Der Abmahnwahn und die Musikindustrie

flickr Matthew Good - Fredericton by seanmcgrath

Für gewöhnlich halte ich mich aus diesem Thema heraus. Denn Abmahnungen von Bloggern sind zwar ein wichtiges Thema, berühren aber praktisch immer mehr rechtliche als wirtschaftliche Aspekte.

Im aktuellen Fall aber lohnt es sich schon mal, die wirtschaftlichen Fragen näher zu beleuchten. Denn die Musikkonzerne Sony, Universal und Warner haben über eine Anwaltskanzlei eine Reihe von Blogs dafür abmahnen lassen, weil sie auf Seiten verlinkten, auf denen Mixtapes zum Download angeboten wurden.

Da diese Mixtapes auch Stücke enthalten, an deren Ausgangsmaterial alle Rechte bei den genannten Musikkonzernen liegen, sei schon der Link dorthin Rechte verletzend und Schaden verursachend. Will man dieser Logik folgen, müssten eigentlich auch alle Suchmaschinen abgemahnt werden, wovon mir aber nichts bekannt ist.

Rechtliche Würdigung

Aus rechtlicher Sicht haben Dr. Carsten Ulbricht (Web 2.0 & Recht) und Thomas Stadler (Internet-Law) zum Fall Stellung bezogen. Deren Sicht soll hier aber explizit nicht Gegenstand der Betrachtung sein.

BWL ganz grundsätzlich

Bei der Betriebswirtschaftslehre geht es letztlich immer um Geld. Jeder Kaufmann wägt danach ab, wie eine Handlung seiner selbst oder die eines Dritten auf seinen Umsatz wirkt. Dabei gibt es Einflüsse, die direkt auf den Umsatz wirken (es fehlt Geld in der Kasse) und solche, die indirekt wirken. Bei den indirekten Wirkungen geht es meist um den guten Ruf (das Image) oder Auflagen von Behörden (die uns hier aber nicht interessieren).

Wenn nun die oben genannten Musikkonzerne einen Schaden geltend machen, müssen sie entweder Einbussen beim Umsatz festgestellt haben oder in ihrem Image beeinträchtigt worden sein. Dabei ist dieser „Schaden“ offenbar allein schon dadurch eingetreten, dass jemand einem Link von bestimmten Blogs aus folgend, auf einer Seite angekommen ist, wo ein Mixtape zum Download angeboten wurde – gleichgültig, ob man sich die Datei dann heruntergeladen hat oder nicht.

Die Wirkung von Links im Internet

Es muss also so sein, dass allein schon ein Link einen Schaden verursachen kann. Bekanntlich ist das Internet voller Links und sehr viele Seiten hätte gern mehr Links, die auf sie verweisen, da diese meist Traffic bringen und damit potenziell auch Umsatz.

So klar diese Logik ist, so schwer ist es, sie zu messen. Kein Controller dieser Welt kann wirklich nachrechnen, wie umsatzfördernd Verlinkungen im Internet für ein Unternehmen letztendlich sind. Denn dazu müsste man die Trafficströme teilweise über mehrere Stationen hinweg verfolgen können und zudem berücksichtigen, dass nicht jedes Folgen eines Links unmittelbar auch zu einem (spontanen) Kauf führt. Ferner muss man berücksichtigen, dass Online-Empfehlungen samt ihrer Links auch zu Offline-Käufen (im klassischen Einzelhandel) führen können.

Wenn nun aber schon die positiven Wirkungen von Links auf die eigenen Seiten im Internet nur sehr schwer messbar sind, wie will man dann einen „Schaden“ berechnen können, der vollständig auf den Internetseiten Dritter stattfindet, zumal das „geschädigte“ Unternehmen dabei gar nicht erwähnt wird?

Dazu kommt, dass etliche dieser Mixtapes kostenlos erhältlich waren. Wo liegt hier der wirtschaftliche Schaden? Selbst wenn Stücke eines Mixtapes auf Material beruhen, dessen Rechte vollständig bei einem Musikkonzern liegen, kann sich dieser kaum darauf berufen, dass ihm hier Umsatz entgeht. Das finanzielle Budget der Hörer von kostenlosen Mixtapes wird jedenfalls nicht geschmälert. Denkbar ist deshalb auch, dass die Hörer von Musiktapes einzelne Titel so gut finden, dass sie dazu dann die Originale kaufen.

Umsatz

Die Wirkungen von Links im Internet auf den Umsatz eines Unternehmens sind also nur schwer messbar, ausgenommen bei reinen Online-Angeboten wie Amazon. Noch schwieriger wird es, wenn Links ein bestimmtes Unternehmen gar nicht direkt tangieren. Ein daraus resultierender Nutzen oder Schaden ist empirisch praktisch nicht mehr feststellbar.

Image

Lässt sich eine Wirkung auf den Umsatz nicht messen, bleibt allein die Frage nach einem möglichen Image-Schaden. Aber auch hier gilt: Die Konzerne sind im vorliegenden Fall gar nicht Gegenstand der Blogartikel und ihrer Links. Sie kommen allenfalls partiell und indirekt vor. Ihr Image dürfte davon also nur in homöopathischen Dosen tangiert sein und auch das nur positiv: Denn welcher DJ remixt schon schlechte Songs?

Betriebswirtschaftliches Fazit

Im Ergebnis lässt sich für mich weder ein Umsatz- noch ein Image-Schaden erkennen. Allenfalls ensteht den Konzernen ein Image-Schaden dadurch, dass sie so rigoros gegen Blogger vorgehen und dabei jegliche Sensibilität vermissen lassen.

Dass Juristen diese Dinge anders sehen, liegt auf der Hand: Nicht zuletzt leben sie ja davon! Doch egal: Auch einem Betriebswirt wie mir ist klar, dass etwa der alte Goethe darunter gelitten hat, dass Raubdrucke seiner Bücher kursierten. Ein Urheberrecht musste her und es ist gut, dass wir ein solches heute haben.

Allerdings kann ich mich bisweilen nicht des Eindrucks erwehren, dass sich in Sachen Internet und Urheberrecht die Dinge im Lauf der letzten Jahre ziemlich verselbständigt haben und oft genug von den Rechteinhabern gar nicht mehr darauf geschaut wird, ob ihnen wirklich ein (Umsatz-) Schaden entstanden ist. Denn wenn sie ehrlich wären, müssten sie oft genug feststellen, dass sich ein solcher gar nicht messen lässt.

Doch geht es noch mit „rechten“ Dingen zu, wenn die Betriebswirte nichts quantifizieren können, wo die Juristen munter Streitwerte festlegen?

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. „Doch geht es noch mit “rechten” Dingen zu, wenn die Betriebswirte nichts quantifizieren können, wo die Juristen munter Streitwerte festlegen?“

    Haha… Sehr gut!

  2. Die Bewertung erhält noch einen Tick mehr Absurdität, wenn man einbezieht, dass DJ Curse und seine Künstlerplattform ARR genau jene Mixtapes auch verlinkt und empfohlen haben.

  3. Sollte nicht eigentlich der Umstand, dass man sich im Impressum vorsichthalber ausdrücklich von jeglichen verlinkten Inhalten distanziert, vor Abmahnungen dieser Art schützen?

  4. @Ulrike: Schön wäre es! Die üblichen Floskeln (wie auch hier im Blog) schützen im Zweifel vor gar nichts, denn rechtlich wird im Einzelfall sehr genau unterschieden, wie und auf was man verlinkt.

    Eine Mithaftung wird z. B. dann angenommen, wenn man sich „solidarisch“ zeigt mit dem verlinkten Inhalt. Ein Musikblogger könnte etwa Probleme bekommen, wenn er ein Mixtape ausdrücklich lobt und dessen Download empfiehlt.

    Dass die Rechtsprechung damit auf dem besten Wege ist, jegliche Form von Besprechungen (Rezensionen) unmöglich zu machen, wurde bislang noch nicht auf breiter Ebene diskutiert – weil etwa Zeitungen (im Web) bislang auf ausgehende Links weitgehend verzichtet haben.

    Für mehr Infos zu diesem Thema empfehle ich den Blogartikel von Dr. Carsten Ulbricht (wie oben im Text verlinkt).

  5. Pingback: Hip Hop Culture-Radioshow since 1998 | Abmahnwelle gegen deutsche Hip Hop-Blogger

  6. 27. 9. 2009 um 10:01:50

    Hallo Matthias,

    vielen Dank für den hervorragenden Beitrag und die Darstellung des betriebswirtschaftlichen Blicks auf die Abmahnungen. Solche wirtschaftlichen Hintergründe sollten tatsächlich auch im rechtlichen Bereich öfters mehr Beachtung finden.

    Zur Quantifizierung des Schadens vielleicht noch einen Hinweis, wie die Juristen diesen in solchen urheberrechtlichen Fallen berechenen.

    Es gibt grundsätzlich drei verschiedene Möglichkeiten den Schadenersatz der Höhe nach zu bestimmen, aus denen der Geschädigte grundsätzlich frei wählen kann.

    Am häufigsten wird die Methode der sogenannten Lizenzanalogie herangezogen, also was wäre der marktübliche Preis für eine entsprechende Nutzungslizenz gewesen. Dabei kann man sich z.B. an den GEMA Gebühren oder ähnlichem orientieren. Während sich der Wert für ein Downloadangebot noch gut quantifizieren lässt, ist das für einen reinen Link ein bißchen schwieriger. Dennoch kann diese Methode der Lizenzanalogie ganz gut als Maßstab herangezogen werden.

    Die konkrete Höhe des Schadenersatzes hängt dann auch von der Dauer der urheberrechtswidrigen Nutzung ab. Der marktübliche Preis einer Nutzungslizenz pro Monat ist also z.B. bei der Nutzung für ein Jahr mit 12 zu multiplizieren.

    Diese Art der Schadensberechnung wird nicht nur bei Urheberrechts-, sondern auch bei Markenrechts- oder Wettbewerbsrechtsverletzungen herangezogen.

    PS. Zur Komplettierung: Als weitere Ansätze werden der entgangene Gewinn angesetzt oder eben die Herausgabe des Verletzergewinns. Dies sind aber oft schwer zu berechnen bzw zu beweisen.

  7. @Carsten: Die Analogie mit den Nutzungslizenzen (GEMA) ist verständlich und nachvollziehbar – auf der Ebene der Mixtapes selber (und ihren Websites, auf denen sie zum Download angeboten werden).

    Bei einer reinen Verlinkung auf eine solche Seite aber scheint mir das doch sehr an den Haaren herbeigezogen. Das verlinkende Blog nämlich kann kaum wissen, ob für ein empfohlenes Mixtape Lizenzgebühren anfallen – und falls ja, ob der DJ diese entrichtet hat oder nicht. Der Blogger kann dies selbst auch kaum nachprüfen, er müsste gerade den DJ fragen und sich auf dessen Aussage verlassen.

    So etwas entspricht aber nicht der Natur eines Blogartikels: Er empfiehlt Musik, ähnlich wie dies eine Rezension in einer Zeitung auch tut. Eine Zeitung trägt aber niemals eine Mithaftung für die von ihr beschriebenen Sachverhalte bzw. Gegenstände. Sie haftet nur für die Richtigkeit ihrer eigenen Darstellung (Behauptungen im Text, Bildrechte…).

    Ein Restaurantkritiker haftet ja auch nicht für die hygienischen Zustände einer Küche! Wenn ihm ein Essen schmeckt, wird er das Lokal in seiner Besprechung empfehlen. Wird später festgestellt, dass dort in der Küche die Hygienevorschriften nicht eingehalten werden, wird der Kritiker dafür nicht in Mithaftung bzw. Regress genommen. Beim Blog und seinem Link soll das aber anders sein?