Die Zukunft der Bücher, wie sie heute schon Realität sein könnte: E-Books

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Goethe und Schiller würden heute E-Books lesen, daran kann es gar keinen Zweifel geben. Zudem würden sie natürlich dafür sorgen, dass ihre eigenen Werke auch als E-Books erscheinen, vielleicht sogar bevorzugt vor den gedruckten Ausgaben. Damit könnte der Buchmarkt ganz anders aussehen, nämlich so:

  1. Alle Bücher erscheinen grundsätzlich zunächst als E-Book. Preislich liegen sie um 40 % bis 80 % unter dem für gedruckte Bücher bekannten Niveau. Die Verlage vertreiben sie direkt über ihre eigene Webseiten, als Pdf-Dateien zum Download.
  2. Der Markt für gedruckte Bücher verändert sich dadurch massiv: Kleinauflagen gibt es gar nicht mehr, sie werden durch Print-on-Demand ersetzt (was die Verlage ebenfalls in Eigenregie betreiben). Auflagen in traditioneller Form gibt es nur noch für populäre Titel. Diese werden weiterhin über den stationären Buchhandel und andere Formen des Einzelhandels verkauft.
  3. Das gedruckte Buch bekommt einen völlig neuen Charakter, insbesondere durch die Möglichkeit der Personalisierung. Print-on-Demand macht es möglich, dass ein Titel viele Gesichter annehmen kann: Es kann ein einfaches Taschenbuch auf Umweltpapier sein, aber auch eine gebundene Ausgabe auf hochwertigem, alterungsbeständigem Papier und einem aufwendigen Cover. Die Erscheinungsform eines Buches legt damit nicht mehr der Verlag fest, sondern die Kunden entscheiden individuell für sich.
  4. Auch E-Books gibt es in vielen Formen und Arten. Die einfachste Form ist immer der reine Text, zusammen mit einem Inhaltsverzeichnis und einem Register. Gegen Preisaufschläge gibt es Illustrationen, ergänzende Materialien als Multimedia-Inhalte (Videos, Podcasts, interaktive Grafiken) sowie Links auf weiterführende Literatur (teilweise auch in exklusvive Datenbanken, die sonst nicht frei zugänglich sind) oder Portale, wo über Bücher, Autoren und Themen diskutiert werden kann.
  5. Google Books ist in diesem Kontext kein gefürchtetes Monopol mehr, sondern eher ein zahnloser Tiger. Denn die Verlage halten längst eigene Archive bereit (und kooperieren dabei untereinander). Wer neue E-Book-Titel kauft, erhält damit auch ein zeitlich begrenztes Recht, diese Archive zu nutzen und Titel online zu lesen. Nach und nach werden vergriffene Titel auch wieder käuflich gemacht (als E-Book und Print-on-Demand).

Alles nur ein Traum? Für den Leser jedenfalls kann und wird das Zeitalter der digitalen Bücher bessere Verhältnisse als heute schaffen. Der Zugang zu Büchern bzw. überwiegend textbasiertem Wissen wird einfacher und billiger, zugleich steigen die Variantenvielfalt und die Personalisierbarkeit. Auch bleibt niemand mehr mit seinem Buch allein: Wer Fragen hat oder mit anderen den Inhalt diskutieren will, wird dies in Blogs, Foren oder 3D-Räumen tun können.

Der einzige Hemmschuh dazu sind die Verlage. Denn sie fangen erst langsam an, in digitalen Kategorien zu denken. Dazu passt der seltsame Widerstand gegen die (Buch-) Initiative von Google, der man nicht entschlossen genug eigene, attraktive Projekte entgegensetzt.

Eine harte Nuss in diesem Zusammenhang ist natürlich die Gefahr der (Raub-) Kopien. Digitale Bücher, zumal im Pdf-Format, lassen sich natürlich leicht weitergeben. Aber anstatt hier den Teufel an die Wand zu malen, sollten Verlage lieber kreativ werden und Anreize für den Kauf schaffen und dazu auch neue Erlösmodelle andenken.

Das folgende Video zeigt den Musik-Streaming-Dienst Rhapsody bzw. dessen Applikation für das iPhone (Rhapsody basiert auf einem Abo-Modell). Wo sind vergleichbare Ansätze aus der Welt der Bücher?

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Der Artikel spricht mir aus der Seele! Ich würde sogar soweit gehen, dass zumindest bei einigen Buchformen auch der Content individualisiert werden sollte.
    Allerdings würde ich ein paar Dinge zu bedenken geben:
    1. PoD ist nach wie vor in der Herstellung extrem teuer. Das lohnt sich nur bei Kleinauflagen. Außerdem lange Lieferzeiten (Herstellung)…
    2. Gerade bei Kleinauflagen könnte jedoch der entsprechend kleine Markt durch PDFs, Raubkopien etc. schnell abgedeckt sein.
    3. Bei Buchhandelsrabatten von 30-40% ist mir auch nicht klar, warum die Verlage nicht an eigenen Lösungen wie z.B. ein Direktorder-System arbeiten. Allerdings spielt der Buchhandel bei vielen der 80.-100.000 Titel ohnehin nicht die dominante Rolle.
    4. Grundsätzlich kann man allerdings nicht allen Verlagen vorwerfen, dass sie die Digitalisierung verschlafen, einige generieren mit Digi-Produkten schon ihr Hauptgeschäft und sind auch mit ihrer Zielgruppe digital gut vernetzt.

    Bin gespannt auf die Diskussion, die sich hier entwickelt…
    LG
    Trendschau

  2. @Sebastian: Interessante Anmerkungen! Tatsächlich kenne ich die Kostenstruktur von Print on Demand (PoD) nicht genau, vermute aber, dass sich entsprechende Maschinen schon rechnen werden, wenn ihre Auslastung einigermaßen sichergestellt ist.

  3. Hi Matthias, soweit ich es aus alten Verlagszeiten kenne: die Einstiegskosten für klassische Druckverfahren sind relativ hoch, wachsen dann jedoch nicht proportional. D.h. die Kosten fallen bei einer 500-Auflage schon ins Gewicht, bei 5.000 aber schon deutlich weniger (auf’s Exemplar umgerechnet). Daher sind hohe Auflage zu niedrigen Preisen möglich. Das ist bei PoD nicht der Fall, denn das Verhältnis von Herstellungskosten pro Exemplar bleibt immer gleich. Bei Kleinauflagen ist das egal, bzw. verkehrt sich natürlich ins Gegenteil um, zumal keine Vorfinanzierung, keine Lagerkosten etc. Zudem kann man bei Nischenangeboten ohnehin Dank geringer Konkurrenz die Preise etwas freier gestalten. Aber du meintest ja auch, dass Verlage den PoD-Druck einfach selbst übernehmen, da hört meine Rechenkunst dann auf 🙂

  4. Ein Problem ist sicher auch, dass wir die Zukunft zu sehr vom heutigen Buchbegriff her denken. Hier hatte ich mir bei UPLOAD mal skizzenhaft Gedanken gemacht, was Bücher egtl. sind: Was sind Bücher in einer digitalen Welt? Bemerkenswert finde ich den Kommentar von Jan. Insgesamt ein spannendes Thema. Ein Grund, warum sich in der Branche (zu) wenig tut, ist sicher auch, dass der Druck nicht so früh so hoch war wie in den Bereichen Musik und Film. Zudem könnte negativ Einfluss nehmen, dass die wirklich guten Leute in andere Branchen streben: Verlagsbranche in UK: Digital-Kompetenz ist zu gering

  5. @Sebastian: Den „Buchdruck für Jedermann“ (heise online) gibt es ja schon, allerdings liegen die Preise für einzelne Bücher tendenziell noch etwas über den im Buchhandel üblichen Preisen. Hier müsste erst eine höhere Nachfrage einsetzen, so dass die Maschinen besser ausgelastet werden und die Preise weiter fallen könnten. Für den Bereich der (wisschenschaftlichen) Fachbücher könnte sich PoD aber schon lohnen und den Käufern günstigere Preise ermöglichen.

    @Leander: Du hast Recht, auf die Medienkonvergenz bin ich hier nicht explizit eingegangen. Zudem dürfte stimmen, dass technikaffine Menschen eher in andere Branchen gehen und die Buchbranche vielleicht eher mit Leuten vom Schlage des Spitzweg’schen Bücherwurms durchsetzt ist… 😉

  6. Pingback: »Lesenswertig« am 26. August | Denkwertig, der persönliche Blog von René Fischer

  7. @Matthias: Genau, siehe auch BoD, Lulu, Tredition etc. – und auch die meisten Großverlage nutzen inzwischen PoD-Verfahren zumindest für Backlisten. Trotzdem – siehe Heise – sind bei Digi-Druck die „Stückkosten noch höher als bei Großauflagen“ (per Offset). Aber Digi passt schon in die neue Bücherwelt und ich teile deine Gedanken da absolut.
    +@Leander: Den Eindruck mit der Kompetenz in den Branchen hab ich irgendwie auch. Ich glaube zwar, dass die IT-Abteilungen aufgerüstet wurden, aber die Kompetenz gehört m.E. ja vor allem auch ins Programm-Management … Kann mir da aber wegen geringer Insights keine Meinung zu bilden …

  8. Mal ganz unabhängig von PoD, ich denke Bücher bekommen in Zukunft eine zusätzliche Aufgabe – sie dienen als Vermittler zwischen Gleichgesinnten, schaffen soziale Netzwerke, ermöglichen eine zielgerichtete Kommunikation und Dialog – und das in dem Moment wo ich sie in die Hand nehme. Habe dazu mal einen Beitrag geschrieben http://www.wissensgarten.com/wordpress/?p=1777

  9. Sehr guter Artikel! Das Preisproblem, das es mit PoD noch gibt wurde ja schon durchkommentiert, eine Möglichkeit könnte aber sein Bücher zusätzlich in Kleinauflage in einer Luxusedition rauszubringen – exklusiv, rar und nicht kopierbar. Siehe NIN und ihr Luxusalbum.