Schneller Bloggen: WordPress P2 und Posterous im Real-Time-Web

WordPress P2 Screenshot

Außer Spesen nichts gewesen? Mit mehr Aufwand als üblich hat WordPress im Frühjahr 2009 stolz das Theme „P2“ vorgestellt und damit die Trendwelle des schnelleren Bloggens doch verpasst. Die Musik spielt aktuell nämlich auf Posterous und wer es noch einfacher mag, geht gleich zu Twitter. Von P2 ist nicht mehr viel die Rede. Warum eigentlich?

Als Ende der 1990er Jahre, also praktisch noch zu den Pionierzeiten des Web, die ersten Blogs aufkamen, war eine Blog-Software noch revolutionär. Denn mit ihr wurde das Publizieren im Web enorm erleichtert. In der Folge wurde vor allen die private Homepage schnell vom Trend zum Blog abgelöst.

Heute dagegen wirken Blogs lange nicht mehr so leicht und einfach, wie sie das noch vor 10 Jahren waren. Denn obschon sich an ihrem Prinzip nichts geändert hat, haben Dienste wie Twitter oder Posterous die Hürde für den Einstieg in das Publizieren im Web nochmals herabgesetzt und machen dem klassischen Blog damit Konkurrenz. Dazu kommt, dass der Mythos, jeder könne mit einem Blog schnell bekannt, reich und glücklich werden, als solcher längst entlarvt wurde: Bloggen ist ein mühsames Geschäft, das Talent, Ausdauer und viel Zeit erfordert.

Vor diesem Hintergrund ist WordPress etwas in die Defensive geraten. Denn so gut und ausgereift diese Software auch ist, das Bloggen gilt nicht mehr als der letzte Schrei und wird zunehmend zur Sache von Profis. Es musste also etwas Neues her, um an die aktuellen Trends anknüpfen zu können und als Marke im Gespräch zu bleiben. Das Problem dabei ist nur, dass WordPress offensichtlich nicht mehr einfach so „out of the box“ denken kann, sondern alles Neue vor dem Hintergrund seiner Produktpalette entwirft.

So ist P2 zwar eine nette Symbiose zwischen Twitter und Blog geworden, fällt damit aber zwischen alle Stühle. Denn wo Twitter als Netzwerk funktioniert, ist P2 eben nur ein Blog, d. h. eine Insel im weiten Meer. Auf der anderen Seite kann P2 aber auch nicht als Blog überzeugen, denn für längere Postings ist dieses Theme nicht geeignet (siehe etwa hier, wo der Leser sehr schnell den Überblick verliert).

Diese Lücke aber füllt gerade Posterous perfekt aus: Dort hat man erkannt, dass zwischen die Nachrichten im Stil von 140 Zeichen (wie auf Twitter) und den richtigen Blogs noch eine Marktlücke klafft. Das perfekte Produkt dafür muss einerseits so leicht einzurichten sein wie ein Twitter-Account (was Posterous perfekt gelingt), andererseits aber das Publizieren beliebig langer (bzw. kurzer) Artikel erlauben. Schließlich sollte es noch Schnittstellen zu den gängigen Social Networks bieten, so dass auch die Freunde auf Facebook automatisch mitbekommen, wenn man gerade einen neuen Artikel publiziert hat. Auch das erfüllt Posterous mustergültig. Ansonsten aber kommt das Produkt so schlicht daher wie ein Ford T-Modell, individualisieren kann man es praktisch nicht.

alexa posterous 6 months mar-aug 2009

Aktuell hat Posterous damit einen sehr guten Lauf und die Frage ist natürlich, ob das so bleiben wird. Noch sind es überwiegend Geeks und Early Adopters, die diesen Dienst nutzen, oft genug noch parallel zu ihrem (normalen) Blog. Zudem darf man nicht übersehen, dass Posterous Wettbewerber hat, die Ähnliches bieten: NotePub, Soup, Tumblr und Viewbook gehören dazu.

Alle gemeinsam haben aber (zusammen mit WordPress) das Problem, dass sie gegenüber einem Dienst wie Twitter nicht „fluid“ genug sind. Das bedeutet, dass ein Großteil der Konversation eben auf Twitter stattfindet, während auf alle anderen Medien nur noch per Link verwiesen wird. Neben Twitter könnte sich auch Facebook zu einer Art Konversations-Plattform entwickeln, bei der der Livestream an Neuigkeiten im Aufmerksamkeitsfokus der User steht und andere Medien überwiegend nur noch temporär aufgesucht werden, wenn Links auf sie verweisen bzw. die Inhalte sich nicht direkt in den Stream auf Facebook einbinden lassen.

Dass die Entwicklung auf der Ebene dieser Streams noch nicht abgeschlossen ist, zeigt der Aufkauf von FriendFeed durch Facebook. Facebook hat sich damit nicht Reichweite, sondern vor allem Know-How auf dem Gebiet der Realtime-Konversation eingekauft. Nur 10 Tage später hat Twitter bekannt gegeben, dass man alle Tweets lokalisierbar machen würde und seinem Dienst damit eine zusätzliche Nutzenebene geschaffen, deren Wirkung sich erst in den nächsten Jahren richtig entfalten wird. Hier tobt ein richtiger Kampf um die technologische Führerschaft im Markt und damit auch um die Attraktivität bei den Usern.

Vor diesem Hintergrund wirken WordPress und Posterous vor allem eins: Sehr statisch. Sie haben zweifellos ihren Platz im Internet, müssen aber aufpassen, dass ihnen nicht innovativere Dienste eines Tages das Wasser abgraben. Man muss dazu nur an Google Wave denken, wo jedes einzelne Element einer Konversation kurz wie ein Tweet, aber auch lang wie ein Blogartikel sein kann. Dazu wird Google Wave die Real-Time-Erfahrung auf eine neue Ebene führen (wenn sie denn in großem Maßstab auch funktioniert).

Offen ist zudem, ob in der Kommunikation der Zukunft der von einer einzelnen Person erstellte Artikel noch die gleiche Rolle spielen wird wie heute. Blogs übertragen im Prinzip ja nur die Kategorie des Artikels aus dem Printmodus ins Internet. Sie tun dies, weil wir gelernt haben, in Artikeln (als Kategorie) zu denken. Das Internet schafft aber völlig neue Kategorien für die Darstellung bzw. Vermittlung von Wissen, wie sie mittels Print gar nicht möglich gewesen wären. Die Wikipedia mit ihrem permanent und (mehr oder weniger) anonym aktualisierten Artikeln ist ein Beispiel dafür. Auch Twitter ist eine Form von Kommunikation, die es früher nicht einmal ansatzweise geben konnte.

Schaue ich deshalb auf die vielen neuen Posterous-Blogs und deren Inhalte, beschleicht mich oft das Gefühl, dass dies nicht die Kommunikation der Zukuft ist, sondern allenfalls ein Übergangsritus. Denn hier wird zu viel Content an zu vielen Stellen mehrfach und damit redundant reproduziert. Dafür wird es künftig andere Lösungen geben, da bin ich mir ganz sicher. Posterous und WordPress werden aber zumindest noch solange eine Zukunft haben, wie wir Menschen uns gerne selbst als kleine „Medienhäuser“ benehmen und unsere „Publikationen“ damit führen.

Matt Mullenweg mag dies beruhigen: Denn die Selbstdarstellung war zu allen Zeiten für den Menschen sehr wichtig und WordPress könnte so, allem Fortschritt zum Trotz, noch eine lange Blütezeit bevorstehen. Er sollte sich aber dennoch vorsehen. Denn die Wikipedia, Facebook, Twitter und Google Wave weisen in eine etwas andere Richtung…

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Dass posterous sich auf Basisfunktionalität beschränkt und dadurch bspw. auch nicht indivdualisieren lässt, sehe ich nicht als Schwäche, sondern als Stärke: Reduzierung auf das Wesentliche. Kein Plugin-Gefrickel, keine Spam-Probleme und eben auch keine Template-Basteleien. Ich werde gar nicht in Versuchung geführt, meine begrenzte Zeit etwas anderem zu widmen als den Inhalten. Einfach so, ganz privat, ohne Erfolgsdruck, inhaltliche Kompromisse und ständige Kosten-Nutzen-Rechnung.

    Wer ein Blog als beruflich relevantes Schaufenster nutzen will oder die Top-100 anpeilt, der muss natürlich höheren Aufwand betreiben und optisch wie funktional mehr bieten. Aber den meisten Bloggern geht es wohl eher um die Befriedigung des persönlichen Mitteilungsbedürfnisses. Und dazu ist ein Service wie posterous m. E. ideal.

    Insofern sehe ich keineswegs Geeks und Early Adopter als Hauptzielgruppe von posterous & Co., sondern im Gegenteil Leute, die durchaus was zu sagen, mit Technik aber wenig am Hut haben. Und die nicht „fluid“ sein wollen, geschweige denn: müssen.

  2. @recipient: Die Konzentration auf das Wesentliche ist sicher eine Stärke von Posterous, denn sonst könnte man auch ein (kostenloses) Blog auf wordpress.com einrichten (also auf der von WordPress geführten Plattform).

    Bei Posterous sehe ich bislang, dass eben erstaunlich viele Geeks darauf angesprungen sind, obwohl sie seit langem schon eigene Blogs führen. Ob das so intendiert war, kann ich nicht sagen. Zumindest schafft es viel Aufmerksamkeit, wenn Kapazitäten wie Steve Rubel oder Robert Scoble Posterous nutzen.

  3. Pingback: Netzspuren — bluelectric.org

  4. Eine Nachbemerkung: Meine kritischen Äußerungen im vorletzten Abschnitt des Artikel beziehen sich nicht auf Autoren, die ganz neu ein Blog auf Posterous starten (und damit erstmals bloggen), sondern auf die vielen alten Hasen, die seit Jahren schon ein Blog führen und jetzt auf Posterous eine Art „Zweitblog“ gestartet haben. Die Formulierung hinsichtlich dieser beiden unterschiedlichen Gruppen war nicht differenziert genug, ich bitte dies zu entschuldigen.

  5. Ich finde, zwischen den Blogs auf Posterous, Soup, etc. und den „normalen“ Blogs (z.B. WP) bestehen einige Unterschiede. So wie die von Dir erwähnten Steve Rubel und Robert Scoble nutzen viele andere auch diese Form der Microblogs: kurze Mitteilungen, Videos, Fotos, dafür wenig Verlinkungen und keine Blogroll. Das heißt, hier haben wir es eher mit einem Kanal zu tun, über den sich einzelne Personen äußern können. Vernetzung oder Diskurs stehen hier nicht im Vordergrund, im Unterschied zu den „normalen“ Blogs, die eigentlich davon leben, dass sie in die Blogophäre eingebunden sind.

    Während Steve Rubel oder Robert Scoble andere Kanäle für den Dialog nutzen (z.B. FriendFeed), kommuniziert eine immer größere Zahl von Usern ausschließlich über Posterous & Co und glaubt dabei, sie wären schon mitten drinnen im Social Web.

    Bei vielen funktioniert das dann aber nicht, weil sie einfach weiter vor sich hinschreiben wie bisher. Nur das CMS ist ein anderes und ordnet die Beiträge chronologisch. Und ab und zu sind Videos oder Fotos dabei. Davon, dass jemand mit seinen Kunden auf Augenhöhe kommuniziert ist aber recht wenig zu sehen. Und auch sonst ändert sich nichts. Man schreibt vor sich hin und ist frustriert, dass niemand darauf reagiert. Um dann zu dem Schluss zu kommen: ich hab doch eh gewusst, dass Social Media ein Unsinn ist.

  6. Nunja, es #funzt einfach irgendwie ganz geschmeidig und schmissig. – Ich bin noch urst vepennt, kann aber ein Bild von der ersten #tasskaff des Tages machen und mir sicher sein, dass es prompt auf der Wandzeitung landet. Mail vom #g2 reicht. =)

  7. @Christian: Genau! Nur weil man auf Posterous schreibt (und nicht auf WordPress) hat man noch nicht automatisch ein großes Publikum.

    @Moellus: Ich schau auch immer wieder gern bei Dir rein – allerdings praktisch immer über Deine Links auf Twitter. Also nicht aufhören zu twittern… 😉

  8. Pingback: Was ist denn hier los?