest monopolähnlicher Strukturen. Die Folge davon sind ungewollte Abhängigkeiten.

Dabei sollte das Web doch eigentlich das genaue Gegenteil herausbilden: Ein Netz aus vielen kleinen Knoten mit sehr viel Wettbewerb anstelle einiger weniger Anlaufstellen ohne großen Konkurrenzdruck. Lustig ist, dass prominente Vordenker wie Doc Searls genau daran immer noch glauben, wie ein Artikel auf Forbes gerade wieder zeigt. Ein Zitat daraus:

In short, he (Doc Searls) says, the tendency of the Internet toward openness will eventually pave the way to a “very rich and varied ecosystem,” rather than the current social media monocultures. “But it’ll never stop being chaotic, which is part of how a market works.”

Wenn wir also nur lange genug warten, wird sich die Vielfalt schon von selbst einstellen? Das kann auch nur ein Wissenschaftler hoffen. Gunnar Sohn dagegen sieht die Dinge ähnlich nüchtern wie ich. Er hat die Thematik unlängst gestreift und dabei seinem Ärger über die Monopole im Web Luft gemacht. Seine Forderung: Dem arroganten Treiben der Technologie-Konzerne müsse Einhalt geboten und das Recht auf digitale Existenz besser geschützt werden. Dem schließe ich mich ohne Umschweife an, auch wenn ich nicht glaube, dass sich an den derzeitigen Verhältnissen rasch etwas ändern wird.

Die Ursache für den problematischen Zustand im Web sehe ich einerseits bei den Verbrauchern und andererseits bei der Politik. Die Verbraucher handeln im Grunde genommen rational, denn sie machen es sich einfach: Anstatt sich eine Vielzahl verschiedenster digitaler Einkaufsstätten zu merken und dort überall einen Account samt Passwort anzulegen, kauft man tendenziell alles bei einer Adresse, nämlich bei Amazon. Will man Kontakte pflegen, tut man das am leichtesten dort, wo alle anderen schon versammelt sind, etwa bei Facebook. Wir haben es hier also mit der Bildung quasi-natürlicher Monopole zu tun.

Gefördert wird der Hang zur Monopolbildung dadurch, dass Dienste wie Googles Suchmaschine, Medien-Netzwerke wie Twitter oder Plattformen wie YouTube und die Wikipedia kostenlos sind. Das Monopol lässt sich scheinbar „ohne Reue“ nutzen, denn der gefährliche Nachteil überhöhter Preise scheint überwunden. Im Falle digitaler Bezahlinhalte wie Filme, E-Books oder Musik ist zudem vielen Verbrauchern nicht ganz klar, dass sie es hier nur selten mit universell gültigen Formaten zu tun haben und sie statt dessen auf subtile Art in goldene Käfige gelockt werden.

Das alles wäre nicht weiter schlimm, würde nur die Politik regulierend eingreifen und beispielsweise offene Standards (Dateiformate) für digitale Güter einfordern. So etwas aber kann nicht im nationalen Alleingang passieren und auch die EU stünde hier noch ziemlich auf verlorenem Posten. Im Prinzip müsste sich schon ein Kaliber wie die Welthandelsorganisation (WTO) der Sache annehmen.

Erschwerend kommt hinzu, dass die rein ökonomische Thematik der Monopolbildung im Web, die bei der WTO im Prinzip schon richtig angesiedelt wäre, von der Thematik des Datenschutzes und der Nutzungsbedingungen sozialer Netzwerke überlagert wird. Gunnar Sohn bringt hierfür die UNO ins Spiel. Ein schöner Gedanke, der aber beim derzeitigen Verhalten großer Nationen wie den USA oder China, die sich gerne strikt an den eigenen Interessen orientieren, wenig Hoffnung macht.

Im Ergebnis werden wir vermutlich noch einige Zeit mit gering regulierten Märkten neuen Typs leben müssen. Die Politik, die der ganzen Entwicklung hoffnungslos hinterher hinkt (und das übrigens nicht nur in Europa!), dürfte erst mit der nächsten Welle von Web-Diensten so richtig aufwachen, wenn etwa Konzepte wie Siri von Apple und Google Now zu zuverlässig funktionierenden Assistenz-Systemen heranreifen und, indem sie unser Leben auf Schritt und Tritt begleiten, jedes traditionelle Verständnis von Datenschutz und Persönlichkeitsrechten völlig obsolet werden lassen.

Denkbar ist aber auch, dass sich die Politik auf die Seite der großen Technologie-Konzerne schlagen wird, weil ihr der gläserne und damit leicht zu überwachende Bürger gerade recht kommt. In diesem Sinne sollten wir wachsam und politisch aktiv bleiben, damit weder Politik noch die Konzerne den Eindruck bekommen, sie hätten es mit einer Herde dummer Schafe zu tun.